Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1934)
- Date
- 1934-06-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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28. Juni 1934 Der Israelit Keren H a j i s c h u w - B 1 ä 11 e r Nr. 3 Seite 3 SrundpFoßfeme der agucfistisefien fiocfiscfiorafi. Aus einem Referat von Dr. med. Siegfried Oppenheimer in Frankfurt a. M. Eine ganz besonders wichtige Stellung nimmt die Frage der Auswahl der Muchschorim ein. Bei der bisherigen Besetzung der Hachscha roth wurde häufig dieser Frage nicht die gebüh rende Beobachtung zuteil, die sie verdiente. Hierfür waren verschiedene Gründe maßgebend: Sobald die Hachscharoth eröffnet waren, ergab sich die Notwendigkeit, die freien Stellen so schnell als möglich zu besetzen, einmal, weil die in den Ländern gebildeten Flüchtlings-Komitees aus den Reihen der von ihnen betreuten Flüchtlinge eine Anzahl den Hachscharoth zuzuweisen wünsch ten, um den jungen Leuten eine entsprechende Beschäftigung zu gewähren, ferner aber auch, weil die Bauern, mit denen die Hachscharoth Verträge abgeschlossen, für die dringenden Heu- und Erntearbeiten Arbeitskräfte benötigten. Außerdem aber wandten sich an unser Wirtschaftsamt sehr viele junge Leute, welche entweder selbst ihrer Existenz beraubt waren, oder, deren Eltern und Angehörigen - infolge der plötzlich über sie hereinbrechenden Not eine Entlastung der Familie zu erzielen suchten. Dazu kam noch, daß viele junge Leute vom Lande, ebenso Kleinstadtbewohner, welche wohl aus orthodoxem Hause stammten, aber der Aguda bisher nicht angehört hatten, infolge des Druckes der Umgebung ihre Heimat verlassen mußten und ihr Augenmerk auf Erez Jisroel richteten. Es ist daher verständlich, daß aus allen diesen Gründen bei der Besetzung der Hachscharoth die charakterliche und religiöse Eignung nicht so scharf geprüft wurde, als es eigentlich erforderlich gewesen wäre, Wenn nun auch im allgemeinen die religiöse Führung der jungen Leute in den Hachscharoth zu schweren Beanstandungen keine Veranlassung gab, so dürfen wir uns trotzdem nicht verheimlichen, daß nicht alle Hachscharisten geeignet sind, als Pioniere agudistischer Gesinnung in Erez Jisroel aufzutreten. Ein schwerer Mißstand war es, daß die weitaus größte Zahl \inserer Haghscharoth ohne geistigen Führer bisher geblieben ist. Wir haben es an Bemühungen nicht fehlen lassen, für jede Hachscharah einen zuverlässigen, in der Jugendarbeit erprobten Führer ausfindig zu machen, da mit wenigen Ausnahmen nur auf diesem Wege die geistige Durchdringung der Muchschorim und die Beschäftigung mit Tauroh gewährleistet ist. Selbstverständlich ist in den Hachscharoth gelernt worden und in den meisten Zentren waren Rabbonim und Balebattim, die sich die geistige Betreuung und Anregung der Muchschorim nach Maßgabe der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit angelegen sein ließen. Auch wir haben es nicht daran fehlen lassen, die Hachscharoth mit D'HSD zu versorgen und sowohl durch Zusendung jüdischer Zeitschriften als auch fachwissenschaftlicher Literatur sie anzuregen. Allein es handelt sich um junge Leute von 18—20 Jahren, die einer dauernden Anregung bedürfen und mit ihrem Führer in ständiger Verbindung sein müssen. Nicht allein jüdische Bauern für Erez Jisroel zu erziehen, ist unsere Aufgabe, nicht die Berufsumschichtung des jungen Kaufmanns und Akademikers zu einem Handarbeiter, sondern es gilt, ein Geschlecht zu erziehen, welches fähig ist, den alten Gedanken des Taurohjuden auf dem alten Boden des uns von G'tt als Erbe zugeteilten Landes in die Tat umzusetzen. Erez Jisroel verlangt nach Taurohjuden. Wer die Berichte von Touristen über die religiösen Zustände in Erez Jisroel vernimmt, ich meine nicht nur die Berichte von Agudisten, ich