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Der Israelit · 1934-06-21 · Heft 25 (21.6.1934) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 25 (21.6.1934)
Date
1934-06-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 25 Der Israelit 21. Juni 1934 Die antisemitische Terrorwelle in Polen. Warschau, 17. Juni. Die Ermordung des Innenministers Pieracki ■wird allgemein auf die hemmungslose Hetze der Nationalradikalen zurückgeführt, die bekannten seit Wochen durch eine ununterbrochene Reihe von antisemitischen Exzessen die Oeffentlichkeit nicht zur Ruhe kommen lassen. Der ermordete Innenminister hatte sich von Lemberg im Flugzeug nach Warschau begeben, als er von den neuen pogromartigen Ausschreitungen der Nationalradikalen in Wärschau erfuhr, um strenge Maßnahmen gegen die Ruhestörer zu treffen, insbesondere die Schließung der Club- Lokale der „Nara-Leute" und ihres Hetzblattes, der „Sztafeta" anzuordnen. Es ist noch nicht einen Monat her, daß der Minister den bei ihm erschienenen Vertretern des jüdischen Parlamentsclubs und der Gruppe der der Regierungspartei angeschlossenen jüdischen Deputierten erklärte, er stehe weiter auf dem Standpunkt seiner im Februar im Parlament abgegebenen Erklärung gegen individuellen und Gruppen-Terror, sowie gegen Nationalitäten- und Rassenhaß und werde rücksichtslos gegen jeden Versuch auftreten, Rassenkonflikte im Land heraufzubeschwören. Nach der Ermordung des Innenministers wurden in allen nationalradikalen Parteilokalen und bei der „Sztafeta" Haussuchungen durchgeführt. In der Wohnung des nationalradikalen Führers Eduard K u n i c z wurden große Waffenvorräte gefunden. Kunicz wurde verhaftet und der Staatsanwaltschaft übergeben. Gleichzeitig wur den Hunderte von Mitgliedern und Funktionären der nationalradikalen Partei verhaftet. 17 Parteilokale wurden geschlossen. In einem außerordentlichen Ministerrat wurde auf Antrag des Ministerpräsidenten Kozlowski der Beschluß gefaßt, zunächst zwei Konzentrations 1 a g e r für die Teilnehmer an Exzessen einzurichten. Die judenfeindlichen Ausschreitungen wurden auch in den letzten Tagen fortgesetzt. In der Warschauer Vorstadt Neu-Praga wurden jüdische Passanten von einer fünfzigköpfigen Bande überfallen und die jüdischen Geschäftsleute terrorisiert. In mehreren Straßen wurden die Fensterscheiben in jüdischen Wohnungen zertrümmert. Vier Juden wurden erheblich verletzt, drei jüdische Geschäfte ausgeraubt und zerstört. Die „Volkszeitung", das einzige Blatt, das über diese Vorfälle berichtet hatte, verfiel der Beschlagnahme. Der Rabbinische Rat der Agudas J i s r o e 1 ist zusammengetreten, um Berati gen über die zu treffenden Maßnahmen pflegen. Gegen die judenfeindlicken Ausschreitungen in Polen« Der Kardinal-Primas predigt an der Stätte der Warschauer Exzesse. Warschau, 18. Juni. Der Kardinal-Primas von Polen, Kardinal Erzbischof Kakowski, hat in einer Kirche des Warschauer Viertels Powonzek, wo es vor kurzem zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden kam, eine Predigt gehalten, in der er die Bevölkerung ermahnte, mit den jüdischen Einwohnern in Frieden zu leben. .Die Gesamt - ju4enheit, erklärte der Kardinal, könne nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was einzelne von ihrem Glauben abgefallene Juden tun. An dem anläßlich der Ueberführung der Leiche des von Nationalradikalen ermordeten Innenministers Pieracki stattgefundenen feierlichen Traueraufmarsch haben sich Abordnungen zahlreicher jüdischer Verbände beteiligt, ebenso die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden aller großen jüdischen Gemeinden, die gerade zu einer Konferenz in Warschau zusammengetreten waren. Im Anschluß an diesen Aufmarsch fand eine Ehrung des Opfers der letzten Ausschreitungen im Powonzek-Viertel, Jecheskef Dalmann, durch die jüdischen Abordnungen statt. Der Club der jüdischen Abgeordneten, sämtliche großen jüdischen Verbände, auch Agudas Jisr o e 1 und Rabbinerverband, haben Trauerkundgebungen an die Regierung gesandt, in denen sie den Abscheu der jüdischen Be- | völkerung vor dem Verbrechen zum Ausdruck bringen. Der Hauptführer der Nationalradikalen, Jan Mosdorf, wurde verhaftet. Wie das nationaldemokratische Organ „Gazeta Warszawska" meldet, erstrecken sich die Verhaftungen jetzt auch auf Angehörige dieser Partei. Die Uniformen der Nationakadikalen sind aus dem Straßenbild Warschaus so gut wie verschwunden. Der Staatspräsident Prof. Moscicki und sämtliche Mitglieder des Kabinetts haben das Dekret unterzeichnet, durch das die Errichtung von „Isolierungslagern" für Ruhestörer bei Brest-Litowsk, Losez und Olkusz angeordnet wird. Das Organ des ermordeten Innenministers, der „Kurier Poranny", weist darauf hin, daß sich die Tätigkeit derjenigen, die einem Teil, der Bevölkerung gegenüber terroristische Methoden anwandten und die Seele des Volkes vergiften, sich nunmehr gegen die Staatsordnung selbst richtet. Die Polizei verhaftete den Schuster Bronislaw K o z i o 1, Mitglied der Nationalradikalen, unter der Beschuldigung, den Führer des „Bundes früherer jüdischer Frontsoldaten", Mendel Lubinski, im Verlauf der antisemitischen Exzesse ermordet zu haben. Koziol hat den Mord bereits eingestanden. Landesversammlung der neologen Gemeinden Ungarns. Ein irreführender I. T. A.