Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. Juni 1934 Der Israelit Nr. 25 Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1.) möglichst großem Umfang zur Verwirklichung zu bringen. „Lösung der Gesamtheitsaufgaben im Geist der Thora": es bedarf einer Organisation, auf daß das Sinaivolk seine Aufgaben erfasse, beschließe und durchsetze. Diese Organisation ist Agudas Jisroel. Ihre Herausstellung war die erste Leistung des Agudismus; eine wahrhaft historische Leistung. Aber bis jetzt die einzige. Man mißverstehe nicht. Hier handelt es sich nicht um eine Kritik dessen, was die agudistische Organisation geleistet oder nicht geleistet hat. Wer in dieser Hinsicht übermäßig skeptisch ist, mag auf ein paar Tage nach Polen gehen. Er wird dort einen lebendigen Anschauungsunterricht von nachhaltiger Wirkung erhalten. Nicht von der agudistischen Organisation ist hier die Rede, sondern vom Agudismus. Daß Agudismus und agudistische Organisation gleichgesetzt, miteinander verwechselt worden sind, stellt den größten Fehler dar, den wir bisher begangen haben. Ist etwa Zionismus und zionistische Organisation dasselbe? Oder Sozialismus und sozialistische Organisation? Oder Kirche und Christentum? Der Agudismus schuf sich die agudistische Weltorganisation. Seitdem müht die Weltorganisation sich schlecht und recht ab, die Gesamtheitsaufgaben des Sinaivolkes auf weitem Erdenrund zu erfassen und ihre Lösung zu beschließen und durchzusetzen. Aber vom Agudismus ward nichts mehr gehört. Der Agudismus ist keine Organisation. Er bedeutet auch nicht die Forderung einer alle thoratreuen Juden umfassenden Organisation. Der Agudismus ist eine Idee. Idee mag hier durchaus im ursprünglichen, im platonischen Sinne des Wortes genommen werden. Was hier auf Erden greifbar und sichtbar ist, stellt nur eine überaus verstümmelte Erscheinung dessen dar, was in der Welt der wahrhaftigen, der unzerstörbaren Realität in Reinheit und Vollkommenheit bei G'tt weilt. Das jüdische Volk auf Erden ist jammervoll zerstreut und verelendet, hineingestoßen in die Sorge des Alltags, mit Fehlern behaftet, verfehmt und bespieen. Aber bei G'tt weilt das ewige ,,An sich" dieses Volkes, weilt „Kenesseth Jisrael" in unvergleichlicher Schöne, untrennbar von „Erez Jisrael", untrennbar von der „Thora des gesprochenen Worts". Auch der Zionismus ist eine Idee; freilich eine falsche. Dem jüdischen Volk der irdischen „Wirklichkeit" hält er die Idee eines Volkes entgegen, das, nach Weise der Völker, kraftvoll aus eigenem Recht im eigenen Lande sitzt und das Diadem der Souveränität, nach Weise der Völker, an seiner Stirne trägt. Der ■ Agudismus hat mit dem Zionismus die 'Beziehung! i zum jüdischen Volk1 als Ganzheit gemein. Aber die',, Idee" des jüdischen Volkes, wie sie der Agudismus erkannt hat, das ist-die Idee eines Volkes, das G'ttes Königtum huldigt, das sich selbst und sein Land in zitternder Demut G'tt zu Füßen legt, das nicht herrschen, sondern dienen, mit seinem Land, und mit seinen Menschen G'tt dienen will. Agudas Jisroel als Organisation ist nichts als irdische „Wirklichkeit". Aber Agudismus als Idee stellt yor die zerstreuten und gequälten Glieder des Galuthvolkes das hinreißende Bild der in ihrem Lande um G'tt geeinten Nation und verlangt von ihnen und verlangt von der Organisation das nimmer rastende Streben, daß endlich einmal die arme „Wirklichkeit" ihrem ewigen Urbild entspreche. Muß heute nicht auch — Agudas Jisroel auf Umkehr bedacht sein? III. „Zweitausend Jahre besteht bereits das jüdische