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Der Israelit · 1934-07-05 · Heft 27 (5.7.1934) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 27 (5.7.1934)
Date
1934-07-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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KT Der Israelit N™27 Eine persische Marranenstadt in unseren Tagen- Am Sabbat nachmittag in Jerusalem, dem einzigen Sabbat, den ich in der heiligen Stadt verleben durfte, ging ich gegen Abend in das Viertel hinaus, wo die orientalischen Juden wohnen; wo die kleinen Jemeniten mit ihren schütteren Spitzbärtchen in ihren sauberen kleinen Wohnungen wie die Sultane auf ihren hochgebetteten Divanen Sabbatruhe pflegen, wo, eine Straße weiter, die Hünengestalten der Bucharen in ihren bunten Mänteln wie Könige vom Morgenland in ihre Bethäuser wallen. Ein kleineres Bethaus, das in seiner ärmlichen Einrichtung staik an eine litauische Klaus erinnert, wurde mir als eine persische Schul bezeichnet. Obwohl der Mittag schon sehr fortgeschritten war, wurde zum soundsovielten Male Mincha gebetet. Der reiche, schwere und stark verzierte Silberschmuck der Thorarolle hebt sich sehr von der Armut der Behausung und Einrichtung ab. Die Rolle ruht, wie überall bei den Orientalen, auch beim Vorlesen in dem massiven Silbergestell und steht aufrecht auf dem Pult, Die Aussprache ist sephärdisch mit näselndem orientalischem Akzent. Ich werde, zum dritten oder vierten Male an diesem Sabbat nachmittag auf meiner Wanderung durch die orientalischen Synagogen, aufgerufen, obwohl ich erkläre, daß ich den Segensspruch nach meiner Gewohnheit im heimatlichen Dialekte hersagen möchte, ,,En dawar!" („Macht nichts!") ist der stereotype Satz, mit dem der orientalische Jude über alle äußeren Unterschiede in Sprache und Gewohnheit hinweg dem europäischen Juden Gastfreundschaft und Bruderliebe erweist. Nach dem Minchahgebete bleiben noch einige Männer da, hocken auf ihren niederen Sesseln, starren in abgeklärter Ruhe vor sich oder beten etwas. Einer fällt mir ganz besonders auf und ich nehme ihn aufs Korn, aber er sieht und hört mich nicht. Das Buch, das aufgeschlagen vor ihm liegt, und die Worte darin sind scheinbar Schwingen, die ihn in höhere Regionen entführen. Wie alle Orientalen, hat der Mann statt Beinkleider weiten Frauenrock an, der bis zu den Füßen geht. Diese stecken in Filzpantoffeln, die er ohne Zuhilfenahme der Hände leicht abstreifen kann. Alle ziehen sie die Schule beim Gebete auf diese Art aus. Auf dem Kopf hat er statt Hut ein großes Tuch umgebunden, das ihn zu einem persischen Juden zeichnet. Ich gebe mir einige Mühe, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber alles vergebens. Es sind auch mir unbekannte Gebete, die er da verrichtet, wie mir scheint, alte kabbalistische,' die je mit einem Satze aus dem Hohen Liede beginnen und mit einem solchen aus den Psalmen schließen. Ich möchte gerne erfahren, wo der Mann her sei, womit er sich in den sechs Tagen der Woche ernähre, auch etwas über die Bräuche der „Perser" an Werktagen und am Sabbat. Es ist aber an ihn nicht heranzukommen. Ein jüngerer Mann in ähnlicher Kleidung steht dabei, betet nicht und glaubt, vielleicht aus Höflichkeit, mir Auskunft erteile; zu müssen. Diese Höflichkeit bekommt ihm nicht gut. „Socher b'Ofoth u Bezim" sagt er. Handelt mit Geflügel und Eiern! Da erleben wir etwas, was ich nie vergessen werde. Der Betende hält in seinem Singsang ein, Zornesglut färbt sein Gesicht und er ballt die Fäuste, als wollte er sich auf den Jüngling