meine Berichte von religiösen Juden, die jeder politischen Richtung innerhalb des Judentums fernstehen, und auch Berichte von religiösen Zionisten, der wird die Notwendigkeit der Masseneinwanderung orthodoxer Juden, der Einwanderung überzeugter und opferwilliger Agudisten nach Erez Jisroel als das Erfordernis der Stunde empfinden. Und trotzdem, oder gerade deswegen darf es nicht unsere Aufgabe sein, zur Erzielung einer Massenwirkung den Rahmen möglichst weit zu spannen. Wir müssen im Gegenteil bemüht sein, nur solche junge Leute nach? Erez Jisroel zu entsenden, welche im Leben und in der Tat den Gedanken der Tauroh verwirklichen, welche jedes Opfer auf sich zu nehmen bereit sind, um gerade in Erez Jisroel ihr Handeln den Lehren der Tauroh gleich zu richten. Unsere Hachscharoth dürfen daher nur solche jungen Leute umfassen, welche mit diesem Gedanken bereits vertraut sind und durch Schule, Jeschiwoh und Verkehr mit Gleichgesinnten Verständnis für die Ziele der Aguda erworben haben. Wir begrüßen es daher, wenn die Auswahl unserer Muchschorim ebenso wie die Wahl der einzelnen Führer durch die Bundesleitung des „Noar Agudati" vorgenommen wird, und werden bei der Besetzung der Hachscharoth uns der wertvollen Mithilfe des „Noar Agudati" versichern müssen. Und nun an die Arbeit! Zur 3 Wochen-Aktion für den Keren-Hajischuw, Unsere großen rabbinischen Führer in Erez Jisroel und der Diaspora haben gesprochen. — Abzüge dieser Aufrufe sind durch die Palästina-Centrale zu beziehen. Der Zentral-Rat der A. J. hat einmütig folgende Resolution» betreffs der POALE AGUDAS JISROEL angenommen: „Der Zentralrat lenkt die Aufmerksamkeit des ganzen thoratreuen jüdischen Volkes auf die agudistische Arbeiterorganisation in Erez Jisroel. Der Zentralrat ruft alle Glieder des thoratreuen jüdischen Volkes auf, dieser Organisation in ihrem schweren Kampfe um die Herrschaft der Thora im Wirfschaftsieben von Erez Jisroel zu Hilfe zu kommen und im besonderen ihren Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, sich im Lande ansiedeln zu können." Diesen Poale Agudas Jisroel gilt die 3 Wochen-Aktion des Keren Hajischuw, für welche wir in allen Gruppen um regste Mitarbeit ersuchen. Sammeltäschchen, Zirkulare sind durch die Palästina-Centrale erhältlich. Die erfolgreichsten 3 Sammler in jeder Gruppe erhalten Bücher-Prämien. Für das höchste Sammelergebnis ist eine Reise nach Erez Jisroel als Preisvorgesehen. (Vergleiche Sonder-Bekanntmachung.) In allen Gruppen ist dafür Sorge zu tragen, daß bis zum 9. Aw jeder Agudist zumindest 10 Pfg. für jeden Tag der 3 Wochen-Aktion also 2.10 Mk. spendet. Palästina-Centrale der Agudas Jisroel Frankfurt am Main, Schwanenstrasse 12 Nach den bisherigen Erfahrungen mußten wir zu unserem Bedauern feststellen, daß in der Praxis in manchen Hachscharoth die Zwecke der Hachscharah zu eng gefaßt wurden. Besonders in den Hachscharoth, in welchen die jungen Leute einzelnen Bauern zur Ausbildung zugewiesen wurden, smd ihre Kräfte so in Anspruch genommen worden, daß dieselben physisch zur geistigen Hachscharah nur in sehr beschränktem Maße fähig waren. Es hat -hier wohl vielfach bei der Hachscharahleitung keine Möglichkeit bestanden, die Bauern über die besondere Stellung dieser hnen zur Verfügung gestellten Hilfskräfte aufzuklären und ihnen begreiflich zu machen, daß diese Umstellung junger Menschen zu einem ihnen bisher abgelegenen Beruf auch eine besondere Berücksichtigung ihrer Kräfte und ihrer Interessen erfordere. Wir wollen nicht verkennen, daß es eine große Zahl religiöser junger Leute gibt, die aus irgendwelchen Gründen eine Berufsumschichtung vornehmen müssen und naturgemäß unter den heutigen Verhältnissen ihre Blicke auf Erez Jisroel. richten, die aber bisher nicht in der Lage waren, ihr