Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450831--80515-2538351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Blätter der jiicliscben Selbstbesinnung Unter ständiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona 1. Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 7 Der Sinn der Predigt» Es heißt im Midrasch zu Mischle 10: Rabbi Ismael sagte: „Furchtbar ist der Tag des Gerichts,' wenn einst der Heilige, gelobt sei Er, die .ganze Welt richtet. Kommt ein Thoragelehrter Tor Ihn, wird ©r gefragt: hast du deiner Gemeinde auch Agada gelehrt, weißt du nicht, daß wenn der Weise seine Predigt hält, Ich die Sünde ganz Israels verzeihe und vergebe?" Nach der Auffassung unserer Weisen muß also die Predigt von entscheidender Bedeutung sein. Ein Stück des Weltgerichts ist die Frage an alle jRabbinen, ob sie ihrer Verpflichtung, durch die Predigt die Gemüter aufgerüttelt zu haben, auch gerecht geworden sind. Von der Predigt hängt die Sühne Israels ab. Wieso kann der Predigt eine so weitgehende Bedeutung beigemessen werden? Wir wollen diese Frage ebenfalls mit einem Ausspruch unserer Weisen beantworten: Jirmijah beginnt seine Straf rede mit den Worten: höret die Anrede G'ttes! Darauf der Midrasch: ihr habt mir am Sinai ein Doppelversprechen gegeben: wir wollen tun und hören. Eins habt ihr gebrochen. Euer Tun ist voll der Sünde. So erfüllt denn wenigstens noch das zweite, das Höret! Da hat ein Bräutigam seiner Braut zwei Myrtenkränze geschenkt; einen hatte sie verloren. Da sagt der Bräutigam: So behüte mir wenigstens den letzten, denn sonst ist das Band zwischen uns zerschnitten. Die Aufgabe Israels, in seiner Mitte eine G'tteswelt aufzurichten, ist an der Not der Zeit zerbrochen. Wenn man streng richtend fragt, ob wir der Forderung unseres Judentums voll entsprechen, so würde das Urteil über uns bedrohlich ausfallen. Aber in einer Beziehung hat immer noch Israel sich als das G'ttesvolk dokumentiert, daß es das große, ewige, über alle Schranken hinausweisende Ideal sich immer wieder vor die Seele führt und schweigend mitanhört, und dadurch bekundet, daß es wenigstens theoretisch in seinem Herzen und in seinem Geiste seine unendliche Aufgabe anerkennt. Diese Anerkennung ist Sühne aller praktischen Halbheit und Ohnmacht. Der Sinn der Predigt ist also, das jüdische Ideal unverletzt in uns aufrechtzuhalten, Auch das Israel, zu dem unsere großen Propheten sprachen, hat seine menschlich allzu menschlichen Schwächen gehabt. Aber indem diese großen Künder vor Königen, Fürsten und dem Volk ihre Reden immer wieder ungestraft und ungehindert zum Bewußtsein führen konnten, mit welchem Maßstab des Absoluten sie gemessen werden, so war diese stille Bestätigung und Bejahung des Rechts der G'ttesoffenbarung ihre Sühne, ihre Existenzberechtigung. An der Predigt in der Synagoge soll crmessen werden, was ideell unsere Glaubensgemeinschaft ist, als was sie sich im tiefsten Herzen G'tt und der Menschheit gegenüber fühlt. Es scheint damit zunächst eine praktische Wirkung der Predigt nicht gefordert zu sein. Wenn der Rabbiner z. B. Herrlichkeit und Weihe des Sabbats vor der hörenden Gemeinde darstellt, so ist der Sinn nach obigem Midraschwort zunächst nicht, alle diejenigen zur Sabbaterfüllung zu bringen, die es bisher nicht getan; vielmehr alle, die ihm lauschen, zur Anerkennung des Sabbats als des heiligen G'ttestages, als des Bundes zwischen Himmel und Erde zu bringen. Aber nur unmittelbar ist die Besserung nicht der Sinn der Predigt, Da gilt wieder das alte Talmudwort: ,,Groß ist das Lernen, denn es führt zur Tat." Die tiefste Ueberzeugung erfüllt das Judentum, daß die geistige Beeinflussung der Schlüssel ist, um den Willen in die richtige Bahn zu lenken, daß wo nur immer der Geist einen Eindruck empfangen hat, der innere Mensch eine Verwandlung erfährt, die sich früher oder später in Taten auswirkt. Wenn man nur hört in der Absicht des Versteheiis und des Erfassens, sich innerlich aufschließt und bereitstellt, ist das Hören selbst eine Tschuwa, eine Umkehr. Vor allem gilt das in einer Beziehung: für die Erhaltung der in der Gemeinde vorhandenen religiösen Kraft. Wer stillsteht, geht rückwärts, „wer nicht lernt," sagt Hillel, ,.nimmt ab." Wenn die Wirkung auch nicht eine Steigerung des religiösen Tatwillens und der Opferbereitschaft zur Folge hat, so wird sie das Individuum und die Gemeinde doch wenigstens stark machen, nicht von der bisherigen Höhe sittlich-religiösen Wollens hinabzusteigen. Das hat auch die Erfahrung bestätigt: so gering im Ganzen der Einfluß, der Kanzel war, daß sie wenigstens als eine erhaltende Macht ersten Ranges sich betätigt hat, kann nicht bestritten werden. Heutzutage, wo das Bes-Hamidrasch, das jüdische Lehrhaus, leider die zentrale Stellung eingebüßt und die Unwissenheit meist soweit