Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 28 Der Israelit 12. Juli 1934 Spanien. Zur Lage der Juden in Spanien. Madrid, 6. Juli. (Aus einem Privatbriefe.} Ueber das jüdische Leben in Spanien kann leider in keiner Hinsicht etwas Erfreuliches mitgeteilt werden. — Auch abgesehen von der geschäftlichen Tätigkeit, ist das Leben in Spanien für fromme Juden wenig angenehm. Es leben in Madrid nur noch 3—4 sabbathaltende Juden, alle anderen erinnern sich kaum daran, daß es wohl so etwas wie Jomkippur gibt. Minjan wird in einer kleinen Betstube am Freitagabend und Schabbathmorgen abgehalten, leider in einer wenig schönen Form, was auf die Gegensätze zwischen Sefardim und Ostjuden zurückzuführen ist. Koscher essen kann man natürlich nicht, auch sonst gibt es keinerlei jüdische Institutionen. Etwas besser ist es in Barcelona, wo jetzt die Ansätze eines jüdischen Unterrichtes vorhanden sind. Deutsche Auswanderer sind so gut wie gar nicht nach Spanien gekommen. Die in Barcelona und zum kleinen Teile auch in Madrid ansässigen Juden stammen aus Polen. Leider befinden sich unter den Eingewanderten auch einige unlautere Elemente, gegen die sich die, ganz wenigen alteingesessenen Juden nicht mit Unrecht hermetisch abschließen. Sonst ist über das (leider nicht existierende) jüdische Leben in Spanien nichts zu sagen. Eine andere Sache wird aber vielleicht noch interessieren: Auf Grund der Initiative eines prominenten Juden und mit Unterstützung der Regierung wird jetzt in Cordoba mit den Vorbereitungen zur Feier des 800-jährigen Geburtstages von Maimonides begonnen, die im Jahre 1935 stattfinden soll. In Barcelona wird im gleichen Jahre das 700jährige Jubiläum von Rabbi Schelomoh ben Adereth (Raschba) gefeiert. England. Die Londoner Weltkonferenz des religiös-liberalen Judentums. London, 10. Juli. Am Montag", den 9. Juli, wurde in London die Konferenz des Internationalen religiösliberalen Judentums eröffnet. Die Beratung, so betonte der Vorsitzende, Claude Montefiore, in seiner Eröffnungsrede, wolle sich auf rein religiöse Dinge beziehen und von politischen Fragen fernhalten. Nach Begrüßungsansprachen fand im Anschluß an ein Referat Dr. W o 1 f f s , Dresden, eine Aussprache über Judentum und Bestimmung des Menschengeschlechtes statt. Man sprach auch über die kosmische Bedeutung der jüdischen G'ttesidee wie über die B e- Stimmung Israels als Religionsgemeinschaft. Man legte wohl ein Bekenntnis zur „historischen Situation", zum „geistigen Sinn des Judentums" ab. Man kam aber über allgemeine Redensarten hinaus auf die Konsequenzen dieser Erkenntnisse und Bekenntnisse für das tägliche Leben kaum zu sprechen. Palästina. Tel Awiw wird Bahnknotenpunkt. Jerusalem, 6. Juli. Die Palästinaregierung hat beschlossen, eine Bahnverbindung zwischen Tel Awiw und dem Hafen von Haifa zu schaffen. Für diesen Zwcek wurden 122.000 Pfund aus den Mitteln der Palästina-Anleihe bestimmt. Gleichzeitig wird der wichtige Knotenpunkt der Bahnlinien El Kantara-Haifa und Jaffa-Jerusalem aus Ludd nach Tel Awiw verlegt. Im März 1925 hatte der damalige High Commissiöner von Palästina, Sir Herbert Samuel, eine Kommission eingesetzt, die die Zweckmäßigkeit einer etwaigen Verlegung des Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel Awiw untersuchen sollte. Die Kommission bestand aus den Leitern der Regierungs-Departements, den Bürgermeistern von Jaffa und Tel Awiw und den Vorsitzenden der jüdischen und der arabischen Handelskammer von Jaffa und der Handelskammer von Tel Awiw. Im September 1925 wurde angekündigt, daß eine neue Bahnlinie von Kalkjlien nach Tel Awiw gebaut werden soll, wodurch Tel Awiw zum Hauptknotenpunkt der palästinensischen Bahnen unter Ausschaltung