Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1934)
- Date
- 1934-06-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr, 26 Der Israelit 28. Juni 1934 danken auszuführen, kroch er auf den großen Backofen, setzte sich in einen Winkel und dort im Verborgenen sagte er mit leiser Stimme Thil- Hm. An seine frühree Beschäftigung ging er nicht mehr. Als sein Weib dies sah, rief sie ihm zu, er solle doch an seine Arbeit gehen. Er jedoch gab gar keine Antwort. Sein Mund hörte nicht auf, die Loblieder König Davids herzusagen. Da nun das Weib sah, daß ihr Rufen erfolglos blieb, ging sie laut weinend von ihm weg. Des andern Morgens kam sie wieder, bat und weinte, er möge sich doch ihrer und der Kinder erbarmen und zu seiner Arbeit zurückkehren, da doch hiervon ihr Leben abhänge. Doch ihr Bitten und ihre Tränen blieben erfolglos. Da geriet das Weib in große Sorge ob des Betragens ihres Mannes, ob seiner Hartnäckigkeit und Starrsinnigkeit. Sie erschrak sehr und rief: ,,0 Herr G'tt! Was habe ich gesündigt und womit habe ich mich vergangen, daß Du ein so großes Unglück über mich gebracht hast? In meinen Mann ist ein böser Geist gefahren und er ist, G'tt behüte, um den Verstand gekommen!" Doch sie faßte sich, um niemand ihren Kummer zu zeigen, damit ja niemand erfahre, was in ihrem Hause vorgefallen. So oft sie aber zu ihrem Manne hinging, um ihm zuzureden und um zu erfahren, warum er seiner Beschäftigung nicht nachgehe und für den Unterhalt der Familie sorge, gab er keine Antwort, rührte sich auch nicht vom Platze, wo er saß und leise seine Psalmverse hersagte. Ihr schien es sogar, daß er sie überhaupt nicht sehe. Das Weib litt schwer. Die ganze Last des Hauses lag ihr nun ob, sie aber konnte nichts tun, da sie von jeher nicht gewohnt war, sich um den Unterhalt für die Familie zu sorgen. Ihr Mann, stets gesund und frisch, stand jeden Morgen früh auf und giö^ ins Bethaus, um das Morgengebet zu verrichten. Nachdem er dann gefrühstückt hatte, ging er hinaus an die Arbeit, kehrte des Abends heim und brachte ihr den Verdienst des Tages, Und so ernährte er seine Familie von der Arbeit seiner Hände, Was sollte sie nun jetzt beginnen. Das wenige Geld, das sie hatte, ging zu Ende, die Kinder verlangten nach Brot, und da war keins mehr vorhanden. Und da nun die Not aufs Höchste gestiegen war, kam ihr der Gedanke, einen Menschen aufzusuchen, der ihren Mann vertreten und seine Arbeit verrichten solle, bis sich der liebe G'tt seiner erbarmen und ihn wieder gesund machen wird und ihm sein Verstand wieder zurückgegeben ist. Gedacht, getan! Sie ging auf den Marktplatz, fand auch dort einen Mann, zu dem sie sprach: „Willst Du Dir soviel verdienen, wieviel Du für den Tag brauchst, so nimm das Pferd und den Wagen, fahre hinaus zu den Lehmgruben, lade den Wagen voll, kehre dann zur Stadt zurück und verkaufe den Lehm. Den Erlös werden wir zu gleichen Teilen teilen," Der Mann willigte ein, spannte das Pferd an den Wagen und fuhr zu den Lehmgruben. Niemand außer ihm war da. Da band er das Pferd los und ließ es auf dem Felde weiden, er aber machte sich an die Arbeit. Er fing zu an zu graben, doch plötzlich hörte er einen Klang, als ob der Spaten an etwas Hartes angeschlagen und es zerschlagen hätte. Er bückte sich, um nachzusehen, was es wäre. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er einen zerschlagenen irdenen Krug erblickte, der voller Golddukaten war. Da rief er voll Freude: ,,Fürwahr, da habe ich ja einen Schatz gefunden!" Er kniete nieder, sammelte die Goldmünzen, lud sie auf den Wa'gen, daß er voll würde, breitete darüber die Strohmatte, die er mithatte, damit niemand merke, was er auf dem Wagen habe. Dann holte er das Pferd, spannte es an den Wagen und gedachte den Schatz heimlich in sein Haus zu bringen. Der Frau, die ihm Pferd und Wagen anvertraut hatte, wollte er nichts davon sagen, vielmehr den Schatz für . sich behalten. Aber der Mensch denkt und G'tt lenkt. Kaum hatte der Mann den Wagen zurechtgemacht und das Pferd daran gespannt, als plötzlich das Schmettern einer Trompete erscholl, das Pferd erschrak, setzte sich in Galopp und zog den Wagen mit sich fort. Der Mann hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt, als