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Der Israelit · 1934-06-28 · Heft 26 (28.6.1934) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 26 (28.6.1934)
Date
1934-06-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Israelit Nummer 26 1934 Feuilleton Beilage Der herausgefallene Vogel. Eine Parabel. Von Saul Maus. Es war Sonntagmorgen und der Himmel so blau und die ganze Welt in so viel Licht getaucht, daß Dantsche unwillkürlich einen andern Weg einschlug. Gestern, am Sabbat, hatte er den ganzen Nachmittag mit seinen Freunden im Freien gespielt. Seine Sinne waren noch ganz aufgelöst, und es schien ihm unmöglich, jetzt aus diesem Glanz in die enge, dumpfe Stube zu gehen. Fast gegen seinen Willen bog er in die Richtung der großen Wiese ein, ging durch die offene Stelle im Zaun, wo das Brett fehlte und befand sich draußen auf dem Rücken des hohen Berges St. Lazarus. Eine neue Welt tat sich vor ihm auf. Er saß ganz allein, und niemand hätte ihn dort entdecken können, weil die hohen, rotglänzenden Weidenruten ihn mit ihren grünen Blättern dicht umgaben. Dantsche saß lange unbeweglich und fühlte, wie seine Seele mit der Weite verschmolz, die sich vor seinem Blick ins Unendliche dehnte. Hinter ihm war der Zaun und dahinter die Wiese vor dem Waisenhaus und den letzten Häuserreihen der Stadt. Vor ihm aber wölbte sich blauer, durchsichtig blauer, endloser Himmel. Tief zu seinen Füßen lagen weite Wiesen, in der Mitte strahlte wie der Leib einer lauernden Riesenschlange silbern der Fluß, und hinter ihm in der Ferne reihten sich buntfarbig unzählige viereckige Felder, Noch weiter standen in tiefblauen Reihen stille Wälder, hinter denen sich zarte luftige Bergketten vom Horizont abhoben. Ringsherum war es unendlich still. Nur die leisen Schritte des Windes waren vernehmbar, bei dessen Vorübergehen die Blättchen der Weidenruten zitterten und flüsterten. Hier und da summte eine Fliege vorbei. Eine braun-gestreifte Biene setzte sich auf einen Grashalm und wiegte sich auf und ab. Zwei Schmetterlinge schwebten und flatterten wie losgelöste gelbe Stiefmütterchen um Dantsche und schienen die Stille noch größer zu machen. Dantsches Seele verwob sich mit der Seele der wesenden Natur in einen einzigen ungestörten Traum. Links ragten etwa in Augenhöhe zwei Dächer eines Hauses und eines etwas niedrigeren. Anbaues empor, die tiefer am Abhang hinter dem Zaun standen, und deren Wände nur teilweise zu sehen waren. Dantsche sah sie erst jetzt, als er plötzlich von dem gellenden Gezwitscher zweier Spatzen aus seinem Traum gerissen wurde. Nun sah er auch, daß in einem Spalt unter dem Dache des Hauses die Spatzen ihr Nest hatten, das sie jetzt unter lautem, aufgeregtem Rufen umflogen. Ein junger Spatz war aus dem Nest herausgefallen und flatterte nun unbeholfen von einem Gesims der Steinwand auf das ändere. Die Alten eilten hinter ihm her, umflogen das Junge und riefen und lockten. Der junge Vogel aber entfernte sich immer weiter vom Nest. Plötzlich flog er in ein halboffenes Fenster. Das Elternpaar schrie verzweifelt. Einer von ihnen suchte ein Krümchen auf, wagte sich an das Fenster heran und so lockte er tapfer den ahnungslosen jungen Spatz aus der großen Gefahr, Auf der steinernen Fensterbank außerhalb der Gefahrzone schnäbelten sich die beiden Vögel, und der alte flog voran und zeigte dem jungen die Richtung zum Nest. Der junge Spatz flog auch nach, verlor aber das Gleichgewicht, schwankte in der Luft hin und her, fiel an der Steinwand ein Stück herunter und blieb wieder auf einem Vorsprung sitzen. Da kam der zweite Vogel und versuchte es dem jungen vorzumachen, und alle drei piepsten und zwitscherten jämmerlich. Als der junge Spatz noch einmal dem Alten nachfliegen wollte, plumpste er diesseits des Zaunes auf die Erde und saß dicht vor Dantsche im Grase. Der kleine Spatz zitterte am ganzen Leibe, spreizte hilflos die herabhängenden bebenden Flügelchen und schrie mit dem grünumrandeten weit aufgesperrten Schnabel. Da kam eine Schwarzdrossel und stellte sich neben ihn. Der junge Spatz lief auf sie zu und sperrte den Schnabel auf, als wollte er von ihr gefüttert werden. 'Dantsche dachte: Wenn die Schwarzdrossel ihn jetzt entführte, würde dann dieser junge Spatz eine Drossel werden? Aber die Schwarzdrossel zog zwei Regenwürmer aus dem Boden, zerstückelte sie und verzehrte ihren Raub, ohne sich im geringsten um den schreienden Spatz zu kümmern. Dann kam eine Krähe, und auch ihr lief der Spatz nach. Plötzlich aber erstarrte Dantsche vor Sclireck. Vom Zaun sprang eine Katze herunter. Aber als sie Dantsche sah, machte sie einen Buckel, starrte ihn mißtrauisch an und sprang wieder über den Zaun. Die alten Spatzen schrieen währenddessen aus Leibeskräften, flogen aufgeregt mehreremal zu dem Jungen hin, fütterten es und lockten es immer wieder in dieselbe Richtung, bis der junge Spatz ihnen endlich nachflog. Und Dantsche sah, wie er ihnen bis auf