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Der Israelit · 1934-07-05 · Heft 27 (5.7.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 27 (5.7.1934)
Date
1934-07-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 27 Der Israelit 5. Juli 1934 Tragödie eines jüdischen Stammes einiges Interesse zuwenden? Diese Frage zu stellen, wagt mein Gewährsmann nicht. Er ist glücklich, daß es ihm für seine Person gelungen ist, aus jener Seelennot herauszukommen. Er verkauft sechs Tage in der Woche Eier und Hühner in den orientalischen Vierteln von Jerusalem und betet am Sabbat den ganzen Tag in seiner Klause. Wehe dem, der ihn daran stört! Er hat so vieles nachzuholen . . . Hachscharastätten der Aguda. I. Gjurgjevac. Vor nun mehr als dreiviertel Jahren wurde die zweite agudistische Hachschara in Jugoslavien (die erste befand sich in Subotica) in Gjurgjevac, einem Städtchen in der Nähe von Zagreb auf den Ländereien des Herrn S. Braun gegründet. 10 junge Leute aus Hannover und Berlin im Alter von 18—21 Jahren verließen Geschäft, Schule und Universität, um sich in einer einjährigen Ausbildungszeit in allen hier vorhandenen landwirtschaftlichen Betrieben für Palästina vorzubereiten. Nachdem seitdem bald 10 Monate vorüber sind, ist es uns möglich, einen Bericht über das Erreichte zu geben. Dazu seien vorher kurz unsere Arbeitsverhältnisse genannt. Unser Arbeitsort, wo wir zusammen leben, liegt etwas einsam, 5 Kilometer vom Städtchen entfernt in der „Pußta". Da unser Gutsbesitzer aber auch große Gemüsegärten und einen noch größeren Weingarten hier draußen besitzt und außerdem einen ansehnlichen Viehbetrieb hat, ist es uns möglich, auch in diesen sehr wichtigen Zweigen vieles zu lernen. Wir hatten also unsere Arbeit auf Gärtnerei, Stall, Feldarbiet und Weinberg zu verteilen. Wir hielten es so, daß wir unsere Arbeitsplätze immer nach zwei Monaten wechselten, so daß jetzt jeder von uns schon in allen Betrieben'gearbeitet hat. Wir arbeiten immer unter Leitung des betreffenden Facharbeiters. Dieser ist. zwar kein großer Pädagoge und unsere Sprachkenntnisse sind noch nicht bedeutend, aber das ist nicht so wesentlich, denn wie es gemacht wird' weiß man bald von selbst. Es ist uns allen klar, daß es nicht so sehr auf das Erlernen von Spezialarbeiten, wie Rosen veredeln, Obstbäume pflegen und Weinstöcke binden ankommt, als vielmehr darauf, in schwerer Arbeit wie graben, hacken, jäten, Stall säubern, Bäumefällen usw. den Körper fest und widerstandsfähig zu machen, den Anstrengungen einer schweren landwirtschaftlichen Arbeit in Palästina gewachsen zu sein. Unsere Hachscharah-Zeit begann im Spätherbst, einer Zeit, in der die wichtigsten Arbeiten des Jahres bereits getan waren. Aber auf einem großen Betrieb wie dem unsrigen gibt es immer genug zu tun, so daß wir uns nie über Mangel an Arbeit beklagen konnten. Die Umstellung auf das Landleben fiel uns allen nicht schwer. Besonders schmackhaft wurde sie uns dadurch gemacht, daß wir alle in den ersten beiden Wochen bei der Weinlese und Weinherstellung dabei waren. Ein Faß Wein konnten wir sogar unter eigener Aufsicht als Koscher-Wein herstellen. Ein Monat später brach der Winter an. Wer von uns damit gerechnet hatte, daß wir hier wie in Italien auf dem 46. Breitengrad einen schwachen Winter zu erwarten hatten, sah sich schwer getäuscht. Knapp drei Monate ununterbrochen Schnee, Eis und Frost waren uns beschert. Auf den hier stattfindenden Monatsmärkten kauften wir uns bald Schaftstiefel, in denen wir uns natürlich wie alterfahrene Landleute vorkamen. Oft fuhren wir mit Pferdeschlitten in den Wald, halfen dort beim Bäume fällen, sägten und hackten, eine Arbeit, die uns bald warm machte. Andere Chawerim, die nicht dabei waren, hatten genug im Stall zu tun. Und drei gute Kühe waren allein für unseren Milchbedarf