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Der Israelit · 1934-06-21 · Heft 25 (21.6.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 25 (21.6.1934)
Date
1934-06-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 25 Der Israelit 21. Juni 1934 vor Kol Nidre hielt er eine seiner tiefen, seelenvollen Reden, die alle Herzen aufwühlte und aller Augen Tränen abrang. Sonst nahm er keine Ehrungen für sich in Anspruch und ließ sie gar nicht an sich herankommen. Er weigerte sich, den ihm angewiesenen Ehrenplatz in der Synagoge einzunehmen und ließ es auch nicht zu, daß der Vorbeter auf ihn wartete, bis er mit dem stillen Gebete fertig war. Er nannte den Orts: rabbiner in Gegenwart der ganzen Gemeinde R e b b e und tat nichts, ohne erst seine Einwil ligung einzuholen. Kam jemand mit einer reli giösen Frage, so schickte er ihn zum Rabbiner, kam jemand um einen Segen, so sagte er: ,,Tut Buße, und G'tt wird euch segnen. Bedarf es noch dazu der Mithilfe eines alten Mannes, der noch überdies Cohen ist, so sei sie euch gern gewährt. Am Sabbat nach den Feiertagen kamen russische Truppen durch die Stadt und zwangen, bei Androhung der Todesstrafe, die jüdischen Ge schäftsleute, ihre Läden offenzuhalten. Selbst verständlich ließ sich kein Jude im Geschäfte sehen und der Verkauf geschah durch Nichtjuden, Chofez Chajim belehrte sie aber, daß .sie von dem Sabbatgewinn keinen Nutzen ziehen dürften, sondern ihn für wohltätige und jüdische gemeinnützige Zwecke zu verwenden hätten. Alle fügten sich willig der Anordnung des Rabbi. Am Montag darauf fuhr der Chofez Chajim mit seiner Begleitung und vielen anderen weiter gen Osten. Am Mittwoch zogen die Deutschen in die Stadt ein. Genua. Die strahlende Mittelmeersonne ist über die farbenprächtige italienische Riviera ausgegossen, das ligurische Meer schillert in Blau und Grün, zuweilen werfen etwas lebhaftere Wellen ihre kleinen weißen Köpfchen in die Luft und an die reingewaschenen Gestade und an die blitzenden Felsen! Wie ladet doch dies alles den Menschen zur Bewunderung der gewaltigen Werke des allmächtigen G'ttes ein! Ganz besonders schön an seinem Ufer ist das „Herz der Riviera", Genua, hingestreut. Die herrliche Strandpromenade von Genua, der „Corso d'Italia", zieht sich, so weit das Auge reicht, immer am Meer entlang weit über „Quinto" und „Quarto" hinaus bis nach dem berühmten Nervi. Aber nicht nur das Wasser, auch das „Trockene" bietet des Schönen viel! Genuas blühende Anhöhen und richtige „Berge" mit ihrer farbenfrohen südländischen Vegetation erheben sich in Genua und seiner Umgebung. Sogar eine Gebirgs-Drahtseilbahn fährt so bequem mitten aus der Stadt in 20 Minuten hinauf auf ihren „Righi!" Ein einzigartiger Rundblick über das bunte Genua mit seinen zahlreichen grünen und blumengeschmückten Anlagen, seinen farbenprächtigen hohen Häusern mit den flachen sonnigen Dachgärten, den großen Denkmälern, den ausgedehnten Hafenanlagen, dem glitzernden Meere mit seinen uns wie kleine Boote erscheinenden großen Dampf- und Segelschiffen erwartet uns oben und prägt sich tief in unser Gedächtnis ein. Auch sein so bekannter Bade-Vorort „Nervi"! In wenigen Minuten sind wir aus der Stadt Genua mit Eisenbahn, Autobus oder Elektrischen (mit dieser für 26 deutsche Reichspfennige Hin- und Rückfahrt) in seinen wunderschönen Strand- und Parkanlagen und können seine milde, reine, ozonreiche Luft unseren Lungen zuführen und unser Blut auffrischen. Eine recht interessante Abwechslung wird uns, und besonders unseren