Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1934)
- Date
- 1934-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450829--80472-2538306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 23 Oer Israelit 7. Juni 1934 er setzte die ganze Kraft seines Lebens daran — nicht umsonst geopfert! In die Herzen der Jugend hat er das hohe Ideal gepflanzt, die Alten Wachsamkeit gelehrt und seinen Schülern gezeigt, wie man sich für eine Idee einsetzt bis zum Letzten, wie Hände Treue sind — bis zum Abend! Und die Jugend wird das Erbe hüten und seine Schüler werden der Lehre gedenken und die Wahrheit wird noch aufsprießen aus der Erde, die ihn deckt: inasn pt*a n»x Und wenn der Schmerz auch an ihm fraß, die Sorge um seine Gemeinde an ihm zehrte, aus seiner Familie floß ihm restlos Glück und Freude! Wir wollen nicht hineinleuchten, heute gewiß nicht, in dieses Heiligtum, und dennoch darf es ausgesprochen werden: Glücklicher war kein Gatte, glücklicher kein Vater! Kein Gatte: denn Hamburgs n'Wl umhegte und umsorgte ihren Gatten bis zur völligen Selbstvergessenheit, zur völligen Selbstaufopferung, eine Heldin wie Beruria, eine Frau: j-pian ^man ö'wjö Kein Vater: denn alle Kinder umstanden die Eltern in gleicher Treue und Ergebenheit und riefen aus: „So wie in Euren Herzen nur der Eine - lebt, so lebt auch in unseren Herzen nur der Eine!" Und insbesondere sein TD3, sein Stolz! Er hört den Ruf des großen Vorbeters: „Und es nahten sich die Tage des Königs David zu sterben, da befahl er seinem Sohne Schlaumau wie folgt: Siehe, ich gehe den Weg aller Erde, nun sei stark, sei der Mann!" Der königliche Führer ist gestorben, auf seinem Sohne nö1?^ ruht des Vaters HXIX und rD*n „Sei stark, vollende mit Manneskraft, was ich nicht vollenden konnte!" 5. Und je mehr wir uns verdeutlichen Größe, Leben und Leistung des Hamburger Rawj desto deutlicher steht seine Gestalt uns vor Augen, so wie wir sie geschaut in den Jahren des Glanzes; die hohe, herrliche Erscheinung, die Liebe und zugleich Ehrfurcht weckte und wir träumen vom Einst - . . Da geht uns ein furchtbarer Riß durchs Herz und wir wachen auf aus glücklichem Traum zu trostloser Wirklichkeit: fTSKT bv VaH! In dieser Stunde trägt man in Hamburg den Hamburger Raw, das, was sterblich an ihm ist, zu Grabe. Und wir, durch persönliche Verhältnisse gehindert, dem teuersten Mann, dem wir Dank schul- Die Sidra spricht zu uns . . . Nomen est omen, ist ein bekanntes lateinisches Sprichwort. Auch Midrasch ist zunächst dieser Ansicht, indem er die Namen der zehn Kundschafter unserer Sidra nicht gerade schön findet. Sie entsprächen vielmehr der Wesensart der Menschen, die in eine g'ttliche Mission genommen, versagten. Es werden aber auch Beispiele dafür angeführt, daß Menschen mit schönen Namen, wie (von „Tun") und bmnw (von „Hören") ihrem klangvollen Namen wenig Ehre machten. Die zwei Kundschafter, die sich von ihren zehn Genossen so lichtvoll abheben, Josua und K a 1 e b, tragen ihre Namen wie eine leuchtende Krone, das Programm einer verantwortungsbewußten Mission. Josua ist das Vertrauen auf die unausbleibliche g'ttliche Hilfe. Kaleb bedeutet nach der agadischen Definition ('3^3) „der Mann nach meinem Herzen." Auch die Namen der Riesen, die den Kundschaftern so viel Angst einjagten, haben ihre Bedeutung; Achiman, hieß der eine, und zwar darum, weil er W>K Ki3' )Ka ->m) breitbeinig dastand und herausfordernd den anderen zurief: „Brüder, wer wollte es von euch den wie das Kind dem Vater, die letzte Ehre zu erweisen, wir ersticken unseren Schmerz in den Tränen, die wir um ihn vergießen und unter denen wir ihm die Treue über das Grab hinaus in alle Ewigkeit geloben: omax •»an Y'inöia jiiun am Y'imx :»"Drf j'n'ja tonaw Du warst hineingestellt in eine Zeit, arm an Thora, als ein Fürst der Thora — wir geloben, all unsere Kräfte zu sammeln, daß wir Deine würdigen Schüler werden. Du warst hineingestellt in eine Zeit der Wirrung und Täuschung, als eine Säule der Wahrheit und