bestimmt. Ein anderer Teil war bei interessantester Arbeit im Glashaus der Gärtnerei beschäftigt. Dann endlich fing es an zu tauen. Ich glaube, wir vergessen nicht sobald das Bild und das Gefühl, das wir empfanden, als wir sahen, wie die riesige Schneedecke schmolz und eine weiche, duftende, braun-schwarze Erde zum Vorschein kam. Mit anderen Augen als früher betrachteten wir sie jetzt, schon mit fachmännischen Blicken und doch mit innerlicher Anteilnahme. Zum ersten Male spürten wir eine starke Verbundenheit mit ihr. Jetzt begannen auch die eigentlichen Feldarbeiten. Gegen 250 Dunam Boden wurden gedüngt und geackert. Gesät wurde hauptsächlich Mais, hier Kuckums genannt, Grünfutter und Rizinus. Getreide war schon im Herbst ausgesät. Zum Teil wurden auch Kartoffel angebaut. Im Garten setzte die Arbeit gleich voll ein. Die Mistbeete wurden gerichtet, Pflanzen hineingesetzt, einige Setzlinge kamen gleich aufs Freiland. Manches Stück Boden wurde mit dem Spaten umgestochen, Beete wurden angelegt, Stöcke vorbereitet und vieles andere mehr. Unser Gutsbesitzer gab uns auch ein Stück Land, auf dem wir uns einen netten Hausgarten anlegten. Heute sehen wir, daß unser Garten und unsere Arbeit an ihm gute Früchte trägt. In dieser Zeit legten wir uns auch eine kleine Hühnerfarm mit 9 Hühnern als Grundkapital an. Heute haben sie sich schon tüchtig vermehrt. Den ganzen Monat März war ein Teil von uns damit beschäftigt, 40 000 junge Bäume anzupflanzen. Jetzt arbeiten wir täglich rund il Stunden. Größtenteils im Weingarten. Auf dem Felde gibt es jetzt viel beim Mähen, Heuaufladen, Maisbehacken usw. zu tun und zu lernen. Die Gärtnerei verlangt nun ebenfalls den vollen Einsatz der Kräfte. Jäten ist eine nicht mit Unrecht gefürchtete Arbeit. Von unserem Garten haben wir bereits Radieschen, Rettich, Spinat, Salat, Zwiebeln, Erbsen und Kohlrabi geerntet. Mit dem Vieh geht täglich einer von uns zur Weide. Zwei Chawerim . melken morgens und abends. Da wir rechnen, im Herbst nach **K zu fahren, werden wir noch Gelegenheit haben, die wichtigsten Herbstarbeiten kennen zu lernen. Die andere Seite einer Hachschara h. Und der Erfolg aller Arbeiten bisher? Wir merken ihn ganz deutlich. Hat uns früher, nachdem man einen Tag gehackt und gejätet hat, der Rücken so geschmerzt, daß es einem noch zwei Tage lang jeden Moment bewußt war, daß er einen Rücken besitzt, so erinnern wir uns heute nur noch an diese Anfängerschmerzen. Oder haben wir früher einen Tag intensiv gegraben, so war der Erfolg manchmal auch ein anständiger Muskelkater, heute stellen sich solche Erfolge nicht mehr ein. Die andere Seite ist die geistige Hachscharah. An sich muß eine solche Hachscharah schon vor der körperlichen stattgefunden haben, da eine Weiterbildung in jüdischen Dingen später nur soweit möglich ist, als es die Arbeitszeit erlaubt. Im Winter hatten wir V/2—2 Stunden Freizeit für das Lernen. -Da bei uns die Vorkenntnisse im Lernen gut sind, fiel es uns nicht schwer, in D'jnT nvatfn die drei Traktate o^Vs nsa .nima mit Wiederholung gut durchzulernen. In V"Vp lernten wir die B">i ras? rvoirv Privat lernten einige Gmoro und Mussar. Am naw und Sonntag wurde mehr gelernt. Zweimal in der Woche rvnay pv1? vervollständigten unser Lernprogramm. Auch heute lernen wir, auch wenn es nach der ermüdenden Arbeit in der Hitze schwer fällt, eine halbe Stunde täglich Dinim. Vorträge und anregende Diskussionen beleben oft unseren Abend. Wir haben hier auch ein Sefer Thora, so daß wir ein Bethaus nicht zu vermissen brauchen. Zum Innenleben unserer Gemeinschaft: Wir sind jetzt, nachdem die Hachscharah Subotica wegen behördlicher Schwierigkeiten aufgelöst wurde, 13 Chawerim. Die Küche führen wir selbst, da wir keine geeignetere Lösung hierfür finden konnten. Abwechselnd nehmen jede Woche neue Chawerim die Verantwortung