Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 22 Der lsraeiit" 31. Mai-1934 das Postulat ihres Lebens geworden. Aber gerade sie sollen ihr zum großen Geschehen doch wirklich kleines Geschick hintansetzen, freudig sich für das Ganze einsetzen, denn sie sind die berufensten Helfer der Jugend neben der Mutter. Aber sie müssen dazu auch innerlich berufen sein, wer sich in den Dienst der Jugend stellt, muß dies nicht nur mit seinem Verstand, sondern mit seinem ganzen Herzen tun, wie bei jeder Tätigkeit sozialer und beruflicher Arbeit. Rauhe Hände können mehr schaden als helfen, nichts aber ist weniger am Platz als geistiger Hochmut und Autoritätsdünkel. Wer nur absolute Unterordnung und Fügung jeglichen Vorschlags erstrebt, wird anstatt aufrichten entmutigen und niederbeugen. Jeder, der seinen Beruf lieb hat, mit ihm verwachsen sich fühlt, weiß, wie unendlich schwer eine Umstellung ist, um so schwerer, wenn man hart um sein Ziel hat kämpfen müssen. Wir wissen aus der Nachkriegszeit, wie bitter der Kampf, die innere Ueberwindung derer war, die auch damals ihr Leben völlig neu aufbauen mußten und sich gewissermaßen noch .einmal nach all dem starken Erleben auf die Schulbank zu setzen gezwungen waren. Deshalb ist nur der berufen, der sich voll und ganz einfühlen kann in die Regungen der Seele seiner Mitmenschen. Sonne muß ausgehen von dem, der sich hingibt, um das Dunkel in dem Dasein seiner Mitmenschen mit seiner ganzen Liebe zu erfüllen. Hell aber vor allem muß der Stern der Er kenntnis der jüdischen Frau aufgehen, daß ihre Zeit gekommen ist," daß Großes von ihr verlangt wird. Lossagen soll sie sich von nichtigen Aeußerlichkeiten, lauschen soll sie, still lauschen auf die alte Melodie, so lange verklungen, doch nie er storben, auf die Melodie, die sie heimruft in ihr Haus, daß sie wieder werde wie einst, die Krone des Gatten, die Hüterin des heiligen Herdes. Air spruchslos und bescheiden im Aeußeren, ohne Rücksicht auf eigene Wünsche, konsequent in der Erziehung der Kinder für ein hartes Leben der Entsagung in eiserner Pflichterfüllung, verständnisvolle Kameradin und Gefährtin, Die intellektuelle Frau wird auch jetzt ihren Wunsch, nach allem Schönen, nach Kunst und Wissenschaft er füllen können, sie wird sie in ihrem Hause pflegen, das sie dem Alleinstehenden öffnet, und sie wird durch ihre Bereitschaft zum Durchhalten aus dem schweren Geschick der deutschen Juden eine Evolution des Familienlebens hervorrufen. Gestärkt durch Zusammengehörigkeit, geschärft durch das Gefühl der Verantwortlichkeit wird aus allem Leid die Ethik des Judentums lebendig werden, wie die Heilige Schrift sie von ihm verlangt. Ein Jahr deutsche Alijah und ihre religiöse, wirtschaftliche und politische Auswirkung. Von Menachem Lewinsky in Tel Awiw. Jl. Die wirtschaftliche Auswirkung. Wenn man nun die Auswirkung der deutschen Alijah auf die palästinensische Wirtschaft beobachtet, so kann man zu einem günstigen Resultat kommen. Man muß schon sagen, daß das eine Jahr deutscher Alijah die palästinensische Wirtschaft vollständig umgewandelt hat. Wenn man heute durch die Hauptstraßen der großen, auch der kleineren Städte wandelt, so reiht sich ein modernes Geschäft an das andere, die sich fast alle in deutschem Besitz befinden. Wenn man noch vor einem Jahre hier kaum wußte, was Lichtreklame bedeutet, so übertrumpft heute ein Geschäft das andere durch immer schönere Beleuchtung, durch immer elegantere