Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1934)
- Date
- 1934-06-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Nummer 24 1934 Der Chofez Chajim in der Kriegszone, Es war kurz vor Rosch Haschanah im Jahre 1915, nach einem Jahre Weltkrieg. Die deutschen Armeen fluteten über die nach Westen vorgestreckten Gebiete Rußlands, durch die Ebenen und Wälder von Litauen und Polen. Schon waren sie über Kowno hinaüsgeströmt. Wilnä war nicht mehr weit. Im Städtchen Radin hörte man schon fernen Kanonendonner. Es hieß, die ganze Stadt würde eingeäschert werden. Die Russen zogen ab und gaben den Juden zu verstehen, daß sie, blieben sie hier, als Spione angesehen und behandelt würden. Gewitterwolken drohten von beiden Seiten, und der Chofez Chajim, damals schon ein höher; Sieb enziger, entschloß sich schweren Herzens, seine kleine Residenz zu verlassen und weiter gen Osten zu ziehen. Es fuhren mit ihm seine Frau mit zwei jungen Kindern, Rabbi Elchonon Wassermann, der Jeschiwahleiter 'in Baranowicz mit Familie, Rabbi Eisik Kämenitzki, jetzt Rabbiner in Grodno, und Rabbi Ber Breitblatt, genannt „Der Berditschewer"(<ein energischer junger Gelehrter aus der Thoraschule vom Chofez Chajim in Radin. Man setzte sich am Sonntag Morgen auf eine Bauernfuhre, um zur nächsten Bahnstation zu gelangen. Einiges Gepäck und etwas Bettzeug nahm man mit, aber vor allem bestand der Chofez Chajim darauf, die wichtigsten Stücke seiner Seforimbibliothek mitzunehmen. Am Montag erreichten sie irgendwo ein Geleise, auf dem ein Zug hielt. Er war vollbesetzt mit Soldaten und flüchtenden Bürgern aus allen Gegenden des Kriegsgebietes. Nach Fahrkarte und dergleichen fragte man in jenen Tagen nicht. Wer einen Zug erreichte, sprang auf und fuhr mit. Alles war in wilder panischer Flucht, In langsamer Schneckenfahrt schleppte sich der Zug vorwärts, um alle paar Augenblicke ohne sichtlichen Grund mitten auf freiem Felde stillzuhalten. Kam gar eine größere. Station, mußte man schon lange Stunden, zuweilen auch einen ganzen Tag, warten, bis sich die Maschine wieder in Bewegung stezte. Die Züge waren für das rückflutende Militär da und man mußte auf die Truppen warten. So verging fast eine ganze Woche und am Freitag befand man sich einige Kilometer vor ,der Station Molodetschno, wo es erst Anschluß nach Wilna gab. Nun aber wollte der Geduldfadeh bei unseren Reisenden in der Gesellschaft des Chofez Chajim doch reißen. Es war Freitag und die | Sonne senkte sich. Der Zug schleppte sich aber weiter in seinem Schneckengange und hielt von Zeit zu Zeit, als ginge ihm mitten auf der Strecke der Atem aus. Wann durfte man hoffen, in eine Stadt zu kommen, in eine Stadt mit Juden und Sabbat? Nach einigem nachdenklichen Schweigen, während aller Blicke fragend auf den Rabbi gerichtet waren, sprach dieser in seiner bestimmten Art; „Jetzt, wenn der Zug hält, egal wo, steige ich ab und halte Sabbat im Felde." „Auch wir ..." wollten die Anderen sagen. Aber Chofez Chajim fiel ihnen ins Wort: „Ihr könnt' ruhig weiterfahren. Es ist Lebensgefahr und die Voraussetzung ist gegeben, daß man fahren darf. Aber mir, dem alten Mann, werdet Ihr das Glück nicht verwehren, dem Sabbat ein Opfer zu bringen. Habe siebzig Jahre Sabbat gehalten und es war mir dies so leicht gemacht . . . Warum soll es mir nicht