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Der Israelit · 1934-06-14 · Heft 24 (14.6.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 24 (14.6.1934)
Date
1934-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. Juni 1934 D Israelit Nr. 24 Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1.) der Erde, Reinheit unseres Charakters muß strah- . lender und leuchtender erarbeitet werden — wiederum der alte Jischuw Wegweiser. Wehe uns, wenn wir der Heiligkeit des Landes nicht würdig sind, wenn wir—: was G'tt verhüten möge — den Boden entweihen. Dies sei unsere Hachschara: Würdig zu werden dieses Bodens. Es ruft uns das ewige heilige Erez Israel. II. Wir selbst können aber nicht Jugend des alten Jischuw sein. Wir können nicht sitzen und ler- , nen, jenseits vom Getriebe des Tages des Leibes vergessen und mit der Seele Länder suchen, die nicht von dieser Welt sind, um endlich zu sterben und in heiliger Erde begraben zu werden. Wir müssen arbeiten, um zu leben. Und noch ein Größeres, Weiteres drängt uns hinaus in das bauende, arbeitende Erez Israel. Es ist die Last der jüngsten jüdischen Geschichte. Es ist das Erbe der Emanzipation. Unsere Verantwortung für den Stand der Thora im jüdischen Volk heischt von uns kategorisch die Besitzergreifung des nationalen palästinensischen Lebens für die Thora. Mit der. Emanzipation, die in allen Ländern der Gola nacheinander die Juden und ihre Siedlungen ergriff, entstanden zwei gewaltige Spannungen zwischen Sollen und Sein, die mit ungeheurer Wucht zum Ausgleich drängen, soll das Gebäude des überlieferten Judentums noch länger von Bestand sein. Die Thora ist von der Art, daß sie seit dem Sinai jeden einzelnen Juden, das ganze jüdische Volk verpflichtet und zugleich den ganzen Raum jüdischen Lebens regelt. Es gibt keinen Juden, der frei wäre vom Anspruch des Thoragesetzes auf ihn und es gibt keinen Bezirk des privaten und Gemeinlebens, der frei wäre von irgend einer richtenden Weisung der Thora. Diese doppelte Totalität wurde durchbrochen, als das Ghetto sich auftat und die Juden als Einzelne in das Leben der Völker und zum größten Teil in die Freiheit vom Thoragesetz eingingen. In dieser grenzenlosen Freiheit blieben nur diejenigen treu, die die persönlichsten, innigsten Beziehungen zur Thora besaßen. Diese Minderheit behauptete sich. Gewissermaßen politisch kam diese Selbstbehauptung später zum Ausdruck in der Organisierung als „Unabhängige Orthodoxie". Es scheint, als ob mit diesem Verteidigungskampf die Kraft der Orthodoxie erschöpft ist. Die doppelte Spannung besteht zwischen den Forderungen der Thora und dem jetzigen Zustand des Volkes, aber der Orthodoxie selbst kaum mehr bewußt. Auch hier Assimilation, Assimilation an den bestehen-: den Zustand. So. wie in der westlichen Orthodoxie ääsi seelische Band i zu Erez Jisrael abgefressen H<rar, so gingen langsam in der Orthodoxie überhaupt: die geschichtsgestaltenden, zeugenden Kräfte verloren. Man fand sich ab mit der Stellung der Minderheit im jüdischen Volk, man f ä!n d s i c h* a b mit der Entnationalisierung der Thora im jüdischen Lebensraum. Wenn die. Orthodoxie ohne Schaden aus ihrem -Abwehrkampf hervorgegangen wäre, so wäre aus ihr nicht nur ein neuer . „Zionismus" gleich dem des spanischen Sängers Jehuda Halevi hervorgegangen. Mehr als dies: Unser heutiger Zionismus, der konkrete, leibhaftige Herzl-Zionismus wäre anders, besser, segensreicher aus der Orthodoxie hervorgebrochen. Die doppelte Spannung als starkes Erlebnis hätte sich zunächst in der Idee gelöst, in der Konzeption einer Thor as i e d 1 u n g ,, in der die Thora auf dem Boden des nationalen Lebens zunächst nationale Breite angenommen hätte. Zugleich wäre sie sichtbare Thora geworden oder bindende Thora für rez Israel. alle Menschen der Siedlung, seelisch oder praktisch wie das wirkliche Volksgesetz. Sie wäre hinausgetreten aus der Verborgenheit der Familien und Gebethäuser. Die unbekannte Thora kann einer veränderten seelischen Haltung der verirrten Juden kein Ziel der Teschuwah sein. Jedoch: Die defensive Orthodoxie ist nicht offensive Orthodoxie geworden. Sie hat nicht die Kraft besessen, sich, die Lebensformen der Abgefallenen zu assimilieren und sie mit Thorageist zu durchdringen: hebräische Sprache, die Handarbeit, die Rückkehr zur Scholle. Wir übernahmen den Kommissionsverlag und Vertrieb folgender Schriften: Die Sabbatftvorschriften Volkstümlich dargestellt von Dr. £. Biberield in Berlin In festem Leinwandband RM 1.— Beiträge zur Methodologie der halachischenPentateuchexegese Heft 1 von Dr. E. Biberield in Berlin Preis RM 0.50 Das Buch von Dr. L. Klecskemeti: Gibt es bloss eine jüdische Religion oder mehrere? von Oberrabb. Philipp Fischer in Sarospatak Preis RM 1.— Religiöses Judentum und Kapitalismus von Dr. Joseph Stern Preis RM 1.