für unser leibliches Wohl auf sich. Trotz der beschränkten Mittel steht unser Essen, besonders am row» wo wir auch Fleisch aus Zagreb haben, auf einer beachtlichen Stufe. Einer von uns hat bei sich ein Talent zum Backen entdeckt. Er hat eine schwierige Aufgabe, die er aber mit Geschick erledigt. Ueberhaupt haben wir in Haushaltsdingen eine Hachscharah, die uns bald berechtigt, auf Grund dieser Kenntnisse, ein Zertifikat zu beanspruchen. Der kameradschaftliche Geist ist, von kleinen Reibungen, die ja kaum bei einem so engen Zusammenleben zu vermeiden sind, abgesehen, unter uns gut ausgeprägt. Erwähnt sei noch, daß wir zu Chanukah eine Feier veranstalteten, zu der wir die übrigens neologen Juden aus Gjurgjevac eingeladen hatten. Durch Vorträge, Ansprachen und Lieder ist es uns gelungen, diese Leute für uns zu gewinnen. In ein paar Monaten hoffen wir, n*">K in Palästina zu sein. Erez Israel rückt damit für uns immer näher aus dem Reich der Sehnsucht in die Welt der Realität. Unsere Spannung und Erwartung wächst täglich. Wir wissen, welche Verantwortung auf uns als orthodoxen Chaluzim ruht. Uns ihr gewachsen zu zeigen, ist uns selbstverständliche Pflicht. Zum Schluß sei an dieser Stelle der Zagreber Aguda-Jugendgruppe für ihre dauernden Bemühungen und ihr liebevolles Interesse um uns herzlichster Dank gesagt. E. Ebner. i II. Machne Olim in Schachendorf. Ueber den. Hochwechsel, durch landschaftlich schöne Schluchten, führt den Besucher der Zug der Aspangbahn in knapp sechs Stunden nach Schachen,-- dorf, wo heuer die erste augdistische „Machne Olim", eine Vorbereitungsstätte junger Agudisten für ein zukünftiges geheiligtes Leben in Erez Jisroel, untergebracht ist. Man kennt das Wesen einer agudistischen Hachscharahstätte, die die berufliche und geistige Vorbereitung der Olim gleichermaßen im Auge hat, und es muß gesagt werden, daß das Ziel nirgends besser zu erreichen gewesen wäre, als in Schachendorf, wo Herr Ungar und seine Söhne für denkbar beste Ausbildung der Hachscharisten und für ihr leibliches und seelisches Wohl besorgt sind. Und man freut sich, in der Einleitung zu der im schönen Heim der Hachscharisten angeschlagenen Tageseinteilung die Worte zu lesen: „Die Erez Jisroel-Zentrale der Agudas Jisroel für Oesterreich hat sich, als sie die Errichtung einer „Machne Olim" beschlossen hat, von der grundsätzlichen Erwägung leiten lassen, daß die „Machne Olim" nicht der landwirtschaftlichen Ausbildung allein dienen kann und darf. Die agudistischen Hachschoros sind nicht Sammelstellen junger Menscnhen, die aus wirtschaftlichen Gründen genötigt sind, sich nach einer ' neuen Existenz umzusehen. Sie sind vielmehr Vorbereitungsstätten derjenigen jungen Menschen, welche durch ihre eigene körperliche Arbeit den Aufbau eines nur vom reinen Thorageist erfüllten Jischuw in Erez Jisroel fördern wollen. Grundtendenz, die jeden Hachscharisten erfüllen muß, ist, seinerseits daran mitzuarbeiten, den Boden in Erez Jisroel und die jüdische Gemeinschaft in Erez Jisroel restlos unter die Herrschaft des in der mündlichen und schriftlichen Thora niedergelegten G'tteswillens zu stellen." Nur kurz ist die Zeit, die dem Schreiber in Schachendorf zu verbringen gegönnt ist. Nur ein Schabbos und Sonntag.- Früh wird am Freitag die Arbeit beendet. Um fünf Uhr treffe ich die Jungens, wie sie sich für den Empfang des Schabbos vorbereiten. Und kurz darauf sehe ich sie schon bei einem Schiur Chumesch-Raschi sitzen, der vom rührigen Führer der Gruppe, Moritz N e u m a n n , geleitet wird. Schabboskerzen werden gezündet. Ergriffen versammeln sich die Olim in ihrem Beshamidrasch.. Der Leiter macht Kiddusch und schon hört man aus zehn jüdischen Kehlen „lebedike" Smiros. ,,Loß scheun san die G'ülo . , ." und „Lschono habo' b'Jeruscholajim" beherrschen das Repertoire. So vergeht