Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1934)
- Date
- 1934-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 26 Der Israelit 28. Juni 1934 Jüdische Aerzte und arische Patienten. Im „Aerzteblatt für Bayern" wendet sich der Amtsleiter der organisierten Aerzteschaft Mittelfrankens, Dr. Streck, dagegen, daß in letzter Zeit die Inanspruchnahme jüdischer Aerzte durch Volksgenossen zunehme. Wenn die zugelassenen jüdischen Aerzte auch gesetzlich die gleichen Berufsrechte genössen wie deutschstämmige Aerzte, so liege doch darin keine gesetzliche Verpflichtung, zum jüdischen Arzt zu gehen. Da auf Befragen Patienten erklärt hätten, daß sie sich vergeblich um einen deutschstämmigen Arzt bemüht hätten, sei der Arztdienst so zu organisieren, daß ständig ein deutschstämmiger Arzt für vorkommende Fälle zur Verfügung stehe. Zertifikate für Handwerker mit 250 Pfd. Kapital Frankfurt a. M„ 27. Juni. . Die Mandatregierung hat den britischen Paßsteilen im Auslande Zertifikate der Kategorie A. 3 zur Verteilung an folgende Handwerkerkategorien zur Verfügung gestellt; a) Tischler und Schreiner, b) Betonarbeiter, c) Elektrotechniker, d) Maler, e) Dekorateure, f) Polsterer, g) Rohrleger, h) Glaser. Berücksichtigt werden nur Handwerker, die das angegebene Eigenkapital besitzen und eine mindestens 4jährige Praxis im erlernten Handwerk während der letzten Jahre nachweisen können. Im übrigen gelten die allgemeinen Voraussetzungen für die Einwanderung nach Palästina. Anfragen und Anträge können an die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel in Frankfurt a. M., Schwanenstraße 12, gerichtet werden. Die Aktion zur Rettung Stavskys. Jerusalem, 20. Juni. 110 führende jüdische Persönlichkeiten Palästinas, unter ihnen der Bürgermeister von Tel Awiw, Meir Dizengof f und der Vize-Bürgermeister R o k e a c h , der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Landwirte Mosche S m i 1 ia n s k y , die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden von Jaffa, Tel Awiw, Rechowoth, Petach Tikwah und Rischon le Zion, viele Dichter, Schriftsteller und Journalisten, ferner Industrielle und Kaufleute, Führer der Allgemeinen Zionisten, des Misrachi und der Judenstaatspartei, haben im Anschluß an die Aktion der Oberrabbiner und des gesamten palästinensischen Rabbinats eine Kundgebung veröffentlicht, in der es heißt: „An den Jischuw und das jüdische Volk in der Diaspora.' Wir sind tief davon überzeugt, daß das Gericht ein Urteil gefällt hat, das auf einem schweren Irrtum beruht. Ein Unschuldiger ist durch ein Mehrheitsvotum zum Tode verurteilt worden. Stavsky ist das Opfer eines schrecklichen Irrtums. Wir halten es für unsere Pflicht, die jüdische öffentliche Meinung zur Rettung dieses Unschuldigen aufzurufen. Die Arbeit der Verteidigung für Wahrheit und Recht muß fortgesetzt werden. Wir hoffen und glauben, daß die Wahrheit siegen wird." * * Richter Valcros Minderheitsvotum bei der Urteilsfällung. Jerusalem, 18. Juni. Das Minderheitsvotum des jüdischen Richters de Valero bei der Urteilsfällung im Arlosoroff-Prozeß wird erst jetzt, nachdem der Gerichtsvorsitzende die Erlaubnis hierzu erteilt hat, bekannt gegeben. Es lautet: „Nach sorgfältiger Prüfung dieses Falles erkenne ich auf Grund der Tatsachen folgend-es zu Recht: 1. Die Attentäter gingen einige Male an dem, Opfer und seiner Gattin vorbei und sahen sie an; einer von ihnen stellte sich, bevor der Angriff durchgeführt wurde, ihnen in unziemlicher Weise zur Schau. 2. Das Verbrechen geschah zu einer Zeit und an einem Orte, wo bekanntermaßen Sittlichkeits- Attentate versucht und durchgeführt werden. 3. Die von Frau Arlosoroff zuerst gegebene Beschreibung der beiden Attentäter ist vollkommen verschieden von dem Aussehen sowohl Stavskys als auch Rosenblatts, bis auf eine Aehnlichkeit mit Stavsky in der Gestalt. 4. Frau Arlosoroff hat, wenn auch in gutem Glauben, irrige Angaben bei der Identifizierung der Angeklagten gemacht. 5. Das Alibi der Angeklagten ist ausreichend nachgewiesen. 6. Die Staatsanwaltschaft konnte keinerlei wesentliche Verbindung zwischen Stavsky und Rosenblatt nachweisen. 