auf meine alten Tage beschieden sein, einmal dem Sabbat so ein rechtes, richtiges Opfer zu bringen? . . ." Große Aufregung bemächtigte sich der Reisegesellschaft, Man wußte, was in diesen Zeiten, da ein Mensch viel, weniger als eine Fliege bedeutete, es hieß, allein vierundzwanzig Stunden im Felde zu sein, mitten im Gewühle und Gewimmel vorbeiziehender und flüchtender Trup-, pen, die in jeder fremden Gestalt die eines Verräters witterten. Aber sie wußten auf der anderen Seite, daß ein Wort dieses eisernen Rabbi nicht rückgängig gemacht werden konnte. Da war alle Mühe der Ueberredung umsonst. Gegen einen Beschluß des Chofez Chajim gab es keine Appellation, Rabbi Elchonon sagte kurz: „Dann gehe ich' natürlich mit Euch. Auch ich darf dem Sabbat ein Opfer bringen," Natürlich war bereits bei allen der Beschluß reif, beim nächsten Halten mit abzusteigen, nur daß sie es nicht auszusprechen wagten, in der Angst, der Rabbi könnte es ihnen verbieten. Im Stillen aber hegten sie auch die Hoffnung, daß das nächste Stillstehen noch vor Sabbat vor irgend einem Dorf oder, einer Stadt geschehen würde, wo sich Juden befinden. Tränenden Auges beteten die Frauen um dieses Wunder. Da plötzlich Stop! Mit einem gewaltigen Ruck hielt der Zug auf einem hohen Wall, durch den ein Viadukt führte; In aller Eile begannen die jüngeren Mitreisenden das Gepäck abzuladen. Man führte auch den Rabbi hinunter. Da aber nun Trittbrett und Zugang vom Gepäck vollbestellt waren, stiegen die Frauen und Kinder zur anderen Seite ab, um, wenn der Zug weitergefahren sei, hinüberzugehen und sich mit den Männern zu vereinigen. Kaum waren die letzten Gepäckstücke mit den Menschen unten, als der Zug weiterrollte. Nun erst sahen sie, was sie angerichtet hatten. Da die Frauen und Kinder auf der anderen Seite des Walles standen, hätten sie, um zu den Ihren zu gelangen, an den Wachtposten auf dem Wall passieren müssen. Dieser aber, ein Hüne und bis zu den Zähnen bewaffnet, gab den Weg nicht frei. Er drohte mit der Flinte und machte Miene, beim ersten Versuch der Frauen und Kinder, den Wall zu überschreiten scharf zu schießen. Die Kinder weinten, die Frauen jammerten, die Männer auf der anderen Seite verlegten sich aufs Bitten. Der Soldat aber in der Mitte stand stumm und starr da und hielt die Waffe im Anschlag vor sich und schußbereit. Langsam ging die Sonne im Westen unter. Es dunkelte. Ohne Unterlaß zog sich die gewaltige graue Schlange der Truppen gen Osten. Und hier unter freiem Himmel Frauen und Kinder allein, von den Männern getrennt. Vorne und hinten und dazwischen drohte der Tod. Freitag abend, Sabbatnacht! ... Rabbi Elchonon kletterte auf allen vieren zum Hügel hinauf und fing unter Weinen und Bitten an, an das Rechtsgefühl und das Erbarmen des Soldaten zu appellieren. Ob er nicht selbst daheim Weib und Kind hätte, ob er nicht einsehe, daß hier ehrliche harmlose Menschen in kritische Lage geraten seien, derweil sie ihrem G'tte dienen, ihren heiligen Sabbat halten wollten? Sicherlich glaube auch er an G'tt und verbringe seine heiligen Stunden gerne in der Kirche. Sicher bete eine Frau daheim für ihn, daß er gesund heimkehre, und eine gute Tat, wie er sie jetzt tun könnte, würde gewiß jenem Gebete Kraft und Nachdruck verleihen. So sprach Rabbi Elchonon. Der Soldat aber, wie eine