Volk ohne Land. Nicht eine Stunde könnte es ohne die — Thora bestehen." In Warschau sprach ein bedeutender Mann dieses Wort. Land und Thora werden hier einander gegenübergestellt. Ist aber — Erez Jisrael wirklich nur — Land? Kann das jüdische Volk auch nur eine Stunde ohne — Erez Jisrael bestehen? Wenn freilich Erez Jisrael nur — Land ist, nur das Land des Zionismus, uns nur Land, wie jedem anderen Volk das seine, dann allerdings trifft das Wort zu. Erez Jisrael ist selber Bestandteil der Thora. Das System der Thora ist ohne Erez Jisrael nicht denkbar. Die Verwirklichung der Thora ist durch den Verlust von Erez Jisrael in ungeheuerlichem Umfang gehemmt. Wir konnten zweitausend Jahre ohne „Land" nur bestehen, weil wir zweitausend Jahre nicht aufhörten, unser Land zu — „lernen". Erez Jisrael ist das Land der Thora. Mindestens die Hälfte der Thora bezieht sich auf Erez Jisrael. Man kann die Thora vom Land so wenig trennen, wie das jüdische Volk von der Thora. Nur die systematische Einheit von Land und Volk und Thora gewährt die Möglichkeit, die Weltanschauung des Judentums zu erfassen. Die tatsächliche Zerstörung dieser Einheit hat unseren Untergang nur deshalb nicht herbeigeführt, weil die Idee stärker ist, als die Tatsächlichkeit, weil unser Wesen in der Welt der Ideen wurzelt und weil in der Welt der Ideen, unendlich realer, als die Welt der Tatsächlichkeit,- Kenesseth Jisrael nie aufgehört hat, mit der Thora und Erez Jisrael eine Einheit zu bilden. Seit zweitausend Jahren ist die Thora in der Welt der Wirklichkeit nicht minder verstümmelt, wie das jüdische Volk, wie Erez Jisrael. Indem der Agudismus der Welt der Wirklichkeit die Welt der Idee entgegenhält, reißt er in seinen Bekennern die zweitausendjährige Wunde des Chorban auf und verlangt von ihnen ganz im Sinne der Weisen, daß sie den Chorban so erleben, als hätte er sich erst in ihren Tagen vollzogen. Zweitausend Jahre werden zu einem Tag, und gestern erst haben wir Erez Jisrael verloren. Auch der Zionismus will sich mit dem Chorban nicht abfinden. Aber seine Idee ist falsch. Er anerkennt den Chorban, insofern er faktisch die Thora vom Land getrennt, faktisch die staatliche' Herrschaft der Thora über unser Volk aufgehoben hat. Die Art, wie der Zionismus auf den zum Erlebnis gestalteten Chorban reagiert, kommt einer Sanktion des Chorban gleich. Nur der Agudismus erlebt den Chorban in seiner geschichtlichen Treue und versagt ihm jedwede Sanktion. Agudismus in geschichtlichem Sinne ist gar nichts;, anderes, als rückhaltlose Aktualisierung des Chorban. Gewiß: die Thora hat uns zweitausend Jahre bestehen lassen trotz faktischen Verlustes des Landes. Aber wie hat sie uns bestehen lassen? Im Chorban! Agudismus in geschichtlichem Sinne senkt den Stachel des Chorban in die Herzen seiner Bekenner. IV. Der Zionismus ist ein ungeheuerliches Attentat auf Kenesseth Jisrael, auf Erez Jisrael, auf die Thora. Kenesseth Jisrael, Erez Jisrael, Thora weilen als unantastbare Realitäten bei G'tt, Der Zionismus will ihnen die Welt der Erscheinungen rauben. Er trennt das faktische jüdische Volk von Kenesseth Jisrael, er trennt das faktische Palästina von Erez Jisrael und trennt die Thora vom jüdischen Volke wie von Palästina. Der Agudismus nimmt sich der unveräußerlichen Rechte von Kenesseth Jisrael auf das jüdische Volk, von Erez Jisrael auf Palästina, der Thora auf beide an. Getragen von der Idee von Kenesseth Jisrael, will er ihr in der Welt der Wirklichkeit Bahn schaffen. Seit der Zerstörung unseres Staates hatte Kenesseth