Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1934)
- Date
- 1934-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14. Juni 1934 Der Israelit «inen der des Mordes an Dr. Chajim Arlosoroff Angeklagten ein Todesurteil gefällt, und zwar gegen den Hauptangeklagten Abraham Stavsk y, während Rosenblatt, wie früher schon Achimeir, freigesprochen wurde. Das erste Todesurteil gegen einen Juden wegen eines Mordes an einem Juden in der Geschichte des neuen — und selbstverständlich auch des alten — Jischuw. Wir haben über den Gang der Verhandlungen unsere Leser auf dem Laufenden gehalten, so daß sie sich' über die wesentlichen Momente dieses Prozesses selbst ein Urteil bilden können. -Man kann nicht sagen, daß die endlosen Verhandlungen Klarheiten die dunkle und traurigste aller Affären der letzten Zeit gebracht hätten. Wir stehen nach wie vor vor einem Rätsel. Manches spricht für die Schuld der, oder des Angeklagten, vieles dagegen. Die Spurenverfolgung scheint zu Anfang nicht immer auf der rechten Fährte gewesen zu sein. Der dunkelste Punkt in diesem Schattenbilde ist und bleibt der Name .Ml e d s c h i d , dessen Geständnis und Widerrufung nicht völlig geklärt sind. Das Alibi Stavskys ist aber nicht ganz lückenlos, seine und seiner Freunde Vefgagnenheit und Gesinnung nicht von der Art, daß ihre Schuld oder Mitschuld von "vornherein als absolut ausgeschlossen erscheinen könnte. Parteipolitik hat sich von Anfang an sicherlich der Sache bemächtigt, um Stimmung für und wider die Angeklagten zu machen. Dennoch wollen wir nicht glauben, daß das Jerusalemer Gericht sich von anderen Motiven leiten ließ, als von dem Wunsch, die Angelegenheit objektiv zu prüfen und die Bluttat nach Recht und Gesetz zu sühnen. Der Sturm der Proteste, der sich jetzt im Lande gegen das Urteil erhebt, scheint uns genau so wenig gerechtfertigt, wie jener Aufruf, mit dem prominente Männer in den Gang der Verhandlung einzugreifen suchten. Wenn dieses Urteil einen Schrei in der jüdischen Welt auslösen soll, dann nach innen, aus uns heraus, einen Schrei, wie nach der Mordtat an Gedaljah, Sohn Achikams, der man durch ein Fasten für alle Zeiten ein schwarzes Denkmal gesetzt hat, als Wahrzeichen für das, "was auf heiligem Boden nicht vorkommen dürfte und dennoch einmal vorgekommen ist. Es bleibt in Dunkel gehüllt, ob Stavsky der Mörder war oder nicht, entscheidend und erschütternd ist aber die Tatsache, daß er es nach Lage der Dinge sein könnte; daß das Urteil weniger einen Menschen, als Zustände trifft, die an die Zeit von Gedaljah, Sohn Achikams und die Barjonim zur Zeit von Rabbi Jochanan ben Sakkai allzu lebhaft erinnern, wenn man beispielsweise tums als auch ganz besonders den Wortschatz des Tieutigen palästinensischen Lebens. Seine Auswahl •der Vokabeln ist eine glückliche. Aus den mannigfachen Bedeutungen, welche die einzelnen Worte im Laufe der Jahrhunderte gewonnen haben, bemüht er sich, in Uebereinstimmung mit der geschichtlichen Entwicklung den Gegenwartssinn der Worte festzulegen. Er bringt auch einige zusammengesetzte Redewendungen, die er in freier Ueb ertragung wiedergibt, 2. B. vra cnn töyn „er hat nichts erreicht," ^an »aar „aus zweiter Hand." Allerdings wäre hierbei manches zu bemerken. So nimmt er die Phrase auf i,er ist noch nicht trocken hinter den Ohren" )'W ■>it? ro a^nrv Aber der biblische Ausdruck Jes. 28, 9 a^na Vim oder der talmudische mi' ]a pirn wäre wohl passender gewesen u. a. m. Hinsichtlich der Uebersetzung von 1&3 muß folgendes gesagt werden. Der Verfasser verdeutscht "]BM qwn mit wuchern, m>n n'ma mit Wucheren Es ist das ein Fehler, der sich auch in anderen hebräischen Wörterbüchern findet. Luther übersetzt zwar so. Aber zu seiner Zeit war Zins gleichbedeutend mit Zoll, während Wucher die Bedeutung des heutigen Zins hatte. Inzwischen hat sich jedoch der Sinn dieser Ausdrücke gewandelt und T>ei der Uebersetzung müßte das berücksichtigt und eine Umschreibung