Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1934)
- Date
- 1934-06-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 24 Der Israelit 14. Juni 1934 Schwere judenfeindliche Ausschreitungen in Warschau. (Fortsetzung von Seite 1.) über die Vorfälle abhielten, wurde erklärt, daß bereits 7 Rädelsführer verhaftet wurden und weitere Verhaftungen bevorstehen. Alle Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bevölkerung seien getroffen. Die Gemeindeführer wurden gebeten, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen. „Kurjer Lodzki" berichtet aus der Kreisstadt W i 1 u n , daß in den Dörfern dieses Kreises die Juden unter Androhung von Gewalt von der Dorfjugend gezwungen werden, die Ortschaften zu verlassen. Polizei griff gegen diese Terrorakte ein und nahm 12 Rädelsführer in Haft. Zahlreiche jüdische Dorfeinwohner haben jedoch bereits Zuflucht in den Städten gesucht. In Kielce wurden nachts die Fenster des jüdischen Altersheims und des jüdischen Gymnasiums eingeworfen. Einige Insassen des Altersheim wurden durch Steinwürfe verletzt. Der Club der jüdischen Abgeordneten hat nach einer abgehaltenen Besprechung der ITA. I ein Communique übergeben, in dem es heißt Der Club der jüdischen Abgeordneten stellt fest, daß die nationaldemokratische Bewegung ihren gegen das Pilsudski-Regime mit allen Mitteln ge führten Kampf auf dem Rücken der Juden auszutragen sucht, in der Annahme, daß dies der beste Weg sei, die Stellung der Regierung zu schwächen. Die Tatsache, daß die Ausschreitungen nicht im Keime erstickt wurden, hat die Huligans ermutigt, weitere Exzesse zu veranstalten. Der Club der jüdischen Abgeordneten halt es für seine Pflicht, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Personen auf die schwierige Lage der Juden, insbesondere in der Hauptstadt, zu lenken und richtet an die Regierung den Appell, die friedliche jüdische Bevölkerung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese brutalen Angriffe zu verteidigen. Der Club der jüdischen Abgeordneten ist überzeugt, daß die jüdische Bevölkerung im Bewußtsein ihres Rechts und ihrer nationalen Würde in Ruhe, ohne Resignation und ohne Nachgiebigkeit und mit eiserner Energie den Kampf zur Verteidigung, ihrer Rechte als Menschen, Bürger und Glieder einer nationalen Gemeinschaft führen wird. I Echtheit der sogenannten Zionistischen Protokolle bezeugt, mit Bedauern zurück, ebenso die im selben Artikel gemachte Andeutung, der Zionistenführer Herzl habe am Zionistenkongreß von 1897 den in den ,(Geheimnissen der Weisen von Zion" enthaltenen jüdischen Weltherrschaftsplan aufgestellt." Es ist noch nicht bekannt, ob die Kläger diesen, beiden Parteien vom Präsidenten des Gerichts unterbreiteten Vergleichsvorschlag annehmen werden. Es sei bemerkt, daß es sich hier nur um den Ehrenbeleidigungs-Prozeß gegen Dr. / Zander als Verbreiter der „Zionistischen Protokolle" und als Verfasser eines im „Eisernen Besen" veröffentlichten Artikels unter dem Titel „Und trotzdem echt" handelt. Der Prozeß gegen Zander als Verbreiter der „Protokolle" wurde — nach Beschlagnahme von gegen 800 Stück dieser Broschüre — aus formalen Gründen eingestellt. Ein weiterer Prozeß über die Frage der Berechtigung der Beschlagnahme ist jedoch noch, in Schwebe und wird erst später, nach Vorlage von Gutachten über die Echtheit der fraglichen. Schundschriften entschieden werden. Dieser Teil des Baseler Prozesses steht in einem gewissen Zusammenhang mit einem ähnlichen Prozeß in Bern, wo einer Expertenkommission die Prüfung der Echtheit der „Protokolle" vor einiger Zeit übertragen wurde. Weitere antisemitische Exzesse- Stilles Begräbnis des Opfers- Die Beerdigung des bei den Ausschreitungen im Warschauer Powonzek-Viertel erschlagenen Jecheskel Dalmann hat in aller Stille stattgefunden. Der Sarg wurde aus dem Krankenhaus auf den jüdischen Friedhof gebracht; erst dort versammelten sich die Hinterbliebenen des Opfers und die übrigen Leidtragenden. Die Beerdigung fand in Anwesenheit eines starken Polizeiaufgebots unter Führung des Polizeikommissars statt. Die Jüdische Gemeinde hat dem so tragisch ums Leben Gekommenen ein Ehrengrab gewidmet. Nach einer im Lokal der nationalradikalen Partei (Nara) im Powonzek-Viertel durchgeführten Haussuchung wurde das Lokal behördlich geschlossen. Vier Parteimitglieder wurden im Zusammenhange mit den jüngsten Ausschreitungen verhaftet. Die antisemitischen Unruhen in Warschau dauern fort. In den Parkanlagen werden massenhaft Exepmlare der judenhetzerischen Zeitung „Sztafeta" verteilt. Die Inhaber von Theatern, Kinos, Restaurants, Kaffeehäusern und anderen öffentlichen Lokalen führen Klage darüber, daß der Besuch in den Abendstunden in den letzten Tagen außerordentlich stark nachgelassen hat. Ebenso ist die Frequenz der Nachtzüge auf den Straßenbahnen wesentlich gesunken. Die jüdische Jugend ist aus dem Straßenbild in den späten Abendstunden fast völlig verschwunden. Der Kaufmann Bernhard Mendelsohn wurde auf der Straße von einer Gruppe