Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1934)
- Date
- 1934-06-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450829--80478-2538312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Nr. 23 Der Israelit 7. Juni 1934 Möglichkeit ebnen. Sie könnten, wenn sie einheitlich von. der Erkenntnis der Schwere unserer Gegenwart .erfüllt sind, der „Annäherung" zum Typus „Jüdische Schule" vorarbeiten. Auf die Vorarbeit und Vorbereitung kommt es bei allen gründlegenden Neuordnungen wesentlich an. Unsere jüdische Lage ist in allen wichtigen Teilen so, daß irgendwelche Unterschiede zwischen den Schulsystemen nicht mehr aufrecht zu halten sind. Die Wege, die unsere jungen Menschen einschlagen werden und auf denen sie ihre neue Sicherheit und die Zufriedenheit ihrer gemeinsamen Zukunft sich erringen müssen, sind uns allen eindeutig und gemeinsam vorgezeichnet. Unsere Schulen haben nun nichts weiter zu tun, als mit ihren planmäßigen und sinnvollen Arbeiten und mit ihrer Erziehung auf die Einmündung in die vom großen Zeitgeschehen uns vorgezeichneten Linien und Wegrichtungen hinzustreben. „Höhere" Lehranstalten und sogenannte „Volksschulen" — beiden Typen kommt im jüdischen Lebensraum nur noch eine ungeheure Aufgabe und eine erste Verpflichtung zu: alles Wissen vom Judentum zu vertiefen. Für diesen, in unserer deutsch-jüdischen Situation einzigartigen Arbeitskreis brauchen wir sinnvolle Richtlinien unserer Führer,; Weisungen und Winke, Anregungen aller Art und eine zusätzlich jüdische Bildung unserer Schulletter und Lehrer, Von dem neuen jüdischen Fundament unserer Schulen her wird erst — wenn überhaupt — das Antlitz und die Haltung einer neuen Generation bestimmt werden. Wer also die restlose Loslösung von allen offenen und maskierten Assimilationserscheinungen erstrebt und die Rückführung zur totaljüdischen Geschlossenheit als das Ziel unserer Renaissance kündet, der muß unseren Schulen den eindeutigen, jüdi-:; sehen Charakter aufzuprägen bemüht sein. Hier darf es , keine neue Verschleppung der Krankheit geben. Hier harrt Entscheidung nicht allein über unsere Gegenwart, sondern für die Rettung einer ganzen Zukunft. Die Erringung der in sich harmonischen, einen jüdischen Schule ist letzten Endes auch noch immer eine: .wesentliche Auf gäbe für gesetzestreue Kreise.; Man glaube nicht, daß, mit dem Mitgliedsausweis einer orthodoxen: Gemeinschaft bereits der, Charakter einer Schule und des in ihr pulsierenden Lebens bestimmt >, ist. Auch die orthodoxen Schulen schleppen, die Reste . einer verheerenden Erbschaft mit sich herum; es gilt in ihren Räumen ,ganz besonders zur" , vielgerühmten These Thora im Derech-Erez von einer neuen Warte aus Stellung zu nehmen und einen Standpunkt zu. revidieren, der nicht besonders glückhafte Resultate gezeitigt hat. Die bis in ihre letzte Konsequenz durchgeführte jüdische Schule wird schließlich auch jene Kräfte erzeugen, die einmal nötig sein werden, Zersplitterungen, Parteien-Ehrgeiz und das Nebeneinander der „Richtungen" zu überwinden. Diese Schule muß eines Tages das vollenden, was trotz aller Aufrüttelungen und Besinnungen ungetan geblieben ist; Die Wiederherstellung der Ei n h e i t des jüdischen Geistes. Unsere Wende kann sich nicht mit Debatten und mit Linderungsmitteln begnügen. Wenn jüdische Gremien das heute noch nicht sehen wollen oder ändern, können, — dann muß eben die Aenderung einsetzen in jenen Kreisen, denen schließlich die Haupt Verantwortung gegenüber jeder Entwicklung anvertraut ist: das sind unsere Schulmänner, Lehrer und Jugenderzieher. Von ihrem Weitblick und von ihrer Einsicht und Bereitschaft hängt die Grundsteinlegung für jede jüdische Erneuerungsarbeit ab. Erste und vordringlichste Aufgabe der jüdischen Schule ist die Heraufentwicklung zu einem zeitgemäßen Schultypus, der