der ganze Schabbos. Die Tefilos wechseln mit den Schiurim, dazwischen wird mit gutem Appetit — wohl auch für die Neschomoh-jessero — das von der Köchin, Frau Brunner, die sich wie eine Mutter um ihre „Kinder" kümmert, zubereitete Essen in heiliger Schabbosstimmung eingenommen. Bis bei der S'udoh-Schlischis, die sich in die späte Nacht hineinzieht, sozusagen der Höhepunkt erreicht wird. So verbringen unsere Olim den Schabbos und so verbringen sie die Wochentage, um auch die schwere Arbeit auf dem Felde als Awodas-Haschem zu betrachten. Von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends arbeiten die Hachscharisten. Und sie arbeiten im Schweiße ihres Angesichts. Wenn aber abends der Kizzur- Schulchan-Aruch aus dem Kasten gezogen wird, dann ist die Müdigkeit geschwunden. Mit offenen Augen und offenem Mund horchen sie auf die Worte des Vortragenden und kaum hat diesergeendet — schon sieht man alle wie erschlagen in ihren Betten. Von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends' — mit entsprechenden Pausen und Mittagsunterbrechung — arbeiten unsere Chawerim im Feld und im Wald, bei Nutz- und bei Zugtieren, in der Milchwirtschaft und in den Magazinen. Herrn Ungar un,d seinen Söhnen, die einen der größten und bestgeführten Landbesitze in Oesterreich verwalten (rund 300 Tiere beherbergt das Gut, die Milchproduktion beträgt etwa 1500 Liter täglich, nahezu zwei Waggon Frucht werden täglich expediert], gebührt der Dank für die Ermöglichung dieser Hachscharah und für die entgegenkommende Behandlung, die sie unseren Hachscharisten zuteil werden lassen. Es darf nicht daran gezweifelt werden, daß die Herren Ungar auch den Weiterbestand der Hachscharahstätte als wichtige Lebensaufgabe ansehen und durch weitestgehendes Entgegenkommen ermöglichen werden. Zertifikate werden für unsere Olim zur Verfügung stehen und es ist nur zu bedauern, daß derartige Hachscharahstätten nicht schon vor Jahren eingerichtet wurden. T. Durch die Luft nach Palästina. Wie werden wir allein schon durch die Technik Palästina heute nahe gebracht. Kaum 19 Stunden Luftfahrt von Deutschland aus: Leipzig—Budapest— Athen—Kairo—Gaza. Der Dienst wird durch die holländische Fluggesellschaft (K. L. M.} versehen, er ist die Teilstrecke der Linie Holland—Indien. Vorläufig fassen die Flugzeuge nur 5 Passagiere, doch im kommenden Winter schon, wenn erst die soeben erfolgreich ausprobierten Flugzeugtypen F 36 in den Dienst gestellt werden, wird 18 Passagieren die Annehmlichkeit wöchentlich geboten werden, im Fluge nach Palästina zu eilen. Und auch die Preise werden dann verbilligt werden. Zur Zeit bezahlt man für die Fahrt ab Deutschland rund 400 holländische Gulden. Donnerstag Mittag startet man von Leipzig via Budapest nach Athen; spätnachmittags ist man schon in der griechischen Haupsttadt, wo man noch Gelegenheit findet, „im Fluge" alle Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Man übernachtet und Freitag Früh geht es weiter nach Kairo, an Kreta, an anderen griechischen Inseln vorbei, kaum fünf Stunden über dem Meere, und schon um 10 Uhr vormittags landet man zu einem kurzen Aufenthalt in Kairo. Von da nach Gaza, ins Land der Philister, nur V/> Stunden. Autobusse bringen einen in zwei Stunden /von Gaza nach Jerusalem oder Tel Awiw. Es ist eigentlich kaum vorstellbar: Donnerstag Mittag frühstückt man noch gemütlich in Leipzig und Freitag .Mittag um 2—21/, Uhr wird man von seinen. Freunden in Jerusalem" oder Tel Awiw mit herzlichem Scholaum Aleichem begrüßt. — Liegt Palästina, so gesehen, nicht geradezu vor der Türe? Und wenn des hohen Preises wegen bis heute auch noch nicht allzuviel Gebrauch von dieser Linie gemacht werden dürfte, als P o s 11 i n i e.x ist sie für alle eine außerordentliche Bequemlichkeit.

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