religiöses Wissen so auszugestalten, wie es unseren Anforderungen entspricht (ich denke hier z. B. an junge Leute, die bisher auf dem Lande lebten oder in Gegenden, wo zum Lernen wenig Gelegenheit vorhanden war). Daß diese jungen Leute in ihren Bestrebungen gestützt und gefördert werden müssen, unterliegt keinem Zweifel. Die Aufgabe der Förderung dieser jungen Menschen fällt aber unseren Jugendgruppen zu, welche sich dieser speziellen Aufgabe unterziehen und durch Einrichtung von Kursen und Vermittlung von Stipendien zum Besuch von Jeschiwosdiesen jungen Leuten helfen und sie allmählich für den Besuch einer Hachscharah vorbereiten müssen. Bekanntlich besteht die Forderung, daß für die Erteilung eines Zertifikates eine einjährige' Ausbildung im landwirtschaftlichen Beruf nachgewiesen werden muß. Auf diesem Prinzip sollen die Hachscharoth im allgemeinen aufgebaut sein, Bisher konnte dieses Programm nicht in allen Hachscharoth durchgeführt werden, vor allem nicht dort, wo die landwirtschaftliche Arbeit im Winter infolge Kälte oder infolge Kleinheit des Betriebes unmöglich ist. Aber auch selbst dort, wo Bauern mit großem landwirtschaftlichem Besitz junge Leute während des Sommers aufgenommen hatten, erfolgten im Winter vielfach Entlassungen, so daß man in der Hachscharah in Verlegenheit war, wie die jungen Leute beschäftigt und weiter erhalten werden sollen. In einigen Hachscharoth gelang es, junge Leute während der Wintermonate bei Handwerkern als Lehrling unterzubringen oder wie z. B. in Riga in einer jüdischen Handwerkerschule. Die Verbindung von Landwirtschaft und Handwerk ist ein glücklicher Gedanke, sofern es sich um derartige Handwerksbetriebe handelt, welche mit Landwirtschaft in irgend einem Zusammenhang stehen. Ich denke hierbei in erster Linie an Schlosser, Schreiner, Stellmacher und Bauhandwerker. Dabei darf jedoch bei der Erziehung; junger Leute zum landwirtschaftlichen Beruf nicht vergessen werden, daß die genannten handwerklichen Berufe nur als Nebenberuf zu betrachten sind und eine Ausbildung hierin während der Wintermonate nicht die weitere Ausbildung auf dem Gebiete der Landwirtschaft in den Hintergrund drängen darf. Nach unseren Erfahrungen betrachten sich manche junge Leute, welchen es gelang, bei Sistieren der landwirtschaftlichen Tätigkeit zu Beginn des Winters eine handwerkliche Lehrstelle zu erhalten, nunmehr nach Ablauf eines halben Jahres, als ausgebildete Handwerker, wobei sie zunächst wohl bei Beantragung des Zertifikats, dann aber auch bei Ausübung des Berufes in Erez Jisroel schwere Enttäuschungen erleben werden. Wenn man von vornherein bei Gründung von Hachscharoth auch die Winterarbeit in den Bereich der Erwägung zieht, so müßte es gelingen, hierfür sowohl sachlich als auch finanziell einen Plan aufzustellen, der neben der theoretischen Ausbildung auf dem Gebiete der Landwirtschaft auch einen praktischen Unterricht auf dem Gebiete handwerklicher Ausbildung, so weit sie mit Landwirtschaft im Zusammenhang steht, umfassen, außerdem aber vor allem die geistige Hachscharah die Vertiefung jüdischen Wissens die Einrichtung hebräischer Sprachkurse, die Beschäftigung auch mit jüdischpolitischen Fragen berücksichtigt. Auch unsere Führer für die einzelnen Hachscharoth, deren Unentbehrlichkeit gar nicht genug betont werden kann, bedürften der vorherigen Schulung, vor allem im Hinblick darauf, daß für alle Hachscharoth nach einem einheitlichen Plan vorgegangen, werden soll. Wir dürfen hoffen, daß unsere Verbindung mit dem „Noar Agudati" sich auch hierbei fruchtbringend gestalten wird. Der „Noar udati" dürfte in erster Linie geeignet sein, Führerkurse einzurichten, um uns s o bald in den Stand zu setzen, die Einrichtung der Hachschaoth nach einem einheitlichen Plan vorzunehmen.