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Der Israelit · 1934-07-12 · Heft 28 (12.7.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 28 (12.7.1934)
Date
1934-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 28 Der Israelit 12. JuK 1934 gestrebt wird, keineswegs im Namen der Thora, sondern im Namen einer sozialistischen Doktrin gefördert wird. Sehr ergötzlich wirkt Herr Wiener auf diesem Gebiete, wenn er folgendes erklärt: Er frage sich bei der Behauptung Dr. Breuers, daß die Histadruth marxistisch sei, was Dr. Breuer wohl damit meinen könne und da sei er, Wiener, auf die Idee gekommen, daß die Einrichtung der Kewuzoth damit gemeint sei (die im übrigen Dr. Breuer nicht erwähnte). Die Idee der Kewuzoth, an die er — Wiener — dachte, sei aber doch von Lasalle und nicht von Marx proklamiert, also sei es eine unwürdige Denunziation Breuers, ausgerechnet von einer marxistischen Ideologie der Histadruth Hoauwdim zu sprechen statt von einer lasallischen. In Erez Jisroel wäre eine solche Deduktion wohl nicht möglich. Dort würde die Histadruth ehrlich zugeben, sowie es vor Jahrzehnten schon von einem ihrer Führer in einem Sammelwerke in deutscher Sprache zugegeben wurde, daß zu ihrem Programm die Bekämpfung des Religiösen gehört. Daß sie jedenfalls die Kluft innerhalb der jüdischen Gesamtheit zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufreißt und verewigt, statt sie nach einer original jüdischen Ideologie durch die Thora zu überbrücken, dürfte durch keine noch so geschickte Argumentierung widerlegt werden können. IV. Ein Neues hat Dr. Ernst Simon entdeckt, nämlich das Rabbiner S. R. Hirsch b"ST die altjüdische Forderung von Thora im derech erez nach Beherrschung des gesamten Lebens durch die Thora, verflacht habe, indem er an die Stelle von Leben Bildung gesetzt und unter dieser Forderung die Notwendigkeit der Verbindung von profaner Bildung mit Thora verstand {zitiert nach ,,Israelitisches Familienbaltt" Nr, 26), cder wie sich die „Jüdische Rundschau" in ihrem Berichte ausdrückt, daß Rabbiner S. R. Hirsch den Begriff Thora im derech erez falsch interpretiert und in den Begriff ,,westeuropäische Kultur" umgebogen habe und dadurch die Trennung zwischen Leben und Lehre von ihm vollzogen worden sei. Nun liegen ja erfreulicherweise die Schriften Rabbiner Hirschs jedem, der zu lesen vermag, offenkundig vor. In seinem Kommentar zur Tefillo interpretiert er selber im zweiten Kapitel der Pirke Aboth „Derech erez" folgendermaßen: „Derech erez umfaßt alles, was daraus hervorgeht und dadurch bedingt ist, daß der Mensch sein Dasein, seine Bestimmung und sein Zusammenleben mit anderen auf Erden und durch die auf der Erde zu gewährenden ♦'n D^n „Chaluzim vor dem Ewigen," Zu den laufenden Wochenabschnitten. Von A, Mannheimer in Dettelbach. Das Wort o'xtfn im Sinne von Herausgehobenen, Ausgemusterten, die gemeinschaftlich zu einer größeren Aktion sich zusammenschließen, kommt erstmals in unserem Wochenabschnitt vor. Es wird uns in nie» erzählt, daß der Stamm Rüben, Gad und der halbe Stamm Menasche sich auf der Ostseite des Jordans ansiedeln wollen, weil sie zahlreiche Herden besäßen und es dort ausgedehnte Weiden gäbe. Ihre Bitte an Mosche, pTn u-V3j?/i b«, führe uns nicht über den Jordan, wurde ihnen sehr verübelt. Bittere Vorwürfe machte ihnen Mosche. darüber. War doch das eigentliche Heilige Land das Hauptland jenseits des Jarden, dorthin kam die Stitfshütte und später der große salomonische Tempel. Die Ansiedlung im Osten bezw. der Wunsch danach nahm sich aus wie eine Abkehr vom Heiligsten. Doch das nicht allein. Es wurde den dritthalb Stämmen vorgehalten, daß sie jedes Solidaritätsgefühl vermissen ließen im Hinblick auf die Kämpfe, die Israel noch zu führen habe, wenn es gilt, das Land im Westen zu erobern, oa'mtn Tis tatwi omi rmrknb uw „Sollen eure Brüder in den Krieg Mittel und Verhältnisse zu vollenden