Marmorsäule, starr und stumpf, gab nur ein Wort von sich: „Ich schieße! ..." Man gab zunächst die Mühe auf. Aber als später finstere Nacht die Gegend vollkommen einhüllte, machten sich doch die jüngeren Männer ganz leise auf den Weg um den Wall herum und holten auf dem Schleichwege die Frauen und Kinder herbei. Der Soldat oben sah nichts oder schlief den Schlaf des Gerechten. Und nun begann ein Sabbat in später Abendstunde auf freiem Felde, wie man noch nie einen Sabbat 'erlebt hatte, ein Sabbat Chofez Chajims. Bei den Lichtern, die man vorher, als es noch Zeit war, in den Boden gesteckt hatte und jetzt noch flackerten, setzte man sich auf einen Baumstamme zum Mahle. Man sang sogar Sabbatgebete, Und Chofez Chajim redete, wie immer zu solcher Stunde, vom Sabbat, von Krieg und Frieden und der Erlösung. Oben leuchteten ein paar Sterne scharf und kalt auf, von der Ferne ertönten Soldatenlieder. Am Horizonte sah man die Flammen eines brennenden Dorfes. Es donnerte aus fernen Kanonen. Ein neuer Trupp rückmarschierender Soldaten zog vorbei. Sie trugen Fackeln in den Händen. Da die Straßen ohnehin mit Flüchtlingen besät waren, fiel ihnen die Sabbatgesellschaft nicht sonderlich auf. Aber sie mochten ihren Spaß haben, die übermüdeten Krieger, so lachten und spotteten sie und warfen ihre halbabgebrannten Fackeln mitten in die Gesellschaft hinein. Zog der eine Trupp vorbei, folgte ihm bald ein anderer, und die Nachfolgenden machten es nicht besser. Um ein Haar hätte das Bettzeug von einer Fackel Feuer gefangen. Nun weinten die Frauen schon ernstlich und flehten ihre Männer und den Rabbi an, sie möchten, da die Lebensgefahr mit jeder Minute zunahm, sich doch entschließen, weiterzufahren. Sie waren ja unweit der Geleise und gewiß würde bald wieder ein Zug, wie vorhin, hier halten. Wer wußte, ob es bei den Fackeln bliebe, ob nicht bald auch Kugeln folgen würden . . . Allein der Alte antwortete mit jener eisernen Heldenkraft, die ihm eigen war: „Schon wahr, die Lebensgefahr ist nicht zu bestreiten, aber wer im Städtchen wird von dieser Lebensgefahr wissen und an sie glauben, wenn wir am Sabbat ankommen? Wieviele werden es dann vom Radiner lernen, dem Sabbat auch ohne Gefahr die Treue zu brechen?" Als aber nun wirklich Kugeln sausten, entschloß man sich doch zur Weiterfahrt, unter der Bedingung, daß sie schon in der ersten Station aussteigen und keiner den Bahnhof verlasse bis nach Sabbatausgang, so daß ke*in Mensch es sehe und merke. Zum Glück rollte auch wieder ein Zug an. Sie schleppten sich zum Walle hinauf bis zum Geleise. Ein Wunder war geschehen, der Soldat, der jetzt dort Wachtposten stand, störte sie nicht. Aber, o Schreck, das Züglein fuhr weiter ohne zu halten, ohne ihre Rufe und Zeichen zu beachten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als wieder vom Wall hinunterzusteigen, wollten sie sich da oben nicht verdächtig machen, und unten irgendwo ein geschütztes Lager unter Deckung zu beziehen. Aber Halt! Fehlte nicht einer? Rabbi Ber Breitblatt, der junge Berditschewer, war nicht da, war, wie in die Erde versunken. Angst und Sorge bemächtigten sich der ganzen Gesellschaft. Man konnte nicht einmal daran denken, ihn in der Nacht der Schrecken zu suchen. War ihm ein Unglück zugestoßen? Ueberfahren oder erschossen? (Schluß folgt.)