Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1934)
- Date
- 1934-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Juni 1934 Der Israelit Nr. 23 Seite 3 ÖBeppoßßincp dv. Samuel Sptgee ST, jjamßurg. (Fortsetzung von Seite 1.) Da kam Oberrabbiner Dr. Spitzer nach Hamburg und lehrte und lebte vor: plTPW Mb p« DStn minn — und hämmerte es in die Köpfe seiner Schüler/ seiner ganzen Gemeinde, daß es nur e i n e n nasgibt-.;nhin ^?^ ririöK' Wahrheit, die aus n»K fließt und hinstrebt zu DöN« Und .er konnte dies lehren und predigen, denn 1T3 ma^fV er war der große Gäon, der in seiner Jugend schon verehrte und bewunderte Liebling :des ISIO 03T2?r "war -»30 und ä'ltt Ip^s; zugleich, — und: war dabei von einer rührenden Bescheidenheit gegenüber der Gemoro! Er, der mit 18 Jahren "p^in mit allen D'^nsa auswendig beherrschte, . er, den im gleichen Alter bei schwierigen Diskussionen der ISID um seine ausgleichende Meinung befragte, er. wurde bis zuletzt nicht müde, beim nocheinmal und nocheinmal vor seinen Schülern die Gemoro auszureden, bis sie vor ihnen lag wie eine volle Gewißheit, er, dessen Gedächtnis wahrhaft der gekalkten Zisterne glich, er, vor dem die Halacha aufgeschlagen lag, er sagte fast bei jeder n^«tP' die man ihn fragte: /nnn ISO VPiL \ . Und als -wir Schüler ihn einst baten, seine- O'unin; und die «^o yon.a'aren po «ran. die wir -viele, viele Monate bei ihm gelernt, 'hatten, heraüszügebeni da sagte er uns: Ich habe viel zu der smo angemerkt, aber ich habe alles wieder zusammen.gestrich.er>. Das Gute habe ich schließlich bei andern gefunden, und das andere lohnt l den' jDruck: ^[phlJj i Andere fjverden mach mir! kom!- meri und Besseres dazu sagen!" . . : Diese Bescheidenheit gegenüber der;;(Gemoro ließ ihn auch taub bleiben gegenüber allen Bitten, steine zahlreichen mai^ri' oder doch wenig- . stens eine! lÄuswahl daraus, herauszugeben. :Und wenn er sich in seltenen Fällen doch schließlich zu einer Verofienilichung bereit fand,: dann nur deshalb, weil die Dringlichkeit des Problems zu einer, seiner maßgeblichen Stellungnahme zwang! Und dies ist der große und heiße Dank,! den seine Schüler ihm schulden: er erzog sie zur Ehrlichkeit gegenüber der Gemoro, lehrte sie, daß einen Text lesen können nicht bedeutet: eine Sugjo begriffen zu haben, lehrte sie, daß Raschi die Tintentropfen zählte, daß Tausfaus mit goldener Feder schrieben! , ,; 1 2. ■ r ' '!::!;!< v:':, „Seine Lehre ist in seiner Hand!" Er hatte sein Lernen in der Hand, er wußte es zu meistern, das war die zweite Seite seiner Bedeutung! Sein p09 floß nicht aus der selbstgewissen Sicherheit des großen Kenners, sondern war das Ergebnis einer Gewissensprüfung, die ihn oft wochenlang Tag und Nacht beschäftigte, das Resultat einer nöSty die weit hinaus in die Zukunft schaute! '"■'•'■]■ Er war ein Mahn von ungeheurem Verantwortungsbewußtsein, der eine für weitere Kreise geltende' Entscheidung; erst nach langem Ringen' mit sich selber fäbjgäb und der . därüm erwarten mußte, daß jedem wahrhaften Jehudi eine;, von ihm: erlassene Entscheidung ein untastbares' Heiligtum sei! Ueber seinem Wirken und Lehren, das ihn neah langjährigem-snötp bei «seinem Schwiegervater, dem Sereter Raw ^"XT