Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 7 Der Israelit 2.1., Juni 1934 eigentliche leidüberwindende "und tröstende Kraft beruht doch auf einem tieferen Geheimnis. Die echte Predigt spricht nicht eigentlich von der unendlichen Macht G'ttes, sondern von der unendlichen Macht des frommen Menschen als des Welterlösers. Sie verläßt bewußt die Enge eirier rationalen Weltbetrachtung; sie schaut auf die Ereignisse und Kräfte der Welt mit den Augen der Kabbalisten, der jüdischen Mystiker. Sie hat zur Grundlage den Gedanken: die jüdische Mizwa, die vom Menschen geübte gute Tat, ist die stärkste Macht, die es überhaupt auf Erden gibt« Daß die Religion hierin die größte aller Denkrevolutionen ist, daß die Thora mit dieser Lehre die eigentliche Umwertung aller natürlichen und sichtbaren Werte ausmacht, das ist das ungeheuer schwierige und bedeutsame Thema jeder wahren Verkündigung des G'tteswortes in der Predigt... Religion ist eben die Erfahrung einer — Freiheit, die kein Vernuhftbegriff mehr ist: der Freiheit vom Zwang der Natur und Kausalität, der Freiheit „vom Engel ded Todes". In dieser Freiheit liegt das besondere Sein, die existenzielle Eigenart des Menschen, die Existenz des Juden beschlossen. Seine Tat, die Tat des freien Menschen, die überlegene, die kein Muß kennt, sondern alles Gegebene in seinem unfreien Sein überwindet,; gilt . hier als der Angelpunkt des Weltgeschehens. . Kabbalistisch, drückt man das so aus: jede Tat wirkt einen Mal'ach, eine kosmische Kraft, die die Erlösung bringen oder verhindern kann. Mit jeder Tat trifft der Mensch eine Entscheidung über das Schicksal der Welt. Durch unsichtbare Kanäle'greift die Tat in die Speichen des Weltenrades ein und treibt es vor oder_ zurück, beschleunigt oder hemmt das Kommen des Messias, ' Für die entscheidende Macht der Tat ist ihre' materielle Größe oder Geringfügigkeit irrelevant. Die Mizwa, rein, selbstlos, ganz im Gedanken an die Geulla geübt, ist in jedem Fall, wenn ihre sichtbare Tragweite noch so klein sein mag, eine alles. Andere besiegende Kraft. Mögen Völker sich erregen und alle irdischen Machthaber sichJ in Bewegung setzen, um die Fesseln des' Ethischen und Guten, die g'ttgewöllten Wege des Lebens zu durchbrechen, der im Himmel sitzt, lacht ihrer und donnert ihnen Sein Machtwort zu: ich habe doch den Mir zum Dienst Geweihten mit königlicher Macht gefürstet; er ' siegt dennoch! (Psalm 2.) ' Jedes Gebet der Andacht, jede Versenkung in die Lehre, jede Ausübung eines G'ttesgebotes, kurz jede Mizwa ist in ihrer weltobsiegenden Kraft auf die transzendente Macht des G'ttes'der Freiheit, auf den absoluten Primat des Ethischen über das Natürliche gebaut. Aus solchem Bewußtsein von der Macht der Religion, von der Größe des frommen Menschen, von der endgültigen Entscheidungskraft der Mizwa, den Juden zum Dienste G'ttes zu berufen, ist der wahre und größte Sinn der jüdischen Predigt,! Diese ist heute deshalb in unserem Kreise so selten geworden. Die Losung der Feigheit beherrscht die moderne Kanzel. Die schäbigste Wahrheit ist ihr Grundprinzip: wir können nicht. Die Abwertung des Menschen als eines natur- und schicksalsgebundenen Sklaven des Milieus und der Zufälligkeit ist die immerwiederkehrende Melodie der neuen Prediger. Die Resignation, der mangelnde Mut zum außerordentlichen und bedeutenden Leben wird zwar verschleiert, wird als Selbstbefreiung von unwürdiger Bevormundung durch das Gesetz von Außen, durch die ,,Heteronomie der Religion" gepriesen: In Wirklichkeit ist es eine Waffenstreckung vor der heroischen, heldenhaften, selbstgewissen Entfaltung der sittlichen Persönlichkeit. Die Kraft des Predigers, des echten Künders G'ttes, ist aber der Aufruf zu großem Leben, zur Erfassung des Weltsinnes und der mutigen Unterwerfung allen Tun und Lassens unter solches absolute