stürzen. „Blijaal (so viel wie Lump oder Schuft) mah tedaber beiiske Chol b'Schabbath köddesch?" „Wie wagst du es, von Wochentagsgeschäftsn am heiligen Sabbat zu sprechen? ..." Wir schämten uns ein wenig. Als sich die Sonne ganz gesenkt hatte und schon neue Leute kamen, die sich niederhockten, um mit Psalmen und eigenen Gebeten den Sabbat hinauszubegleiten, schließt unser Mann sein Buch, lehnt sich etwas erschöpft auf den Hocker, die Beine vor sich streckend. Nun gelingt es mir doch, mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, und es entrollt sich mir eine jüdische Tragödie aus der Gegenwart, die verdient, in der jüdischen Welt bekannt zu werden. Der Mann stammt aus der Stadt Maschah a d in Persien, wo heute noch 6000 Scheinmohammedaner leben, die vor knapp hundert Jahren, 1837, mit Gewalt zum Islam bekehrt wurden. In ihren inneren Gemächern, wie in ihrem Herzen sind sie alle treue Juden geblieben, die peinlich auf die Einhaltung des geringsten Gebotes bedacht sind. Aber sie besuchen die Moschee und pflegen alle islamitischen Gebräuche nach dem Gesetze der Schiiten, feiern auch die mohammedanischen Fast- und Festtage. Das Judentum ist das Geheimnis ihres Herzens, in das aber schon die kleinsten Kinder eingeweiht werden. Ihrer viele halten dieses Zwitterleben nicht aus und wandern nach Palästina aus, um ganz als Juden zu leben, zu diesen gehört auch mein Gewährsmann, Rachamim ben Chajim. Die Stadt Maschahad an der Grenze von Afghanistan gilt als bedeutendster Stützpunkt der Schiiten (der Muselmanen strengster Richtung). Dort befindet sich auch das Grab des Imam Musa Risa, eines der Begründer der schiitischen Richtung. Die Stadt ist zu gewissen Jahreszeiten Mittelpunkt für tausende Wallfahrer, die sich auf das Grab des Imam werfen, ist daher natürlich auch Sammelpunkt der Fanatiker aus Persien und allen arabischen Ländern, wo der strenge schiitische Kult herrscht. Die dort wohnenden Juden hatten von jeher unter dem Ausbruch der fanatischen Leidenschaften der Bevölkerung schwer zu leiden. An einem Tag im Jahre, genannt I s s u r a h, dem zehnten Tage in der Skala der Mucharamfeste, wird in der Stadt eine große Trauer abgehalten zum Andenken an den Märtyrertod der schiitischen Kämpfer. Die Aufregung und Begeisterung der fanatischen Muselmanen an diesem Tage kennt keine Grenzen. Es werden „Trauerphantasien" durch die Straßen geritten und in wilder Extase ziehen die Reiter ihre Schwerter und verwunden zum Zeichen der Trauer sich selbst und ihre Genossen, so daß viel Blut durch die Straßen fließt. Man trägt nach einem solchen Tage viele Tote und Verwundete vom Platze. Die Toten sind dann die Glaubenshelden, die in der Nähe von Mohammed alle himmlischen Freuden genießen. Einen solchen Märtyrer in der Familie zu haben, gilt als höchste Ehre. Juden pflegten sich an diesem Tage nicht auf der Straße blicken zu lassen. Aber einmal, es war im Jahre 1837, fanden die Fanatiker den Weg zu ihnen, zu den Juden. Mitten in die wilden blutigen „Phantasien" drang von irgendwoher der Ruf, die Juden hätten, um das heilige Fest zu schänden, einen Hund geschlachtet. Sofort richteten sich die Schwerter und Dolche, die die Fanatiker gegeneinander gezogen hatten, gegen die Judengasse, „Tod den G'ttesleugnern, den Schändern des Imam, des Islam und des Schiismus!" In ihrer Todesnot liefen die Juden zum Mulah, dem obersten Geistlichen der Stadt, Dieser sagte, er sei gegen die Wut des Volkes machtlos, es gäbe nur ein Mittel zu ihrer Rettung, nämlich, wenn sie samt und sondern sich zum Islam