gediehen, daß selbst die Vorlesung aus der Thora im G'ttesdienst unverstanden bleibt, ist die Bedeutung der Predigt so ungeheuer gewachsen, daß sie schlechterdings als eine der Hauptfunktionen des ganzen religiösen Lebens angesprochen werden muß. Es ist die Predigt bei fast Allen noch die letzte Form, wodurch die Kenntnis des religiösen Schrifttums vermittelt werden kann- Damit hat die Predigt den bedeutsamen Sinn erhalten: religiöses Wissen zu vermitteln, Quelle der Lehre zu werden. Durch sie soll das gesamte jüdische Schrifttum an die Hörenden herangebracht werden. Die Bibel und der Talmud, der Midrasch und die rabbinische Literatur unserer großen Erklärer und Religionsphilosophen sollen durch sie wieder Gemeingut werden. Die Form der Predigt, das Pathos der Kanzel, die Rhetorik und ihr sogenannter erbaulicher Charakter dürfen zwar nicht völlig aufgegeben werden, aber sie müssen sich eine Lockerung, eine Weitung gefallen lassen. Der Rabbiner muß aus dem Vollen schöpfen können. Er muß seiner Gemeinde geistiges Nachdenken, die Willigkeit zur Aufnahme großer Gedankenmassen und einer breiten Stoffülle zumuten dürfen. Die Predigt, die zwar immer volkstümlich, immer leicht verständlich, immer anregend im Aufbau und im Stil bleiben muß, kann sich nicht begnügen an den großen Linien, an den gängigen Allgemeinheiten, an den religiösen Ideen, für die alle Vorarbeit in der Stille der Studierstube gemacht worden ist; sondern wenn sie wirklich Uebermittlung von Wissen und Schärfung der Gewissen zum Sinn hat, so muß der Hörer durch sie in seiner Kenntnis der heiligen Sprache, in seinem Verständnis für die Unerschöpflichkeit des Bibelworts gefördert und zum Mitdenken der Gedanken unserer religiösen Weisen und Denker hingeleitet werden. In der Tat ist so die Predigt eine Bildnerin der jüdischen Menge. Sie steigert das gesamte geistige Niveau einer Gemeinde. Durch die Predigt nimmt das Publikum teil an der ganzen jüdisch-wissenschaftlichen Arbeit der Gegenwart, an allen Ergebnissen allgemeiner Forschung, soweit sie Bezug haben auf die Problematik oder die Fragen und Werte des Judentums. Was die Predigt in ihrem Sinne als Wissensvermittlerin nur unterscheidet vom Katheder und dem Lehrstuhl, ist die an sie gestellte Forderung der Aktualität. Die Predigt hat das religiöse Problem in seiner dauernden Aktualität aufzuweisen. Ihr Sinn ist, zu zeigen, daß das Wort G'ttes, das prophetische^ wie das rabbinische, überall und immer Brennpunkt und Entscheidungsfrage des Tages, der Gegenwart ist- Durch die Predigt muß dem Hörer zum Bewußtsein kommen, daß auf allen Gebieten des Lebens die religiöse Frage die existenzielleste Schicksalsfrage des Menschen und des Juden ist. Diese Besonderheit religiösen Fragens und religiösen Wissens, daß sie immer bis zum letzte« Kern aller Lebensentscheidungen reichen, gibt der jüdischen Predigt auch, soweit sie belehrend und mittelnd den Schatz jüdischen Geistesgutes aufschließt, ihren großen ethischen Sinn. Es liegt im Wesen des Religiösen überhaupt, daß sie niemals nur an den Verstand sich wendet. Immer reißt sie den Willen und das Herz mit in die Krisis hinein, die durch die Frage an das Nachdenken, die durch das Problem des G'tteswortes, selbst das scheinbar philologische, sprachliche, exegetische, dem Verstände aufgegeben wird. Der Sinn der Predigt mag daher immerhin ein geistiges Problem sein, sie ist immer mittelbar Appell ans Gemüt. Wer nur immer eine religiöse oder sittliche Frage zum Problem macht, muß, wollend oder nicht, seine ganze Persönlichkeit zur Beantwortung miteinsetzen. Der Sinn der Predigt ist deshalb, die Gesamtpersönlichkeit des Menschen zur Lösung der religiösen Lebensfrage aufzurufen, das Ich, das beengte und bedrängte, aus seiner Lebensnot zu befreien zur geistigen Mitwirkung am Aufbau der geistigen G'tteswelt. Die jüdische Predigt hat ihre größte Blüte und Kraft in den Zeiten der Drangsal und des Druckes entwickelt; sowohl das Flammenwort der Propheten wie die agadische Drascha der Midraschweisen, heben sich von einem düsteren Hintergrunde leuchtend ab; wie der Gelehrte S. Funk sich ausdrückt, gleichsam Schattengewächse, die im Dunkel der Zeiten am herrlichsten sich entfalteten. Die Predigt ward d i e große Trösterin des jüdischen Volkes.' Darin liegt auch heute mehr denn je ihr Sinn beschlossen. Sie soll den jüdischen Menschen vor Lebensüberdruß und Verzweiflung bewahren, ihm die Sicherheit und Festigkeit des Vertrauens in unsere Zukunft immer wieder erneut in die Seele pflanzen. Sie wird mit Vorliebe die Geschichte zur Zeugin anrufen, daß unser Volk unter einer höheren Führung steht und daß keine Macht der Welt es je hat vernichten können. Sie wird immer wieder die Waltung G'ttes zum Bewußtsein bringen, deren Pläne allen Hinderungen zum Trotz zur Verwirklichung kamen. Aber ihre