Kleinen, dort durch den hübschen niedlichen Zoologischen Garten im städtischen Park mit seinen vielen lustigen Tierchen geboten. Daß Nervi ein ganz besonders günstiges Klima für schwache Lungen und Herzen besitzt, ist ja wohl allgemein bekannt. Aber was für uns jüdische Menschen so wichtig ist: Auch in Genua, in diesem schönen Fleckchen Erde, will das jüdische Leben neu erstarken. Eine unverkennbare Sehnsucht nach unserer Thora ist nicht mehr zu übersehen. Und ist erst diese Sehnsucht vorhanden, so ist wohl der Weg zum „Lernen" nicht mehr weit. Es mangelt z. Zt. zwar noch an genügenden Kräften, aber auch diese hofft man, sich bald zu verschaffen. Die Grundlagen hierzu, gut-jüdische Einrichtungen, sind vorhanden in einer alten schönen „Schul" am Hafen (über die fast fertige neue, im Zentrum der Stadt, soll später berichtet werden), in der Schechita durch einen orthodoxen ostjüdischen Schochet und in einer idealen Mikwah. Während aber bisher die Fremden meistens nur das stets gastliche weit geöffnete Haus eines alten „Italieners" aus Hamburg zum Speisen in Anspruch nahmen, hat nunmehr vor kurzer Zeit der „Hamburger Verein" auf Anregung dieses Herrn Hirsch eine orthodoxe Berliner Familie nach Genua dirigiert, um jüdischen Menschen ein jüdisches Heim und Verpflegung zu verschaffen. Wer die neue Pension Dr. Brasch, im Mittelpunkt der Stadt (Via Palestro 6) gelegen, schon besucht hat, ist überaus befriedigt mit Dank für die, gut-jüdische Aufnahme und Bewirtung und mit dem Wunsch, sie bald wieder aufsuchen zu können, von ihr geschieden und wird sich stets ihrer gern erinnern. Und wie billig kann man doch nach Genua fahren mit 70 Proz. Ermäßigung! Noch eins soll nicht unerwähnt bleiben. Auch die „alma mater Genua" öffnet gern ihre gastlichen Pforten jüdischen Studenten. Einschränkungen bestehen nicht. Besonders herzlich sind orthodoxe Studenten willkommen; sind doch gerade diese die berufensten Kräfte, um durch ihr Vorbild, durch ihr „Lernen" und „Lehren" dem jüdischen Leben in Genua neue Impulse zuzuführen. Sie finden ja jetzt auch in dei Pension Dr. Brasch ein jüdisches Haus vor, das ihnen einen kleinen Ersatz für ihr Vaterhaus bieten will. Auch bei dem erwähnten Herrn Hirsch finden sie stets jüdische Geselligkeit und Anregungen, so oft sie sie suchen sollten. Zu ihrer vorläufigen Orientierung sei schon hier für die Genueser Universität Aufsuchenden hervorgehoben: Das italienische Stu dienjahr beginnt im Oktober und dauert mit kleinen Unterbrechungen bis zum Juni. (Ein im April beginnendes Sommersemester gibt es in Italien nicht). Studenten, die im Oktober die Universität Genua besuchen wollen, ist deshalb anzuraten, rechtzeitig dorthin überzusiedeln, um im Lande selbst die Sprache zu erlernen und zu Beginn der Vorlesungen gerüstet zu sein. Und nicht allein all die Vorteile, die den Lernbeflissenen in Genua empfangen, sollten Anregung zu seinem Aufenthalt dort bieten, nein, auch was er spendet, sollte für ihn bestimmend sein. Gerade der orthodoxe Student könnte sich ein großes Verdienst erwerben, seinen Teil dazu beizutragen, auch in Genua Thorageist zu neuem Glänze erstehen zu lassen! Im Kampf um die Orgel in Worms — vor 70 Jahren. Die 900-Jahr-Feier der Wormser Synagoge ruft einige Erinnerungen an die Kämpfe, die im Jahre 1863 bei Anlaß des Umbaus der Synagoge in Worms um die Reform und ihr Hauptkriterium, die Orgel, geführt wurden. Selbstverständlich konnten die Auseinandersetzungen mit Rücksicht darauf, daß Gemeinde und Synagoge in der