Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21. Juni 1934 Der 1 s i a e 1 i t Nr. 25 Seite 5 Währung eingelegt werden; dagegen vor allem, daß der Talmud zum offenen Gemeinplatze gemacht wird, auf dem sich jeder beliebig das holen könnte, was er gerade für seine Zwecke braucht. Jene Talmudstelle handelt von einem, der sich in der Wüste verirrt hat und nicht mehr weiß, wann Sabbat ist. Aus Rücksichten des mp'D (der unmittelbaren Lebenserhaltung) erlaubt man ihm wie jedem, der in unmittelbarer Lebensgefahr ist, sich jeden Tag soviel an Speise zu bereiten, - als er für seine Le- Es gibt gewiß in unsrem Leserkreise nicht wenige warmfühlende Gesinnungsgenossen, denen die immer erneute Erörterung des in der Ueberschrift genannten Themas höchst überflüssig erscheint, ja die darin ein unerwünschtes Symptom der inneren Schwäche erblicken. Möge man — so sagt man in diesen Kreisen — produktive Arbeit in Erez Israel oder wo immer leisten und sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob jemand seine Tatkraft und seine Mittel der einen oder der anderen Organisation zur Verfügung stellen will. Aguda und Misrachi körinten, ohne sich zu kennen oder einander zu bekämpfen, alle beide dem gemeinsamen Ziel dienen — jene, indem sie den Gedanken der Thora-Souveränität in voller Reinheit vertritt und durch Taten seine Fruchtbarkeit erweist, dieser, indem er im Rahmen der thorafremden Organisation von innen heraus zum mindesten auf eine relative Annäherung der Entfremdeten an die religiöse Wahrheit hinwirkt. Allein eine solche Auffassungsweise verkennt zunächst einmal, daß die gesetzestreue Judenheit nach allen Verlusten, die sie während anderthalb Jahrhunderten der Verweltlichung und nach dem furchtbaren Aderlaß des Weltkrieges mit seinen Nachwirkungen erlitten hat, zu arm an materiellen und geistigen Energien ist, um sich ohne Gefahr den Luxus zweier Organisationen und daneben noch weiterer zahlloser selbständiger rechtsradikaler Gruppen gestatten zu können. Die Führer vermögen sich daher der Pflicht ernsthaften Nachdenkens über das Problem der Vereinheitlichung eben so wenig zu entziehen, wie die orthodoxe Presse es verschmähen darf, sich der Erörterung dieses Grundproblems des innerpolitischen jüdischen Lebens zur Verfügung zu stellen. Ins Rollen gekommen ist die Diskussion über das Aguda-Misrachi-Problem durch das Auftreten benserhaltung unbedingt nötig hat. In unserem Falle handelt es sich aber nicht um Irrende, die nicht wüßten, wann Sabbat ist, sondern um Irregeleitete, die nicht wissen, was Sabbat ist. Wir wollen hoffen, daß sie sich auf dem Wege über Kiddusch, Lieder und Tischgebet zum vollen Sabbat finden. Sie werden aber auf halbem Wege bleiben, wenn wir es versuchten, mit unmöglichen Deutungen ihr Gewissen einzulullen und ihrem halben und Viertelsabbat gar talmudische Sanktion zu erteilen. Rabbiner A m i e 1 s auf dem Misrachikongreß in Krakau. Unsre Leser »sind über die Auffassung, die dieser aufrechte und geistvolle misrachistische Führer vertritt, durch einen aus seiner Feder im „Israelit" veröffentlichten Artikel unterrichtet, und niemand wird sich dem Eindruck entziehen können, daß eine Verständigung der Agudo mit dieser Amiel'schen Denkart nicht allzu schwierig sein könnte. Allein, es hat sich schon in Krakau, noch mehr aber während der inzwischen stattgehabten Erörterungen gezeigt, daß Rabb. Amiel mit seiner entschlossen nach rechts orientierten Ideo-1 logie in den Reihen des Misrachi keineswegs allseitige Zustimmung findet. In dieser Hinsicht liegen zwei bedeutsame symptomatische Aeußerungen vor, von denen die eine Rabbiner Dr. Hoffmann in Frankfurt a. M., die andere Rabbiner U s i e 1 in Tel Awiw zum Urheber hat. Dr. Hoffmann hat auf der deutschen Misrachi-Konferenz scharf gegen Rabbiner Amiel polemisiert. Es heißt darüber in dem misrachistischen „Zion" Nr. 4/5 wie folgt: Der Redner — Rabb. Dr. Hoffmann — ging ausführlicher auf die Haltung ein, die dem