Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-06-07 · Heft 23 (7.6.1934) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 23 (7.6.1934)
Date
1934-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450829--80477-2538311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ljo||o|o|l o—o||olo||o[[ EH g Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzesf reuer jüdischer Lehrer Deutschlands TM )(öjöfö|i o—o ifoifoiioir ICH] Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Die jüdische Schule zur Zeit des Talmuds. Nach einem Vortrage von A. Hirschberg in Frankfurt a. M. II. In der biblischen und z, T. nachbiblischen Zeit lag die Erziehung und Belehrung der Kinder in den Händen des Vaters, entsprechend dem Ausspruche: •03 man "fab anjawi War ein Kind vaterlos oder hatte es einen ungelehrten Vater, so blieb das Kind ohne Unterricht. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, wurden in Jerusalem Kinderschulen errichtet. Aber der Besuch dieser . Schulen war freiwillig und der Erfolg ganz gering. Als Vater der Grundschulen ist Rabbi «?aa p der vor etwa 2000 Jahren lebte, zu nennen. Die schönste Anerkennung, die je einem Schulmanne für sein Verdienst um die Bildung der Jugend geworden, war der Nachruf, den Raw ihm hielt: .^Kub'a min mnvi sin sVaViw zwb wvm wir *yot am Wahrlich dieses Mannes sei zum Segen gedacht; hätte er das Schulwesen nicht in die Hand genommen, so wäre die min in Vergessenheit geraten. Besondere Schulhäuser gab es damals nicht. Der Unterricht wurde in der Synagoge oder einem Nebenraume derselben erteilt. Reichte dieser Raum nicht aus, so wählte man auch Privathäuser. Da die Hausbesitzer sich oft weigerten, wegen des Lärmes der Kinder ihre Räume . zu Schulzwecken zu vermieten, bestimmte Raw, daß ein solcher Hausbesitzer in um gelegt werden könnte. Eine Elementarklasse bestand gewöhnlich aus zwei Klassen, der Bibelklasse und der Mischnaklasse. In der Bibelklasse wurden die Kinder mit dem Inhalte der Bibel, in der Mischnaklasse mit der Mischna vertraut gemacht. Beiden fiel auch die Aufgabe zu, die Kinder für das praktische Leben vorzubereiten. An Bibel und Mischna wurden praktische Fälle angeknüpft, ähnliche Themen herangezogen, verglichen und diskutiert. Andere Wissenschaften fanden als naanV niRiäns nur insofern Berücksichtigung, als ihre Verwendung für das Studium förderlich schien, Das schulpflichtige Alter lag damals wie heute zwischen dem sechsten und siebenten Lebensjahre. Ehrgeizige Eltern versuchten schon früher ihre Kinder zur Schule zu schicken. Da bestimmte Raw, daß kein Kind vor dem 6. Lebensjahr aufgenommen werden dürfe. Bezüglich der Frequenz der Klasse war man damals schon moderner als heute. Rabbi bar Nachmeni bestimmte — und diese Bestimmung ist in den 9"V aufgenommen worden, also heute noch giltig — daß für 25 Schüler ein Lehrer, für 50 zwei Lehrer anzustellen seien. Bei 25—50 Schüler wurde eine Hilfskraft gewählt, deren Hauptaufgabe im Repetieren des Durchgenommenen bestand. Die Kinder saßen, wie es heute von den modernsten Pädagogen gefordert wird, im Halbkreis um den Lehrer. Sie waren verpflichtet, beim Eintritt in die Schule und nach Beendigung des Unterrichtes aufzustehen und die Schule ruhig zu verlassen. Die Unterrichtszeit war anfangs nicht festgelegt; später wurden fünf Stunden angesetzt und zwar drei am Morgen und zwei gegen Abend, in Anlehnung an den Vers nWn oav ia n'ini i,Du sollst dich am Tage und in der Nacht mit ihr beschäftigen." Die Eltern hielten ihre Kinder strengstens zur Pünktlichkeit und zum regelmäßigen Besuche des Unterrichts an. Die Schulaufgaben wurden gewissenhaft angefertigt. Es wird uns von einem großen Gelehrten erzählt, daß er sich niemals zum Frühstück niedersetzte, bevor er sein Kind zur Schule gebracht. Die Schüler erhielten nach ihren Leistungen eine Rangordnung. Der beste Schüler der Klasse hieß Resch-duchna. Schulrevisionen wurden besonders durch Raw vorgenommen. Er