Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1934)
- Date
- 1934-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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28. Juni 1934 Der Israelit Nr. 26 Seite 5 Die Spannung zwischen der benötigten und der vorhandenen Zahl jüdischer Arbeiter wird immer größer. Araber kommen und besetzen jüdische Arbeitsplätze. Nicht nur Araber aus Palästina, sondern auch aus den Nachbarländern. Shertok versichert, daß wir den Aufschwung der arabischen Bevölkerung keineswegs mit feindseligen Gefühlen beobachten, auch nicht die Vorteile, die den Arabern von den Juden unmittelbar oder mittelbar durch die den Arabern von der Regierung gegebenen jüdischen Gelder geboten werden. Wir kommen nach Palästina nicht als eine Armee von Eroberern oder wie eine fremde Besatzungsmacht, die alles gewaltsam zu erfassen sucht. Wir zahlen für alles mit gutem Gelde. Unsere ganze Entwicklung in Palästina ist eine lange Reihe von Zahlungen an die Araber. Die Juden haben ein Interesse an der Hebung des Lebensstandards der Araber, erstens, weil damit die Araber zufriedengestellt werden würden und keinen Grund zu Klagen und Erbitterung hätten; zweitens, weil wir eine jüdische Industrie aufbauen, die sich um so besser entwickeln wird, je größer die kaufkräftige Bevölkerung im Lande ist; und drittens, weil es um so leichter sein wird', den Grundsatz jüdische Arbeit in jüdischen Unternehmungen durchzuführen, je weniger Arbeitslosigkeit es tmter den Arabern geben wird. Hungernde Brüder in Rußland. Das Deutsche Rote Kreuz veröffentlicht nachstehende Mitteilung: „Die katastrophale Dürre, über die Meldungen aus Amerika, Indien und vom Balkan täglich einlaufen, droht auch in Rußland zu einer Mißernte zu führen. Ein deutscher Kolonist von der Schwarzen Erde, dem fruchtbarsten Gebiet Europas, schreibt an seine Geschwister in Deutschland Ende Mai: „Wir stehen jetzt hilflos und ratlos da und wissen nicht, wie oder wo ein Stückchen Brot herkommen soll. Leben von ein wenig Welschkorn, welches auf der Maschine gemahlen wird, mit Kraut durchkocht und das ist unsere tägliche Speise. Haben nicht einen Rubel Geld, um noch was zu kaufen. Welschkorn kostet auf dem Markt 16 Kilogramm 45—50 Rubel, Weizenmehl 80—90 Rubel und ist hin und wieder zu kaufen. Der Hunger ist ein schrecklicher und gefährlicher Gast. Die Aussichten sind jetzt so, menschlich genommen, daß viele vor Hunger werden umkommen, wenn nicht eine ganz besondere Hilfe einlaufen wird. Es ist hier eine große Dürre. Nicht nur in einem Rayon, sondern in der ganzen Ukraine haben wir noch keinen Regen gehabt. Das Getreide ist noch ganz klein und zudem auf vielen Stellen schon verbrannt." Aehnliche Berichte laufen täglich bei dem Hilfswerk „Brüder in Not" ein. Es wendet sich an alle deutschen Volksgenossen mit der dringenden Bitte um Rettung des deutschen Volkstums in Rußland. Ein Betrag von RM. .10.— reicht aus, um eine mehrköpfige Familie einen Monat lang am Leben zu erhalten. Die Auslieferung'der Spenden in Gutscheinen an die richtigen Empfänger ist gewährleistet. Einzahlungen erbeten auf Postscheckkonto: Berlin 85 000 „Brüder in Not". Wir empfehlen diesen Aufruf der Aufmerksamkeit unsrer Leser und möchten gleichzeitig auf das doppelte Elend immer wieder hinweisen, in dem unsre'jüdischen Brüder in der sowjetrussischen Hölle schmachten. Tausende von jüdischen Familien, darunter diejenigen hervorragender Rabboriim und Talmide Chachomim, Witwen und Waisen, die als Deklassierte sich jeden Bissen Brotes für teuerstes, unerschwingliches Geld erkaufen müssen, leben von Kartoffelschalen, solange sie überhaupt leben und von dem erlösenden Hungertode verschont bleiben. Mit je Mk. 15.