Gesetz; es ist der Aufruf zur Freiheit, zur "Selbstbestimmung aus den Werten der Ewigkeit. Vor diesem Aufruf verzwergt alle anr maßliche äußere Kraft, sie wird zum blöden Ansturm gegen' das unaufhaltsame Vordringen [ des Messias, zur ohnmächtigen Geste der Wut gegen die , Erfüllung des Ziels der Geulla. Auf der Erweckung dieses kühnen Mutes zur 1 Bejahung der jüdischen Freiheit, der Ergreifung der Mizwa als der Weltentscheidung, darauf beruht die tröstende Wirkung der Predigt. Die Er?!greifung unserer Freiheit hat seelisch in uns eine Götzendämmerung zur Folge. Starken Herzen$ und voll Gewißheit sieht der Jude der Zukunft entgegen. Die Bne Anak, die Nefilim, denen gegenüber die Feiglinge sich wie Heuschrecken vorkommen, „verlieren ihren Schatten", der im Dämmerlicht der Angst so läng und schrecklich äus-j sah; ' I Die Predigt soll dem Juden und den Gemein-j den das Vertrauen zu sich selbst wiedergeben, daß wir bevollmächtigt und stark genug sind, das Ideal zu ergreifen und zu verwirklichen. Immer wieder haben die Scheinprediger das ewige Wort und die ewige Verpflichtung bekämpft; „das galt früher einmal," sprachen sie, „ich aber sage euch ein anderes." Der große jüdische Prediger, der Prophet Micha, der Spötter über alle Volksverführer, hat ein anderes „ich 'aber" gesprochen. ' „Ich aber bin voll von Kraft des G'ttesgeistes und von Recht und Stärke, zu künden' Jakob seine Schuld und Israel seine Sünde." Mögen alle kleinmütig sprechen: die Thora ist unmöglich! Ich aber sage euch: sie ist möglich; wenn ihr wollt, ist "sie erfüllt; daß ihr s.ie; nicht wollt, ist euch ewige Schuld. Das auszusprechen ist die Würde und der Sinn der jüdischen Predigt. Wo sie noch gehört wird, da ist Israel stark, ist der Jude Weltüberwinder. Unbelehrbar. J Es gibt eine eigenartige Agada im Sifra (zu Kap, 26, 30), wo es heißt; „Und eure Leichen lasse Ich stürzen auf die Trümmer eurer Götzenbilder." Was haben die Menschenleichen bei den Götzenbildern zu tun? Beim Untergang Israels ging Elijahur, zürn. Guten sei er gedacht, zu den von Hunger Geschwollenen. Er spricht einen an und sagt: Mein Sohn, von welcher Familie bist du? — Von der und der. — Wieviele wart ihr? — 3000. — Wieviele sind davon übergeblieben? — Ich allein. — Willst du, fragt Elijahu, mir etwas nachsprechen und leben bleiben? — Ja. — Dann sprich: höre Israel, der Ewige, unser G'tt, ist einzig! — Aber der andere schreit auf und sagt: schweig mir, erwähne nicht den Namen G'ttes. So hat mich mein Vater nicht gelehrt. Was tut er? Er nimmt sein Götzenbild, legt es auf sein Herz, streichelt und küßt es, bis ihm sein Leib Vor Hungerqualen aufplatzt und er mitsamt seinem Götzenbilde zur Erde fällt. So malt der Midfasch die Leidenschaft, mit welcher der unglückliche,' im Aberglauben Erzogene an seinen Idolen festhält und von ihnen nicht lassen will, weil „ihm so der Vater gelehrt." An diese Agada wurde ich erinnert, als ich im „Morgen", Jahrgang 10. Nummer 2, eine Besprechung von B. Jacobs neuestem Genesis-Kommentar las- Jacob hat die jüdische Welt mit einem herrlichen Werk beschenkt, der Frucht jahrzehntelanger Arbeit, einem Werk, das ebensosehr ein Produkt minutiöser philosophischer Kleinarbeit wie scharfen kritischen Verstandes, hingebender Liebe und Bemühung um Sinn, Zusammenhang und Bedeutung des Textwortes wie reinster wissenschaftlicher, unvoreingenommener Sachlichkeit ist. . Jacob ist kein strenggläubiger Rabbiner; nichts bindet ihn an irgendein Dogma.' Als Anhänger der liberalen Richtung hat er für kein Resultat eine vorgefaßte Meinung, ja man könnte vielleicht sagen, daß ihm, als einem Anhänger des Liberalismus, eher die; Erschütterung, der Tradition unbewußt .willkommener gewesen wäre als ihre Bestätigung. Jacob ist ein hervorragender Keimer der Bibel; Fr-anz Rosenzweig hat ihn den größten Bibelkenner der, Gegenwart genannt. Er hat in unzähligen Vorarbeiten die theologischen Thesen von der Quellenscheidung der Bibel der kritischen Sonde unterzogen, und immer wieder erneut die Gelehrten zu Rede" und Antwort ^gezwungen. Jetzt .ist im Schockea-V e:r.l a g sein; Standardwerk -üjber das.