Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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12. Juli 1934 -Der Israelit Nr. 28 Seite 5 Quelle ist, an die die jüdische Jugend Tag für Tag und Stunde für Stunde geführt werden muß, ~vvenn sie sich ihr Eigenes zum Wohle der jüdischen Gemeinschaft und des Staates bewahren soll. Es galt dann aber auch, bei den maßgebenden Instanzen Konzessionen für die jüdische Schule oder wenigstens einen Aufschub der Bestimmungen für die jüdische religiöse Schule zu bewirken. Es fiel nicht leicht, das Bildungsministerium umzustimmen, es vor allem davon zu überzeugen, das, was die innere Struktur der Schule betrifft, eine Aenderung und Reform nur auf der Basis des neu eingereichten Lehrplanes denkbar sei. Aber das Werk gelang. Der Bildungsminister erklärte am Mittwoch den genannten orthodoxen Deputierten* daß er nunmehr bereit sei, den Termin der Konzessionserneuerung für die jüdischen Schulen um ein Jahr hinauszuschieben. Die akute Gefahr ist beseitigt, aber die Arbeit muß jetzt erst recht beginnen und die bestellten Führer des jüdischen Lebens in Polen werden auf der Wacht bleiben -müssen. Man darf hoffen, daß in diesem Jahre den Chedärim, Talmud-Thora- . und Beth Jakow- Schuien gelingt, die nötigen Räume für ihre Lehranstalten zu bekommen und alle sanitären Einrichtungen zu treffen, wie sie der Staat verlangt und uns selbst nur erwünscht sein müssen. Es ist dies eine Geldfrage, aber die Opfer werden aufgebracht werden müssen, mit Hinblick auf das, was dabei auf dem Spiele steht. Was aber den Lehrplan betrifft, so darf man zu den positiv eingestellten Herren im Bildungsministerium Vertrauen haben, daß sie den im eingereichten Lehrplane zum Ausdruck kommenden Einheitswülen des religiösen Judentums in Polen nicht den Wünschen und Gelüsten liberaler oder zionistischer Einheitsmacher, die ihr eigenes Schulwerk haben und gar kein Interesse an unserer religiösen Schule haben, opfern. Auf alle Fälle hat sich wieder einmal der Segen der straffen Organisation des Thorajudentums in Polen gezeigt. Eine jüdische Tragödie an den Dardanellen — und ihr Ende? Mitten in unsere eigenen Sorgen drang die Kunde hinein von der Vertreibung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus dem Dardanellengebiete. Tausende wurden aus Haus und Heimat gejagt, unter Umständen, die mehr an mittelalterliche Methoden als an türkische Traditionen erinnern. In der türkischen wie griechischen Presse fand diese Maßnahme ein Echo von krasser Kleines Feuilleton, Kluge Worte Vor fünfzig Jahren tagte in Lemberg eine Rabbinerversammlung, um sich zum Kampfe gegen die Aufklärung und Assimilationswelle aus Berlin zu einen. Die Maskilim, denen die Konferenz ein Dorn im Auge war, schickten eine Delegation an den Rabbi von Beiz, daß er die Konferenz verhindere. „Haben wir nicht alle einen Vater," sprachen sie zu ihm mit dem Worte des Propheten, „wozu der Streit unter Juden?" „Einen Vater schon," antwortete der Rabbi mit einem Wortspiel, „aber leider nicht eine Mutter, ("imn) wird im Osten so wie Mutter ausgesprochen und bezeichnet auch die Grenze zwischen dem, was religiös erlaubt und unerlaubt ist.) Was euch „Mutter" (imn) ist, ist leider nicht für uns „Mutter". Erez Israel wird genannt '3X pK. Das letztere Wort enthält die Anfangsbuchstaben von isla-» D'pns 13 Nur die Gerechten kommen dahin. (Rabbi Jizchak Luria.) Rabbi Chajim Josef Sonnenfeld pflegte oft darauf hinzuweisen, daß das Wort j?so den gleichen Zahlenwert wie pbny hat. Ein Zagen und Zweifeln, das dir in den Weg tritt, wirkt gleich Amalek, aufreibend.' Klangverschiedenheit. Während die Zeitungen mit liberalem Einschlag scharfe Kritik an der türkischen Regierung übten, wußten