Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 22 D Israelit 31. Mai 1934 stille Demonstration gegen die unhaltbaren Zustände, an der sich auch viele Christen beteiligten. Auch in Warschau wiederholen sich dieUeberfälle der Radikal-Nationalen auf Juden tagtäglich. Die Polizei greift aber überall rasch ein und verhindert größere Ausschreitungen. In W i 1 n a wurde dieser Tage bei einem Ueberfall ein junger jüdischer Student schwer verletzt. Die orthodoxe Hachscharahkolonie wurde überfallen, wobei einige jüdische junge Leute nicht unerheblich verletzt wurden. Obendrein wurden noch einige Chaluzim auf eine Anzeige, sie hätten zuerst angegriffen, verhaftet. Fast ein Novum für Polen ist die Schändung des jüdischen Friedhofes im Städtchen Koszieszine. Judenieindliche Ausschreitungen in Polnisch- Oberschlesien. Warschau, 24. Mai. In der an der polnisch-tschechoslowakischen Grenze gelegenen Ortschaft C i e s z y n ist es zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Nationaldemokraten griffen Teilnehmer an einer Versammlung des Brith Trump eldor an, was zu einem offenen Kampf in der Hauptstraße der Ortschaft führte. Hierbei wurden Schaufensterscheiben jüdischer Läden zertrümmert. Am folgenden Tag erneuerten die Nationaldemokraten ihre Angriffe. In zwei Synagogen wurden die Fensterscheiben eingeworfen, ebenso im Lokal der zionistischen Ortsgruppe. Das Heim der Honoar Hazioni wurde verwüstet. Zwei Juden erlitten schwere, einer leichtere Verletzungen. Eine aus Kattowitz nach Cieszyn entsandte Polizeiabteilung stellte die Ruhe wieder her. 16 nationaldemakratische Studenten und ein Revisionist namens Breitkopf wurden verhaftet. Aus Bielsko (Bielitz) sind der Kreishauptmann und der Staatsanwalt eingetroffen, um eine Untersuchung der Vorfälle durchzuführen. Wichtige Beratungen der Kehillaverwaltung. Warschau, 25. Mai. Die Plenarsitzung der Kehillaverwaltung am Montag abend stand unter dem Eindruck der letzten Ueberfälle auf Juden in verschiedenen Städten. Mehrere Interpellationen verlangen Abwehrmaßnahmen und Entsendung von Delegationen an verschiedene Ministerien. Präses M a s u r hält die Proteste für zwecklos und schlägt statt dessen vor, sämtliche jüdische Deputierte im Lande zu einer Beratung über die Maßnahmen gegen die neue antisemitische Welle einzuberufen. Dieser Antrag wird angenommen. Die jüdischen Deputierten werden telegraphisch für Mittwoch abend eingeladen, Der Finanzbericht spiegelt die schwierige Lage der Kehilla wider. Die Peßach-Aktion hat die Kehilla 65 000 Zloty gekostet, die weiteren Unterstützungen verschlingen große Summen. Der Präses schlägt vor, 50 000 Zloty für unentgeltlichen Unterricht an arme Schüler zu nominieren, wozu aber das Budget erst genehmigt werden müsse. Es werden noch einige belanglose Angelegenheiten erledigt. Die Lubliner Rebbezin gestorben. Warschau, 24. Mai. Nun ist dem großen Rabbi, der in jungen Jahren von uns gegangen ist, auch die Gattin gefolgt, in noch jugendlicherem Alter als er. Taube Schapiro, die Rebbezin von Lublin, die Mutter der 300 Lubliner Jeschiwahbachurim, konnte den Schlag, der sie und die jüdische Gemeinschaft mit dem plötzlichen Heimgang Rabbi Meiir Schapiros traf, nicht lange überleben. Kurz nach der Schiwohwoche, in der sie scheinbar ein Heldentum an stillem Leide bewahrte, brach sie zusammen. Es war zu viel für sie, die Kinderlose, die an der Seite des Mannes Mutter eines solchen Heimes sein durfte und nun, verwitwet, sich auch dieser heiligen Würde verlustig sah. Man verbrachte sie nach Warschau, wo eine Besserung ihres Zustandes eintrat. Nach einer Erholungszeit in Otwozk kam sie kurz vor Schwuaus zurück nach Lublin, wo der Rückfall eintrat. Man brachte sie wieder nach Warschau und in der Nacht zu Sabbat vor dem Feste hauchte sie ihre reine Seele aus. Sie kam am ersten Festtage in Warschau unter gewaltiger Beteiligung zur 'letzten Ruhe. In einer Sitzung des Waad Harabbanim war beschlossen worden, mit Rücksicht auf rtnnn naa (man hätte mit der Bestattung ] bis Dienstag nach bt warten müssen) von einer Ueberführung nach Lublin abzusehen. Die Trauer auf der Jeschiwa und in Polen um die Rabbinersfrau mischt sich in die große Trauer um den Begründer und Leiter der b'Vfl die von neuem geweckt wird. n'asan- Agudaarbeit in Polen. Lodz, 23. Mai. Die erste Hachscharah, die die Lodzer Benoth A. J.