gewählt werden. Diese geringfügigen Mängel des Wörterbuches können jedoch seinem Werte keinen Abbruch tun. Es wird oei seinen Vorzügen jedem, der es zur Hand nimmt, gute Dienste leisten. Auch seine Ausstattung und seine Wohlfeilheit ist hervorzuheben. Es kann bestens empfohlen werden. K. die empörenden Tagebuch-Aufzeichnungen des freigesprochenen Achi-Meir sich vor Augen hält. Denn auf der Anklagebank saßen nicht die paar Jünglinge, denen wir so oder so, ob schuldig oder unschuldig, unser Mitleid nicht versagen können, es saß auf der Anklagebank ein System, eine Entwicklung, Menschen und Methoden, gegen die nun alle aufgerufen werden müssen, die ein Interesse an dem wahren Aufbau von Erez Israel haben. Es saßen auf der Anklagebank jene Eiferer, die statt in sich zu schauen und zu revidieren, Revisionisten nach außen sind, die Revision einer Sache in die Hand zu nehmen sich anmaßen, an der sie nichts Entscheidendes zu ändern imstande sind, am. wenigsten mit Gewalt, auch wenn sie jene Machtmittel, nicht nur in großen kühnen Worten, sondern auch in Wirklichkeit besäßen. Das ganze Maß der Schuld trifft die Exponierten innerhalb dieser Partei, die sich selber den Ehrennamen „Barjonim" zulegen und damit sagen, daß sie in den 1864 Jahren von Aba Sikra (siehe Talmud Gittin 56) bis A b a Achi Meir nichts gelernt haben; die ganze Schwere der Verantwortung trifft sie, auch wenn keiner von ihnen — was wir immer noch gern glauben möchten — die Tat begangen hätte — weil es auf ihr Konto zu setzen ist, wenn heute solches auch nur für möglich gehalten werden kann. Es sitzen auf der Anklagebank aber auch ihre marxistischen Gegenspieler auf der linken Seite, die das Negativ zum Treiben der Revisionisten bieten; die mit ihren Fahnen das rote Tuch schwingen, um jene Extremisten auf den Plan zu rufen. Waren dieser Fahnenglaube und dieser Fahnenkampf, ein Requisit der Golusländer, denen diese junge Menschen entronnen sind, wert, ins jüdische Nationalheim verpflanzt zu werden, so daß dort rechts gegen links und links gegen rechts marschieren müssen? Es konnte nur. daher kommen, daß die einen wie die anderen es verschmähten, sich unter die eigene, einzige und gemeinsame jüdische Fahne zu stellen. Darum lag u. E. für die Histadruth gar kein Grund vor, sich gleich nach der Bluttat in die Brust zu werfen, sittliche Entrüstung zu heucheln und alle Schuld auf die Revisionisten abzuwälzen. Moralisch tragen die Schuld daran, daß heute eine solche Tat von jüdischer Hand in Palästina überhaupt glaubhaft erscheint, beide dem wahren jüdischen Geist gleichermaßen entfremdete Parteien in demselben Grade. Einen Platz hat die Anklagebank auch für die zionistische Organisation als solche, die diese Zustände nicht gewollt, aber auch nicht ,,Balak und Bileam". (Zur Uraufführung von Hugo Adlers „Biblischer Szene", op. 17 in Mannheim.) Biblische Stoffe haben stets Dichter und Musiker zur Gestaltung angelockt, und es darf uns nicht wundern, daß nunmehr, bei der veränderten Lage, der jüdische Künstler an die Bewältigung neuer Aufgaben unter spezifisch jüdischem Aspekt herantritt. Die „Balak und Bileam "-Aufführung, die vor kurzem in Mannheim stattfand, brachte eine solche Neuschöpfung zu Gehör. Wir können begreifen, daß eine Handlung, innerhalb deren ein Seher wiederholt in die Verzückung prophetischer Schau gerät, einen Komponisten zur Untermalung aller Stimmungen ganz besonders anziehen muß. . Hugo Adler hat die biblische Szene (Text: Buber- Rosenzweig) für Soli, Chor, Streichorchester, Klavier und einen Sprecher geschrieben. In drei Teilen ist das Werk aufgebaut. Die Herbeiholung Bileams füllt den ersten Teil aus, die drei Segnungen den zweiten. Adler hat es für richtig gehalten, der Vertonung dieser Handlung als dritten Teil den 4 4. Psalm anzuschließen, wie er in der Buber'schen Uebertragung im Almanach des Schocken-Verlags veröffentlicht wurde. Verständlich wird die inhaltliche Anreihung eines