das Pferd und der Wagen seinen Blicken entschwunden waren. Um die Mittagszeit, die Frau stand in der Stube voller Sorge um ihren Mann und wie ihre Familie vor Not zu bewahren, da hörte sie plötzlich den Huf schlag eines Pferdes ' und das Geräusch von Wagenrädern. Sie lief in den Hof, da sah sie ihren Wagen, wie gewöhnlich mit der Strohmatte zugedeckt, sah das an den Wagen gespannte Pferd, aber vom Fuhrmann war keine Spur zu sehen. Da befiel das Weib eine schreckliche Angst, und sie fing an jämmerlich zu weinen und zu klagen: ,,0 wehe mir! Wer weiß, welch' ein Unglück dem Fuhrmann zugestoßen, wenn das Pferd ohne ihn zurückgekommen ist. Ich wollte meine und der Meinigen Lage verbessern, brachte jedoch noch größeres Leid über uns." So jammernd trat sie an den Wagen, hob die Matte auf und sah, daß der Wagen voller Golddukaten war. Erschrocken fuhr sie zusammen und blieb wie versteinert stehen. Und wie sie so dastand, das Herz voller Schrecken, die Gedanken wirr, kam der Fuhrmann, verwirrt und bestürzt, in Schweiß gebadet, gelaufen. Einen Augenblick blieb er stehen, schöpfte tief Atem, dann erzählte er alles, was ihm begegnet war, seitdem er mit dem Wagen weggefahren war. Nun war alle Not zu Ende! Sie teilten den Schatz untereinander, dankten dem Allmächtigen ob des großen Wunders, das er ihnen bewiesen, und priesen Ihn, der die Armen aus dem Staube emporrichtet, die Dürftigen aus dem Kote erhebt und sie den Edlen des Volkes gleichsetzt. Die beiden Reichgewordenen nahmen sich nun einen Lehrer, einen großen, berühmten Talmid Chcchom, der nun die ganzen Tage mit ihnen lernte, so daß sie mit der Zeit selbst angesehene und in ihrer Gemeinde geehrte Männer wurden und erzogen ihre Kinder zur Thora, zur Chuppa und zu Maaßim Towim, 0, mögen auch wir dahin gelangen, zu sehen das Licht des Ewigen, und gespeist zu werden von seiner vollen, offenen, heiligen und freigebigen Hand, damit wir nicht beschämt und nicht zu Schanden werden in Ewigkeit! Amen. Worträtsel- Mit b kennst Du den Vogelsohn, Der nutzlos zahlte reichen Lohn. Mit "> kommt es in großer Eile, Und hält dann an nur kurze W-sile. Einmal war es ein tapferer Mann, Führte Schlachten, die eine Frau ersann. Nun rate, wer raten kann. Vermischtes* Berlin, 24. Juni. Die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland und die Agudas Jisroel-Gruppen Berlin veranstalten Sonntag, den 1. Juli, 19 Uhr präzise, in der Synagoge der Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Jisroel) Berlin NW 87, Siegmundshof 11, einen Hesped auf den heimgegangenen Oberrabbiner Dr. Samuel Spitzer b"ST' Hamburg. Es spricht Herr Rabb. Dr. Hermann Klein, Berlin. Es wird um zahlreiches Erscheinen gebeten. Berlin, 18. Juni. Das Patenschaftskomitee des Schulwerks der Adaß Jisroel teilt mit, daß die öffentliche Ziehung der Lose am Sonntag, den 24. Juni, 12 Uhr, in der Turnhalle Siegmundshof 11 stattfindet. Berlin, 15, Juni, In der letzten Sitzung des „Zentralausschusses" wurde Frau Lola Hahn -Warbürg, Herr Wilhelm Marcus und Herr Dr. Michael T r a u b in das Plenum des „Zentralausschusses" gewählt. Berlin, 20. Juni. Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände teilt mit: Nachdem die Vortragsreihe des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände, die von der Freien Jüdischen Volkshochschule veranstaltet wurde, einen starken Widerhall in der jüdischen Jugend fand, hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, der jüdischen Jugend in gemeinsamen Vortrags Veranstaltungen Gelegenheit zu geben, sich über die Arbeit wichtiger Institutionen oder Persönlichkeiten zu informieren. Das Bedürfnis nach einer solchen Information wird von allen im Reichsausschuß vertretenen Bünden bejaht. D i e agudistische Jugend hält jedoch aus Gewissensgründen eine gemeinsame; Durchführung dieser Information nicht auf allen Gebieten für möglich. Diesen Bedenken wird dadurch Rechnung getragen werden, daß nicht der Reichsausschuß, sondern die übrigen in ihm vertretenen Jugendbünde selber als Veranstalter dieser Vortragsreihe auftreten. Mainz, 25. Juni. Im Rahmen der Agudas Jisroel sprach hier vor einigen Wochen Herr Rabbiner Dr. Carlebach, Köln über