- Zentrale für Mädchen ins Leben gerufen hat, begegnet im ganzen Lande dem größten Interesse und es werden bereits an den verschiedensten Punkten in Polen Vorbereitungen für ähnliche Gründungen getroffen. Die polnische Palästinazentrale der, A. J. hat bereits Schritte unternommen, um Zertifikate für die ersten agudistsichen Chaluzoth zu erlangen. Der seit drei Wochen in Lemberg weilende Husyatiner R e b b e , Israel Friedmann, der der Agudas Jisroel parteimäßig nicht angehört, hat einen Aufruf an seine Anhänger erlassen, worin er für die Erez Jisroel-Arbeit der AfStldas Jisroel eintritt. (J. P. B.) Dänemark. Dänische Regierung und Auswandererfrage. Kopenhagen, 22. Mai. Wie der Kopenhagener ITA-Vertreter erfährt, bildete das Problem der in Dänemark sich aufhaltenden Auswanderer aus Deutschland in letzter Zeit den Gegenstand eingehender Beratungen der dänischen Regierung. Der rechtliche und wirtschaftliche Status der in Dänemark lebenden 1600 bis 1800 Auswanderer aus Deutschland, die zum größten Teil Juden sind, ist noch vollkommen ungeregelt. Der Oberkommissar für Auswandererfürsorge, James G. Macdonald, der vor kurzem in Dänemark weilte, hat mit Vertretern der Regierung und mit den örtlichen Hilfskomitees Besprechungen über die Möglichkeit einer Lösung dieser Probleme abgehalten. Es verlautet, daß die dänische Regierung nicht abgeneigt sei, den bereits in Dänemark lebenden Auswanderern dauerndes Aufenthaltsrecht zu gewähren, sofern Beschäftigungsmöglichkeiten für sie vorhanden sind. Doch zögert die Regierung, in dieser Angelegenheit als erste Regierung die Initiative zu ergreifen; sie nimmt zunächst eine abwartende Haltung ein, in der Erwartung, daß andere Regierungen sich entschließen, an einer Stabilisierung der Lage mitzuwirken. Auch fürchtet die Regierung, daß im Hinblick auf das Fehlen eines Sichtvermerkzwanges zwischen Dänemark und Deutschland ein neuer Zustrom von Einwanderern nach Dänemark einsetzen würde, falls dieses den Auswanderern gegenüber eine für sie günstigere Haltung einnehmen würde als andere Länder. Vorläufig wurde eine Sonderkommission zur Behandlung des Auswandererproblems eingesetzt, in der neben dem bisher für Entscheidungen in dieser Frage ausschließlich zuständigen Justizministerium auch das Innen- und Außenministerium vertreten sind. Jeder einzelne Fall wird nunmehr von dieser Kommission entschieden werden. Eine allgemeine grundsätzliche Entscheidung dagegen soll vorläufig noch nicht gefällt werden. Bei der individuellen Behandlung sollen diejenigen einen Vorzug genießen, die zum Lande irgendwelche persönlichen Beziehungen haben, z. B. durch dort ansässige Verwandte, Dies betrifft jedoch nur eine kleine Minderheit der aus Deutschland Eingewanderten, während die Rechtslage der großen Mehrheit und damit die Frage ihrer Zulassung zu einer Erwerbstätigkeit weiterhin ungelöst bleiben. In den mit dieser Angelegenheit befaßten Kreisen ist man der Ansicht, daß eine Besserung der Verhältnisse nur auf Grund eines internationalen Abkommens über das Aüswandererproblem möglich ist. (ITA.). Jugoslavien. Delegiertentag der jugoslavischen Landesorganisation der Agudas Jisroel Subotica. Subotica, 22. Mai. Sonntag, den 6. Mai, fand in Subotica der erste Delegiertentag der Landesorganisation der Agudas Jisroel statt. Er bedeutet zweifellos einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Agudas Jisroel in Jugoslavien. Die an ihm erbrachten Beschlüsse und die im Laufe der Beratungen in Erscheinung getretene gesteigerte Willenskraft der bestimmenden Faktoren erfüllen die