Jisrael keine in der Welt der Wirklichkeit handlungsfähige Organisation mehr. Indem der Agudismus, zum ersten Male seit zweitausend Jahren, für Kenesseth Jisrael in Agudas Jisroel eine Organisation schuf, führte er' Kenesseth Jisrael wieder in die Geschichte ein: Kenesseth Jisrael, die mit der Thora und Erez Jisroel untrennbar verknüpft ist. Der Agudismus ist eine Weltanschauung. Er schaut die Welt vom Standort der Kenesseth Jisrael an. Aus dieser Weltanschauung ergeben sich seine Forderungen. Er fordert theoretisch, daß das jüdische Volk in allen seinen Teilen sich begreife als Erscheinungsform von Kenesseth Jisrael. Er fordert praktisch, daß das jüdische Volk als Erscheinungsform von Kenesseth Jisrael seine Trennung von der Thora nicht dulde, vielmehr in allen seinen Gliedern sich der Thora unterordne und ihren Anordnungen Folge leiste. Er fordert praktisch, daß das jüdische Volk als Erscheinungsfox-m von Kenesseth Jisrael die Trennung Palästinas von Kenesseth Jisrael und der Thora nicht dulde, vielmehr die von der Vorsehung heute im besonderen, in bisher nie dagewesenem Maße gegebenen Möglichkeiten kraftvoll ergreife, um Palästina zum Lande der Thora, zum Lande von Kenesseth Jisrael so weit zu gestalten, als dies bei Fortdauer des Chorban zu verwirklichen ist. Wie Kenesseth Jisrael eine geschichtliche Schöpfung G'ttes ist, so wurzelt der Agudismus ganz und gar in der Geschichte. Er sieht im Zionismus, im Weltkrieg, in der Balfour-Deklaration, in den Nachkriegsereignissen geschichtliche Erscheinungen im Dienste der Vorsehung, dazu bestimmt, Schrittmacher der um die Irdischkeit ringenden Kenesseth Jisrael zu sein. Er sieht in dem neu aufblühenden Palästina eine Aufgabe von ungeheurer Schwere, und er ist entschlossen, sich der Lösung dieser Aufgabe nicht zu entziehen. Er ist in höchstem Maße unzufrieden mit der Art, wie in den vergangenen Jahren die agudistische Organisation sich mit Erez Jisrael befaßt hat und erkennt in all den Leiden der Gegenwart mit ihrer nach Palästina treibenden Stoßkraft den Mahnruf der Vorsehung, der Idee von Kenesseth Jisrael, untrennbar verknüpft mit Erez Jisrael und Thora, ganz anders als bisher die Menschen zu gewinnen^ und ihre Opferfreudigkeit zu entflammen. Dem Agudismus ist somit die intensivste Beschäftigung mit Erez Jisrael keine Angelegenheit der Konjunktur, keine Konzession an Zeitströmungen, sondern unmittelbare Konsequenz aus' seiner Weltanschauung. Der Agudismus braucht den Zionismus nicht zu verkleinern, indem er etwa dessen geschichtliche Bedeutung negiert. oder dessen praktische Leistungen herabsetzt. Denn der Agudismus will den Zionismus geschichtlich überwinden und praktisch überflügeln. V. Die agudistische Organisation, das jüdische Volk mit dem Geiste des Agudismus zu erfüllen, war mein Streben seit dem Weltkrieg. Ich habe in all den vergangenen Jahren nicht gerade viel Verständnis gefunden. Nun sind mir — leider — die Zeitverhältnisse zur Hilfe gekommen. Wir leben in einer Epoche der Zeitenwende. Zeitenwende möchte ich auch für das jüdische Volk herbeigeführt sehen. Wie Kenesseth Jisrael ohne Thora und Erez Jisrael nicht denkbar ist, so möchte ich dem jüdischen Volk, beherrscht und getragen von der Thora, die Wende zu Erez Jisrael geben. An der geistigen und praktischen Ueberwindung des Zionismus kann sich das jüdische Volk .— auch außerhalb Palästinas — gesund machen, wie es umgekehrt — auch außerhalb Palästmas — an ihm, G'tt bewahre, zu Grunde gehen kann. Verstehen wir die Zeit und tun wir unsre Pflicht.