Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit Nummer 25 1934 Feuilleton- Beilage Der Chofez Chajim in der Kriegszone. (Schluß.) Eine finstere Nacht voll Schrecken begann. Jeden Augenblick leuchtete von einer anderen Seite ein Feuer auf, es knatterten Gewehre. Die Kinder wurden warm eingebettet und schliefen, die Erwachsenen saßen dabei, um sie zu behüten. Der Chofez Chajim saß im Gebet vertieft, rezitierte Psalmen und andere Gebete, auch eigene, wie es in solchen Situationen seine Gewohnheit war, die in keinem Gebetbuche standen, sondern sich aus der Tiefe seines Herzens losrissen. Mit zunehmender Nacht besserte sich die Situation ein wenig. Die Truppenzüge hörten auf. Der neue Wachtposten auf dem Wall fing an, sich für sie zu interessieren, ließ sich über die Motive ihrer Notlandung berichten und konnte nicht verhehlen, welch hohen Respekt ihm diese Heldentat schwacher, unkriegerischer Menschen einflößte. Von solchem Geiste, sagte er ein über das andere Mal, müßten alle russischen Menschen beseelt sein und man könnte eine Welt erobern. Er selber, erzählte er, sei ein Philologiestudent im letzten Semester aus Riga. Er wisse nun endlich, wozu er hergestellt sei, er wolle sie schützen, und sie könnten unter seinem Schutze ruhig schlafen. Als der Soldat in den ersten Morgenstunden abgelöst wurde, kam er bald wieder mit einem Eimer voll Wasser und einer Kanne Milch für die Kinder, die er aus dem nächsten Dorfe geholt hatte. Dann schärfte er seinem Kameraden ein, er möge die Menschen nach Möglichkeit schützen. Dieser nahm den Befehl sehr ernst. Als es zu regnen begann, bat er den Rabbi und die Kinder in sein Wachthäuschen, während er selbst draußen vor der Türe stand. Aber die Sorge um den Berditschewer wich nicht aus ihren Herzen. Morgens wurde es wieder unruhig. Man dachte schon daran, sich wieder ans Geleise zu machen, um, wenn es glückte, weiter zu fahren. Der Chofez Chajim.bat aber noch ein wenig zu warten. Im Momente schien ihm die Lebensgefahr nicht so groß zu sein. Und außerdem: Rabbi Ber Breitblatt, der Berditschewer, fehlte. Er hatte sich vielleicht im Gelände verirrt und suchte sie. Es wäre nicht recht, nur ans ich zu denken, sich in Sicherheit zu bringen und den Freund und Mitreisenden einfach zu opfern. Vielleicht kam er bald und man konnte dann zusammen beratschlagen, was zu tun sei. War er doch auch der entschlossenste und gewandteste in der ganzen Gesellschaft. t Inzwischen war der Vormittag vergangen. Man hatte in der Deckung am Hügel gegessen und sogar Sabbatgebete leise gesungen. Ob man jetzt nicht aufbrechen wollte? Chofez Chajim hatte nun wieder andere Bedenken. Der größte Teil des Tages war herum, noch fünf oder sechs Stunden und der Sabbat war vorbei. Auch bei Nacht und erst recht nachts rollten Züge vorbei. War es jetzt nicht ganz ruhig rundherum? Es wäre vielleicht nicht recht, jetzt noch den Sabbat in seinen letzten Stunden zu verletzen. Im übrigen ließ ihn auch der Gedanke an Rabbi Ber Breitblatt nicht zur Ruhe kommen. So vergingen auch die Nächmittagsstunden, die Sonne neigte sich. Dröhnende Schritte kündigten neue Truppen an. Man sah wieder Feuer aufblitzen und hörte fernen Kanonendonner. Es wurde auch Nacht. Chofez Chajim betete, als wäre er daheim in Radin in seinem Bes Hamidrasch und die Anderen beteten mit. Er hatte gerade die' Hawdolohgebete gesprochen, als ein Lichtlein am