Stadt Raschis Angelegenheit der gesamten deutschen Judenheit sind, nicht auf Worms allein beschränkt bleiben. Im Mainzer „Israelit" vom Jahre 1863 veröffentlichte der unvergeßliche Frankfurter Gelehrte und Historiker, Professor Dr. Abraham S u 1 z b a c h b"?h eine längere Artikelserie unter dem Titel „Der proponierte Umbau der Synagoge zu Worms", der wir folgende auf die Orgel bezüglichen Stellen entnehmen: „Wenn vor einiger Zeit ein Korrespondent aus Worms in der Ztg. d. Judent. die Hoffnung ausspricht, daß der Umbau der Wormser Synagoge bald vollendet sein werde, mit dessen Realisierung die Einführung der Reform des G'ttesdienstes verknüpft sei, so ist diese ausgesprochene Hoffnung nicht als der Wunsch und die Meinung eines Einzelnen zu betrachten, sondern es ist die Meinung, welche in den maßgebenden Kreisen, resp. der Majorität des Gemeinde- Vorstandes herrscht. Die Reform ist beschlossene Tatsache, über das Wie? ist man einig, das Wann? ist noch unbestimmt. Man will eine Reform, in welcher die Orgel die erste Stelle einnimmt, daß danach die Liturgie einer Aenderung unterworfen ist, ist natürlich. Daß sich nun in alte Synagogen nicht sehr gut eine wirkliche Umänderung des G'ttesdienstes einführen läßt, daß diese hier auf tausend Widersprüche stößt, ist bekannt, ein Neubau muß vorangehen, und wäre es auch nur ein Umbau. Hier ist also die Ursache zu suchen, warum der Vorstand so sehr auf den Umbau der Synagoge dringt. Nur deshalb will man die alte, 'ehrwürdige Synagoge angreifen, um durch Orgelklang und Ausmerzung der alten Gebete, welche das Andenken an die Vorfahren aufbewahren, den abgeschiedenen Seelen der alten Glaubenshelden, den Manen der Großväter und Großmütter, die mutig für G'tt in den Tod gegangen sind, desto besser Hohn zu sprechen. Hand aufs Herz gelegt, ihr Männer von Worms, die ihr den G'ttesdienst zu reformieren beabsichtigt, gesteht es, ob ihr, indem hr den G'ttesdienst umgestaltet, im Geiste eurer großen Ahnen handelt, oder ob ihr nicht vielmehr ihrem Geiste und ihrem- Willen durch solches Vorgehen stracks zuwiderhandelt? Wird nicht jeder Stein der alten Synagoge, der einst widerhallte von den Seufzern eurer in den Tod gehetzten Voreltern, euer Ankläger werden vor G'tt, wenn ihr, die Söhne jener erhabenen Eltern, die ihr unter dem Gestirne einer freieren Zeit als freie Männer eure Häupter erheben dürft, als freie Bürger dem Staate dienen könnt, zum Danke dafür das Andenken an eure Voreltern aus Gebetbuche streicht und eine Musik anstimmt, eren Schall früher dazu gedient hat, den Angst- und chmerzruf eurer dem Holzstoß übergebenen Voreltern zu übertönen? Wir erinnern nicht an jene dunkeln Zeiten, um Galle und Wehmut in das Herz zu tröpfeln, und einen Haß zu schüren zwischen Brüdern, die friedlich beisammen wohnen — G'tt bewahre! Haß und Groll bewahren verpönt das jüdische Gesetz, die Kinder sollen nicht um der Väter willen sterben, heißt es ausdrücklich in unserm Kodex, und Haman, der Judenfeind, war es, der einst den Haß der Väter auf die Kinder übertrug; was können die Kinder dafür, wenn die Väter geirrt? Aber jenes Instrument in unsere Synagoge herübernehmen, das hieße, außer dem religiösen Vergehen, welches begangen wird, schwer die Pietät verletzen, ja jede Pietät verleugnen, die wir dem Andenken unserer glaubensmutigen Voreltern schulden. Waget es dann nicht mehr, euch zu rühmen, daß ihr im Besitze eines heiligen Ackers seid, in welchem heilige Gebeine ruhen, dieser Ruhm würde für euch nur eine Anklage