Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 28 Der Israelit 12, Juli 1934 Jüdische Heldengedenkfeier in Köln und eine Programmrede des Bundesvorsitzenden. Köln a. Rh., 10. Juli. Im Rahmen einer eindrucksvollen Heldengedenkfeier, an der 3000 Personen teilnahmen, fand am 8. Juli auf dem jüdischen Friedhof von Köln-Bocklemünd die Enthüllung eines von der Kölner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten gesetzten Gefallenendenkmals statt. Der Enthüllung ging eine Seelen-Gedächtnisfeier in der Friedhofshalle voraus, bei der Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal eine ergreifende Predigt hielt. Aus der Rede des Bundesvorsitzenden, Dr. Löwenstein, seien folgende programmatische Sätze wiedergegeben: „Ich weiß, daß die Zurückführung unserer Jugend in die deutschen Dinge nur sehr allmählich denkbar ist. Aber der Weg, den wir gehen wollen, ist möglich. Als Soldaten sind wir an Gehorsam und an Loyalität der Obrigkeit gegenüber gewöhnt. Unsere Aufbauarbeit muß ganz im Rahmen der Willensrichtung des Staates vor sich gehen. Es liegt uns fern, etwa eine Wiederherstellung des früheren Verhältnisses zu betreiben. Das Rassenprinzip als oberste Staatsmaxime, das die Rassenmischung verhindern will, braucht kein Hindernis für diesen Weg zu sein, da wir selbst diese Mischung ja nicht erstreben! Allerdings darf mit der Rassentrennung keine Diffamierung verbunden sein. Freilich ist der von uns gezeichnete Weg für das deutsche Judentum nur Leipzig, 10. Juli. Am 9. Juli veranstaltete die Ortsgruppe Leipzig des RjF. eine Gemeinde- und Mitglieder- Versammlung unter der Devise: „Luftschutz auch für die jüdische Bevölkerung". Es sprach der Adjutant der Bezirksgruppe I Leipzig des Reichsluftschutzbundes e. V., Herr Müller, der u. a. folgendes ausführte: „Es war uns Bedürfnis, zur Aufklärung an die jüdische Bevölkerung heranzutreten, und es war uns selbstverständlich, uns dabei an die Kameraden zu wenden, die einst mit uns zusammen im Weltkrieg die Heimat verteidigt haben. Denn der Luftschutz soll nach dem Willen der Regie- London, 10. Juli, Im Gegensatz zu der Mitteilung der türkischen Regierung, daß bloß hundert jüdische Familien' infolge Mißverstehens einer Order aus der europäischen Türkei vertrieben worden waren und daß die Regierung Maßnahmen zur Wiedergutmachung getroffen hat, meldet Reuter, daß aus Thrazien, der Dardanellen- und Marmarameerküste nicht weniger als 1700 jüdische Flüchtlinge in Konstantinopel eingetroffen sind und daß weitere Hunderte Juden unterwegs auf der Wanderschaft wären. Der türkische Innenminister Shukry Bey hat sich persönlich nach Adrianopel begeben, um an Ort und Stelle das Vorgehen von Beamten zu untersuchen, die beschuldigt sind, daß sie Judenaustreibungen verfügt und judenfeindliche Ausschreitungen geduldet haben. Wie es heißt, wurden mehrere jüdische Familien auf Staatskosten wieder in ihre Heime zurückgebracht, während viele andere sich fürchten, nach Adrianopel und die anderen Orte Thraziens, wo sie furchtbar terrorisiert worden sind, zurückzukehren. Die türkische Regierung erklärt, sie ergreife Maßnahmen, um jede antisemitische Propaganda in der Türkei zu unterbinden.Das Weigangbar, wenn unsere ganze Kraft sich ausschließlich innerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle entfaltet. Wir können unsere Befriedigung auch auf rassischer Grundlage in völlig ehrenhafter Form in der deutschen Heimat finden." Der Redner grenzte hierauf den Standpunkt des RjF. gegenüber dem zionistischen Standpunkte ab, wobei er betonte, daß bei der Feststellung, daß der RjF. keine anderen Interessen kennt als solche, die innerhalb der deutschen Grenzen liegen, eine Anzweifelung der Erfüllung der bürgerlichen Pflichten durch die Zionisten nicht vorgenommen werden soll. „Aber," sagte Dr. Löwenstein, „wir wollen keine besondere nationale Minorität und wenden uns gegen alles, was immer uns aus der deutschen Nation hinausführen will." Schließlich betonte der Bundesvorsitzende des RjF., daß dieses hundertprozentige Bekenntnis zur deutschen Heimat die Zusammenarbeit mit anderen Richtungen auf dem Gebiete praktischer Arbeit nicht ausschließt und erklärte es als Aufgabe der Reichsvertretung für eine Stärkung der Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet zu sorgen. Zunächst müßte alerdings eine wirkliche Zusammenfassung der verschiedenen auf gleichen Gebieten neben einander arbeitenden Organisationen erreicht werden. Möglich und erforderlich sei die Bildung einer Notgemeinschaft zur Erhaltung alles dessen, was an jüdischem Leben in der Wirtschaft Deutschlands erhalten werden kann. rung das ganze Volk, auch den jüdischen Teil, der in Deutschland Heimatboden und Heimatsitz gefunden hat, umfassen. Wenn