hat. Daher bezeichnet es namentlich die Wege der Nahrung und der' bürgerlichen Ordnung, auch die durch das Zusammenleben hervorgerufenen Sitten und Rücksichten der Höflichkeit und des Anstandes, sowie alles, was die allgemein menschliche und bürgerliche Bildung betrifft." Unmöglich ist es aber, ohne ein Buch zu schreiben, alle diejenigen Stellen zu zitieren, in denen Rabbiner Hirsch das gerade Gegenteil von dem ausspricha, was man ihm hier in den Mund legt. Er war es, der immer und immer wieder betonte, daß die unglückselige Zerklüftung zwischen Lehre, und Leben den Tod des Judentums bedeute. Ein einziges Zitat sei hier gebracht:' Wochenrundschau. Die religiöse Schule in Polen. Ein guter Engel steht der religiösen Schule in Polen zur Seite, er hat sie vor schweren Gefahren, wenn nicht vor dem Untergange, auf fast wundersame Art gerettet, und damit bewahrheitet sich wieder die alte Erfahrung 71 WID^ ">> "ttl 1»J7 TIM, daß „G'tt sein Volk nicht verläßt und sein heiliges Erbe nicht preisgibt." Wir haben bereits unseren Lesern von dem neuen Schulgesetz in Polen berichtet, das mit Beginn des neuen Schuljahres im kommenden Herbst in Kraft treten und, wie unabwendbar schien, das ganze Netz der Chedarim, Talmud Thora und Beth Jakow-Schulen in Polen vernichten sollte. Die Anforderungen, die das neue j Gesetz bezüglich der äußeren Einrichtungen wie des Lehrplanes stellte, ließen nicht den mindesten | ziehen und ihr wollt ruhig hier bleiben? Diesen Vor- ' halt sahen die gerügten Stämme als berechtigt an und entgegneten: ^nt?> ->a ->isb o'e?n ybm ijn;x „Wir wollen gerüstet einherziehen vor den Kindern Israel, bis sie ihr Erbteil angetreten, ein jeder jenseits des Jardens. Eher kehren wir nicht zurück in unsere Häuser." In den weiteren Verhandlungen mit den dritthalb Stämmen korrigierte aber Mosche das obige Versprechen etwas: n»nb»!> 'n 'JsJ> vsbnn dk- „Wenn ihr vor dem Ewigen in den Krieg zieht" , . . nicht etwa ^tb, 5>8iP' na vor den Kindern Israel. Auch das sahen die Stämme ein und akzeptierten die Forderung mehrfach ausdrücklich: 'fi ^Bb a^bn tom um „Wir wollen als Pioniere vor dem Ewigen einherziehen ..." Die jungen Aufbaukräfte, die jetzt im Heiligen Lande für die wirtschaftliche Erschließung des Bodens, die Gründung von Städten und Kolonien tätig sind, haben den Namen von obengenannter a'Xi^n entlehnt. Leider hat ein Großteil nicht auch die Devise mit übernommen: 'n •>3s^> o^-bn toj» «tu Mehr als drei Jahrzehnte währt der Kampf, wogt der Streit der Orthodoxie und ihrer Organisationen für die Thora und ihre ewigen Werte und Verpflichtungen und er will, er kann immer noch nicht verstummen. Heute erst recht nicht, wo die politische Wandlung der Dinge katastrophal eine Immigration dem Väterlande brachte, die in jüdischem Geist und Sinne qualitativ nicht Schritt gehalten, mit der Quantität. twnx mV p'S Um Zions Willen kann man sich nicht in Schweigen hüllen. Ewigkeitswerte stehen auf dem Spiel. Ewigkeitswerte! Ein sehr ernstes, sehr gewichtiges und gewaltiges Wort. G'tt ist ewig, Seine mm ist ewig und durch sie auch Sein Volk. Und eben darum brauchen wir 'n ns^» a">*"\bn, Streiter,. Arbeiter, Pioniere „vor dem Ewigen". Ein Heiliges Land ohne Heiligkeit ist ein sich selbst negierender Begriff, ein Meißel Jude sein, ein ganzes von G'ttesgedanken getragenes, dem Willen G'ttes gemäß vollendetes Leben— das heißt Judent u m." (Religion im Bunde mit .dem Fortschritt.)') Sollte die Meinung etwa die sein, daß aus äußerlichen Gründen oder aus mangelndem Verständnis und mangelnder Willenskraft die nachgeborenen Geschlechter Rabbiner Hirschs Prinzip verzerrt und verfälscht haben, dann sind diejenigen, die in diesem Zusammenhange angegriffen werden, die Ersten, die diese Erscheinungen zugeben und — sie bekämpfen. Daß aber die zionistische Gegnerschaft konservativer Färbung sich gegen eine Gruppe rich- Raum für ein Weiterbestehen und eine