werden, saget, ihr besitzet eure Sehenswürdigkeiten, wie Aegypten seine Katakomben hat, weiset aber nicht mehr auf die „großen Männer" hin, die im Schöße eures Bodens ruhen. — Ihr wollt reformieren, gut, tut solches, sorget dafür, daß man sich mit Anstand in der Synagoge betrage, daß das ungezogene Geplauder aufhört, von dem man so oft in eurer Synagoge belästigt wird, achtet darauf, daß die Synagogen-Ordnung gehandhabt wird, die uns der Schulchan-Aruch vorschreibt. Sorget dafür, daß eure Kinder Ehrfurcht vor der Religion eurer Väter bekommen, laßt sie nicht in Unwissenheit über ihr Gesetz aufwachsen, bereitet wiederum der Thora eine Stätte in eurer Mitte. Entfaltet in dieser Weise eure Tätigkeit, so übt ihr ein Werk, das den Beifall eurer hohen Ahnen und vor allen Dingen den Beifall G'ttes haben wird, und was euch spätere Generationen noch danken werden. — Bis jetzt herrschte Einigkeit in der Gemeinde zu Worms, beginnt ihr Herren Vorsteher euer Kunststückchen mit dem Umbau der Synagoge und der Umgestaltung des G'ttesdienstes, so habt ihr den Erisapfel in den Frieden der Gemeinde geschleudert, die Folgen habt ihr alsdann zu tragen. Wir hoffen zu G'tt, daß es nicht so weit komme, wir glauben, daß es noch Männer in Worms gibt, an deren gesundem und religiösem Sinn das Vorhaben des Vorstandes scheitern wird; auch der Vorstand wird von seinem Vorhaben abgehen, er wird es einsehen, daß das Säen der Zwietracht keine guten Früchte dem Sämann trägt. — Sollte aber der Vorstand sein Lieblingsprojekt durchsetzen wollen gegen den Willen vieler Gemeindemitglieder, nun dann, ihr Männer von Worms, denen die jüdische Religion kein leeres Traumgebilde ist, dann nicht Frieden um jeden Preis, nehmet den Fehdehandschuh auf, der euch hingeworfen wird, ihr kämpfet alsdann um das unveräußerliche Recht eurer Autonomie und eurer Religion, der Sieg kann nicht zweifelhaft sein!" Dazu bemerkt damals die Redaktion folgendes: „Es sind bereits einige Wochen verflossen, seitdem der Anfang des vorstehenden Aufsatzes in diesen Blättern erschien. Inzwischen hat die bekannt gewordene Absicht des Wormser Vorstandes, die altehrwürdige Wormser Synagoge durch Umbau zu verunstalten, nicht geringes Aufsehen in der Welt, namentlich in England erregt. Ein Korrespondent des Londoner „Jewish Chronicle" hat sich sehr energisch darüber ausgesprochen und seine Landsleute von Einfluß und Bedeutung aufgefordert, gegen dieses Attentat auf eines der ältesten und ehrwürdigsten jüdischen G'tteshäuser zu wirken. Was unterdes von dort aus geschehen, wissen wir nicht. Soviel steht fest — die Wormser Synagoge hat nicht allein für die dortige Gemeinde, sie hat für alle Israeliten das größte Interesse; namentlich sollte die gesamte jüdische Presse aller Länder, aller. Sprachen und aller Richtungen laut gegen den erwähnten Umbau protestieren, zumal, wie oben nachgewiesen worden, eine Notwendigkeit durchaus nicht vorliegt." Briefkasten. R. 200. Die Barmizwoh ist am 4. Mai. twnp-'fl. Geburtstag 2. Mai. — Für Abonnement bis 30. 9. sind Mk. 3.91 zu zahlen. M. G. in L. L Geb. 11. Februar 1922. Geburtstag 17. Januar. .,-:h*»a nno« 2. Geb. 11. April 1922. Geburtstag 16. April, nos ö-nin ros? nno« Wochenkalender. Vom bis 23. — 30 Juni 1934 / Vom 1 0. — 17. Tammus 5694 •>iav tp 23 10 •p £>•>:> Samstag m "t 'a pia npn Sonntag 24 12 B' Montag 25 13 3 Dienstag Juni 26 nan 14 K3 Mittwoch 27 15 33 Donnerstag 28 16 13 Freitag 29 17 13 . Samstag 30 10 H3 "i 'n pns

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