— Lieferung durch alle besseren Buchhandlungen oder direkt vom Verlag unter Nachnahme des Betrages zuzüglich Porto. FRANKFURT A. ti., RECHNEIGRADENSTR. 7 VERLAG DES ISRAELIT UND HERMON GMBH. Als dann aus der materiellen Situation der Herzl'sche Zionismus entstand, da blieb man entweder religiöser Staatsbürger oder wurde religiöser Staatsbürger des Herzl'schen Judenstaates. Gefährlich und schwächlich das eine wie das andere: die einen lehnten die jüdische Nation und Erez Jisrael als Thorawerte ab — beide verzichteten sowohl auf Durchsetzung der Thora im Volk als auf Durchführung der Thora im gesamten Lebensraum, abgesehen von dem Riß, der sich nun auf tat innerhalb der Orthodoxie. Nach dem Weltkrieg begann folgende Entwicklung: Die Bälfour-Deklaration brachte die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen der Zionisten. Die Orthodoxie blieb Aguda oder Misra'chi — jedenfalls individuelle Gesetzestreue außerhalb öder innerhalb des Zionismus.*) Der Zionis- *) Dies bedeutet eine fundamentale Verkennung der agudistischen Ideologie, die von vornherein mus förderte die Stabilisierung, Konkretisierung und Nationalisierung der Gesetzesuntreue: Neuer Jischuw. Daneben lebte ohne sichtbaren. Einfluß als ein Reich für sich, abgekehrt von allem bauenden Neuen, jene feste Burg G'ttes: der Alte Jischuw. In der agudistischen Jugend allerdings war in den letzten Jahren — ebenso wie in anderer. Weise in der misrachistischen — ein starker Wille lebendig zum Aufbau des Landes. Da es aber keinen Palästinaaufbau der Aguda gab, da keinerlei Verständnis für Gesamtverantwortung, Gesamtsituation in der Aguda lebendig war, wurden die jugendlichen Kräfte entweder in den. Misrächi getrieben oder unterdrückt zugunsten individueller Berufsehrgeizziele. Durch äußere Vorgänge veranlaßt, wird nun der Palästinawille der agudistischen Jugend legalisiert. Es ist die Lösung eines Zwanges. Die Motive der Jugend, die auch vorher schon idealistisch waren, bleiben es. Nur werden sie jetzt wirksam. Es ist heute kaum zu spüren, daß die. Orthodoxie begreift, mit welcher Last und Verantwortung ihre Jugend nach Palästina geht. Diese Jugend versucht sich nicht nur bewußt zu werden ihrer tiefsten seelischen Beziehungen zur Heiligkeit des Bodens — sie beginnt auch zu er-' kennen, was sie für die nationale Geltung der Thora zu leisten hat in der Breite des Lebens und in der Weite des Volkes. Daß durch sie die Spannungen geläst und die Wunden geheilt werden müssen. Der Alte Jischuw, die Ablehnung der Nationalisierung der Thora und der Neue Jischuw, die Nationalisierung der Nichtthora, sie sind nicht unser Weg — trotz höchster Reinheit und Heiligkeit des Alten Jischuw und trotz bewunderungswürdiger äußerer Leistungen des Neuen Jischuw. Wie wird der Dritte Jischuw sein? Es gibt hier nur ein Entweder — Oder. Entweder wird er neben den beiden Jischuwim entstehen, als Werk stärkster finanzieller und menschlicher Leistung mit Hilfe der ganzen Orthodoxie. Oder er wird sein durch die Eroberung des Neuen Jischuw für die Thora, ein Kulturkampf voll fanatischer Unbedingtheit, werbender Liebe, höchster seelischer Anspannung, prophetischen Mutes. Der Misrachi-Jugend wollen wir sagen: Seid Söhne der Weisen oder Söhne der Propheten! Wenn ihr Söhne der Weisen sein wollt, so kommt zu uns und baut mit uns die nationale Thorasiedlung — wollt ihr aber Söhne der Propheten sein, so eifert gegen jede Uebertretung der Gesetze. Redet gegen die Sabbat- Entweihung, haltet die Autos auf, die seine Ruhe stören, lasset euch ins Gefängnis werfen, geißelt die Schmach der verbotenen Speisen und die Schmach der Ehen ohne Mikwah und Reinheit! Eröffnet einen Feldzug in Städten und Kolonien für das Gesetz der Thora, das vergessene, verachtete, mit dem wir allein leben können. Wenn ihr euch stark genug fühlt! Wenn ihr den Anfang macht — vielleicht werden wir euch hei-; fen. Aber macht Schluß mijt der Halbheit und dem Hinken nach' beiden Seiten: ,Entweder;j; Kampf oder Arbeit für die Herrschaft der, Thora. Und was ist unsere, der agudistischen Arbeiter Position in Erez Jisrael? Was sind das für Soldaten G'ttes, Arbeiter ohne Boden, ohne Aussicht auf Familiehgründung, verurteilt zum Klassenkampf! Gegen ihren Willen werden die Unterschiede zwischen allen Arbeitern — seien sie religiös oder nicht — kleiner. Aber die Kluft zwischen Arbeitergesetzestreuen und Kapitalistengesetzestreuen wird größer. Der Kampf um das Brot übertönt alles, verdunkelt die geistigen Werte und Ziele. Wie wird es erst mit der . nächsten Generation sein? Sollen dies die Soldaten G'ttes sein? den Aufbau des gesamten Volkskörpers als Trägers der Thora forderte, sich dabei allerdings nicht in das Idyll einer Siedlung flüchten konnte, sondern gezwungen war, sich in das reale Volksleben im1 ganzen Diaspora-Raum hineinzustellen. Eben so wenig bedarf der „alte Jischuw" einer Erziehung zum wahren Nationalgefühl. Red.).

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