Revisionismus zugrunde liegt und kam dann auf das Problem M i srachi und Aguda zu sprechen, wobei er die Ausführungen von R a w Amiel in einem Artikel des „Israelit" zugrunde legte. Dort hatte Raw Amiel behauptet, daß zwischen dem Misrachi und der Aguda nichts Grundsätzliches stehe. Lediglich die Frage der Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation bilde das Trennende und diese sei eine leere Formsache und wie jede Form wandelbar. Demgegenüber führte der Redner aus: „Die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation ist uns mehr als Form, sie ist uns wesenhaft. Es gehört zum Wesen der misrachistischen Ideologie, den Klall-Gedanken zu bejahen, gleichgültig, ob es sich um das Problem der jüdischen Gemeinde oder das der jüdischen Volksgemeinschaft handelt. Uns genügt es nicht, in kleinen homogenen Zirkeln für unsere Ideale zu wirken. Wir halten es für unsere Pflicht, in großen Organisationen und Verbänden für unsere Ziele zu wirken und zu werben und die von uns geschaffenen und mitgeschaffenen religiösen und kulturellen Einrichtungen dem Klall zugute kommen zu lassen. Was soll aus den jüdischen Menschen werden, die bewußt oder unbewußt sich von der Tradition entfernt haben, wenn die in der Tradition verwurzelten und im jüdischen Leben aktiveren Kreise sich zurückziehen und die anderen sich selbst überlassen! — — — Nein, der Austritt aus der Bewegung kommt für uns aus ideologischen Gründen nicht in Betracht, aber auch aus realpolitischen Gründen müssen wir in der Zionistischen Organisation verbleiben. Trotz mancher Enttäuschung ist doch Vieles erreicht worden, und wir sollten das Geschaffene dankbar anerkennen." Das Irrige dieses ganzen Gedankengangs nachzuweisen, der so tut, als sei die Ablehnung der organisatorischen Zugehörigkeit zu einer thorawidrigen Gemeinde oder Organisation gleichbedeutend mit einem „sich zurückziehen" und einem „sich selbst überlassen der anderen", ist in diesem Zusammenhang nicht erforderlich. Festzustellen ist nur, daß zwischen der Amiel'¬ schen und der Hoffmann'schen Auffassung eine weite Kluft gähnt. Dr. Hoffmann identifiziert die künstlich geschaffene zionistische Organisation mit dem „Klall Isroel" und hält sich, mag diese Organisation im geschichtlichen Verlaufe noch so sehr in Gegensatz zu allem Jüdischen treten, unveräußerlich an sie gebunden. Demgemäß muß er in den Agudisten Sünder erblicken, die den Klall Isroel-Gedanken verraten und durch ihre falsche Ideologie (trotzdem sie von fast allen bXHy "'Vna der Vergangenheit und Gegenwart vertreten wurde und wird) der Tradition zuwider handeln. Es ist zu befürchten, daß die Hoffmann'sche Auffassung, zumal sie in begreiflichen realpolitischen Erwägungen ihre Stütze findet, im Misrachi weit verbreiteter ist als, diejenige Rabbiner Amieis. Auch Rabbiner U s i e 1 zeigt in einem langen Aufsatz, der in Nummer 9 des „Hahed" erschienen ist, wenig Verständnis für den Standpunkt seines Parteigenossen Raw Amiel. Es sei, so meint er, unmöglich, mit der palästinensischen ,,Agudas Jisroel" zusammenzuwirken, weil sie alle ihr nicht zugehörigen Gesetzestreuen als minderwertig betrachte Und die in die Irre gegangenen Volksteile preisgebe, »TpDO" sei. Man kann hiernach kaum erwarten, daß der Aufruf Raw Amieis zu einer, wenn der Ausdruck gestattet ist, „Verselbständigung" des Misrachi in den Reihen der Partei irgendwelches Echo finden wird. Auch die Zuschriften selbst, die von misrachistischer Seite an die Agudöleitung bisher er- Aguda und Misrachi. Kleines Feuilleton. Sinn und Aufgabe der jüdischen Diaspora. Das Juni-Heft der Monatsschrift des Philo-Verlages, „Der Morgen", ist der Erörterung des zeitgemäßen Themas „Sinn und Aufgabe der jüdischen Diaspora" gewidmet. Gegenüber der beherrschenden Stellung, die nach dem Lauf der geschichtlichen Ereignisse Erez Jisroel heute im Gedankenkreis der deutschen Juden einnimmt, verlangt es in der Tat die Pflicht ehrlicher Selbstbesinnung, auch einmal