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Der Israelit · 1934-05-31 · Heft 22 (31.5.1934) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 22 (31.5.1934)
Date
1934-05-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Israelit Nummer 22 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely, (Fortsetzung.) Der Geistliche empfing die Deputation in der ihm eigenen freundlichen und liebenswürdigen Weise. Nachdem er den Grund ihres Kommens gehört, erwiderte er: „Seid gesegnet, liebe Freunde, daß Ihr nicht versäumt habt, mich rechtzeitig von dem Unglücke zu verständigen, das die Altgläubigen bedroht. Ich höre erst jetzt davon, und es muß mich wundern, daß der Fürst, der erst gestern mit mir gesprochen, kein Sterbenswörtchen erwähnt hat. Wiewohl ich nicht glauben kann, daß es dem Fürsten mit seinem wahnsinnigen Befehl ernst ist — denn bei all' seinen Fehlern halte ich ihn für keinen bösen Menschen, und es scheint mir nicht unmöglich, daß er nur seinen Scherz mit den Juden treibt, die durch irgend ein Vergehen seinen Unwillen erregt haben — trotz alledem werde ich es aber nicht unterlassen, sofort zum Fürsten, zu, gehen, um zu erfahren, was daran Wahres ist. Sie können versichert sein, meine Herren, daß ich alles, was in meinen Kräften steht, aufbieten werde, um den Fürsten von seinem Vorhaben abzubringen und zu verhindern, daß unschuldig Blut vergossen wird." Pan Studlinski ließ sich vor dem Geistlichen auf die Knie nieder und küßte ihm ehrerbietig die Hand . . . ,,Ihr aber, meine Kinder," fuhr der Geistliche begeistert fort; „die Ihr Euch so warm für Eure Mitmenschen verwendet, für Eure Brüder, die, wie wir alle, in G'ttes Ebenbild erschaffen sind, Ihr habt mich dadurch mit wahrer Seelenfreude erfüllt, indem ich durch Euer edles Händeln zu der Ueberzeugung gelangte, daß die Saat, die ich im Namen G'ttes ausstreue, nicht auf unfruchtbaren Boden fällt. Ich wiederhole Euch nochmals, was Ihr schon so oft von mir auf der Kanzel gehört, daß die Nächstenliebe das erhabenste und g'ttgefällige Werk ist, daß die Nächstenliebe keinen Unterschied macht zwischen Religionen und Völkern, daß sie wie die Sonne über alle Menschen strahlen, daß sie alle in sich einschließen soll, denn wir alle sind die Kinder eines G'ttes, die er zu seinem Preis und Ruhme erschaffen hat." Die Edelleute sanken vor dem Geistlichen in die Knie, der über ihrem Haupte dreimal das Zeichen des Kreuzes machte.-- „Nun, was sagt Ihr jetzt, Panowie?" fragte Studlinski, als sie das Haus des Geistlichen verließen. „Habe ich Euch gut geraten?"; „Heben wir ihn in die Höhel" rief einer der Edelleute, und sofort griffen vierzehn Hände nach Studlinski und hoben ihn mit dem Rufe: „Vivat, Vivat Pan Studinski!" auf ihre Schultern. „Aber genug, Panowie, ich bitte Euch, genug!" keuchte der arme Pan und zappelte mit Händen und'Füßen/ „Ich habe Euch noch etwas zu sagen iiWas wollen Sie uns noch sagen, Pan Studlinski?" fragten die Panowie und stellten ihn. wieder auf den Boden, „Was ich Euch sagen will," fuhr jener, , noch keuc)iendtJund kaum zu ,^tem ko.mmehd, fort, indem er sich den |Schweiß 'Wön >dem: geröteten Gesichte trocknete. „Da wir nicht im Voraus wissen können, von welchem Erfolge die frommen Worte' des Geistlichen beim Fürsten sein werden, wollen wir den Juden von dem, was wir für sie getan haben, gar nichts erwähnen, damit sie sich nicht ganz auf uns verlassen und versäumen, inzwischen auch ihrerseits Schritte zu tun, die sie aus der Gefahr retten können. Doppelte Vorsicht kann nie schaden — habe ich nicht Recht, Panowie?" „Vollkommen!" — Und die Juden versäumten es in der Tat nicht, inzwischen ihre Schritte zu tun. In einer mehrstündigen Beratung beschlossen sie folgende Vorsichtsmaßregeln zu treffen: die ganze Gemeinde, Frauen und Kinder nicht augseschlossen, sollte während der drei Tage die Vormittage fasten, zweimal des Tages, beim Früh- und Abendg'ttesdienst das große Bußgebet verrichten, und die Frauen während dieser drei Tage keinen Schmuck anlegen. D r e i z e h n tes Kapitel, Der Dompfarrer ließ es an Eifer nicht fehlen, und bevor eine Stunde vorüber war, befand er sich bereits beim Fürsten, zu dem er so zu sprechen wußte, wie sein gutes und frommes Herz es ihm eingab. Allein so warm und eindringlich [er auch sprach, all sein Mahnen und Bitten und Flehen scheiterte an dem hartnäckigen Widerstande des. Fürsten, der immer wieder behauptete, es sich ein für allemal zugeschworen zu haben, daß er jenen Gesetzgebern in Warschau zeigen wolle, daß in seinen Besitzungen nur er Herr sei und niemand sonst, und wo es sich um seine Ehre handele, könne ihn nichts in der Welt abhalten, zu tun, was er derselben schuldig sei. Er sehe es zwar ein, daß er gegen die Juden etwas grausam sei, aber er könne nichts dafür, seine Ehre sei auf dem Spiele! Er sei bereit, G'tt durch alle möglichen Opfer zu versöhnen: durch milde Gaben, durch