Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1934)
- Date
- 1934-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5. Juli 1934 Der Israelit Nr. 27 Seite 5 ein zerstörendes Naturereignis dazwischentrat, und alle Hoffnungen schienen mit ihm zu Grabe getragen zu sein. Es sollte aber dank den Bemühungen einer, tapferen Frau bei den Befürchtungen bleiben. Die Gattin des verstorbenen Rabbiners, die obendrein für eine zahlreiche Familie sorgen mußte, konnte sich niemals mit dem Gedanken abfinden, das große Erziehungswerk ihres Mannes zugrundegehen zu lassen und sie kämpfte, den größten Schwierigkeiten zu Trotze, für die Erhaltung der Anstalt, die mehr als einmal nahe daran war, ihre Pforten aus wirtschaftlichen Gründen schließen zu müssen. Als dann Ende vorigen Jahres der Sohn des Gründers, Rabbi Dr, Salomon Schönfeld, seine Jeschiwastudien in Litauen beendigt hatte und die Nachfolgeschaft seines Vaters als Rabbiner der Adaß Isroel-Gemeinde in Nord-London antrat, machte er sich' zu einer seiner Hauptaufgaben, sich dem Ausbau der Schule zu widmen. Und man kann hier mit Genugtuung registrieren, daß die ,,Jewish Secondary School" in diesem Jahre einen geradezu bewunderungswerten Fortschritt gemacht hat. Die Schülerzahl ist-von 15 bis auf 100 gestiegen und es konnte außerdem eine Vorbereitungsschule angegliedert werden. Das Lehrerkollegium, dem auch Dr. Judith Grünfeld-Rosenbaum, die bekannte Beth Jakob-Vorkämpferin, angehört, setzt sich aus zehn Lehrkräften mit Universitätsdiplomen zusammen. Die Schule, die reinsten Tauroh- Geist atmet und deren Hauptziel die Erziehung von orthodoxen jüdischen Persönlichkeiten ist, befindet sich heute auch auf profan-pädagogischem Gebiet auf besonderer Höhe und hat die staatliche Genehmigung zur Erteilung der ,,Matriculation"-Reife, dem Abitur in Deutschland entsprechend. Es wird in diesem Zusammenhange vielleicht von Interesse sein, daß günstige Vereinbarungen für die Aufnahme deutscher Kinder denen besondere Schulgelder mäßigung gewährt wird, gemacht werden. Eltern, die Einzelheiten erfahren wollen, können, wie mir Dr. Schönfeld mitteilt, Anfragen an das Sekretariat richten. Die Adresse ist: The Secretary of the Jewish Secondary School, 32, Alexandra Villas, Finsbury Park, London, N. 4. Durch einen glänzend organisierten Aufruf, der mit einem Bankett verbunden war, konnte vor einigen Monaten eine Summe von Lst. 3.000 gesammelt werden, und der Schule wurde es dadurch ermöglicht,, ein neues geräumiges Schulgebäude zu erwerben. Die Eröffnungsfeierlichkeiten desselben werden am 5. September mit Anfang des neuen Schuljahres stattfinden. Die Schule findet heute besondere Unterstützung bei der Gemeinde „Adaß Jisroel" und der „Union of Orthodox Congregations", aber darüber hinaus bei allen Kreisen der englischen Judenheit. Denn man gelangt allmählich zu der Erkenntnis, daß sich unser Jüdisch-Sein unmöglich allein in zeremoniellen Formalitaten erschöpfen kann, und daß deshalb Pflegestätten jüdischen Geistes auch in England entstehen müssen. „Was nützt es, Synagogen zu bauen und zu restaurieren, G'ttesdienst zu regeln und zu halten, wenn man nicht für eine Jugend, für eine künftige Gemeinde sorgt, die durch Geist und Leben würdig ist, sich im nOMil jra als die verjüngte ^NIW DDI3 vor G'tt zu sammeln ..." (S. R. Hirsch, Gesammelte Schriften V, S. 240). Und wenn der große Frankfurter Rabbiner in seinem Aufsatz weiter schreibt: „Darum Schulen, Schulen für jüdischen Geist und jüdisches Leben, Schulen für min und "pN "]VJ' darauf müßten alle unsere Bestrebungen gerichtet sein, dafür weit und breit alle gleichgesinnten Geister und die Kräfte aller gleichgesinnten Genossen sich vereinigen ..." — dann haben seine Worte auch heute nach vielen Jahrzehnten nichts an Aktualität verloren. Die dynamische Führergestalt Rabbiner Samson Raphael Hirschs hat, das empfindet man außerhalb Frankfurts, nicht nur für das vergangene Jahrhundert, nicht nur für seine Gemeinde gewirkt. Nein, die Ewigkeitswerte seines genialen Schaffens sind auch heute, und erst recht heute, von unschätzbarer Bedeutung für die heutige Judenheit. Wird es gelingen, die englischen Juden den Weg zu Rabbiner Hirsch zu führen, dann