bekennen. Bekehrte genießen den Schutz Mohammeds und dürfen nicht angetastet werden. Es blieb nicht viel Zeit für Ueberlegung, denn schon hatte der Pöbel sein Vernichtungswerk begonnen. Unter dem Druck des blinkenden Stahles legten sie das Bekenntnis zum Schiismus ab, und schon wurde die Parole ausgegeben, die neuen Glaubensgenossen zu schonen. Sie bekamen den Titel „Gadid al Islam", die Gäste des Islam, mit dem sie heute noch bezeichnet werden. Seitdem leben die Juden von Maschahad, schon bald hundert Jahre lang, in diesem Zustande zwischen Judentum und Islam, Nach außen sind sie treue Mohammedaner, denen nichts nachzusagen ist, im Innern ihrer Häuser und Herzen sind sie aber Juden geblieben, die mit allen Fasern ihrer Seele" an ihrer alten Religion hängen. Schon die kleinsten Kinder werden in das Geheimnis ihres Judentums eingeführt, wobei ihnen die in Persien überall üblichen langen Hinterhöfe mit ihren verschlungenen Ecken und Winkeln sehr zugute kommen. In der Kinderschule, wo den Kleinsten die Lehrer der Religion beigebracht werden, wird im Flüstertone gelernt. Trifft ein Kind wegen Unaufmerksamkeit, wie im Orient üblich, die lange Rute des Lehrers noch so schmerzlich, so wird es nie einen Laut von sich geben, um die Schule nicht zu verraten. „Wie ich noch ein Kind war," erzählt mir mein Gewährsmann, „verließ ich einmal an einem Abend die Schule, Wir mußten immer einzeln nach Hause gehen, um nicht aufzufallen. Ich hielt eine kleine hebräische Bibel in der Hand, Da stieß ich auf einen Rudel persischer Jungen, die unbedingt sehen wollten, was ich da für ein Buch in der Hand hielt. Ich aber, wie von tausend Gefahren gejagt, lief mit dem Buch, das unser heiligstes Geheimnis enthält, unter dem Arm und konnte mich selbst wie dieses Geheimnis in den Hinterhof und in das Haus retten ,,." Wie sich von selbst versteht, verschwägern sich die Marranen von Maschahad nur unter sich. Um in dieser Beziehung Zumutungen von Persern zuvorzukommen, pflegten sie schon ihre jüngsten Kinder einander zu versprechen, zumeist schon gleich nach der Geburt. Kommt da ein Perser zu einem Juden, um für seinen Sohn die Tochter zu freien, so holt der Jude den vom Kadi bestätigten Verlobungsvertrag heraus und zeigt, daß seine Tochter schon längst vergeben sei. Am Sabbat sind die jüdischen Geschäfte offen, aber es ist kein erwachsener Jude darin zu sehen. Es sitzen nur Kinder drin, die den Auftrag haben, dem Kunden, egal was er verlangt, zu sagen, daß die Ware nicht vorhanden oder gerade ausgegangen sei. Ihr G'tteshaus befindet sich in einem tiefen Keller, wo man sogar am Rosch Haschanah Schofar blasen kann, ohne nach außen gehört zu werden. Zur besseren Vorsicht sind draußen jugendliche Wächter aufgestellt, um, wenn nötig, einen Wink zu geben. Seder und Pessachfest werden unter größten Schwierigkeiten durchgeführt, aber sie werden gehalten. Im übrigen ist es Pflicht eines jeden Juden, der sich das einigermaßen leisten kann, mindestens einmal in seinem Leben Jerusalem zu besuchen. Es gibt welche, die die Pilgerfahrt nach Mekka und auch nach Jerusalem gemacht haben und darum von beiden Seiten mit dem Titel „Chagi" (Pilger) beehrt wurden. Es ist bestürzend, daß heute noch, in einer Zeit, da die Juden in Persien im Allgemeinen Bürgerrecht genießen und keine Religionsbeschränkungen erleiden, eine ganze Gemeinde von 6000 Seelen nicht die Kraft aufbringt, sich aus den schweren Ketten des Marranentums zu befreien. Sollte nicht die jüdische Welt dieser

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