Horizont sichtbar wurde, das sich bewegte und näher, immer näher kam. Nun hörte man auch schon das Anrollen schwerer Fuhren. Ein Schrei der Freude und der Erlösung aus allen Kehlen auf einmal. Die Errettung war da! II. Ber Breitblatt, der Berditschewer, ein kräftiger Mann von erstaunlicher Gewandtheit, war weder verunglückt noch irregegangen. Er hatte sich nämlich in der Freitagna^ht, als sie alle am Geleise standen und der Zug nicht halten wollte, aufgerafft und war in den langsam fahrenden Zug gesprungen, mit dem festen Beschlüsse, den Chofez Chajim und seine Begleitung zu retten, und komme was wolle. Sein Zuruf wurde vom Rattern der Maschine überhört und er verschwand mit dem Zuge in der finsteren Nacht, ohne daß sie ihn sehen konnten. Ihm genügte die Tatsache, daß Chofez Chajim das Fahren in dieser Situation erlaubt hatte, andere Schwierigkeiten als die religionsgesetzlichen kannte er nicht. Er hatte sich einen ganzen Plan für die Rettungsaktion zurechtgelegt. Aber es ging zunächst nicht alles nach Wunsch. Für die kurze Strecke bis Molodetschno, im Ganzen nur sieben Kilometer, brauchte der Zug, der gerade da, wo er es nicht tun sollte, jeden Augenblick stillhielt, die ganze Nacht. Morgens um achte fuhr er erst in die Station ein. In der Stadt stieß er auf einen Juden, der mit dem Talithbeutel unter dem Arm zur Synagoge eilte. Er hielt ihn an und fragte ihn, wo hier der Rabbiner zu finden sei. Der Mann sah ihn mit großen Augen an und. höhnte: „Kommt da ein Jude am Sabbat angefahren und hat nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als den Rabbiner aufzusuchen." Reb Ber überhörte den Spott und ließ nicht nach, bis ihm der Mann die Wohnung des Rabbiners zeigte. Der Rabbiner war aber schon längst in der Synagoge, so eilte er ebenfalls dahin. Hundert argwöhnische Blicke verfolgten ihn, alle wußten, es hatte sich inzwischen herumgeredet, daß er am Sabbatmorgen angefahren kam. Es gab schon Leute in jener Gegend, die am Sabbat fuhren. Aber ein Mann, der am Sabbat angefahren kam und gleich nach dem Rabbiner fragte und in die Synagoge lief, war doch eine Seltenheit. Man lauschte mit Neugierde, was der fremde Mann dem Raw zu sagen hatte, sogar noch mitten im Gebete. Man konnte beobachten, wie der Rabbiner zuerst sehr unwillig hinhörte, dann aber mitten im Gebete einhielt und horchte. Ganz blaß war der alte Mann geworden. Bald wußten es alle: Der Chofez Chajim befand sich auf freiem Felde unter größter Lebensgefahr, eine ganze Nacht schon und jetzt noch. Mit Erlaubnis des Rabbiners wurde gleich eingespannt und einer der ersten Männer der Gemeinde, Rabbi Benzion Aeltermann, erklärte sich bereit, mit dem jungen Rabbi Ber hinauszufahren, um den Chofez Chajim zu holen. Der Berditschewer aber wußte Bescheid. Er kannte den Emst der Lage und bat, man möge ein paar Soldaten anwerben, daß sie mitfuhren. Sofort sprangen drei in der Synagoge anwesende jüdische Soldaten hinzu und erboten sich, mitzufahren. Nach wenigen Minuten fuhren zwei Wagen ab. Im ersten saßen der Berditschewer mit Rabbi Benzion Aeltermann, in der zweiten Fuhre hinterher die drei jüdischen Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren. So fuhren sie gegen zehn Uhr hinaus, um einen Wall, auf dem ein Geleise war, und unter dem ein Viadukt führte, zu suchen. Es waren aber so viele Wälle und Geleise und Viadukte in der Gegend, und der junge