werden sie den Weg zur Tauroh beschreiten, dann werden sie Aufgabe und Ziel unseres Volkes verstehen. Es ist zu hoffen, daß die „Jewish Secondary School" unter der ausgezeichneten Leitung von Rabbi Dr. Salomon Schönfeld sich im Hirschischen Geiste weiter erfolgreich entwickelt und daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, in allen Teilen von England Lehranstalten für die religiöse und profan-bürgerliche Gesamtbildung der englisch-jüdischen Jugend in diesem Geiste zu schaffen. * » * Von anderer Seite wird uns zu dem gleichen Thema geschrieben: Wundervoll liegt das Grün der Wiesen in der englischen Landschaft, lädt ein zur Erholung und zur Freude des Sommers. Auf der großen Wiese am Rande der Stadt London spielen Knaben. Ein paar Aeltere zwischen ihnen sind ihre Lehrer. Sie sind alle hingegeben der Freude und dem Spiel. Sie tragen zum Sportanzug die blaue Kappe und auf ihr ein gelbgesticktes Abzeichen die goldene siebenarmige Menorah, sinnvolles Symbol der Jewish Secondary School, Englands einziger jüdischen höheren Schule, Zeichen, daß sie Schüler sind eines Ortes, von dem die Thora im englischen Lande neu aufstrahlen wird. Aufstrahlen wird. Wir sagen das mit dem Ton einer gläubigen Hoffnung, wenn wir das Gepräge dieser Schule betrachten. Ihren Feiertag und ihren Alltag. Wenn wir den Leiter sehen, den jungen englischen Rabbi, dessen köstlichster Arbeitsfaktor seine originale in östlichen Jesclliwaus gehämmerte Jüdischkeit und seine wohltätig fühlbare Jugend ist. Von innen her leitet er die Schule und gibt ihrem Alltag den Rhythmus wirklich jüdischen Lebens. — Jeden Morgen vor Schulbeginn ist Versammlung aller Schüler mit ihren Lehrern. Das Schir Hajaum (ürn-pw) und ein anderer Sang des Siddur leiten den Tag ein und geben den Auftakt zur vielfältigen Arbeit des Stundenplanes dieser höheren Realschule. Und weiterhin des Tages regeneriert sich die 'jbergeordnete jüdische Wesenheit der Schule im gemeinsamen Mesumen-Benschen nach dem gemeinsam eingenommenen Lunch und dem Minchah-Minjan vor dem Nachmittagsunterricht, Wem das Blut im Gleichtakt durch die Adern rollt, der muß sich wohl seiner Gesundheit nicht bewußt sein. Aber er i s t gesund. Und gesund ist der Gesamtorganismus dieser jüdischen Schule. Von 10—11 jeden Morgen fühlt man, daß diese Schule neben ihrem ,,Anstalts"dasein noch ein anderes wesenhaftes Dasein führt. Ein vom Jüdischen her dirigiertes und zum Jüdischen hinstrebendes. Um diese Zeit ist das feste Klassengefüge der Schule in Schwingungen geraten, denn aus den Klassen lösen sich Gruppen, die ihrer jüdischen Vorbildung nach zusammen gehören und unterrichtet werden. 10 Stunden in der Woche ist für jede Klasse dem jüdischen und hebräischen Unterricht gewidmet. 10 Stunden lang in der Woche ist keine „Schule" im landläufigen Sinne des Wortes. Sondern da steht plötzlich ein jüdisches Lehrhaus, wo die Interessen der Jugendlichen, unserem Wissen und unserem Anschauungsgut zugelenkt werden. Mit wachsendem Erfolg. Es ist keine kleine Arbeit bei der englischen jüdischen Jugend. Sie ist in gewisser Gefahr, in Beschlag genommen zu werden von Lernen und Leben. Von Rabb. Eliahu Botschko. (Aus einer Semestereröffnungsrede auf der Montreuxer Jeschiwa.) mra in' mn d»ö ->aVa by Viw ">m „Wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt, der seine Früchte zu seiner Zeit gibt ..." Manche gute und befähigte Schüler sind in die Hachschara für Palästina gegangen. Fürwahr, auch wir sind von einer glühenden Erez Israel-Liebe erfüllt und tausend Fäden der Thora und der Geschichte verbinden uns mit unserem heiligen Lande. Erez Isroel bedeutet uns nicht ein Land der Prosperite für Arbeitssuchende und ein Asyl für politische Flüchtlinge, sondern ein Land, das das Judentum geistig und kulturell hoch hebt und es befähigt, Träger des G'ttesgedankens zu sein, ein Land, wo man reine jüdische Luft atmet und wo die jüdische Zukunft erbaut wird. Nachdem uns alle unsere Hoffnungen und Glücksträume des Galuth so bitter enttäuscht haben, sind unsere Augen nun nach Erez Isroel gerichtet. Erez Isroel ist unser nächstes Ziel und einzige, wahre Heimstätte. Ab,er gerade deswegen müssen wir uns gehörig vorbereiten und nicht