durch das neue Geschlecht der Jugend die endgültige Abkehr von allen möglichen assimilatorischen Irrwegen vollzieht und damit die Bahn frei macht für die Neubelebung und Verwirklichung einer in sich unwandelbar geschlossenen jüdischen Lebensauffassung. Dieser schwere, revolutio- - näre Weg ist' nötig, — nicht nur für das in Palästina . erstehende jüdische Aufbauwerk, sondern auch zur Sicherung unserer gesamten Galuth-Existenz. Lehrerelend und Bezirksschulen. Von einem Landlehrer. Schon öfters las man in den jüngsten Monaten in diesen Blättern von dem Elend, das die Zeitverhältnisse über viele Kollegen gebracht, die z. T. seit Jahrzehnten ihre höchste Lebensaufgabe in der^ipn ji3hV» sahen, im Dienste der Religion ihr Bestes hinzugeben für ihre Gemeinden, für die ihnen anvertraute Jugend und die nun mit zunehmendem Alter ihre Lebensposition erschüttert, ihre Hoffnungen «auf angemessene Altersversorgung und dergl. (für die sie lange Jahre Beiträge am Lebensunterhalt abgespart) dahinschwinden sehen. Je mehr die Verarmung der jüdischen Landbevölkerung fortschreitet, desto mehr fühlt sie der jüdische Lehrer, der von jeher das Versuchskaninchen war, an dem man „Sparmaßnahmen" erprobte. An, Schneiderin und Modistin, an Klavier- und Tanzlehrer, an Theater und Cafes, am Essen und Trinken? konnte man doch auch früher nichts ersparen; war Letzteres erforderlich, blieb nichts anderes übrig, als die Kürzung des Lehrergehaltes. Heute, da obengenannte Positionen anderer Gründe halber doch reduziert werden müssen, kürzt man dasselbe mit der Begründung der teuren Lebenshaltung (Koscherfleisch Mk. 1.40, meistens von denen angeführt, die viel billigeres „Koscherfleisch" beziehen), der Fahrt- und Schulgeldkosten für die Bezirksschulen und dergl. m. Kurz, was ein Teil unserer Landleute benötigt (es gibt G. s. D. auch Ausnahmen) sucht man aus dem Konto: „Gemeindesteuern und Lehrergehalt" herauszuwirtschaften. Dabei muß man noch zufrieden sein, nicht auf die Straße gesetzt zu werden. Faßte doch schon eine früher in hohem Ansehen stehende „religiöse" Odenwaldgemeinde den Plan, ihren seither von einem seminaristisch, gebildeten orthodoxen Lehrer erteilten Religionsunterricht, . einem erwerbslosen neologen Kaufmann zu übertragen, um mit dem bisherigen Lehrergehalt die Sanierung des gewiß auch bedauernswerten Kaufmanns durchzuführen. Zu all' diesen Gefahren, die die Lehrerexistenz auf dem Lande aufs Höchste gefährden und damit aucn den Bestand der Gemeinden, die, das dürfen wir ohne Ueberhebung sagen, [nur noch durch ihre Lehrer gehalten werden, trat nun mit Beginn des laufenden Schuljahres eine neue, nicht zu Unterschätzende Gefahr, die Errichtung von Bezirksschulen in unserem Hessenland. Wenn der hohe erzieherische Wert jüdischer Schulen auch nicht geleugnet werden kann, wenn die seelische Bedrückung mancher Kinder den Schrei nach derselben auslöst, wenn das dort zu erwerbende vertiefte jüdische Wissen auch zu begrüßen-ist (obwohl nicht alle von jüdischen Lehrern geleitete, .von jüdischen Schülern besuchte Anstalten auch wirklich jüdische Schulen sind), so darf doch andererseits nicht verges-: sen werden, daß diese Schulen auch Nachteile schwerster Art in sich tragen, Nachteile, die allerdings bei gerechter Abwägung aller für und gegen die Errichtung solcher Schulen sprechenden Momente, auf ein Minimum. hätte : reduziert werden können. Wir besprechen li^ute. diese Angelegenheit nur vom Stand-. punkte: des Landlehrers, der für seine und seiner Ge-' -meinde Existenz kämpft und in diesem Kampfe lei-; der isoliert dasteht! j Hätte man jüdische Schulen für die Städte errichtet; durch, deren Kinderzähl der Bestand derselben gewährleistet wäre, würden wir Landlehrer uns ebenso mit denselben freuen, wie wir über; jeden Fortschritt auf, religiösem Gebiete