der Treue — wir geloben, unseren Willen zu stählen, daß wir Deine rechten Erben werden. Du warst hineingestellt in eine Zeit, die nur das Heute kennt, als ein Hüter der Vergangenheit und als ein Weiser der Zukunft — wir geloben, unser Leben so zu formen, daß Deine Lehre und Dein Vorbild in ihm lebendig bleibt. Du warst hineingestellt in eine Zeit, welche Menschenfurcht über G'ttesfurcht stellt, als ein wahrhafter G'ttesdiener — wir geloben, uns und unsere Kinder so zu erziehen, daß wir leisten und wirken: ♦tpdu rnxn *pDTVi yzvb So gedenken wir Deiner ewig — so danken wir Dir ewig! Wolf S. Jacobson. Die Bestattung. Am Donnorstag hüllte sich das jüdische Hamburg in tiefe Trauer. Die jüdischen Schulen waren alle geschlossen. Kurz nach 9 Uhr fanden sich die Schüler und Lehrer des Mekor Chajim im Lernzimmer des Raw ein, um die Taharah, die im Nebenraum um diese Zeit vor sich ging, mit gemeinsamem Lernen zu begleiten. Draußen staute sich eine unübersehbare Menge, die tiefergriffen der Bahre, als sie 10.30 Uhr auf die Straße getragen wurde, eine Gasse bahnte. Die Polizeibeamten, die zur Aufrechterhalturig der Ordnung und zum Schutze des Trauerzuges an verschiedenen Stellen standen, entboten dem großen Toten immer und immer wieder den militärischen Ehrengruß und machten mehr den Eindruck einer Ehrenwache. Im Trauerzuge sah man sämtliche Rabbiner Hamburgs und der Umgegend wie viele auswärtige Ehrengäste. In der großen Schul, die nun ihren Raw zum letzten Male beherbergte, und die oben und unten gesteckt voll war, herrschte wahre Jörn Kippur- Stimmung. Alle Lichter brannten, Almemorpult und heilige Lade waren weiß bedeckt. Ein Psalmengesang des Oberkantors ertönte, Rabb, Dr. L e w i n bestieg das neben der Kanzel des Raw errichtete Podium und sprach namens der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes, auch mit mir aufnehmen?" Scheschai, der andere, war w>vz nvp, hart und stark wie Marmor, während der dritte mit Namen Talmai psa '-'»^n, mit seinem festen Schritte tiefe Furchen im Boden hinterließ. Hier ist zunächst zu beachten, daß diese Namen den Kundschaftern gar nicht bekannt gewesen sein konnten. Es waren Namen, die nur in ihrer Angstphantasie existierten, also Gespenster, die sie in ihrer Mutlosigkeit sich selber an die Wand malten. Es könnten diese Namen, mit den Augen der Gegenwart gesehen, auch etwas anderes besagen. Die Kundschafter sahen jenseits des Jordans ein Land und ein Volk, die ihr Leben auf ganz anderen Voraussetzungen aufbauten, als sie ihnen, den Kindern der Wüste, gegeben waren. Die drei Faktoren ihrer Kultur, Grundpfeiler ihrer Siedlung, hießen der Sport M>K Ki3i«n vix), die Kunst tor>v Marmor) und die Landwirtschaft <f ra n^n ns?i»). Waren dies die Lebensbedingungen im neuen Lande, wie sollte sich dann das Volk der Wüste, das weder Sport trieb, noch Bilder aus Erz und Marmor sich machen durfte, noch eine landwirtschaftliche Schulung besaß, wie sollte es sich, bar all dieser Rüstungsmittel, im neuen Nationalheim halten und erhalten? Sie murrten, waren mutlos und entmutigten die Anderen. Ihnen suchten Moses und Kaleb klar zu machen, daß G'tt seinen Staat durch Israel im Lande seiner Wahl auf ganz andere Grundlagen zu stellen gedachte, als die der anderen Völker, welche nun infolge ihrer Entartung auch ins Wanken kamen. „Ihr Schatten ist gewichen und G'tt ist mit uns, fürchtet nichts!" der Portugiesischen Jüdisc h..e n Gemeinde ergreifende Worte des Schmerzes und der Verehrung. -Es war von der Familie nicht gewünscht, daß außer Rabbinern noch Laienredner sprechen. Es folgte darauf eine tiefempfundene Rede von Rabb. Dr. K 1 e i n , Nürnberg. Eine erschütternde Gedenkrede, in der das Wesen und das Leben des Hamburger Raw, seine schlichte G'ttesfurcht, seine strikte Wahrheitsliebe, seine tiefe talmudische Gelehrsamkeit uns nocheinmal deutlich vor Augen traten. Er dankte auch im Namen des R a b b i n i s c h e n Rates der Agudas Jisroel und in dem des Orthodoxen