auch Juden nicht aktive Mitglieder des Reichsluftschutzbundes werden können, da der Bund unter direkter Führung des Reichsluftfahrtministeriums steht, so will der Bund doch seinen Schutz allen Volksteilen uneingeschränkt zuteil werden lassen." An Hand zahlreicher Lichtbilder legte der Redner die organisatorische und technische Durchbildung des RLB dar und schloß mit dem dringenden Appell an die jüdischen Bewohner zu verständnisvoller Zusammenarbeit mit dem Reichsluftschutzbund. tererscheinen eines antisemitischen Wochenblattes in Konstantinopel wurde verboten. Bei der Jüdischen Gemeinde in Saloniki sind entsetzenerregende Nachrichten über die Lage der jüdischen Flüchtlinge aus der europäischen Türkei eingetroffen. Augenzeugen berichten, daß in mehreren Städten der Türkei von organisierten Banden richtige Judenpogrome durchgeführt wurden. Viele Personen seien in abgelegene Gebirgsgegenden getrieben worden, man wisse nicht, was aus ihnen geworden ist. Aus Türkisch-Thrazien sollen fast alle Juden vertrieben worden sein, ohne daß ihnen Gelegenheit geboten wurde, das Notwendigste für ihren weiteren Lebensunterhalt mit sich zu nehmen. Mehrere Bataillone Militär seien in Thrazien eingetroffen und hätten unter den Pogromhelden Massenverhaftungen vorgenommen. Gerüchtweise verlautet, daß der Unterrichtsminister H i k m e t Bey zurückgetreten ist, weil er sich von Anfang an der Massenevacuierung von Juden ohne vorhergehende Ankündigung widersetzt hatte. Vertretungen ausländischer Mächte haben in der Angelegenheit der thrazischen Juden Schritte in Ankara unternommen. Wie die Jüdische Gemeinde in Konstantinopel telefonisch mitteilt, ist die' Ruhe jetzt wiederher gsetellt. (Siehe Wochenrundschau.) Faschistische Gruppen in der Schweiz wollen nicht antisemitisch sein. Zürich, 8. Juli. Die faschistischen Gruppen in der Schweiz wehren sich der Reihe nach gegen die Behauptung, sie seien antisemitisch. Das italienische Organ der Faschisten in Lugano veröffentlichte eine Erklärung, in der ausgeführt wurde, diese Gruppe kenne keinen Antisemitism u s. Dieselbe Erklärung wurde dann auch durch ein deutsches Flugblatt verbreitet. Auch das in Lausanne erscheinende Blatt ,,Le Fasciste Suisse" verwahrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus; Es beruft sich darauf, da/3 sein Standpunkt zur Frage der Rasse bekannt sei und erklärt ausdrücklich: „Wir treiben keinen Antisemitismus." In letzter Zeit häufen sich in der Schweizer bürgerlichen Presse die Proteste gegen die Methoden, mit denen die Anhänger mancher frontistischen Gruppen den Antisemitismus in der Schweiz zu verbreiten suchen. Ein Berner Blatt schreibt: ,,Es wäre höchste Zeit, den Brunnenvergiftern das schändliche Handwerk zu legen." Die Zeitschrift „Der Staatsbürger" veröffentlicht einen Artikel über die Judenfrage, in dem gegen Rassenantisemitismus scharf Stellung genommen wird. „Wir kennen bei uns keine ,Jüdische Gefahr", heißt es in dem Artikel. „Wir Schweizer", wird weiter ausgeführt, „haben von jeher gezeigt, daß Bewohner verschiedener Abstammungen, Religionen und Sprachen einträchtig zusammen leben können, weil wir vom Gedanken beseelt sind, daß jeder Mitmensch, der sich in unsere Verhältnisse einordnet, Achtung und Gleichberechtigung verdient." Die Krise der Demokratie und die Judenfrage in Griechenland. Athen 8. Juli. Die oppositionellen Zeitungen in Athen unc Saloniki sprechen davon, daß Kriegsminister General Condylis und General Metaxas die Errichtung einer Militärdiktatur anstreben. Die Errichtung einer derartigen Militärdiktatur würde aber keinerlei Aenderung der Stellung der Juden in Griechenland mit sichbringen. Die Generale Condylis und Metaxas haben wiederholt erklärt. Freunde der Juden zu sein. Zöglinge aus ungarischen Jeschiwoth ausgewiesen, W i e n , 10. Juli. Die ungarischen Zeitungen setzen ihren Feldzu& gegen die O s t j u d e n fort und besonders i „Magyarszag", das Organ des Innenministers, \ klagt über ein „Einströmen von Juden aus Galizien". Diese Meldungen führten zu Razzien in mehreren ungarischen Provinzstädten, so z. B. in Papa, die sich besonders gegen die Talmud- Hochschulen (Jeschiwoth) richten, die Zöglinge aus Ostgalizien aufgenommen haben sollen. Es wurden bereits 150 Zöglinge der Jeschiwoth, unter ihnen mehrere Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren, ausgewiesen. Die jüdischen Zeitungen erklären den Feldzug des „Magyarszag" als grundlos und weisen an Hand von Zahlen nach, daß von einer Invasion auswärtiger Juden nicht im geringsten die Rede sein könne, daß vielmehr die Zahl der heimischen Juden in Papa, Mako und in anderen Orten beträchtlich abgenommen hat. Luftschutz auch für die jüdische Bevölkerung. Die Vertreibung der Juden aus Thrazien.