suchte in seinem Bezirke die besten Methoden einzuführen und scheute die weitesten Reisen nicht, um andere Unterrichtsmethoden kennen zu lernen. Der Elementarschule brachte man die größte Hochachtung entgegen. Bezeichnend dafür sind nachfolgende Aussprüche des Talmuds; •mpirn mbn x>«v vjn inV hör •pn n»a bv n?pwn V>a»a sbs D»pna oV'wn •nniR panno-jai n^a na trp Die Erziehung war eine äußerst milde, körperliche Strafen waren sehr selten und sollten durch einen dünnen Lederriemen ausgeführt werden. Ein Lehrer, der sich schwerer. Züchtigungen schuldig machte, konnte seines Amtes enthoben werden. Das beste Zuchtmittel ist — ein guter Unterricht. Lust und Liebe zur Schule sollte in dem Kinde geweckt, das Kind aber nicht durch Strafen und Zurücksetzung eingeschüchtert werden. Die Bildung des Willens und Charakters sollte bei dem Streben nach Verstandesbildung nicht vernachlässigt werden. Das Kind darf in seiner Ehre nicht verletzt werden. .^©3 ybv rpan -]T>Efrn Toa vn Die Lehrer standen in hohem Ansehen. Während im griechischen und römischen Altertum Sklaven als Lehrer Verwendung fanden und eine unwürdige Stellung einnahmen, war die Verehrung, die dem Lehrer in der talmudischen Zeit gezollt wurde, außerordentlich groß. Ja, die Verehrung des Lehrers sollte noch größer sein als die der Eltern, da die Eltern dem Kinde nur das zeitliche Leben gegeben, der Lehrer ihm aber die Pforte zum ewigen Leben erschließe. Dem Schüler wurde eingeprägt: O'ö' R->l»a 1^ Rua* Aber der Lehrer erfreute sich auch der größten Wertschätzung seitens der Eltern und Rabbinen. Den Spruch im Buche Daniel: „Die Verständigen werden leuchten wie der Glanz des Firmamentes und die, welche Gerechtigkeit lehren, wie die Sterne des Himmels," deutet Raw auf die Kinderlehrer. Ein anders schönes Beispiel: In einer Stadt herrschte großer Regenmangel, R^p'R an. ordnete einen Fasttag an. Ohne Erfolg. Gegen Abend stellte sich der Vorbeter an den nasr nnn a-^a na-o und betete die mit großer Inbrunst und siehe, es erhob sich ein Sturm, und starker Regen setzte ein. R^P'R ai fragte den Mann, was er sei. Er erwiderte: Ich bin ein Kinderlehrer und unterrichte ohne Unterschied Kinder reicher und armer Eltern. Darauf k^ck ai zu den Bewohnern der Stadt: Wahrlich, der Kinderlehrer ist größer als ich. Die Lehrer verdienten auch diese Hochschätzung, denn die Forderungen, die an sie gestellt wurden, waren überaus groß. In seiner äußeren Stellung zur Gemeinde mußte der Lehrer tadellos in seinem Charakter, in seinen Amtspflichten gewissenhaft und in seinem Lebenswandel achtunggebietend sein. Wie' die heilige Lade innen und außen mit Gold überzogen war, so sollte auch der Lehrer ein sonniges Wesen und ein goldenes Herz besitzen. Wenn auch Bescheidenheit und Demut von ihm verlangt wurde, so sollte er doch andererseits Standesbewußtsein in seinem Auftreten wahren. Auch in seinem Privatleben sei er beispielgebend. Er heirate nicht die Tochter eines Amhoorez und' führe eine glückliche und mustergültige Ehe. Er hüte sich, durch sein Benehmen Veranlassung zu übler Nachrede zu geben. Deshalb gehe er nicht geckenhaft über die Straße, gehe nicht nachts allein, sitze nicht mit Ungebildeten zu Tische und sei einer der ersten im Lehrhause. In der Schule sei er seinen Schülern ein Vorbild in Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit. Niemals lasse er eine Leidenschaft über sich Herr werden, besonders lasse er sich vom Zorn nicht hinreißen. ~mbn papn sb- Von der Gewissenhaftigkeit, die von ihm in seiner Tätigkeit verlangt wird, sagt der Talmud: Ein Lehrer, der die Kinder während der Unterrichtszeit verläßt oder anderer Beschäftigung nachgeht oder überhaupt lässig unterrichtet, auf den ist das Wort Jeremias' anzuwenden: ."»ai *n ns«Va nvv *mpr i«k „Fluch dem, der das Werk G'ttes in Trug ausübt." Bei der Anstellung eines Lehrers berücksichtigte man besonders ältere, erfahrene Lehrer, nun' "ia »Dl» >a*i tat ja den Ausspruch: . ,ima