Psalmes, der das Judenschicksal in so erschütternder Weise vorüberziehen läßt und mit.dem Anruf, um Hilfe schließt, wenn man die Entstehungszeit des Adler'sehen Werkes bedenkt. Der Hörer wird in den Bann einer teilweise zu Herzen gehenden Melodik gezogen, vom ersten „Vernimm!" Balaks bis zum machtvoll ausklingenden „Erhebe dich zur Hilfe, erlöse uns, deiner Huld zu willen!" Einschmeichelnd und beruhigend ist ein Motiv in der zweiten Schau: verhindert hat, die die Histadruth — dank ihrer durch den Stimmzettel erkämpften Machtstellung — als ihr Schoßkind gehegt» und gepflegt, mitunter auch den „ungezogenen Liebling der Musen" leise verwarnt hat, aber nie zum Ernst und zur vollen Verantwortung gegenüber Israel, Erez Israel und dem G'tte Israels erzogen hat und erziehen konnte. Misrachi glaubte, diese Parteilichkeit der Organisation seinerseits mit freundlichen Beziehungen zu den Revisionisten ausgleichen zu müssen. Obwohl man hier wie dort gut wußte, daß der Unterschied zwischen der extremen Rechten und Linken nur ein Unterschied der Farbe und Fahne sei, daß sie sich' in d e m Punkte aber, auf den es bei uns ankommt, brüderlich begegnen: in der Negation der Tkora und der von ihr gelehrtenideale. Das geistige Auge sieht in der Reihe der Verantwortlichen auch die Regierung, die in London und die in Palästina. Zweifellos haben die beständigen Erschwerungen der Einwanderung und des Aufbaus, die Enttäuschungen, die jede fällige Zertifikatenschedule bringt, die Razzias, die wohl vorüber, aber nicht vergessen sind, die Leidenschaften entfesselt, die jungen Menschen bis aufs Aeußerste gereizt und zur Bildung jener Atmosphäre ein erkleckliches Maß beigetragen, aus der solche Taten mit ihren gerichtlichen Nachspielen erwachsen konnten, da begreiflicherweise in der Abwehr die Temperamente sichvaneinander reiben und zuletzt gar der nach außen machtlose Zorn im Innern seine Entladung und Entspannung sucht. Aber sprechen wir uns selber nicht frei von Schuld und Tadel. Wir hätten vielleicht, da es noch Zeit war, etwas mehr für Erez Israel tun, hellhöriger sein können für die Weckrufe der Agudas Jisroel und ihres Keren hajischuw seit fünfzehn Jahren, kräftiger eine Alijah fördern können im Sinne eines geistigen Aufstieges. Mit Erziehungsstätten, wirtschaftlichen Stützpunkten in unserem Sinne hätte man die Voraussetzungen schaffen können, die jene Erscheinungen vielleicht nicht verhinderten, die aber allein den Eukalyptus ausmachen, um geistige Sümpfe für die Zukunft auszutrocknen. Ist es zu spät? Das Urteil, das kurz vor Eintritt des Sabbats gefällt wurde, mutet wie ein lebendiger Kommentar zu dem Thoraabschnitt gerade dieses Sabbats an Dampn '1 ]'K "O ibsm \>H' Es gibt keine Alijah, keinen Aufstieg, solange G'tt nicht dabei ist. Wir müssen Olim haben im Sinne des Doppelrufes nbyj n^ST, die erst die Alijah in sich vollziehen, um dann kraft und mittels „Der G'tt, der aus Aegypten sie führte . . .", während das beherrschende Motiv des zweiten Teiles: „Erlauten Bileams, des B'orsohnes (die Hörer, die sich zuvor mit der Buber'schen Uebertragung vertraut gemacht hatten, taten gut daran!} in geschickter Weise auch im Psalm verwendet wird. „Warum birgst du dein Antlitz, vergissest unsere Not?" In solchem musikalischem Gewände löst das alte Bibelwort erneut tiefste Wirkungen aus. Die Aufführung war musterhaft. Solisten: Frau Dr. Lußheimer, Max Lippmann, Joseph L e v i; der Chor des „Liederkranz", der Sprecher Franz Oppenheimer — alle boten das Beste unter der sicheren Führung von Kapellmeister S i n zh e i m e r. — Zwischen dem ersten und zweiten Teil sprach Rabb. Dr. Grünewald Worte voll Tiefe und Nachhall über nana und nr>t>p- . Lsch. Wochenkalender. Vom bis. 16 — 23. Juni 1934 \ Vom 3. — 10. Taramus 5694 ■,nv tp 16 pB'J '2 'k pis mp Samstag 3 Sonntag 17 4 3' Montag 18 5 DP Dienstag Juni 19 nan 6 T Mittwoch 20 7 IIS Donnerstag 21 8 TO Freitag 22 9 P Samstag ' 23 10 rr "i 'J p"is npn