7. Das von der Staatsanwaltschaft angenommene Mordmotiv wurde nicht erwiesen. Unter diesen Umständen bin ich bei der Gesamtbetrachtung des Falles zu folgenden Schlüssen gelangt: 1. Das Verbrechen war kein politisches, sondern höchstwahrscheinlich ein gewöhnlicher Ueberfall aus sexuellen Motiven. 2. Keiner der Angeklagten stand mit dem Mord irgendwie im Zusammenhang. Deshalb erkläre ich sie der ihnen zur Last gelegten Tat nicht schuldig und spreche sie frei. Gez. de Valero, 15. Juni 1934. Neue Hilfsaktion in der Schweizzürich, 24. Juni. Da die Mittel der ersten von der Schweizer Judenheit zu Gunsten deutscher Juden eingeleiteten Sammlung, die in erster Reihe für die Unterstützung aus Deutschland ausgewanderter Juden bestimmt war, erschöpft sind, fordert der Schweizer Israelitische Genieindebund zu einer neuen Sammlung auf, deren Erträgnis zum Teil im Lande selbst, zum Teil im Einvernehmen mit dem Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau verwendet werden soll. — Für die Geschädigten in Tiberias hat der Schweizerische Zionistenverband durch Rabbiner Dr. Littman in Zürich von einem ungenannten Spender 1000 Franken erhalten. Die Prozesse um die Protokolle. Zürich, 16. Juni. Im Gegensatze zu der auch von uns gebrachten Mitteilung der ITA. über einen Vergleich im Baseler Prozesse teilt die Züricher „Israelitische Wochenschrift" mit, daß die Prozesse in Basel und Bern weiter gehen. Im Prozesse gegen Zander in Basel schlug wohl der Richter einen Vergleich vor, in welchem Zander zugeben sollte, daß die „Protokolle" eine Fälschung sind. Zan- Pasf^Sie,nWL TruDLS^gebondo, SpjQciaXfocius. ders Verteidiger befürwortete diesen Verglecih. Zander erklärt aber nun, er werde nicht unterschreiben, und da er seinen Hereinfall voraussieht, fügt er hinzu, er werde auch dann noch die „Protokolle" für echt erklären, wenn er den Prozeß verlieren werde. Misrachi aus dem Waad leumi ausgetreten. Jerusalem, 19. Juni. Der vor kurzem angekündigte Austritt des Misrachi aus dem Waad Leumi ist nunmehr offiziell vollzogen worden. In einem Communique begründet Misrachi seinen Schritt damit, daß es der Assefath Haniwcharim nicht gelungen sei, einen Weg zu finden, um alle Teile des Jischuw in der Knesseth Israel zu vereinigen, und daß der Waad Leumi vollständigunter der Kontrolle der Histadruth stehe. Nationalismus und Christentum. Bukarest, 22. Juni. In der am 21. Juni abgehaltenen Festsitzung des rumänischen Parlaments, in der der französische Außenminister B a r t h o u zum Ehrenbürger Rumäniens proklamiert wurde, hielten die Parteiführer Ansprachen, in denen sie die Verbundenheit Rumäniens mit Frankreich zum Ausdruck brachten. Der Führer der antisemitischen Liga für national-christliche Verteidigung Prof. A. C. C u z a , benutzte diese Gelegenheit zu einem judenfeindlichen Ausfall, indem er Barthou als Vertreter des nationalistischen und christlichen Frankreichs begrüßte und gegen die angebliche jüdische Herrschaft in Europa loszog. Diese Ausfälle Cuzas wurden von Barthou in der Rede, mit der er für die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes dankte, entschieden zurückgewiesen. Der französische Außenminister erklärte, er sei Nationalist und Christ, Nationalist im besten Sinne des Wortes, denn er fordere die Achtung vor den Gesetzen, die der Verteidigung der nationalen Rechte dienen, aber auch d i e Achtung vor den Rechten aller unterdrückten Völker. Er sei Christ und Katholik in seinem Herzen und verlange daher, daß die freie Ausübung des Glaubensbekenntnisses jeder Religion respektiert werde. (ITA.) Schächtverbot in Danzig? D a n z i g , 22. Juni. Wie das „Danziger Echo" erfährt, soll ein Schächtverbot in Danzig erlassen werden.. In den jüdischen Bevölkerungskreisen hat dies starke Erregung ausgelöst. Insbesondere in den Kreisen der orthodoxen Juden und vor allem der polnischen Staatsbürger, ist man über das angekündigte Verbot außerordentlich bestürzt, zumal es sich dem Vernehmen nach sowohl auf Großvieh wie auf Geflügel beziehen soll. Das Blatt gibt der Meinung Ausdruck, daß es im Interesse Danzigs liegen wird, dieses Verbot nicht wirksam werden zu lassen, da die jüdische Bevölkerung sonst veranlaßt werden würde, ihren Fleischbedarf trotz der Schwierigkeiten infolge der strengen Gesetze über Lebensmitteleinfuhr außerhalb Danzigs einzudecken. (ITA.)