-Bericht. Die „Jüdische Telegraphen-Agentur" meldete vorige Woche, daß der ungarische Kultusminister die Einberufung einer allgemeinen Landesversammlung der israelitischen Gemeinden Ungarns zwecks Abänderung des Kongreßstatuts von 1868 verfügt habe. Es war dabei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Erlaß von dem Bestehen einer einheitlichen jüdischen Konfessionsgemeinschaft in Ungarn ausgehe. Wie wir auf Erkundigung von der zuständigen Stelle in Budapest erfahren, ist dieser Bericht vollkommen unzutreffend. Die Verfügung des Kultusministers bezieht sich ausschließlich auf die neologen Gemeinden, nicht aber auf die orthodoxen. Da es sich um eine ausschließlich die neologen Gemeinden angehende Angelegenheit handelt, ist mit der Ausführung natürlich das zuständige Präsidium der neologen Organisation betraut worden. Auch das Kongreßstatut von 1868, dessen Abänderung auf der Tagesordnung der Landesversammlung steht, berührt bekanntlich die orthodoxe Organisation überhaupt nicht. An der.Autonomie der ungarischen orthodoxen Konfessionwird somit durch die Verfügung des Kultusministers nichts geändert.. Zuweisung von Blanko-Zertifikaten für Einwanderer der Kapitalistenkategorie an britische Konsulate in Europa, Jerusalem, 18. Juni. Die Exekutive der Jewish Agency hat Verhandlungen mit der Palästinaregierung darüber aufgenommen, daß den britischen Konsulaten in. Polen und Rumänien Blanko-Einwanderungs-Zertifikate für Angehörige der Kapitalisten-Kategorie zugeteilt werden und daß diese Konsulate das- Recht erhalten, auch ohne vorherige Einholung' der Genehmigung durch die Palästinaregierung" Einreise-Zertifikate auszustellen. Dadurch soll die; Erledigung der eingebrachten Einwanderungsgesuche beschleunigt werden. Dem Berliner englischen General-Konsulat hat die Palästinaregierung soeben 2000 Blanko-Zertifikate für Auswanderer mit einem Eigenkapital von mindestens 1000' Pfund überwiesen. Jeschiwabachurim aus Sowjet- Rußland nach Palästina. Wien, 17. Juni. In der vergangenen Woche fand bei der Keren Hathora-Zentrale eine Konferenz statt, diesich mit der Transferierung von noch in Sowjet- Rußland existierenden Jeschiwahbachurim nach Palästina beschäftigte. An dieser Konferenz nahm außer den Wiener Mitgliedern der K. H.¬ Zentrale als auswärtiger Gast Oberrabbiner L.. Fein, Slonim (Poln. Litauen) teil. Diese Konferenz wurde initiiert von einem Palästinensischen Komitee, an dessen Spitze Oberrabbiner Kuk steht. Es wurde einstimmig beschlossen, die Aktion mit großer Energie weiter in die Wege zu: leiten. Der zweite Prozeß. Jerusalem, 18. Juni. Nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Arlosoroff-Prozeß stehen sieben Revisionisten unter der Anklage der Geheimbündelei' vor dem J a f f a e rK reisgericht, an derem Spitze Abba Achi Meir, der der Anführer des Geheimbundes „Brith Habarjonim" gewesen sein soll. Die Sache kam an den Tag bei der Haussuchung in der Wohnung von Achi Meir gleich nach dem Morde an Arlosoroff. Es werden am ersten Tage Polizeibeamte vernommen, diedie Papiere und Tagebücher beschlagnahmt hatten und es kommen auch Ideologie und Arbeitsprogramm von „Histadruth" und Revisionisten zur Sprache. Der geheime Bund habe den Zweck, heißt es in der Anklage, die zionistische Exekutive, wenn nötig auch mit Gewaltmitteln zu bekämpfen. In beschlagnahmten Briefen von Mitgliedern beschwören diese Achi Meir als den Führer, ihnen zu erlauben, „Opfer für den Zionismus zu bringen". Eine Rolle in der Anklage spielt auch eine Rede Achi Meirs, in der er die Studenten aufforderte, radikalere Methoden im Kampfe anzuwenden. Bei der Haussuchung wurde auch eine hektographierte Zeitung mit dem Titel Habarjonim" gefunden. Achi Meir lehnte die Stellung eines Rechtsanwaltes ab und führt seine Verteidigung selbst. Das Bestehen eines Geheimbundes bestreitet er entschieden, es hätten sich nur einige revisionistische Freunde mit radikalen Ansichten um ihn gefunden. Er sei prinzipieller Gegner von- Terrorakten, doch gibt er zu, an einigen turbulenten Kundgebungen der letzten Zeit aktiv beteiligt gewesen zu sein. Unter den Zeugen befindet sich auch die Schwester von Jabotinsky, Tamara, die aussagt, daß die Reden Achi Meirs. keinen aufrührerischen Charakter getragen hätten. Die Verhandlungen gehen weiter. (Das Ur^- teil gegen Achi-Meir, siehe S. 1).

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