von Rowdys überfallen, die ihn mit Schlagringen bearbeiteten. Bereits blutüberströmt suchte der Ueberfallene zu entfliehen, wurde jedoch von seinen Angreifern verfolgt, die ihn mißhandelten, bis er zusammenbrach. Dann raubten sie ihm die Geldbörse, eine goldene Uhr und einen Ring. Die zu spät eingetroffene Polizei konnte keinen der Täter festnehmen. Mendelsohn wurde in bedenklichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Das letzte Communique der Rettungswache meldet folgende Verletzte: An der Weichselbrücke wurde der 19jährige Israel R o t b e r g verwundet; in der Ujazdower Allee Jacob Endberg (Verletzungen am Rücken); in der Dzikagasse der 26jährige Abraham Davidsohn (Verletzung des Auges); in der Sokolowskagasse erlitt Leiser Schermann Verletzungen an Gesicht und Händen; in der Milagasse wurde Wolf Moliniak, in der Nawalipiagasse der 19jährige Moses Flinker verwundet. Zahlreichen jüdischen Einwohnern der Vorstadt Targowek wurden die Wohnungen unter dem Druck der antisemitischen Propaganda zum 1. Juli gekündigt. Kaum verhüllt wird den Juden mit Gewalt gedroht, falls sie das Viertel nicht gutwillig räumen. Im Laufe der Nacht wurden in verschiedenen Teilen der Stadt Wilna Ueberfälle auf Juden verübt. Fünf Personen, unter ihnen ein 74jähriger Greis, mußten, erheblich verletzt, die Hilfe des städtischen Ambulatoriums in Anspruch nehmen Um 9 Uhr abends wurde bei den Volkswohnhäusern eine Gruppe von Chaluzim überfallen. Jüdische Einwohner des Wohnblocks vertrieben die Angreifer. Vergleichsvorschlag im Baseler Prozeß um die „Zionistischen Protokolle", Wie uns gemeldet wird, ist ein Teil des hier geführten Prozesses in Sachen der „Zionistischen Protokolle" in die Phase eines Vergleichsverfahrens getreten. Der von den Herren Dreyfus-Brodski und Dr. Markus Cohn, als Vertretern des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes und des Zionistischen Landesverbandes sowie von Dr. M. Ehrenpreis, Oberrabbiner von Stockholm, verklagte Redakteur des „Eisernen Besens", Dr. Z e n d e r , hat sich grundsätzlich bereit erklärt, den folgenden Vergleichsvorschlag zu unterzeichnen: „Hiermit erkläre ich, daß mir Beweise für die Echtheit der sogenannten Zionistischen Protokolle fehlen, daß ich insbesondere keine Anhaltspunkte dafür habe, daß der in diesen Protokollen entworfene jüdische Weltbeherrschungsplan am ersten oder an einem späteren Zionistenkongreß zum Gegenstand irgendwelcher öffentlicher oder geheimer Beratungen gemacht wurde. Ich erkläre ferner, daß ich keine Anhaltspunkte dafür habe, daß der Kläger Ehrenpreis mit diesen sogenannten Protokollen irgendetwas zu tun hat, und schließlich nehme ich meine Behauptung im Artikel „Und trotzdem echt", Ehrenpreis habe die Aufklärung eines Mordes. Die Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront „Der Deutsche" hat vor einiger Zeit unter der Ueberschrift „Ritualmord?" aus Regensburg gemeldet, daß der Sohn eines Straßenwärters in einem Kleeacker sterbend aufgefunden wurde. Die Aufklärung des Falles wird jetzt in der Passauer „Donau-Zeitung" veröffentlicht. Danach hat es sich herausgestellt, daß die beiden älteren Brüder des Knaben diesen im Spiel so unglücklich an der Kehle faßten, daß er infolge der Aufregung und des Würgens starb. Der unter dem Verdacht des Mordes verhaftete Hausierer J. Zache aus Tiefendobel wurde daher freigelassen. Einberufung einer ungarischjüdischen Landesversammlung. Nach einer Verordnung des Kultusministers sollen bis spätestens 15. Oktober d. J. die Repräsentanten aller jüdischen Gemeinden des Landes, welche in geheimer Abstimmung gewählt werden, zu einer Landesversammlung zusammentreten mit der Aufgabe, das Kongreßstatut vom Jahre 1868 zeitgemäß abzuändern. Ort und Zeitpunkt der Landesversammlung werden noch bekanntgegeben. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Regierungsverordnung der Tatsache des Vorhandenseins zweier voneinander unabhängiger konfessioneller Organisationen in Ungarn Rechnung trägt. - Salonikier Wahlghetto endgiltig durch Gesetz abgeschafft. Die griechische Deputiertenkammer hat mit 108 gegen 60 Stimmen das neue Wahlgesetz angenommen, durch das die besondere Wah 1curie für Juden in Saloniki endgültigabgeschafft wird. Bei der Vorlage des Gesetzes erklärte der Berichterstatter der Kommission, Abg. M. Craniotakis u. a., das neue Gesetz sei in der Absicht ausgearbeitet worden, Recht und Sinn der Verfassung wieder herzustellen. Es sei nicht auf die Absicht zurückzuführen, eine bestimmte Partei zu begünstigen. Wenn es zutreffe, daß die Juden Salonikis eher der Regierung zuneigen, so sei es nicht minder richtig, daß die thrazischen Mohammedaner, deren Wahlcurie ebenfalls abgeschafft wurde, vorwiegend Oppositionsanhänger sind. Die Juden hätten nicht ganz 8000, die Mohammedaner über lö.OOOWähler. Das Gesetz gewährleiste somit durchaus gerechte Wahlen. Im Namen der Opposition erklärte der Abgeordnete M. A. Melas, die Annahme des neuen Gesetzes werde das Land! in den Bürgerkrieg stürzen.