i" nni»i mnp o'ajy b^ab nun Kin rmb D'jepn p iis^n Freilich sagt dagegen TRa "t: /ia wv naa «V« ]pjpa ^onon bii Und in der Tat gab nicht das Alter, sondern die größere Gelehrsamkeit den Ausschlag. Die Anstellung erfolgte stets für ein Jahr. Der Lehrer hatte das Recht der Kündigung, wenn er einen würdigen Vertreter zu stellen vermochte, die Gemeinde das Recht, den Lehrer zu entlassen, wenn sich dessen Unfähigkeit zeigte oder ein disziplinäres Vergehen vorlag. Wir kommen nun an eine wunde Stelle, die auch heute noch nicht verheilt ist — an die Bezahlung. Vielleicht werden wir Heutigen weniger unzufrieden sein, wenn wir hören, wie es mit unsern Kollegen der talmudischen Zeit in diesem Punkte stand. Man sollte annehmen können, daß gemäß den hohen Anforderungen, die an die Lehrer gestellt wurden, auch deren Bezahlung eine entsprechende war, aber die Herren Gemeindevorsteher bleiben sich zu allen Zeiten gleich. Klingt es nicht wie Sophisterei, wenn gesagt wird: die Unterweisung in der Lehre G'ttes ist unschätzbar und unbezahlbar; deshalb bezahlen Wir nicht. Man stützte sich dabei auf das religiöse Gebot, daß man für den Unterricht in der nun keine Bezahlung nehmen dürfe, denn die mm soll nicht sein ein na "iisn^ om:> Da aber die Lehrer auch in der damaligen Zeit nicht von der Luft allein leben konnten, so bestimmten die Rabbinen, um das religiöse Gebot nicht zu verletzen, daß die Lehrer nicht für Erteilung des Unterrichtes, sondern für den Zeitverlust, der ihnen aus ihrer Beschäftigung entstand und ihnen unmöglich machte, sich einem anderen Berufe zu widmen, eine Entschädigung zu beanspruchen haben. Die jüdische Schule vor neuen Aufgaben* Von J. Raphael. Niemand wird bestreiten, daß in unserer Situation heute jede Erneuerung unseres Lebenswillens überhaupt mit der jüdischen Kraft und Ausstrahlung der Schulen zusammenhängt. Die jüdische Schule ist zur ersten Voraussetzung unseres jüdischen Aufbaus und Weiterlebens geworden. Es ist daher überflüssig, über gewisse theoretische Auseinandersetzungen, über Richtlinien und Zeitungsartikel zu diskutieren, die sich mit der Neugestaltung der jüdischen Schule beschäftigen. Es ist auch nicht mehr aktuell, über gewisse Selbstverständlichkeiten zu schreiben (Intensivierung des hebräischen Unterrichts, Landeskunde von Erez Israel, Erziehung und Vorbereitung für die Einordnung in Erez Israel und dergleichen,) Wesentlicher ist, mit mutiger Entschlossenheit an die Schaffung eines zeitgemäßen jüdischen Schultypus heranzugehen, zumindestens aber die bestehenden jüdischen Schulanstalten über die Engen bisheriger Schulkategorien hinaufzuentwickeln. Wir haben zunächst die Aufgabe, die üblichen Begriffsformulierungen „Volksschule" und „Höhere Schule" zu überwinden. Das totale Bild hat sich zu wandeln. Wir erstreben den unserer besonderen Situation angepaßten Schultyp der in sich geschlossenen, einheitlichen „Jüdischen Schule". Mit den Attributen „Volk", bezw. „Elementar", oder gar mit den Hinweisen „höher" usw. ist heute für uns und unsere Zukunft nichts mehr anzufangen. Die Reichsvertretung der Deutschen Juden hätte ruhig auf diesen Gebieten mit revolutionären Entschlüssen kommen sollen. Unsere jüdische Existenz erfordert keine Sondergruppen und Klassifizierungen von Schulsystemen mehr, sondern die eine und einzigartige jüdische Schule. Sie liegt allein in der Richtung unserer einen und einzigartigen jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Möglich, daß sich bei der eigenartigen Struktur des deutschen Judentums eine derartige konsequente Entwicklung nicht dekretieren oder erkämpfen läßt. Schon bei Entscheidungen geringerer Bedeutung haben die diversen „Richtungen" des deutschen Judentums versagt. ^Jun, — unsere jüdischen Pädagogen, insbesondere die Männer im Dienst unserer „Volksschulen", sollten von sich aus einer Entwicklung zur gemeinsamen „Jüdischen Schule" alle Wege nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.