Entwicklung der religiösen Schule, sei sie das alte Cheder oder die auf modernen Prinzipien aufgebaute Beth Jakow-Schule, übrig. Wenn nun dje Gefahr zunächst abgewendet ist, so ist es in erster Reihe das Verdienst der Chore w-Z e n - t r a 1 e der ,, Agudas Jisroel", die vor einigen Jahren eine höhere Vorsehung als — HS»1? ÜTlj? niOD~> — vorbeugendes Heilmittel hat entstehen lassen. Die Erziehungszentrale ,,Chorew", die sofort die ganze Gefahr für die jüdische Schule und das religiöse Leben im Lande erkannt hatte, mobilisierte die gesamte jüdische öffentliche Meinung, Es war eine schwierige Arbeit, bei der die orthodoxen Deputierten, an der Spitze wie immer die Herren Oberrabbiner L e w i n und Dep. Minzberg, ihre ganze Kraft einsetzten. Es. galt, nach innen und außen zu arbeiten, nach innen: indem man sämtliche Leiter der jüdisch-religiösen Schulen im Lande sammelte und um einen einheitlichen, mit Hilfe der rabbinischen Autoritäten ausgearbeiteten Lehrplan für die religiöse Schule einigte, aus dem das Bildungsministerium ersehen kann, daß „jüdische Religion" nicht wie die einer anderen Konfession ein Unterrichtsfach für wenige Stunden in der Woche, sondern die innerer Widerspruch, eine contradictio in adjecto. Wenn man doch einmal Erez Jisroel als Heimstätte des jüdischen Volkes sich denkt, als „unser" Land erklärt, dann muß man wissen, was in einem solchen Wort liegt: historische Verwurzelung in einem klassischen Boden jüdischen Seins und jüdischen Sinnes, jüdischer Gesetze und Gefühle, jüdischer Ideen und Ideale, jüdischen Lebens und Liebens, jüdischen Wesens und Wissens, jüdischen Wirkens und Wollens. Das können nur 'n "usb wbn, schaffen, weil es ohne Opfer kein Judentum gibt und gab. Blühende fruchtbare Landstriche gibt es genug auf Erden außer Palästina. War nicht D^nsa als ein 'n P gepriesen, als ein Garten G'ttes? Die Eigenart des Heiligen Landes ist aber seine innige und besondere Unterstellung unter G'ttes Auge. TUipn rinn« iyi msm rpsnnn.na yj?VK 'n von» „Ständig ruhen G'ttes Augen darauf, vom Anfang des Jahres bis zum Ende desselben." (5. B. M. 11, 12). Aus dem zweiten Abschnitt des s»w weiß und erfährt der letzte Jude des letzten Dorfes täglich, daß Fruchtbarkeit und segenvolles Gedeihen des Landes unzertrennlich geknüpft sind an das ewige Postulat der Gesetzestreue, soll nicht die Katastrophe eintreffen. Besitz und Siedlung bedeuten nichts ohne D,si^n 'T\ 'ObV. Gleich bei Eroberung des Heiligen Landes wurde das Damoklesschwert des drohenden Exils über Israels Haupt aufgehangen. „Das Land wird euch ausspeien, wenn ihr es verunreiniget, wie es die Völker ausspie, die ehedem dort wohnten." (3. B. M.) Ihr seid nichts anderes. Das Land ist der Paläst G'ttes, in dem sich Jeder als ein Diener in der Nähe des Königs zu fühlen hat. (Schluß folgt.) „Das Judentum ist keine Religion, und die Synagoge keine Kirche, und der Rabbiner ist kein Priester, das Judentum ist kein Zubehör zum Leben, Jude sein ist kein Teil der Lebensaufgabe, Judentum umfaßt das ganze Lebe n , Jude sein ist der Sinn unserer Lebensaufgabe. In der Kirche und von der Kanzel, als Vater und Mutter, als Sohn und Tochter, als Diener und Meister, als Mensch, als Bürger mit Gedanken und Gefühlen, mit Wort und mit Tat, mit Genuß und Entbehrung, mit der Nadel und mit der Grabstichel, mit der Feder und mit tet, von der sie annimmt, daß sie eine Trennung von Lehre und Leben vollziehe und nicht vielmehr sich gegen die Seite wendet, wo Lehre und Leben zwar keineswegs getrennt sind, sondern, wo Leben und Lehre beide gleich unjüdisch sind, ist eine Unbegreiflichkeit, die nur durch die Scheuklappen verständlich ist, durch welche die Partei ihre eigenen Anhänger mit Blindheit schlagt. *) Wir kommen auf die Simon'schen Angriffe gegen Rabbiner Hirsch in einer der nächsten Nummern ausführlicher zurück. Red.

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