an die Spitzen der Gemeinden Halacz, Miskolcz und Hamburg führte, klang als ewige Begleitmelodie Akawjas Wort: „Wisse, woher du kommst, wohin du gehst und vor wem du einst Rechenschaft abzulegen hast!" In dem Hamburger Raw war die Vergangenheit' lebendig, in ihm lebte die Tradition und Erfahrung seiner Heimat, die den Kampf gegen Abfall und religiöse Treulosigkeit führen müßte und zu führen wußte; ihm war die Z u;- ktinft vor Augen*, besonders das letzte Jahrzehnt war angefüllt von besorgten Vorstellungen über das Schicksal der orthodoxen deutschen Jüdenheit; in ihm hatte dasTnn^jV^W^Gestalt angenommen. Und weil Vergangenheit und Zukunft und G'ttesbewußtsein in ihm so lebendig waren, darum war er so abhold allem Gebahren und Gehaben, das nur die Gegenwart, den Tag und sich selber meint, das das Heil von den Menschen erwartet und sie liebedienerisch umschmeichelt. Darum war er so zugeschlossen und abweisend gegenüber jedem Versuch, der dem orthodoxen Rabbiner der Gegenwart die Kollegialität mit dem liberalen zumutet, der nlS'nt3,?l,'D«ö,I^S1« ist. Darum war er so feind einem „Schwarz-Weiß- Judentum", darum haßte er die Sowohl-Als- Auch-Gesinnung und verlangte in allem das klare und ehrliche Entweder-Oder! 3. ,, Seine Lehre war ins einerHand ". Seine Hand tat, was sein Mund lehrte, sein Leben zeugte für seine Lehre! ' ' ^> \ \ U> ■" . '■■ " ' :" m* / ■ , Oberrabbiner Dr. Samuel Spitzer V'xr«, : Seine Lehre, die ganz aus den Tiefen der Halacha floß/ seine Lehre, die er den Schüler statt des erbetenen Segens wieder und wieder lehrte und die er dem Scheidenden auch ins Amt mit auf den Weg'gab: „ N~ur G'ttesfurcht und n i e Menschenfurcht!'' — diese Lehre war der Inhalt und die Kraft seines eigenen Lebens, jener Kraft, die jeder suchenden Seele Ehrfurcht, jeder verkrüppelten Furcht-einflößte! Was dem Fernerstehenden scheinen mochte als Herbheit und Zurückhaltung, das löste sich dem, welcher das Glück hatte, ihm näherzutreten als die kostbarste Seite seines Wesens auf: nicht nach Beifall oder Verkennung der Menschen fragen, sondern nur um G'ttes Wohlgefallen ringen. Da war an seinem Wesen nicht Schminke, noch Puder, noch Tünche; da war nur Wahrheit und Geradheit, da war nichts Biegsames und Schmiegsames, da war nur Festigkeit und unbeugsame Energie, da war nur ein Ringen um den na«, ein Kämpfen für den na«' eine Haltung, die den Mut hatte, auch um den Preis des Unverstandenbleibens und Verkanntwerdens nicht um ein Haar von dem als wahr Erkannten abzugehen. Wie er uns in einer sorgenvollen Stunde einmal sagte: „Dies ist meine Hoffnung: nman.^ Vdps is nw-nn ^3pw dh?d" So. war der Hamburger Raw, dessen Leben die Lehre, sie allein, geformt hatte und je kleiner die Welt um ihn herum wurde, desto mehr wuchs, er,, desto .weiter .w^urde_sein Gesicht,,desto unpersönlicher und verklärter seine Mahnung und sein noin»!VV . _ Diese Furcht vor G'tt, die aus ihm strahlte, wurde, besonders deutlich in zwei Situationen: in seinem Verkehr mii tp^HX in seinem Verhältnis zu Kindern! Diesen gegenüber war er von einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit und Güte — ihn besuchen dürfen war ihr schönstes Glück j— jenen gegenüber war er von seltener