-iSefer Bereschis erschienen, von . allen heißersehnt, die dem Ausspruch jenes Gelehrten zustimmen:, „wer auch nur einen Satz der Bibel uns besser erklärt, uns voller auszuschöpfen lehrt, hat die Kultur der Menschheit um ein Bedeutendes gefördert." .,. Um so berechtigter durften , wir dieses Mal mit; einer gewissenr Spannung; dem Urteil derer entgegensehen, die „aus , ..'wissenschaftlicher Ueberzeugung", auf Grund ihrer; „vorurteilslosen Forschung" sich im jüdischen Kreise die'Dogmen der Bibelkritik zu eigen gemacht hatten. Wir selbst sind zwar der Ansicht, daß die Kernfragen über die Einheitlichkeit/ und' Authentizität des- Pentateuch mit Glauben .und Tradition.gar.nichts zu tun haben; wir sind., im'Gegenteil. der Meinung, daß gerade ihre .Negation,. diej(literar.-kritische Zertrümmerung der Thora aus. .Unwissenschaftlichkeit, aus der. Befangenheit weltanschaulicher Enge eines Rationalismus ä tout prix, aus mehr oder minder . bewußtem Antisemitismus: hervorgegangen sei. Wir sind der Ansicht, daß gerade diejenigen, die aus der kritischen Schule des Talmud hervorgegangen sind, die in Ehrfurcht zur Autorität der Bibel emporblicken, viel mehr innere Freiheit, v^el mehr sachliche Strenge gegen unsichere. Konstruktionen und leichtfertige Hypothesen, gegen Schein und Trug einseitiger Betrachtungsweise besitzen als ihre, phantasiebeflügelten hemmungslosen Gegner. Die Gläubigen sind weniger Blender, sie operieren nicht mit dem Reiz der ^Neuheit, aber sie konnten zu ihrer Grundposition nur auf Grund langer Selb^tprüfung gelangen- Die Autorität , der Bibel ist ihnen nicht anbefohlen, sondern Produkt unzählbarer immer erneuter Erfahrungen in, der Abwägung und dem Studium der heiligen Texte. Es ist einfach unglaublich, wie der Kritiker des „Morgen" schreibt, daß in dem Kreis der Gesetzestreuen die heiligen Bücher einer philologisch-historischen Erklärung wie überhaupt der!Sphäre>; des weltlichen Annehmens und Schließens "entrückt wären. Dieses eine Urteil schon zeigt,';in,/#elcher Blindheit die Liberalen leben, wie sie keine Ahnung von' dem wirklichen geistigen Wollen und Vollbringen der Gläubigen haben, wie sie in eitler Selbstbespiegelung sich ( .'als die einzigen Träger wissenschaftlicher Methodik vorkommen. Der Kritiker muß sich selbst widerlegen, wenn er an einer späteren Stelle davon spricht, daß Jacob ständig die klassischen Kommentare des Mittelalters heranziehe. Haben Ibn Esra, Raschbam, Rambam, Ramban u. a,, etwa auch nichts von der philologischen Erklärung der, Bibel gewußt,?, . .•. . ■;. ' i. Aber ,wie gesagt, solange aus diesem von den Liberalen mit Scheuklappen betrachteten Kreise die. Entlarvung r,der Bibelkritik kam, > mochten diese Kinder der Zeit sich mit überlegenem Lächeln, über alle Argumente der Gegenseite hin-" wegsetzen, deren grundsätzliche Haltung als unzulänglich ihnen verdächtig war. Diese leichte Selbstberuhigung versagt nun an dem klassischen Werke Jacobs. Hatte D. Hoffmann z. B. im Vorwort zu seinem Leviticus gesagt: „Daß ich infolge meiner Glaubensgrundsätze nicht zu dem Ergebnisse gelangen konnte, der Pentateuch sei von einem Anderen als von Mose oder gar nach Mose geschrieben worden, gestehe ich gern. zu. Allein bei dem Bestreben, diese „dogmatischen Voraussetzungen" wissenschaftlich zu begründen, war ich stets darauf bedacht, nur solche Gründe,,geltend; zu machen, deren Berechtigung auch von einem andern Standpunkte aus anerkannt werden dürfte," so sagt,demgegenüber Jacob,,daß er die, Quelle'nscheidüng im Pentateuch bestreitetj.und,