Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 25 Der Israelit 21. Juni 1934 die Vorbereitung der Delegation auf dem Wege über die Presse propagandistisch ausbeutete, so daß die Zeitungen schon vorher zu dieser Inter vention Stellung nehmen und der Kardinal selbst seine Erwiderung so vorbereiten und festlegen konnte, daß auch die andere Seite auf ihre Kosten komme. Diese taktischen Fehler des, wie scheint, durch das Büro nicht gut geführten Rabbinerverbandes rufen Mißstimmung und Kritik hervor, sind aber mit Hinsicht auf den Ernst der Situation zu kleinlich, als daß man weiter viele Worte darüber verlieren sollte. Nun aber ist ein Schuß gefallen, der allen die Augen aufreißt über die Lage, ja alle Hintergründe jener maßlosen Hetze, deren Opfer zunächst, wie immer, die Juden wurden, bloßlegt. Der Innenminister, ein Mann von humanem Wesen und rechtlichem Denken aus dem intimen Kreise Pilsudskis, ist von Mörderhand meuchlings niedergestreckt worden. Noch ist der Attentäter nicht erfaßt, aber man weiß, daß er i n den Reihen der N a t iona1radika1en zu suchen ist. Es sind die gleichen, die die neue verschärfte Reihe der Judenexzesse in Stadt und Land nicht nur angezettelt, sondern auch eigenhändig geleitet haben. Man weiß nun genau, woher jene Horden kamen und wohin sie über die jüdischen Armutsstätten in Warschau und in Lemberg hinaus zielten. Man darf somit hoffen, daß dieser letzte Schuß, der ein Edelopfer aus den Besten der Nation gefordert hat, nun das Finale zu der Symphonie des Hasses bilden wird, die in den letzten Tagen Polen in einigen Mißkredit gebracht, ja ein ganz falsches Bild von Polen in der Welt geboten hat, und daß nun endlich die Ruhe, Zucht und Ordnung im Laden eintreten, wie sie von der derzeitigen Regierung immer gewünscht und angestrebt wurden. Von denen, die in der Wüste irren... Man erinnert sich der seligen ,.Richtlinien", — e lang ist es her! — in denen es vom Sabbat ungefähr hieß, man halte den Sabbat insofern und alisolange es das geschäftliche Leben gestatte, in Synagoge und Familie. Man hat es inzwischen erlebt, daß die Schöpfer jener ,»Richtlinien" — wenn vielleicht auch nur symbolisch — zum „Judentum von Talith und Tefillin" zurückrufen. Aber ganz scheint ener Spuk durch die Kanonen des Weltkrieges und all das, was die Welt und wir im Anschluß daran weiter erlebt haben, noch nicht vernichtet zu sein. Im Mannheimer „Israelitischen Gemeindeblatte" vom 18. Mai d. J. schreibt Dr. Ernst Steckelmacher zur Frage der Sabbatheiligung in unserer Zeit und stellt mit Genugtuung fest, daß heute die Sabbatg'ttesdienste, besonders die Freitagabendg'ttesdienste, besser besucht seien wie früher. Es heißt dann wörtlich: „In vielen Häusern, wo die Erwerbstätigen ihren Berufspflichten am Sabbat nachgehen, erhellen wieder die Sabbatlichter - den festlich gedeckten Tisch, es wird wieder Kiddusch gemacht und die Festmahlzeit mit Sabbatliedern und dem Tischgebet beschlossen. Es ist eine unvollkommene Feier des Sabbats, wie sie uns hier entgegentritt, ich gebe dies ohne weiteres zu, aber ihre religiöse Bedeutung scheint mir festzustehen, weil sie wenigstens die Erinnerung an den Sabbat wach und rege erhält. Und auf sie alle diejenigen hinzuweisen, die der schwere Lebenskampf heute nötigt, am Sabbat tätig zu sein, erachte ich als eine Forderung der Stunde. In diesem Zusammenhange sei auf eine sehr aufhellende Talmudstelle hingewiesen, die deutlich zeigt, daß wir uns gar nicht so weit von der Auffassung des Talmuds entfernt haben, wenn wir diejenigen, die am Sabbat ihren Berufspflichten nachgehen, ermahnen, daß sie wenigstens durch synagogale und häusliche Feier den Sabbat als g'ttgeweihten Ruhetag kenntlich machen. Im Talmud babli Schabbat 69b wird eine Baraita angeführt, wonach jemand, der auf der Reise oder in der Wüste sich befindet, und nicht weiß, wann Sabbat ist, sechs Tage zählen und dann einen als Sabbat begehen soll. Dann heißt es weiter: Raba sagte: An jedem dieser Tage bereite er zu, was er zu seiner Ernährung benötigt, außer an diesem Tage. Und an diesem Tage soll er etwa infolge des Nahrungsentzuges sterben? Vielmehr