ihre nationalen Antipoden allerlei Schauermärchen von den Juden im Dardanellengebiet zu erzählen,, die ihre Austreibung rechtfertigen sollten. Nun kam die Angelegenheit auch in der Türkischen Nationalversammlung zur Sprache und fand dort eine kaum erwartete günstige Erledigung durch eine Erklärung des Ministerpräsidenten, in der er die Vertreibung als Willkürakt untergeordneter Stel- 1 e n hinstellte, der nicht nur wieder gut gemacht, sondern sogar geahndet werden soll. Diese Erklärung findet noch Bestätigung und Erhärtung; in einem offiziellen Kommunique der türkischen Regierung, worin die ganze Maßnahme auf eine irrtümliche Auslegung gesetzlicher Bestimmungen zurückgeführt wird. Damit könnte der Zwischenfall auch für uns erledigt sein, wenn nicht jene Verfügung bereits mehr Elend angerichtet hätte, als mit Worten von Erklärungen und Communiques gut zu machen ist.. Hunderte Familien haben unter der Fuchtel des Ausweisungsediktes, das mit der Urplötzlichkeit eines Gewitters über sie hereinbrach, ihren gesamten Besitz buchstäblich verschleudert, Unzählige haben unter dem Druck der ausführenden Organe bereits die Auswanderung angetreten und befinden sich irgendwo mit Greisen und Kindernunterwegs in größter Not. Werden ihnen die Mittel und die Möglichkeit gegeben werden, ihr zerstörtes Leben in der Heimat wieder aufzubauen? Aus Wien kommt die für weite Kreise tief erschütternde Nachricht, daß Chajim Nachm a n B i a 1 i k | der führende Dichter und Schriftsteller der neuhebräischen Literatur, dort am Mittwoch abend einem Herzschlag erlegen ist. Er hatte sich in Wien einer Operation unterzogen, die auch gut verlaufen ist. Mittwoch abend unterhielt er sich noch in der ihm eigenen lebhaften und anregenden Art mit seinen Freunden, als ihn ein plötzliches Unwohlsein überfiel, das bald den Tod brachte In den führenden Kreisen Wiens löste die Kunde größte Bestürzung aus, und die Israelitische Kultusgemeinde veranstaltete eine offizielle Trauerfeier. Am Montag fand die Ueberführung der sterblichen Reste des Dichters nach Palästina statt. Die Zionistischen Vereinigungen in Oesterreich und in In der Zahl 613 Ge- und Verbote figuriert das Verbot, Menschen zu beschämen und zu verletzen, unter Nummer 247. Es ist die hebräische Ziffer T*ai» was Wort, Wink oder Hinweis bedeutet. Einen Menschen verlgtzen oder schädigen, kann man schon mit Tn> mit bloßem Winke, mit einer Geste nur. Chatam Sofer übersetzte das Wort U'K inn MKa '3/ „mit einem Nasenrümpfen" haben sie Menschen getötet ... Eine Mizwoh gibt es, die man nicht mit naia (Absicht und Vorbedacht) üben kann noch darf, es ist die rmy» die gebotene Demut. In Mischle ist zu lesen ^31« xb Wik*»* ami a»j»sr nal „Hochmut und Habgier mag ich nicht." Kann auch bedeuten: Dem, der hochmütig und habsüchtig zugleich ist, ist nicht zu helfen. Dem Hochmütigen sagt man: Schau über dich, es gibt Höhere und. Bessere als du, dem Habgierigen sagt man: Schau unter dich, es gibt welche, die sich mit weniger begnügen müssen. Wohin soll aber derjenige schauen, der Hochmut und Habgier zugleich besitzt? Ihm ist nicht zu raten noch zu helfen. *31K K* Wik- (Palästinensische Stadtpläne.) Zwi F r i e d 1 ä n - der in Haifa, Kirjath Chajim, veröffentlicht eine Serie von übersichtlichen palästinensischen Stadtplänen mit Angabe der Autolinien und Haupt^ punkte in hebräischer und englischer Beschriftung. Bisher sind die Pläne von Jerusalem und Haifa erschienen. Sie werden zum Preise von 5 Müs verkauft. Der ITA., wurde auf eine Anfrage mitgeteilt, daß den Juden, die sich nach S.t a m b u 1 begeben haben, freistehe, in die Heimat zurückzukehren. Wie sollen sie aber zu Obdach und Besitz, die sie verloren haben, wieder kommen? Und was