Genugtuung empfinden. Wenn aber die Leiter dieser Schulen auf dem Lande Agitation entfalten,. um die wenigen noch vorhandenen Kinder der Landschule zum Zwecke der Frequenzhebung der Stadtschule zu entziehen, so erscheint uns dieses Vorgehen ähnlich dem jenes aus Davids Geschichte bekannten „reichen" Mannes, der das Schäflein des armen Mannes schlachtete, um seine eigenen Herden zu schonen. Oft haben wir auf dem Lande noch FllJalgemeinden mit zwei oder drei Kindern, für die Religionsunterircht erteilt und honoriert wird.: Es: ist selbstredend nichts dagegen : einzuwenden, wenn diese Kinder aus" eigenem Entschlüsse oder dem ihrer Eltern die Bezirksschule besuchen und dadurch die' Aufhebung der Filialstellen automatisch herbeiführen. Den dadurch entstehenden Einnahmeverlust müßten wir Lehrer im Interesse der Religion eben verschmerzen. Wenn aber dort, wo der innere Drang nach, der jüdischen Schule gar nicht vorhanden ist und der äußere Druck in normalen Grenzen verläuft, unter Ausmalung der der jüdischen Schule innewohnenden Vorteile, mitunter noch unter Anwendung nicht ganz einwandfreier Mittel, wie bedeutende Schulgeldermäßigung und dergl., die Kinder vom Lande nach der Stadt gepreßt werden, so ist ein solches Vorgehen vom wahrhaft jüdischen Standpunkte aus zu beanstanden. Der jüdische Geist, der durch die jüdische Schule angeblich gestärkt werden soll, wird dort seine Wirkung verfehlen, wo der innere Dräng nach diesem Geiste fehlt; (die bei vielen Kindern bemerkbare Begeisterung für die Schule entspringt meistens dem Reize der Neuheit.) Die Landlehrer aber, die bisher diesen Geist in ihren Gemeinden noch wachzuhalten sich mühten, werden brotlos und können aus Sorge um ihre Lebenserhaltung keinerlei erfolgreiche Tätigkeit mehr entfalten, mw r» n»j? DK- Wohl glaubt ein bekannter Schulleiter, daß gerade durch die Stärkung des religiösen Geistes der die Schule besuchenden Kinder auch der religiöse Geist der Landgemeinden sich hebe und sich hieraus eine Festigung der Lehrerstellung ergebe. Jeder einigermaßen mit den Landverhältnissen Vertraute weiß jedoch besser, daß dem nicht so ist. Nicht nur, daß der Geist der die B.-Sch. besuchenden Kinder auch weiterhin durch das' in vielen Fällen areligiöse Verhalten der Eltern viel mehr beeinflußt wird als durch die Schule, positiv religiöse Kinder also nicht in größerer Zahl aus der B.-Sch. hervorgehen, kann ich mir, auch wenn es anders wäre, die Wahrheit obiger Behauptung nicht vorstellen. Wenn es gelänge, in 4—8 Jahren (denn so lange besucht noch die Mehrzahl der jetzt Eingeschulten die B.-Sch.), orthodox beeinflußte Jugend in die Landgemeinden zu entsenden, was könnten diese jungen Menschen, deren Bleiben nicht dort ist und nicht dort sein kann, für die Erhaltung der Lehrerstellen tun, die bis dahin längst eingegangen sind. Oder sollen aus diesen Schulen die;neuen Lehrer -unserer . Landgemeinden heryorgehehj; die sie einer .besseren religiösen Zukunft entgegenzüführen berufen sind, als es uns trotz aller Mühe und Arbeit nicht gelang? Haben wir Landlehrer nicht ein an? deres Los verdient, als auch hierals Versuchsobjekt zu dienen, um schließlich'als.;,Opfer der religiösen Entwicklung" ein unrühmliches Ende zu finden? Als a^oias können wir selbst uns nicht retten, stehen wir diesen Verhältnissen machtlos gegenüber; um so mehr müssen wir von den zur Erhaltung der Landgemeinden berufenen Stellen (Rabbinate, Landesverbände, Reichs^ Vertretung) Vorschläge erwarten, die die gezeichneten Gefahren zu überwinden geeignet und eine Sicherung unserer Existenz, so weit hiervon;heute die Rede" sein kann, zu ermöglichen in der Lage sind. Gehen wir und unsere Gemeinden aber zu Grunde i3SE> n£ uh» ntn d-in ns so kann man gegen uns den Vorwurf nicht erheben, auf die Gefahr nicht aufmerksam gemacht zu