überstürzt hinlaufen. •oVn'nTöna xb '">>" Unsere Jugend soll nicht allein durch physischen Sport ihre Muskeln stärken, sondern ihr Hauptaugenmerk der Geistespflege und der sittlichen Ertüchtigung zuwenden und ihr moralisches Rückgrat starken. Auf dem Wege nach Erez Isroel gilt es, sich Thora ausgiebig anzueignen, um dann 'in Erez Isroel wirkliche Aufbauarbeit als1 echte Pioniere zu leisten. Erez Isroel ist heute noch im 'Verden begriffen. Viele Streitigkeiten müssen dort noch ausgefochten werden. D*35»irtä »m »o» Weh sollen wir da an die Front schicken? Doch wahrlich keine unausgebildeten Kinder, sondern nur fertige und zielbewußte Menschen, die das Richtige verstehen und das Beste für das Volk wollen. So ist es heute mehr denn je unsere Pflicht, uns zuerst in den Jeschiwaus Stärkung und Weihe zu holen, um so Palästina im Geiste der Thora aufbauen zu können. Wir müssen zuerst in „unseren Hachscharoth" gearbeitet haben, müssen zuerst das m PK das g'ttliche Feuer in den Herzen der Jugend entfacht haben, um sie dann als fertige „Chaluzim" im wahren jüdischen Sinne das Land betreten und bearbeiten zu lassen. Das ivs ->ipv 'n amN, „G'tt liebt die Tore Zions" übersetzen die Weisen mit na"?m DT'xnn W~wv G'tt liebt, die Pflanzstätten der Halacha. Unsere Parole ist: Dmx&R "i rnn» ">b wnw D'ia laV „Kommet Ihr Kinder, höret auf mich, G'ttesfurcht will ich Euch lehren". Was heißt jedoch G'ttesfurcht? „Halte dich vom Schlechten fern und übe das aw Gute ohne zu zaudern". Jemehr Lüge verbreitet wird, um so mehr Wahrheit müssen wir in die Welt hineinbringen und jemehr Finsternis herrscht, desto mehr Licht müssen wir verbreiten. Gehen wir wenigstens jetzt nach all diesen bitteren Enttäuschungen, die wir erlebt haben, keine falschen Wege mehr, sehen wir auf die ausgestreckte G'tteshand, die uns führt und uns den Weg weist. Ein Aufschrei, ein inbrünstiger, aus der Tiefe der Seele kommender Ruf zu G'tt, eine Rückkehr zur Thoraquelle kann uns nur noch retten. Und so soll denn heute unsere Parole sein: Zurück zum alten Weg, zurück zur Thora, zurück zum Beshamidrasch, zurück zu unserer eigenen Kultur, zurück zu unserer jüdischen Lebensweise. Wo ist das junge jüdische1 Herz, das nicht höher schlagen wollte, wenn es um die Rettung der Thora geht?! Wie ungeheuer nutzbringend sind schon einige Jahre Jeschiwoh für einen Jüngling, der von* sich aus die Sehnsucht nach Thora empfindet. In den jugendlichen Händen der Thorajünger liegt der Schlüssel zur Zukunft Israels und diese dürfen sich nicht von der Zeit mitreißen lassen. Nicht die Zeit darf den Menschen führen, sondern der Mensch muß die Zeit führen. Wir haben eine, politische und eine materielle Not. Bei einer Brandkatastrophe rettet man zuerst die Kinder, dann die Thorarollen und später erst die übrigen Gegenstände. In der heutigen Zeit der schweren Brandkatastrophe wollen wir erst unsere Kinder vor einem geistigen Verkommen retten, dann die Thorarollen, unser geistiges Gut, damit es kein Raub der Flammen werden soll. Zuerst retten wir die jüdische Seele und später wollen wir für das körperliche' Wohl sorgen. Die Thora sagt: "Dl "paV *JSa "]->pb& 71 m nanRl „Und liebe deinen G'tt mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen und schärfe sie ein deinen Söhnen." Das einfache Versprechen genügt aber nicht. Das Wesentliche bei allen Versprechungen ist immer die darauffolgende Tat, das vnvx\ nwsi Wenn der Arzt einen Patienten untersuchen will, schaut er suallererst nach dem Herzen, das die menschliche Zentrale ist. Wenn das Herz gesund ist, dann kann der Mensch alles ertragen, und allem widerstehen. Auch unsere jüdische Gesinnung und die Treue zu G'tt prüft G'tt anhand unseres Herzens. Erst nach der Erziehung, die wir unseren Kindern geben, läßt sich unsere Liebe zu G'tt messen und vorstellen. Erst wenn man das Kind der Thora zuführt und sie ihm einschärft, erst dann wird das Glaubensbekenntnis und der Treueschwur ernst genommen. Unsere Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß die Thora keine Unterbrechung erleidet, daß sie, die von unseren Vätern und yon uns selbst unter" soviel Opfern gehalten wurde, auch' "von unseren Kindern stolz und freudig erlernt und gehalten wird.