Demut! Und als wir ihn einmal fragten, wieso er, sonst doch so zurückhaltend und verschlössen, sie so über alle Maßen ehre und auszeichne, da antwortete er: „In der Welt macht sich soviel Scheingröße breit, daß man wahres m^Tl nicht genug HDD sein kann! Dem Kind, das rein von Sünde, das die Falschheit nicht kennt, dem ^nj' der die jüdische Wahrheit präsentiert — dem konnte dieser T«ün' dieser 133^3 n»K ^nn alle Liebe und alle Güte seines Herzens schenken! : Und seinen Schülern! Gewiß D'Töbna «*}» j?1T' im Amt und im Lehren stand er vor uns in Hoheit und Würde und oftmals in Strenge! Wer aber in seine private Sphäre gelangen, wer ihn auf Reisen je begleiten durfte, der merkte erst, wie wahrhaft bescheiden und anspruchslos dieser Mann war, von aufgeschlossenster Herzlichkeit,, . jyon besorgtester Freundschaft!'; , . > 4. ■■■ ': ■ „Seine Lehre war in seiner Hand!" Seine Lehre" lebte irr seinem Wirken! Drei Wirkenskreise waren ihm gegeben: die -F a m i 1 i e , die . G e.m e i n d ie;, lidiejiG e s a m.t r ijijj hext! ';: - ■;:; , .v' . I!;i;; Ein großer Mann dient der G e s a m t h e . i ,t schon durch seine bloße Existenz, er ist Kompaß und 1 Vorbild-!für sie!''•;.;| : Daß Oberrabbiner Dn Spitzer in diesem Sinne eine hohe Leistung entfaltete, daß seine Entscheidung für weiteste Kreise der Orthodoxie verbindlich war, ist selbstverständlich! Selbstverständlich, daß in den orthodoxen Rabbinerverbänden seine Meinung begehrt und geehrt wurde. Aber darüber hinaus diente er der organisierten Orthodoxie in freudigster Bereitschaft! 10 Jahre leitete er den deutschen Keren Hatorah, und die Eingeweihten wissen, — und sie haben es vor zwei Jahren durch die i,Oberrabbiner Dr. Spitzer-Jubiläumsstiftung" zum Ausdruck gebracht — wieviel Liebe und Hingebung er diesem Werke schenkte, wissen, daß es ihm nicht nur möglich war, den nYlflnT»»!? in Deutschland durch die Errichtung zahlreicher Talmud Thoras zu heben, daß er vielmehr darüber hinaus für die östlichen Jeschiwaus in schwerster Stunde Entscheidendes, Leistungen von ewiger Dauer vollbringen konnte. Fast ebenso lange leitete er die deutsche Landesorganisation der Agudas J i s r o e 1. Die Zeit war großzügigen Unternehmungen nicht günstig, wenn aber die deutsche Agudo über diese schweren Zeiten hinwegkam, dann gilt vor allem, ihm der Dank! Sein großer Name trug das Werk, . sein Verantwortungsbewußtsein, ließ auch seine- Mitarbeiter Müdigkeit und Mutlosigkeit überwinden. Und darüber hinaus, in seinem eigentlichen Element, im R a b b i n i s c h e n Rat der Agudas Jisroel, wo es nicht um Politik ging, die er nicht liebte, nicht um Organisation, die ihm fern lag, da, wo es sich um die Herausarbeitung der MttWö^ fftb?handelte, da war er unermüdlich, war er immer zur Verfügung und schenkte Kleinstem wie Größtem die gleiche Sorge. Sein Wirken in der Gemeinde : Fast 24 Jahre war er der Hamburger Raw, fast 24 Jahre ranger um das eine Ziel, Hamburgs Synagogenverband zu einer von den Strömungen der Zeit, von dem Willen — und oft der Willkür — der Menschen unabhängigen Thoragemeinschaft, zu einem Bollwerk der Orthodoxie zu gestalten! Ach! Der große, große Mann fand kein großes Geschlecht! Und doch hat er seine Kraft — und