das Dach des Anbaues folgte, über dem ein Stück höher das Nest war. Während der eine den jungen Spatz weiter lockte, fütterte der andere die im Nest zurückgebliebenen Vögel. Direkt in das Nest hineinzukommen war aber sehr schwer, Zuerst mußten sich die Vögel auf den Ziegelstein stellen, der aus dem Schornstein des Anbaues herausgefallen und am Rande des Daches in der Rinne hängengeblieben war. Dieser herausgefallene Ziegelstein diente ihnen als Sprungbrett unmittelbar in das Nest. Auf diesen Ziegelstein lockten nun die Alten nach jedem mißlungenen Versuch das Junge. Und tatsächlich, nach einigen Stunden war der junge Spatz wieder im Nest. Aber zum größten Schrecken Dantsches flog er kurz darauf wieder heraus. Keck und selbstbewußt hüpfte er jetzt auf dem Dache herum, setzte sich von selbst auf den Ziegelstein und war bald mit einem kühnen Satz im Nest. Und das Spiel schien ihm zu gefallen, denn er wiederholte es wieder und wieder. Dantsche erkannte, wie er es jetzt aus purer Abenteurerlust und Waghalsigkeit tat: als wollte er seinen Brüdern, die sich nicht aus dem Nest getrauten, zeigen: Wer wagt, gewinnt. Er war es, der als erster unter ihnen das Fliegen gelernt hatte. Und während seine Geschwister noch ängstlich im Neste piepsten, .war der Herausgefallene von Erfahrungen gewitzigt und konnte spielend aus- und" einkehren. Dantsche saß selbst- und weltvergessen auf dem Berg mit dem Rest seiner Butterbrote in der Hand. Lange Schatten legten sich auf die in rotes Licht getauchten Wiesen und Felder, In der Ferne quakten die Frösche. Der Himmel aber wurde immer bleicher und durchsichtiger und phosphorreszierte über der dämmernden Erde wie ein Edelstein. Als Dantsche nach Hause ging, stand bereits ein Stern vereinsamt in der Mitte des Himmels. Kinderecke, Der Lohn der Thora. Dem Buche „Sichron Tow" (Piotrkow 5692) nacherzählt von Josef Brader, Vor langen, langen Jahren lebte in der Stadt Apta ein großer Rabbi, ein frommer, g'ttesfürchtiger Mann, ein einziger in seinem Zeitalter. Beliebt bei den Menschen, von großer Bescheidenheit trotz seiner großen Gelehrtheit, kam er mit seinem Gruße einem jeden Menschen zuvor, selbst Andersgläubigen kam er stets freundlich entgegen. Er liebte die Thora und die sich mit ihr beschäftigten, und suchte auch die Unwissenden in Israel ihrem himmlischen Vater näher zu bringen. Er wandte seine Augen ab, um nicht das Böse der Sünder zu sehen und bemühte sich, sie vom Bösen abzubringen. Sein Leben lang hielt er sich von allem Häßlichen fern. Er jagte den guten Taten nach, und wenn es ihm nicht möglich war, sie selbst auszuüben, so brachte er Andere dazu. Seine Zeit behielt er in seiner Macht und beherrschte sie ganz, so daß auch nicht der geringste Moment seiner Lebenstage ungenützt verloren ging. Sein Mund ruhte nicht vom Lernen, höchstens in dem Augenblicke, als er mit der Ausübung einer andern Mizwah beschäftigt war. Und weil ihm die Thora lieb war und weil er wußte, daß die Welt nur erschaffen wurde, damit sich Jisroel mit dem Thorastudium beschäftige, verkündete er immer und überall das Lob der Thora und das Lob derjenigen, die sich mit ihr beschäftigen. Eines Tages nun hielt der Rabbi in der Synagoge eine Derascha. Er pries die Thora und die Männer, die ihre Nächte zu Tagen machen, um den Vers „Du sollst darüber sinnen Tag und Nacht" in seiner vollen Bedeutung zu erfüllen, die ihr Vertrauen auf G'tt setzten, daß Er sie ernähren werde. Er hielt Strafpredigten an das Volk, weil es nachlässig war im Lernen der Thora, die ja „ein Baum des Lebens ist denen, die sie festhalten." Seine Reden würzte er mit Versen aus der heiligen Schrift und mit Aussprüchen unserer Weisen. In großer Erregung und Begeisterung rief er zuletzt: „Ich bin dessen ganz sicher, daß G'tt, der Isroei seine Thora gegeben hat, allen denen, die sich mit ihr um ihrer selbst willen beschäftigen, auch Nahrung und Kleidung geben wird!" Unter den Anwesenden war auch ein einfacher, einfältiger Jude, dessen tägliche Beschäftigung das Graben nach Lehm war. Jeden Morgen begab er sich in die Lehmgruben und brachte von dort Lehm in die Stadt und verkaufte ihn hier. Mit dieser sowohl den Körper als auch die Seele zerbröckelnden Arbeit verdiente er zur Not, was' er für den Unterhalt seiner Familie nötig hatte. Als er nun die Worte des Rabbi hörte, glaubte er an sie nach ihrem einfachen Wortsinne, Er ging nach Hause mit dem festen Entschlüsse, von nun an alle seine Zeit nur der Thora zu widmen. Da er aber ein Am Haarez, ein Unwissender, war, wußte er nicht, auf welche Weise sich mit der Thora zu beschäftigen. Er dachte aber in seinem Herzen: „Meine Seele gelüstet nach der Thora, weil ich aber darin nicht geübt bin und es mir daher sehr schwer fallen würde, so will ich Tag und Nacht Thillim (Psalmen) sagen." Und da er fürchtete, seine Hausleute würden es vielleicht nicht zulassen, seinen guten Ge-

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