Erez Jisrael. Es war kein Reisebericht, sondern der zu Urteilen und Problemen, verdichtete Niederschlag der Eindrücke, die der Redner auf seiner Palästinareise gewonnen hatte. Er schilderte die einzigartige Verbundenheit aller jüdischen Passagiere während der Fahrt, da alle ungeteilt die Sehnsucht, in das Land zu kommen, beherrscht. Aber schon im Augenblick der Landung sei die strenge Scheidung der Geister und Interessen zu •verspüren. — Es folgten die Eindrücke von dem Aufbau und der Besiedlung des Landes, wobei der Redner einleuchtend hervorhob, wie das Wort Jischuw einen Doppelbegriff darstelle, nämlich in seiner statischen Bedeutung als seßhaftes Wohnen und seiner dynamischen Bedeutung als Besiedeln, und wie dieser dynamische Wortbegriff den modernen Jischuw charakterisiere. Ueber das Werden und die innere Zusammensetzung des sogenannten alten Jischuw, dessen Wesensart und Existenz zu wenig bekannt ist, gab der Redner einen eingehenden Bericht. Die Frage, warum vor der Welle des neuen 31!" man nur ver-. einzelt in Erez Jisrael wohnte und lebte, ohne daß sich viele zur Rückkehr in unser Land verpflichtet fühlten, wußte der Redner bis zur Gewissensfrage zu steigern. Hieran schloß sich die Schilderung der heutigen Siedlungen und ihrer jüdischen Haltung, wobei die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen i ~~ besonders augenfällig wurden. — Es würde zu wsit führen, alle Einzelheiten, vor allem auch die schönen talmudischen Vergleiche des geistreichen und packenden Vortrags zu zitieren. Nur das darf noch erwähnt werden, daß die echte glühende Liebe zum Lande und die Aufrichtigkeit, die aus jedem Worte sprachen, dem Abend eine besonders warme Note erliehen und nicht nur geistig, sondern auch seelisch bereicherten. Siegburg, 15. Juni. Am 14. Juni hielt hier Herr Rabbiner Dr. Wolf, Köln, der erst diese Woche von Erez Jisroel zurückgekehrt ist, einen Vortrag über die Eindrücke dieser Reise. Der Redner schilderte in ergreifenden Worten, wie er dort das D^iai^ D'ia i3tm erlebt hat. Dies muß der Geullah vorausgehen. Erst die allmähliche Rückkehr der versprengten Teile Israels in das heilige Land und nur ein g'ttgeweihtes Leben in ihm wird die Geullah herbeiführen. Hinter der Kaussel Maarowi steht G'tt und deshalb haben wir den festen Glauben und die Hoffnung, daß wenn auch heute das Leben in Erez Jisroel noch nicht vollständig unter der Herrschaft der Tauroh steht, doch allmählich das Land seiner g'ttlichen Bestimmung näher kommen wird. Mit sichtlicher Ergriffenheit folgten die überaus zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder den glänzenden Ausführungen des Redners und hat der Vortrag dazu beigetragen, das Interesse für unser Land zu stärken und die hiesige Erez Jisroel-Arbeit zu aktivieren. "F. H. Bocholt, 25. Juni. Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer am Niederrhein hält ihre Versammlung am 8. Juli, 16 Uhr wieder in Mülheim (Ruhr) ab: Erläuterung einiger Raschi- und Talmudstellen. Lernen nwia 'M (Fortsetzung.) Regensburg, 20. Juni. Am 30. Mai veranstaltete die hiesige Kultusgemeinde im Musiksaal der Augustiner-Brauerei ihren ersten Kulturbundabend, welcher von zahlreichen Angehörigen der hiesigen sowie umliegenden Gemeinden besucht war. Nach einer Begrüßungsansprache des ersten Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Öet tinger, trug- Herr Mendel Lewkowitz, ein junger anstrebender Gesangskünstler unserer Gemeinde, zwei hebräische Gesänge vor und bewies durch seinen klang- und gefühlvollen Vortrag ein starkes gesangliches Können. Die Klavierbegleitung hatte Frau Dr. Lehma.nn übernommen. Herr Rabb. Dr. B ä r w a 1 d , München referierte hierauf über das Thema „Die Bibel — ein Lebensbuch" und führte die Zuhörer durch das ganze Gebiet des Tnach. Die Veranstaltung fand großen Beifall. Würzburgj , 26. Juni. Herr Seminarrabbiner Dr. Unna verläßt nach einjähriger Tätigkeit die Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg, um nach Erez Jisroel überzusiedeln. Nun steht die Leitung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt vor der Aufgabe,, einen Mann zu finden, der sich seinen Vorgängern Dr. Neubauer und Dr, Unna würdig anzureihen vermag.