der gegenwärtigen Linienkreuzung in dem 10 Meilen von Tel Awiw entfernten Ludd gemacht werden würde. Die neue Linie werde die Bahnverbindung zwischen Jaffa und Haifa wesentlich verkürzen und eine bessere Verbindung der Kolonien in Judäa mit Tel Awiw verbinden. Die Woche- Berlin. Auf einen Einspruch der „Deutschen Zeitung" wurde die Aufführung des Films „Der träumende Mund" mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle vom Programm abgesetzt. Die Beschwerde richtet sich generell gegen Aufführung von Filmen mit jüdischen Darstellern. Hamburg. Auf dem alten Friedhof der jüdischen Gemeinde wurden in dieser Woche wiederum mehrere Grabdenkmäler geschändet und beschädigt. Es sind im Ganzen 96 Grabdenkmäler, die zum Teil umgestürzt, zum Teil zertrümmert sind. Eine Belohnung für die Ergreifung der Täter ist ausgesetzt und die Polizei betreibt ihre Fahndungen mit voller Energie. Danzig. Einem Bericht des Danziger „Vorpostens" zufolge, erklärte der Senator für Kultus und Erziehung des Freistaates Danzig vor der Lehrerschaft des Kreises Werder u. a.: „Das Alte Testament, die Geschichte des jüdischen Volkes, hat aus dem Unterricht möglichst weitgehend zu verschwinden. Wir haben als nationalsozialistische Lehrer keine Zeit dazu. Wer die Schw ... . aus dem Alten Testament kennt, wird ohnedies genug davon haben. Wir wollen saubere Lehrbücher." Genf. Das Internationale Arbeitsamt veröffentlicht eine Statistik über Arbeit und Arbeitslosigkeit, in der Palästina an erster Stelle unter den Ländern steht, bei denen das Sinken der Arbeitslosenziffer gegenüber 1933 in hohem Maße festzustellen ist. Wien. Der Rücktritt des berühmten Professor Dr. Knöpfelmacher von der Leitung des städtischen Kinderspitals, der mit Altersrücksichten begründet wurde, soll, wie nunmehr bekannt wird, mit der antisemitischen Tendenz zusammenhängen, die sich im neuen städtischen Gesundheitsamt bemerkbar macht. London. Das Ermächtigungsgesetz für die Palästinaanleihe wurde am 3. Juli vom Oberhaus auch in dritter Lesung angenommen. Damit ist der Entwurf, vorbehaltlich der Sanktion durch den König, die nur Formalität ist, zum Gesetz geworden. Jerusalem. Für die 15 Araber, die wegen Beteiligung an den Jaffaer Unruhen im November zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt wurden, wurde Bewährungsfrist genehmigt, nachdem sie eine Erklärung unterschrieben haben, daß sie sich für drei Jahre von jeder Demonstration fernhalten wollten. Nur einer, der Scheich Abdul Kader, zog es vor, lieber für sechs Monate ins Gefängnis zu gehen, als eine solche Erklärung abzugeben. — Wegen scharfer Kritik an der Verhandlung und dem Urteil im Arlosoroff - Prozeß wurde gegen die Zeitungen „Doar Hajom", „Hajarden" und „Iton Mejuchad" ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Der Umfang der arabischen Arbeit in den jüdischen Kolonien. — 3000 syrische Arbeiter in Palästina auf Arbeit. Jerusalem, 8. Juli. In einer von dem Verband jüdischer Arbeiter „Histadruth" veranstalteten Pressekonferenz gaben die Führer der „Histadruth" offizielle Zahlen über den Umfang der Beschäftigung arabischer und jüdischer Arbeiter in den jüdischen Plantagen bekannt. Auf 70.000 Dunam jüdischen Bodens werden nur Araber und kein einziger Jude beschäftigt. Auf 40.000 Dunam weiteren jüdischen Bodens arbeiten Juden und Araber gemeinsam, hier sind aber bloß etwa 1000 jüdische Arbeiter beschäftigt. Nur auf 40.000 Dunam jüdischen Bodens sind ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigt. Die arabischen Arbeiter überschwemmen allmählich auch die Städte. Sogar in Tel Awiw sind jetzt mehr als 1500 Araber bei Bauarbeiten beschäftigt. In Haifa arbeiten 500 Araber in jüdischen Betrieben. Bei