er bereite am vorangehenden zwei Tagesrationen vor. Vielleicht ist aber der vorangehende Tag Sabbat? (Und er hätte dann, wie Raschi zur Stelle erklärt, den Sabbat entweiht, ohne daß eine Lebensgefahr vorhanden war.) Er bereite daher an jedem Tage zu, was er zu seiner Ernährung benötigt, auch an diesem Tage (den er als Sabbat begeht). Wodurch ist aber nun wohl dieser Tag kenntlich und unterschieden von den anderen Tagen? Durch Kiddusch und Habdalah. Diese letzten Worte sind sehr beachtenswert. Wir erfahren aus ihnen, daß die Art, den Sabbat nur unvollkommen zu feiern, sich — in einem Notstand — gleichsam mit seiner Kennzeichnung als Sabbat zu begnügen, einer talmudischen Quelle nicht unbekannt ist." Auch wir wollen denen, die den Arbeitss a b b a t mit Kiddusch und Liedern und Tischgebet weihen, gewiß nicht lieblos zurufen: „So laßt doch die schönen Worte, wenn es die Tat nicht ist," wenn wir auch andererseits darauf hinweisen müssen, daß IHK TDH Tl»t^ daß die Erinnerung an den Sabbat nur durch Sabbathut für die Dauer wach gehalten werden kann. Wenn aber Herr Dr. St. sich in einer Zeit der gewagtesten Talmuddeutungen gar auf talmudisches Gebiet begibt, um mit einer Baraita seinen romantischen Sabbat ohne Sabbatruhe zu stützen, so muß doch dagegen entschieden Ver- Wochenrundschau, Die antisemitische Welle in Polen. Nach einer Aera der Befriedung, in der es so schien, als wäre die Judenfrage in Polen definitiv zur Ruhe gekommen, erhob sich dort über Nacht eine Welle des Judenhasses, die von Grenze bis zur Grenze brandet und täglich Opfer kostet. Man scheint nicht nur bei uns, sondern auch in Polen selbst von den Dingen ganz überrascht und überrumpelt zu sein, es wäre sonst schlecht erklärlich, warum die maßgebenden Behörden, die oft genug den ehrlichen Willen zeigten, dem Wunsche der Regierung nach Gleichheit vor Recht und Gesetz, Nachdruck zu verleihen, noch nicht wirksam durchgreifen. Die von jüdischer Seite ergriffenen Abwehrmittel lassen leider die einheitliche Linie vermissen. Eine Delegation des polnischen Rabbinerverbandes begab sich zum höchsten Würdenträger der katholischen Landeskirche, Kardinal K o k o w s k i, der zwar den Herren einige freundliche und beruhigende Worte mit nach Hause gab, im übrigen es aber nicht unterlassen konnte, ihnen eine kleine Strafpredigt zu halten wegen des bei den Juden angeblich platzgegriffenen religionsfeindlichen Kommunismus. Daß das grundfalsch ist, daß der kommunistische Prozentsatz unter den Juden keineswegs den bei den anderen Religionen übertrifft und daß dieses Häuflein Kommunisten gerade die Erzfeinde der jüdischen Religion sind und vom Gros der Judenheit und ihren Rabbinern aufs Bitterste bekämpft werden, das alles wurde von den Führern der: Delegation dem Kardinal gesagt. Aber nicht das ist das Entscheidende, was der Kirchenfürst gesagt oder was man ihm gesagt hat, sondern die Tatsache, daß die Delegation selbst in ihrer Vorbereitung und Zusammensetzung ein Bild verhängnisvoller Kopflosigkeit gewährt. Der Vorsitzende des Rabbinerverbandes, Oberrabbiner Aron L e w i n , der als Deputierter gewiß die größte Erfahrung in solchen Dingen besitzt, wurde weder verständigt noch herangezogen, andere Herren, deren einer gar nicht Rabbiner, sondern nur Sekretär des Verbandes ist, machten sich zu Sprechern, obwohl ihnen jede Eignung und Autorität dafür fehlte. Kam noch hinzu, daß man einige Tage vorher schon Zum Andenken an Oberrabbiner Dr. Samuel Spitzer V'ST« Aus der Fülle der Reden und Kundgebungen, die uns aus Anlaß des Ablebens des Hamburger Raw zugegangen sind, bringen wir hier noch (zum Ablauf der awbv am Donnerstag, den 28. Juni), einiges aus der Gedenkrede des Herrn Rabbiner Dr. L e w i n , Hamburg: „Am künftigen Schabbos vernehmen wir wie als Weisung an den Lehrer und Führer in Israel das Prophetenwort (Secharj, 3/7): '131 "]Vn 'ana an, „Wirst du in meinen Wegen wandeln und hüten, was zu beachten ich heiße, wirst du sowohl das Recht meines Hauses vertreten als auch meine Vorhöfe hüten, so werde ich dir Gehende unter den hier Stehenden geben." Die Nachachtung dieses Schriftwortes bis