soll aus denen werden, die andere Goluswege als die nach Stambul eingeschlagen haben? So wird aus der griechischen Station Orestad i a berichtet, daß sich dort eingetroffene Emigranten aus dem Dardanellengebiete in einem geradezu entsetzlichen Zustande befinden. Die Meisten wandern zu Fuß, viele Flüchtlinge liegen krank darnieder und (Kinder sind dort gestorben. Nach Salonikier Meldungen langten täglich aus Adrianopel mit jüdischen Frauen und Kindern vollbepackte Züge ein, die mit unbestimmtem Reiseziel weiter transportiert würden. Ein Strom von jüdischen Flüchtlingen würde sich über alle Straßen nach Konstantinopel ergießen; Das Ganze wird als ein Werk der ultranationalen Organisation in der Türkei hingestellt, der gegenüber der Gouverneur von Adrianopel, der übrigens selber zu der Partei gehören soll, machtlos sei. Griechische Quellen für türkische Angelegenheiten müssen nicht gerade als zuverlässig gelten, aber^ es wird noch festzustellen sein, ob jene Regierungserklärung in der Nationalversammlung sich im Sinne einer Wiedergutmachung so auswirkt, daß die Tragödie unserer Brüder an den Dardanellen damit wirklich zu Ende ist. Deutschland veröffentlichen Trauerkundgebungen, in denen sie Bialik als den Geist und die Seele Rder zionistischen Bewegung feiern. Chaijm Nachman Bialik stammte aus einem wolhynischen Dorfe, wo er 1873 bei armen Eltern geboren wurde. Ein gut Teil seiner Jünglingsjahre verlebte er auf der damals noch in höchster Blüte stehenden Wolosc hiner Jeschiwa, wo er als guter Talmudist galt, wo aber auch schon die Anfänge seiner literarischen Tätigkeit liegen. Im großen Kulturstreben, das sich auf jener Jeschiwa neben dem Talmudstudium, zumeist im Geheimen, geltend machte, fand Bialik seine geistige Heimat und wohl auch seine geistige Prägung für alle Zukunft. Dort wurde er mit allen Strömungen der hebräischen Literatur und besonders auch mit der Ideologie Achad Haaras (Jüdische Jugendblätter,) Unter der Redaktion von Franz Fischhof in Prag erscheinen als Organ der gesetzestreuen Jugend der böhmischen Hauptstadt seit kurzem die „Jüdischen Jugendblätter", von denen uns zwei Nummern vorliegen. Es ist eine anspruchslose, jedoch mit reichem Inhalt mannigfachster Art ausgestattete Lektüre für die Jugend, die sie in unterhaltender und anregender Weise in das jüdische Leben und jüdische Wissen einführt. Der Hauptteil ist deutsch, doch sind manche Artikel auch in tschechischer Sprache eingefügt. (Hitachduth Olej Germania in Tel Awiw.) Nach' den uns vorliegenden „Mitteilungsblättern" dieser Organisation von Mitte Mai hat sich das Tätigkeitsgebiet in der letzten Zeit fortgesetzt erweitert. Den deutschen Einwanderern steht neuerdings ein zusätzlicher Darlehensfond von Lst. 10.000 zur Verfügung, der allerdings reserviert ist für solche Olim, die Mitglieder einer der Zentralhank angeschlossenen Kreditgenossenschaften sind oder werden. Die Darlehen können sich auf höchstens Lst. 100.— belaufen und sind im Laufe von fünf Jahren zurückzuzahlen. Ausführliche Mitteilungen werden über die zur Zeit für deutsche Einwanderer in Betracht kommenden Siedlungsprojekte gegeben. Es sind deren 6: Beer Tuwia, südlich von Tel Awiw; Wadi-chawarith (Mindestkapital 1100 Lst. pro Siedler); Haifa-Bey; Kfar Jecheskel (6—700 Lst.); Tel Adaschim; Fedja (200 Lst.). In Haifa sind technische Kurse eingerichtet und ist ein Einwanderungsheim (Zeltlager) mit 40 Betten eröffnet worden. Die Haupttätigkeit erstreckt sich natürlich auf die Auskunftserteilung in den stark besuchten Sprechstunden der Hitachduth in Jerusalem, Tel Awiw und Haifa. Das Heft enthält eine große Menge von Beteiligungsgesuchen und -Angeboten von Kapitalisten und Fachleuten. Chajim Nachman Bialik.