jüdischen Bauten in Jerusalem sind mehr als 1000 Araber beschäftigt. Petach Tikwah beschäftigt mindestens 2000 Araber, in der Orangensaison sogar 3500. Bei den öffentlichen Arbeiten der Regierung, für die hunderttausende Pfund der jüdischen Steuerzahler verwendet werden, gibt es heute unter mehreren 1000 arabischen Arbitern im ganzen 30 Juden. Laut Meldungen der syrischen Presse wächst die Wanderung syrisch-arabischer Arbeiter nach Palästina täglich, heute arbeiten etwa 3000 syrische Arbeiter in Palästina. Ausbau der Thermen von Tiberias. Jerusalem, 8. Juli. Die „Tiberias Hot Springs Co. Ltd." ist im Begriff, die letzten Vorbereitungen für die Neufassung der altberühmten Thermen von Tiberias und zur vollständigen Modernisierung des ganzen Bades zu treffen. Nachdem der bekannte Mineralquellenfachmann Oberingenieur Scherrer aus Ems, zum zweiten Male die Quellen besichtigt hat, werden zur Zeit von dem früheren Landecker Balneologen Dr. Lachmann, der jetzt als Direktor für den gesamten Ausbau des Bades engagiert ist, regelmäßige Messungen und Beobachtungen als Unterlage für die eigentlichen Fassungsarbeiten ausgeführt. Diese werden in einigen Wochen beginnen, und ihnen wird dann sofort der Bau eines modernen. Badehauses, eines Inhalatoriums und einer Trinkhalle folgen. In Zukunft werden die Quellen von Tiberias, ihrer chemischen und physikalischen Beschaffenheit entsprechend, außer für rheumatische Krankheiten auch für Leiden der Atmungsorgane und des Darms Verwendung finden. Obgleich noch nicht das ganze erforderliche Aktienkapital gezeichnet ist, glaubt die „Tiberias Hot Springs Co. Ltd." doch, mit dem Beginn der Arbeiten nicht länger warten zu dürfen, weil die Modernisierung des Bades in kurzer Zeit auch den von dem Wolkenbruch geschädigten Einwohnern der alten Stadt nach Möglichkeit helfen soll. 60 Pfund-Kaution jetzt auch von erster Klasse reisenden Touristen gefordert. Jerusalem, 6. Juli. Wie die ITA. erfährt, hat die Palästinaregierung die Paß-Abteilungen der englischen Konsulate angewiesen, von nun an auch von denjenigen jüdischen Touristen, die erster Klasse nach Palästina reisen, die Hinterlegung der bisher nur für Reisende der übrigen Klassen vorgeschriebenen Kaution von 60 Pfund zu fordern. (Die Abänderung der bisher geltenden Kautionsbestimmungen ist dieser Tage auch vom Kolonienminister anläßlich der Beantwortung einer Anfrage im Unterhaus bekannt gegeben worden.) Oberrabbiner Duschinsky, Jerusalem zum Stavsky-Protest. Jerusalem, 8. Juli. Oberrabbiner Duschinsky hat zur Protestbewegung gegen das Todesurteil gegen S t a v s k y folgende Erklärung abgegeben: Er sei unbedingt dafür, daß alle nur gangbaren Wege zur Erlangung der Begnadigung des zum Tode Verurteilten erprobt werden. Aber es sei allen Außenstehenden, die nicht an der einjährigen Untersuchung und an der Verhandlung teilgenommen haben, unmöglich,, ein Urteil über Schuld und Unschuld abzugeben. Der Weg, der uns offenbleibt, ist das Gesuch um Begnadigung; dieser Weg muß mit aller Energie beschritten werden. Anlage von Orangenpflanzungen durch Juden in Cypern. Tel Awiw, 8. Juli. In letzter Ze;t wurden mehrere Tausend Citrus- und Grape-Fruit-Stecklinge in Palästina angekauft und nach Cypern gebracht, wo jetzt größere Orangen-Plantagen von jüdischen Pflanzern angelegt werden. In der letzten Saison sind in Cypern 800 Dunam von Juden mit Orangen bepflanzt worden. Die Neu- Anlagen sollen während des ganzen Monats Juli fortgesetzt werden. In der cyperischen Hafenstadt Lernaca leben jetzt 10 bis 15 jüdische Pflanzerfamilien, weitere 25 Familien in Nicosia und der benachbarten jüdischen Kolonie Margo. Wie die Tageszeitung „Dawar" erfährt, werden jetzt Pläne für eine groß-