Rabbi Ber konnte bei aller Gewandtheit die Stelle nicht angeben. Er konnte sich auch in der Dunkelheit vorher die Gegend nicht so genau merken. So kam es denn, daß sie lange Stunden in der Gegend herumfuhren, überall vergebens suchten und nachfragten, ohne die Stelle zu finden. Gegen vier Uhr Mittag kehrten sie wieder unverrichteter Sache in die Stadt zurück, die sich schon'gerüstet hatte, den Chofez Chajim zu empfangen. Es trat größte Bestürzung ein. Wer weiß, sorgte man sich, ob nicht dem Rabbi mit seiner Gesellschaft schon was zugestoßen sei, so daß sie nicht mehr aufzufinden waren? Ein nicht allzulanger Ellultag hüllte sich in dichten Nebel und neigte sich mählich dem Untergange zu. In heller Verzweiflung standen die Menschen auf der Straße und berieten, was zu tun sei. Da kam einer dazu, der vom Lande und aus jener Gegend stammte. Er ließ sich vom Berditschewer genau die Stelle beschreiben, wie der Wall aussah, wie die Felder und die Bäume dort waren, welche Steine auf dem Wege lagen. Und nun wußte er es, es war in einer Entfernung von etwa sieben Kilometern. Sofort machten sie sich zum zweiten Male auf den Weg. Jetzt saß der Landmann vorne als Führer der Expedition. Nach einer Stunde Fahrt auf Wegen, die ihnen der Begleiter zeigte, waren sie bei der Brücke in der Nähe des Walles, und trotz der Finsternis entdeckten sie bald die Menschen, die dort harrten. Ein Freudenruf entrang sich ihren Herzen: „Hier ist der Chofez Chajim! . . ." Der erste Freudenausbruch des Chofez Chajim lautete: „G'tt sei es gedankt, Ber, der Berditschewer, ist da!" Er möchte im Momente nicht so viel erzählen und berichten, sagte dieser. Die Gefahr, das habe er erst in der Stadt erfahren, sei für sie größer als sie selber ahnten, so möchten sie doch rasch in die Fuhren. Der Weg sei jetzt ganz gesichert, denn man habe den Schutz von drei Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren. „G'tt sei für das alles gedankt," betete der Chofez Chajim. Aber noch eine kleine Weile. Er wollte nur noch die Sabbatausgangsgebete sagen. Alle sagten und sangen mit. Auch die drei Soldaten, die ihre Gewehre beiseite stellten und voller Verehrung zu dem Rabbi hinaufsahen. Nun stiegen sie in die Fuhren und man tauschte gegenseitig die Erlebnisse der Nacht und des Tages aus, Rabbi Ber Breitblatt erzählte von all den Mühen und Irrungen, bis sie die Stelle gefunden hatten. Die Männer um den Chofez Chajim berichteten aber von den Erlebnissen der Sabbatnacht. Im Städtchen Molodetschno dachte keiner in dieser Nacht, zur Ruhe zu gehen. Alles, der Ortsrabbiner Rabbi Mosche Abramowitz an der Spitze, war am "Ausgang der Stadt vor der Landstraße, um den Chofez Chajim und seine Reisebegleitung zu empfangen. Sie wurden mit Jubel begrüßt und man wies den hohen Gästen die besten Quartiere an, die man im Städtchen haben konnte. Es war noch eine Woche bis Rosch Haschanah, und die Bewohner des Städtchens baten den Chofez Chajim flehentlich, er möge doch die heiligen Tage bei ihnen weilen. Hatte schon ein sonderbares Geschick ihn hierher verschlagen, so wollten sie doch daraus einigen Nutzen für sich ziehen und mit ihm an den heiligen Tagen beten. Der Chofez Chajim willigte ein, und die hohen Feste verliefen in der Holzsynagoge des Städtchens in einer Andacht und Feierlichkeit wie noch nie. Am Rosch Haschanah sagte er auf Wunsch des Ortsrabbiners die Tekioth vor und