— läßt sich auch hier die Katastrophe für eine Familie einen Monat hinausschieben! In Wien nimmt das Hilfskomitee für Rußland (Postscheck N. A. 107 297] Zahlungen entgegen, in Deutschland die Bankfirma J. A. Schwarzschild Söhne in Frankfurt a. M. zur Weiterleitung an die Deutsche Bank für,, Torgsin". Man schreibt uns aus Bayern: In der bayerischen Judenheit beginnen sich zur Zeit Geschehnisse vorzubereiten, die grelle Schlaglichter werfen auf die gegenwärtigen Verhältnisse unserer Gemeinden und die geeignet erscheinen, in kurzer Zeit den völligen Ruin dieser Gemeinden herbeizuführen. Darum erheben wir unsere warnende Stimme, bevor noch größeres Unheil heraufbeschworen ist. Und nun zum Sachverhalt: Das veränderte bayerische religionsgesellschaftliche Steuergesetz vom 27. März 1934 schreibt vor, daß alle Religionsgesellschaften eine lOprozentige Kirchensteuer von den Finanzämtern erheben können, die letztere an die oberen Kirchenstellen abzuführen haben, also für unsere Religionsgesellschaft an den Verband bayerischer israelitischer Gemeinden. Dieser behält für die Bestreitung seines Aufgabenbereiches die bisher ihm gehörige 3 prozentige Landeskirchensteuer zurück und die restlichen 7 Prozent führt er an die Gemeinden ab. Wenn man nun bedenkt, daß manche Landgemeinde 30 bis 40 und vielfach noch mehr Prozente einzuheben gezwungen war, um ihre Institutionen erhalten zu können, so kann man ermessen, wie jetzt das Leben in diesen Gemeinden sich abspielen wird. Was bisher nicht gelungen ist: die Aufreibung und Auflösung unserer Gemeinden und damit die Zerstörung unseres jüdischen Lebens, das werden nun unsere eigenen Glaubensgenossen mühelos in ganz kurzer Zeit fertig bringen. Denn was die Gemeinden über 10 Prozent benötigen, kann nur auf dem Wege der Freiwilligkeit und Opferfreudigkeit aufgebracht werden, es fehlen dafür die gesetzlichen Mittel des Zwanges. Nun liegen die Verhältnisse so, daß der Minderbemittelte oder der mäßig Besteuerte auch fernerhin sich nicht weigern wird, seinen Obolus im Interesse der Gemeinde zu opfern, daß aber Höchstbesteuerte den Anlauf zu nehmen versuchen, sich zu weigern, überhaupt mehr als 10 Prozent zu zahlen oder günstigenfalls nur das ihrem Ermessen Anheimgegebene beizusteuern, entsprechend einem vom Gesetz noch vorgesehenen Kirchgelde von geringer Höhe. So tritt dann die Folge ein, daß bisher respektable Gemeinden sich einen Lehrer — abgesehen von dessen Schicksal — sich nicht mehr werden halten können. Und da der Beamte nicht selten noch das einzige Bollwerk des Jüdischseins und den ausschließlichen Kristallisationspunkt jüdischen Lebens bedeutete, wird auch die Gemeinde schnellstens zusammenfallen, und bald wird eben dieses jüdische Leben der Vergangenheit angehören. Welche Verantwortung! Im jetzigen Zeitpunkte, da in die Massen des Volkes mit sittlichem Ernste und Pathos stetig eingehämmert wird: „Gemeinnutz vor Eigennutz" halten wir uns das Gebaren eines Teils unserer noch begüterter Glaubensgenossen entgegen! Oeffnet sich vor unseren Augen nicht ein tiefer Abgrund? Man bedenke, Glaubensgenossen bringen es über sich, die für uns unzulängliche Gesetzgebung auszunützen und ein Geschäft daraus zu machen! Diese Elemente bringen es fertig, aus Materialismus, Egoismus oder anderen Beweggründen, vielleicht auch aus Verständnislosigkeit an unserem Heiligsten zu knausern und zu sparen, damit ihr saturierter Lebensstandard keinerlei Abstrich erleidet, mag auch ihr eigener Halt gefährdet sein oder ihr mehr oder weniger lockeres Gemeinschaftsgefühl in die Brüche