zur höchsten Vollendung — auf diese Formel können wir das bringen, all das Große und Schöne und Heilige, was an unserem verewigten Lehrer und Meister ewig, unvergänglich tief eingeschrieben ist im Sefer sichraunaus, im Gedächtnisbuch der Gemeinde und des Synagogen-Verbandes. Was war es denn eigentlich, womit der Lehrer hier von dieser Stätte seiner Wirksamkeit aus die Hörer hinriß, ob er mahnte und anspornte oder ob er des Judentums Schönheiten aufwies und der heiligen Lehre Ideen und Wahrheiten zeichnete? Gewiß, die Tiefe der Gedanken, die da hervorsprudelten, das Feuer prophetischer Begeisterung, das in den Reden widerstrahlte, all' das fand den Weg zum Herzen, vor allem war es aber das Bewußtsein, daß der Meister lehrte, was er lebte, und auch die so beglückende Ueberzeugung, daß hier kündete und predigte echte große Thoraweisheit, die unsern Oberrabbiner zu einem nm Tri' stempelte, zu einem der Größten unserer Zeit. Und seine halachischen Vorträge mit ihrer meisterhaften, klaren, anschaulichen Darstellung subtiler talmudischer Themen waren immer wie Vorfreuden der nahenden heiligen Feste, und wir empfanden sie immer wieder als Erlebnisse, die für die Thoraliebe und das Thorastudium warben. Wie drängt sich da uns das Wort der Klage über die Lippe, das ein Trauerredner beim Heimgange des R. Sera (Moed K. 25b) sprach: . KVT "vi ">E?Q3 ms „Das klassische Land der Jeschiwaus Ungarn, hat ihn erzeugt und schon in jungen Jahren zu einem bevorzugten Schüler großer Lehrer ward er dann in dem Lande, dem sein Sehnen und seine Liebe galt, ein Liebling des thoratreuen Judentums, — und nun klagt um ihn unser Hamburg, diese ehrwürdige Gemeinde mit ihren Führern und Einrich- .tungen und Schülern um ihr Kleinod, um ihn, der nicht nur ein so eifriger, verständnisvoller Priester dieses G'tteshauses war, sondern auch die heiligen Vorhöfe mit peinlichster Sorgfalt und Umsicht hütete. Mit eherner durch keine Umstände zu erschütternder Konsequenz, die ihn das Wort Kompromiß aus dem Wörterbuch seiner Amtsführung streichen hieß, und voll des Verantwortungsgefühls für Hamburgs Größe und Würde, wachte er treu über alle Ueberlieferungen und Einrichtungen des Synagogen-Verbandes. Dafür liebte er gar zu sehr die Gemeinde, daß er nicht alles daran gesetzt, seine ganze Kraft und Fähigkeit wie sein unermeßliches Wissen und scharfes Urteilen, um die Reinheit der kultuellen Einrichtungen zu wahren. Alle sollten mit ruhigem Gewissen sich in die Hamburger Gemeinde eingliedern dürfen, damit das einzigartige Hamburger Gemeindewesen sich erhalte, wegweisend und vorbildlich, darum sorgte er mit unermüdlichem Eifer dafür, daß der Synagogen-Verband blieb, was er war und sein soll: schaumer emunim, der Hort des Ueberlieferten und Hüter der Getreuen. Wir dürfen mit ungeteiltem Herzen aus tiefster Ueberzeugung sagemsin j»ki wa ^aa „In meinem ganzen Hause ist er treu bewährt." Dem weitverzweigten Kreise seines amtlichen Wirkens hat unser verklärter Großer den Stempel seines Geistes und seiner Treue aufgedrückt und die stattliche Reihe von Hamburgs großen, weltbekannten Rabbonim fortgesetzt. Da ergibt sich wie von selbst die Erfüllung des Prophetenwortes: pa ü^brm T> vmrr ca'Höwn Solches Wirken wird nicht schwinden, sondern fortleuchten, Sternen gleich, die ewig strahlen. Die Saat wird in reichen Halmen aufschießen. In dieser Ueberzeugung durchleben wir jetzt die feierlichste Stunde des Jahres: die Neilo des Jaumkippur, Da möchten wir auch ausrufen: iaa *pa» ]3 '3 nan „Siehe, so wird gesegnet der Mann, der G'tt fürchtet." Das führt uns in das engere Haus unseres verklärten Raws, zu jenem wundersamen, einzigartigen Paradies trauter Familieninnigkeit. Wahrlich, der Fromme, G'ttesfürchtige war hier gesegnet in der liebevollen Gattin, die ihn so fürsorglich, unermüdlich betreute und gleichgestimmt und feinsinnig des Amtes schwere Bürden ihm erleichterte, gesegnet war er in seinen Kindern, die alle vorbildlich das köstliche Erbe der Väter in Treue hüten und wahren, und beglückt auch, als mehrere von ihnen sich edlen Reisern wackerer Häuser verbanden und ihm Kinder der Kinder brachten."