unter der Fahne der Agudas Jirsoel organisierten Massen mit neuer wohlberechtigter Zuversicht in Bezug auf die Weitergestaltung und den Ausbau der Organisation. Vormittags um 10 Uhr eröffnet Herr Rabbiner Samuel Deutsch, Präses der Landesorganisation, die gutbeschickte Tagung. Es folgte eine herzliche Ansprache des Herrn Oberrabbiner Moses Deutsch, Präses des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, Nach Wahl des Tagespräsidiums erstattet Herr Rabbiner Samuel Deutsch den Tätigkeitsbericht, der einen Zyklus von 11 Jahren umfaßt. Bis zu dieser Zeit war der Agudagedanke hierzulande völlig unbekannt. Es bedurfte einer unglaublichen Ausdauer, um die ungeheuren Hindernisse aus dem Wege zu schaffen und um die Tatkraft der anfänglich winzigen Schar von -Gesinnungsgenossen und Mithelfern nicht erlahmen zu lassen. Vorerst wurden die Orts- und Jugendgruppen in Subotica ins Leben gerufen. Ihnen folgte die Gründung der übrigen Gruppen. Die Agudas Jisroel bestrebte sich trotz der relativ geringen Anzahl ihrer Gruppen, ihr Gepräge dem gesamtjüdischen Leben zu verleihen. Schon am Beginne ihrer Tätigkeit forderte sie nachdrücklich und entschlossen eine praktische Erez Jisrael-Arbeit. Es gelang ihr auch, schon vor Jahren, in Machne Jisroel 36 Dunam Boden käuflich zu erwerben. Sie gründete ' Hachscharastätten, wo die nach E. J. strebenden Muchscharim für ein den Agudaprinzipien entsprechendes Leben vorbereitet werden. Es wurden Beth Jakob-Schulen und Aguda-Kindergärten gegründet, die sich in allen Schichten der Judenheit der größten Beliebtheit erfreuen. Sie erfüllte ihre Pflicht fallen Zentralfonds gegenüber. An allen Aktionen der Weltzentrale nahm sie ernstlich teil. An beiden Kenessio Gedaulos, wie auch am Schomre Schabbos-Kongreß war die Landeszentrale vertreten. Die Agudas Jisroel verstand es auch, ihr Ansehen nach außenhin in dem Maße zu sichern, daß sie seitens der Behörden wie der jüdischen Körperschaften bei allen Anlässen berücksichtigt wird. Es wurde der Jugend durch das Programm der Agudas Jisroel die einzigmögliche Richtung gegeben, durch die sie für das positive thoratreue Judentum erhalten werden könne. Redner weist noch auf eine Fülle von Leistungen auf politischem, erzieherischem, organisatorischem und sozialem Gebiete hin. Der Präses erklärte, in Zukunft die Zetnralleitung infolge seiner vielseitigen Inanspruchnahme nicht mehr beibehalten zu können und wünschte der neu zu wählenden Leitung, das begonnene Werk fortzusetzen und das Banner der Agudas Jisroel auch künftighin trotz aller Hindernisse und Widerwärtigkeiten zum Wohle des ganzen Judentums stets hochzuhalten. Der Vorsitzende, Herr Samuel E h r m a n n , sagte dem Präses für seine mühevollen und opferreichen Leistungen im Namen aller Delegierten herzlichen Dank. Wenn nicht die unermüdliche Person des verehrten Präses Rabbiner Samuel Deutsch den Agudagedanken hierzulande verpflanzt und so treu über alle Stürme hinweg getragen hätte, wäre wohl heute keine Spur von Agudas Jisroel in Jugoslavien. Herr Abraham Moses, Zagreb, ergreift das Wort, um den Darikesgefühlen der bisherigen Zentralleitung gegenüber im Namen seiner Gruppe Ausdruck zu verleihen. Nach einer kurzen Mittagspause nahmen die Beratungen; ihren Anfang. Nach' eingehender Behandlung verschiedener Agudaprobleme — worauf wir bei anderer Gelegenheit zurückkommen werden — wurde der Antrag des Herrn Rabbiner Samuel Deutsch, den Zentralsitz nach Zagreb zu verlegen, angenommen. An die Spitze der Organisation wurde ein fünfgliedriges Präsidium gewählt, das aus nachstehenden Herren besteht: Dr. Milan Engelsrath, Abraham Moses, H. Schwabenitz, Lazar Rothstein und Hermann Adler. Ferner wurde ein achtgliedriges Aktionskomitee gewählt, das sich folgendermaßen zusammensetzt: Rabbiner Samuel Deutsch, Isak E n g 1 ä n d e r, Jenö B.e r g e r , Gedalje Winkler, Marton Gro ß b er ge r (Subotica), Leopold Klein, Albert Gelb st ein (Senta), und Ernst Gewürz (Sombor),