gehen. Kleines Feuilleton. Die Bibliothek des Chofez Chajim. Zu Ihrem Feuilleton „Der Chofez Chajim in der Kriegszone" dürfte die Oeffentlichkeit die Rettung seiner Bibliothek noch interessieren. Die Begebenheit wurde mir von nahen Verwandten des deutschen Leutnants, die hier am Orte wohnen, erzählt. Die Deutschen rückten in Radin ein, an der Spitze seiner Truppe Leutnant Moses H e y m a n n ^"SI aus Ahrweiler, also aus einer Gemeinde, in der immer nnvb mvi gelernt wurde. So war der Mann auch von Liebe zur Thora durchglüht. Man kann es nur als g'ttliche Fügung auffassen, daß er mit seinen Sol- .daten in ein Haus eindrang. Als er große Mesusoth und eine ganze Stube voll Bücher sah, merkte er gleich, daß es sich um einen großen Gelehrten handeln müsse, der dort wohnt, und er bedauerte es, daß der Mann aus seinen „vier Ellen" hinaus ins Ungewisse flüchten mußte. Jeednfalls wandte er sich nun mit besonderer Liebe dem Schutz des Hauses zu, in dem die vorrückenden deutschen Truppen ohnedies :nichts Anziehendes hätten finden können.' So befahl er seinen Untergebenen, in diesem Hause nichts zu berühren, und wenn bei der Abreise des Chofez Chajim sein Chumisch Schmaus neben Breschis gestanden hat, so fand er es bei seiner Rückkunft genau so vor. Welch großem Thoragelehrten Moses Heymann ^"Xr diesen Dienst geleistet hat, erfuhr er erst 1929, als er im „Israelit" die Berichte der ersten Kenessio Gedaulo Jas. S. W. (Ueber die Bezeichnung Odom.) Unter Bezugnahme auf den Artikel „Mißverstandene und mißdeutete Talmud- und Soharstellen" in Nr. 24 Ihres geschätzten Blattes möchte ich mir gestatten, auf etwas hinzuweisen, was ganz gewiß weite Kreise interessieren dürfte. In dem Werke 1£J0 onn auf l'i'in 'oa wird in der Vorrede des Herausgebers, R. Salomo Alexander Schreiber, eines Enkelsohnes des ^"ST iqd ofin auf die Talmudstelle m« r>vip onx „Ihr heißet Odom" hingewiesen und heißt es daselbst in Bezug auf diese Stelle wörtlich: „Unsere Weisen haben damit keineswegs dem Nichtjuden die Bezeichnung Mensch nehmen wollen. Fern lag unesren Weisen, den Richtern der Gerechtigkeit, ein derartiges Urteil." Diese hier geäußerte Ansicht ist um so bemerkenswerter, als das genannte Werk keinerlei apologetische Tendenz hat und lediglich das Verständnis des Talmuds und seine wahrheitsgemäße Auffassung fördern will. Zur tatsächlichen Erklärung weist der Herausgeber darauf hin, daß i=ns von nm C|Y>^ nms} abzuleiten ist, eine Erklärung, die sich auch in der Vüin -Uebersetzung von Rabbiner S. R. Hirsch ^"ST findet. Demnach soll DTR bedeuten: Der nach Aehnlichkeit mit G'tt Strebende, eine Aufgabe, die zunächst der gesamten Menschheit gestellt worden war, die aber dann nach der Verirrung beim babylonischen Turmbau zunächst dem jüdischen Volke in dem Sinne gestellt wurde, daß es zu einer Zeit, da die Gesamtmenschheit sich noch nicht zu dieser Auffassung durchgerungen hatte, in dem Streben nach G'ttähnlichkeit den Sinn seines Erdendasems zu begreifen, den Völkern der Welt richtunggebend in dieser Beziehung vorangehen soll. Hochachtungsvoll Rabbiner C. Peritz, Schönlanke. (Kataloge,) Die Firma Bamberger u. Wahrmann in Jerusalem, King George Avenue, legt einen Hebraica - Katalog, 662 Nummern umfassend, vor und einen solchen über J u d a i c a , der 786 Nummern umfaßt. Weitere Kataloge über inzwischen erworbene Bibliotheken werden angekündigt. Wochenkalender. Vom bis 30. Juni bis 7. Juli 1934 / Vom 17. — 24. Tammus 5694 VW ep J'ÜM "i 'n pns p^a Samstag 30 17 na Sonntag 1 18 13 rana nmv Montag 2 19 T3 Dienstag Juli 3 TlMfl 20 m Mittwoch 4 21 Ü3 Donnerstag 5 22 b Freitag 6 23 *b Samstag 7 24 anj's