Beten, ja, wenn es sein muß, auch durch Fasten und Kasteien — aber seinen Befehl zurücknehmen, das täte er nicht um die Welt! „Diesem Patron ist mit Worten nicht beizukommen," sagte sich der Geistliche, als er wieder in seinem Studierzimmer angelangt war. „Es bleibt mir somit nichts anderes übrig, als ihn in seiner eigenen Dummheit zu fangen und meine Zuflucht zu einer List zu nehmen. G'tt, der Milde und Barmherzige, wird es mir gewiß nicht als Sünde anrechnen, denn es handelt sich, zu verhindern, daß unschuldig Blut vergossen wird." Sofort schickte er einen Diener in den Palast und ließ den; Marschall zu sich bitten. Nahezu eine Stunde konferierte er hinter verschlossener Türe mit Reitan, dessen freudestrahlende Züge bewiesen, daß er mit dem Ergebnisse der Unterredung zufrieden war. „Hoch lebe unser frommer Geistlicher!" rief er vor sich hin, als er die Treppe hinunterging. „Er ist ein weiser, ein guter Mann, unserer wackerer Dompfarrer!" Inzwischen verstrich die Zeit, und die Gnadenfrist, welche der Fürst seinen Juden bewilligt hatte, näherte sich ihrem Ende. Die drei Tage waren vorüber, nur noch wenige Stunden; und der gräßliche Blutbefehl sollte ausgeführt werden. Schon vor Mprgenausbruch waren alle Juden auf den Beineri; der schreckliche, Tag, an welchem sie dem Tode verfallen sollten, war da. Mehrere suchten insgeheim aus der Stadt zu fliehen, wurden aber, wie das gehetzte Wild, von den Heiducken, welche alle Ein- und Ausgängeder Stadt besetzt hielten, mit Peitschenhieben zurückgetrieben;.- , Sie begaben sich in die Synagoge, wo die ganze Gemeinde versammelt war. In ihrem, dumpfen Schmelze,: jvpn namenloser. Angst gepeinigt, fanden sie nicht einmal Ruhe und Sammlung, um das Morgengebet zu verrichten, und überhörten es, daß Mendel, der Synagogendiener, mit dem „Adon Olom ascher molach" begonnen hatte. Niemand sprach ihm nach, so daß auch er schwieg und, wie die anderen, in wortlosem Hinbrüten den Tod erwartete — oder ein g'ttliches Wunder . . . Und sie warteten nicht umsonst! Es geschah ihnen tatsächlich ein Wunder. Just in der zehnten Vormittagsstunde kam Reb Schachne mit ausgebreiteten Händen in die Synagoge gestürzt, sprang auf den Almemor und wollte sprechen, vermochte aber nur die Worte hervorzustoßen: „Brüder, wir sind gerettet!", dann brach er ohnmächtig zusammen. Alles drängte sich um den „Gewir", die Nächststehenden schüttelten und rüttelten ihn, rieben ihm Hände und Brust mit schnell herbeigeholtem Wasser, bis er wieder zu sich kam. Erst jetzt gewahrte Reb Schachne mit verschämten Blicken, daß er unter dem Oberkleide nichts mehr als das Hemd trug, weil er in seiner Hast, den Brüdern die freudige Botschaft zu bringen, nicht einmal daran gedacht hatte, sich vollständig anzukleiden. Erst allmählich gewann ei* die Fassung wieder, um den an seinen Lippen Hangenden zu erzählen, welches Wunder G'tt an ihnen getan . . . „Nicht um unseres, sondern um unserer heiligen Urahnen Verdienstes willen hat uns G'tt durch ein Wunder vom sicheren Tode errettet. Der- Fürst reist heute ab und kmomt morgen zurück. Vor . der Abreise befahl er seinen Dienern, den Blutbefehl auszuführen und uns alle, bevor die Abendschatten herabsinken, niederzuschießen. Doch erschreckt nicht, Rabosaj! Der Befehl des Fürsten wird zwar ausgeführt werden, aber nicht in Wirklichkeit, sondern nur zum Schein. Es wird nämlich so sein: In dem Momente, wo vom Palaste her Trommelschläge ertönen, werden wir uns mit unseren Frauen und Kindern auf dem großen Ringplatz einfinden, dann werden sie von den Schanzen herab Kanonen abfeuern, die aber ohne Kugeln sind. Daran denkt, damit Ihr beim Knallen der Kanonen Euch nicht im geringsten fürchtet. Und sowie das Schießen zu Ende ist, werden wir uns gesund an allen Gliedern wieder erheben und ungehindert nach Hause gehen." „Geschieht das alles auf Befehl des Fürsten?" fragten einige ungläubig. . „Nein, nicht auf Befehl des Fürsten," erwiderte Reb Schachne, „sondern . . . Aber das muß zunächst noch Geheimnis bleiben, Ihr werdet später alles erfahren . . . Merket Euch zunächst nur, was ich gesagt habe!"i 1 „Nun, wenn es denn so ist," rief Reb Mendel, der Synagogendiener energisch, „dann Adon Olom ascher molach!" . Damit fing er an vorzubeten, diesmal stimmten alle Anwesenden ein und verrichteten das Morgengebet mit heißer Andacht und mit Tränen der Freude über das große Wunder, dessen sie der Allerbarmer gewürdigt hatte,--— In der dritten Nachmittagsstunde desselben Tages wurde der Plan, den der Geistliche früh Morgens dem Marschall insgeheim mitgeteilt hatte, pünktlich ausgeführt. Trommelschläge ertönten, die Kanonen donnerten, die Glocken läuteten von allem Türmen, während die Juden alle auf dem Ringplatz versammelt waren. Etwas später rafften sie sich auf und kehrten nach Hause zurück, um ruhig ihr Abendbrot, zu verzehren ... (Schluß folgt.) .

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