Rabbinerverbandes. Knabenstimmen ertönten, Jigdal und Adon Olam in Jörn Kippurmelodie. Ein Beben ging durch aller Gemüter. Die Trauerfeier in der Synagoge war zu Ende. Auf der Straße hielt während des Trauerzuges der Wagen- und Straßenbahnverkehr still. Die Polizei tat mit Takt und Würde ihren Dienst. An den offenen Toren der hellerleuchteten Talmudthoraschule wie an den Räumen des Mekor Chajim vorbei ging der Zug. Auf dem Friedhofe in der Hallerstraße eröffnete den Reigen der. Reden Rabbiner Dr. Esra Münk, Berlin. Schon die ersten Sätze wirkten erschütternd. Er berichtete, daß während der Feier in der Synagoge sich sämtliche Kohanim im Hause eines Konen gegenüber der Synagoge versammelt hätten, um zu lernen und berichtete auch, wie dort zwei Hamburger Kohanim von ihrem Raw gesprochen hatten. Dann ergoß sich eine Mussarrede aus begnadetem Munde, die uns erst verstehen ließ, welche Bewandtnis es mit dem Talmudworte maan o'pvtä rr\*n. hat. Der Tod eines Zaddik wird der Zerstörung des Tempels gleich gestellt, einmal sogar in seiner katastrophalen Wirkung noch über die Zerstörung gestellt. Die Tempelzerstörung kam nicht auf einmal, der Tempel brannte und man löschte nicht den Brand. „Auch die Zerstörung dieses Heiligtums," sagte er mit Hinweis auf die Bahre, „kam nicht unvermittelt. Wir sahen den Brand, sahen den Tod nahen und taten keine Tschuwoh, die ihn vielleicht hätte aufhalten können. Es entstehen neue Zaddikim, wir wissen aber nicht wo, retten wir angesichts dieser Zerstörung den Zaddik in uns, den Jezer tow." Eine Tschuwahrede war auch die von Herrn Rabb.- Ass. Dr. Schlesinger in Frankfurt, der im Namen der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft und der Jeschiwa wie auch für den Hamburger Mekor Chajim sprach. Als Schüler des Hamburger Raws erzählte er mit tränenerstickter Stimme von der Lehrweise des großen Rabbi und appellierte an die Schüler, durch fleißiges Lernen das Andenken ihres Raw zu ehren. Die warmen Töne der Trauer und des Dankes, die er anzuschlagen wußte, gingen allen tief zu Herzen. Als letzter sprach tief ergriffen und ergreifend der älteste Sohn des Heimgegangenen, Rechtsanwalt Dr. Alexander Spitzer. Auch in dieser letzten, von persönlichem Schmerz getragenen. Rede ,klang manches Mussarwort mit, das in den Herzen nicht so bald verhallen wird. Es war gegen 4 Uhr, als man am heiligen Orte vom Führer letzten Abschied nahm. Langsam zerstreute sich die gewaltige Trauergemeinde, erschüttert und aufgewühlt. Eine der größten Gemeinden Deutschlands ist ihres Führers beraubt. ja» wi n Kleines Feuilleton. Unsere heilige Fahne und das Schwarze Fähnlein. Im Organ des Sportbundes im R. j. F., „Kraft", lesen wir folgenden Bericht über einen Pfingstausflug des „Schwarzen Fähnleins": „Es waren etwa 60—70 Jungens draußen im Lager am Tornowsee, ein frohes Lagerleben mit allem, was dazu gehört, Zeltbauen, Abkochen, Flaggenparade, Lagerwache schieben — ein lebensfrohes, buntes Bild. Als am Pfingstsonnabend das Lager eröffnet war und sich nachher alles am Lagerfeuer (am SchabbosI) zusammenfand, sang man die alten Lieder, dazu aber auch eine Menge zünftiger Lieder neueren Geschmacks, die von Kosaken "und Zigeunern handeln. Man las ernsthafte Dinge atis einem Kriegstagebuch, und die andächtige Stille, die die Jungens dabei erfaßte, zeigte, wieviel Verständnis sie für die ältere Generation aufbringen können. Bis in den späten Abend hinein wurde gesungen und auch manches ernste Thema erörtert. Am Pfingstsonntag (erster Schwuaustag!) waren dann für alle, die nicht Lagerdienst (Lagerwache, Fahnenwache, Wasserholen, Proviantholen, Kochen, Abwaschen) hatten, sportliche Wettkämpfe angesetzt, die ein sehr erfreuliches Ergebnis hatten und der ersten Abteilung als Preis einen Wurfspeer einbrachten. , Am Abend gab es ein Geländespiel. Am Montag (zweiter Schwuaustag!) mußte man schon wieder darangehen, die Zelte abzubrechen. Dem Schlußappell und dem Einholen der Fahne wohnte dann auch Kamerad Dr. Elsbach von