haben. Wir haben unsere Stimme erhoben, tut nun Eure Schuldigkeit, Ihr berufenen Instanzen. K. Verein der jüdischen Lehrer im Bezirke Emden- Oldenburg-Osnabrück- Leer (Ostfriesld.). Am 10. Mai hielt der „Verein der jüdischen Lehrer Emden-Oldenburg-Osnabrück im Restaurant Hirschberg nach zweijähriger Pause seine Tagung ab, welche von fast allen Mitgliedern besucht war. Den Auftakt bildete der Vortrag des SynagogenrChors Leer: „Ma tauwu" von Popper. Der Vorsitzende, Lehrer Popper -Leer, begrüßte die Erschienenen, leitete die Beratungen mit einem Thorawort ein und gab einen Ueberblick über die Lage des deutschen Judentums,- der jüdischen Gemeinden, Schulen und Lehrer. Insbesondere begrüßte er es, daß man in den Großgemeinden, wenn auch unter dem Drucke der Verhältnisse endlich daran ginge, eigene jüdische Volksschulen zu begründen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese Einsicht, verbunden mit der nötigen finanziellen. Kraft für alle Dauer, be-.. stehen' möchten. Nach1 Erledigung; des .•Kassenbfe^ieb-';tes —• dem Rechnungs- und -: Schriftführer Köll. Gott-,; schalk-Emden wurde Entlastung erteilt — der Wahlen und der.freien Besprechungen erhielt Köll. Grünfeld-Papenburg das Wort zu seinem Vortrag, dem: Häuptpunkt des Vormittags: U e b er; die Min h o -; g i m. Ausgehend von dem schönen, jüdischen Gruße' des Boas im Buche . Ruth, wies , der Referent nach, wie schon aus zahlreichen Stellen des Talmud ersichtlich sei, daß viele Minhogim auf ein lOOOjähriges Alter zurückblicken können, daß der Grundsatz: aron arpfa DmnriR heute noch nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt habe und daß man daher alle diese altehr- würdigen Gebräuche in den Gemeinden genau zu berücksichtigen habe. Dieser Gründsatz erstrecke sich sogar auf die traditionellen Nigunim. Wo jedoch in jüngerer Zeit sich Gebräuche entwickelt 'haben, bedürfen diese einer Prüfung seitens der zuständigen Stellen. —r Dem Referenten wurde für seine fleißige, tiefschürfende Arbeit der Dank der Konferenz ausgesprochen und in Aussicht genommen, dieselbe mög-: liehst: zu veröffentlichen. Beim Mittagessen sprach Popper-Leer noch über Anomalien des Dagesch. — Unserer Uebung entsprechend, war der Nachmittag der Oeffentlichkeit gewidmet. Den Vortrag „Jugend und Gemeinde" hielt Landrabbiner Dr. Blum-Emden, j Bei der Aktualität dieses Themas waren viele Vertreter der Jugendbünde aus den benachbarten Ge-: meinden herbeigeeilt, darunter auch der Vorsitzende der Vereinigung nordwestdeütscher Jugendbünde, Herr Joe Israel-Hannover, Eine rege Aussprache bewies, daß die Wahl, sowie die Ausführung des Themas eine zeitgemäße gewesen. Nachdem auch Herr Landrabbiner Dr. de H a a s-Oldenburg einige treffende Worte gesprochen, wurde die Versammlung geschlossen. Als Ort der nächsten'Tagung wurde Äurich vorgeschlagen. . J. Popper, Lehrer. Aus der Arbeit des „Bundes". Am 23. Mai d. J. fand eine sehr gut besuchte Bezirkstagung des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer in- Frankfurt a. M. statt: Herr Rechtsanwalt Dr. J. Breuer sprach über „Aufgaben der Gegenwart". Der Bezirkstagung gin geine Versammlung der „Vereinigung gesetzestreuer israelitischer Lehrer im Volksstaate Hessen" voraus. Ausführlicher Bericht, über beide Versammlungen folgt in der nächsten Nummer von „Erziehung und Lehre". Am Dienstag, den 5. Juni hielt die Ortsgruppe Frankfurt des Bundes ihre Monatsversammlung in der Samson Raphael Hirsch- Schule ab. Referat des Herrn Studienrat Münk über „Tauroh im Derech erez". Zu den Versammlungen der Frankfurter Ortsgruppe ist auch das Erscheinen der Kollegen aus der Nachbarschaft erwünscht. Die nächste Tagung der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft des Bundes findet am 26. Juni statt. Das Referat hat Herr Rektor Öchsenmann übernommen.