darüber nachzudenken, ob nun in der Tat mit einem Schlage die Diaspora- Existenz der jüdischen Gemeinschaft aufgehört hat oder mindestens gedanklich gar keine Beachtung mehr, verdient. Von den in dem Morgen-Heft zur Beantwortung dieser Frage gelieferten Beiträgen halten wir den Aufsatz von Ignatz Maybaum „Raum und Grenze der Diaspora" für den besten, obgleich er, wie das ja bei solchen Betrachtungen unvermeidlich ist, auch wieder an einer bemerkenswerten Einseitigkeit nach der entgegengesetzten Richtung wie die zionistische Tagespredigt leidet. Maybaum betrachtet als das kennzeichnende Charakteristikum der Diaspora-Situation den Satz: „Ein Mensch (bezw. ein Volk) ganz allein mit seinem G't t." „Ist das möglich," fährt er fort? „Ist solche Existenz auszuhalten? Wir sagen ja. Seit zweieinhalbtausend Jahren ist der soziologische Raum der jüdischen Gemeinschaft das Exil. Exil ist nicht der geographische Begriff, den die Bezeichnung Chuz-laarez (außerhalb Palästinas) meint, Exil bedeutet Existenz ohne Machtbasis. In diesem Sinne ist das Judentum in Palästina in demselben Exil wie wir, Das Exil ist unser Schicksal." Darin liegt gewiß eine Wahrheit, denn tatsächlich verführt der eigene Boden und der eigene Staat, wie die Weltgeschichte lehrt, zur Abschüttelung des „Joches der g'ttlichen Herrschaft." Aber das kann die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß das von G'tt gewollte Schicksal des jüdischen Volkes als Endziel dennoch einen jüdischen Staat kennt, also kein Exil, einen Staat allerdings, dessen Machtbasis allerdings weder Land, noch Wirtschaft, noch Militär bildet, sondern immer wieder nur G'tt. Im Exil mit G'tt allein zu sein ist leichter als auf eigenem Boden. Der Maybaum'sehe Satz bedarf also insofern der Richtigstellung, als das Exil die Erziehung dazu bedeutet, auf eigenem Boden und auf scheinbarer Machtbasis mit G'tt allein sein zu können. Hierbei ist aber natürlich außerdem die weitreichende Bedeutung des Exils für die Erziehung der ganzen Menschheit außer Acht gelassen, wie überhaupt — die politische Lage der Zeit läßt es begreiflich erscheinen — dieser wichtige Gesichtspunkt in den Diaspora-Aufsätzen des Heftes zu kurz kommt. Sehr beachtenswert und beherzigenswert sind die Ausführungen Ludwig Landaus in seinem Beitrag „ Kolonial r'eligi.on?", worin er die Gefahren palästinensischer Wirklichkeit für das religiöse Leben hervorhebt. Er fürchtet, daß es lange dauern werde, bis der palästinensische Jude als menschliche Individualität reif für das religiöse Erlebnis werde. „Wird er nicht zu unproblematisch sein? Wird er, befreit vom Schicksal der Zerstreuung, nicht zu beruhigt sein? Wird er sich mit der jüdischen Existenz als bloßer Existenz in Palästina begnügen? Wird er sich um jüdisch-verinnerlichtes Leben noch bemühen wollen, oder als Kolonist sich bemühen können? Die Luft von Erez Jisroel soll weise machen, zitiert Wiener, man muß aber auch weise werden können." Es ist nun allerdings anzunehmen, daß Araber und Engländer gemeinsam schon zur Genüge dafür sorgen werden, daß das palästinensische Judentum kein allzu „beruhigtes" Dasein führen kann. Das Heft gibt jedenfalls all denjenigen zu denken, die es mit den neu aufgewühlten Schicksalsfragen der jüdischen Existenz in dieser Zeitlichkeit ernst nehmen und die sich der Tatsache bewußt sind, daß bei noch so starkem Aufschwung des heiligen Landes, aller Voraussicht nach, die Millionen des jüdischen Volkes ihre Diaspora-Existenz noch lange weiterzuführen haben werden. „The Aguda-World". Die vierte Nummer des von der amerikanischen Agudas Jisroel- Jugendorganisation herausgegebenen Organs liegt uns vor. Es enthält an*der Spitze einen Artikel über das Dafjaumi, sowie eine größere Anzahl von Nachrichten aus den verschiedenen Jugendgruppen, ferner einen Bericht über die holländische Agudo aus der Feder von D. Hausdorff in Dotterdam. Das Organ ist zum Teil in englischer, zum Teil in jiddischer Sprache redigiert. -