Inneneinrichtungen — meist durch Berliner Architekten hergestellt. Aus weiter Ferne leuchten einem schon die Lichtreklame der Dächer entgegen. Hier ist die deutsche Intelligenz, der deutsche Geschmack sofort erkennbar. Alle unmodernen Läden werden heute schleunigst modernisiert, um in amerikanischem Tempo gleich wieder durch noch modernere übertrumpft zu werden. Die Schaufenster weisen Kunstwerke an Dekorationen auf und die Dekorateure haben Tag und Nacht Beschäftigung. Ob sich nun diese schnelle Modernisierung auf die Dauer zum Segen auswirken wird, kann natürlich heute niemand mit Sicherheit sagen. Die alteingesessenen Kaufleute, die von all diesen Dingen bisher keine Ahnung hatten, müssen natürlich, wollen sie nicht untergehen, mitmachen. Die schwächer fundierten Kaufleute treten ihre in den Hauptstraßen belegenen Lokalitäten an die deutschen Olim für Abstandssummen, oder wie man hier sagt, für ein Schlüsselgeld von etwa 200 Pfund und darüber ab und begebne sich nach den Seitenstraßen, Diese Leute sind für den Moment in den Besitz von Geldmitteln gelangt, die ihnen sehr hoch erscheinen, da sie vorher kaum so eine Summe besessen haben. Die Mieten der modernisierten Läden sind bis auf das Dreifache gestiegen. Diese hohen Mieten sind natürlich ganz unberechtigt. Vor einigen Tagen haben sämtliche Geschäfte und Büros einen ganzen Tag geschlossen gehalten, als Protest gegen die Regierung, daß sie noch keine Zwangsmieten festgesetzt hat. Dieser Protest kam um so schärfer zum Ausdruck, als für Wohnungen inzwischen erträgliche Zwangsmieten seitens der Regierung, festgesetzt wurden. Interessant ist es, daß die Nutznießer der hohen Geschäftsmieten, die Hausbesitzer, sich wohl oder übel, dem Proteststreik anschließen mußten, da es ihnen sonst wohl übel ergangen wäre, auch sie mußten ihre Geschäfte, wenn auch zähneknirschend, geschlossen halten. Nun noch einiges über die diesjährige „Levantemesse", die am 26. April pünktlich eröffnet wurde. Die vorige im Jahre 1932 stattgefundene Messe, die schon damals als etwas ganz Hervorragendes angesprochen werden konnte, ist mit der diesjährigen in keiner Weise zu vergleichen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was hier in kurzer Zeit geleistet wurde. Aber auch hier merkt man auf Schritt und Tritt, daß dieses nur vorwiegend deutsche Leistung sein kann. Die Hauptleitung der Messeanordnung lag in den Händen eines der tüchtigsten Leiter der Leipziger Messe, den auch das Schicksal nach Erez Israel verschlagen hat. Man kann ohne jede Uebertreibung sagen, daß sich diese Messe in der deutschen Reichshauptstädt, oder einer anderen Welthauptstadt sehen lassen könnte. Es haben nicht weniger als 29 europäische und außereuropäische Staaten, meist in eigenen von ihren Regierungen errichteten Pavillons, ausgestellt. So wurden bei der Eröffnungsfeier der Messe auch die Nationalhymnen aller Kulturländer gespielt, darunter auch ,,die Wacht am Rhein", jedenfalls eine Konzession an die vielen anwesenden deutschen Juden, Sehr unangenehm mußte es allerdings berühren, daß leider als Folge der politischen Verhältnisse, nicht eine einzige deutsche Firma ausgestellt hat. Unter den vielen Pavillons muß man ein deutsches vermissen, dieses berührt um so unangenehmer, als ja fast die ganze Messe, wie bereits erwähnt, durch deutsche Intelligenz errichtet worden ist. Typisch ist es aber auch, daß noch vor zwei Jahren bei der Eröffnungsfeier außer dem bekannten „grauen Zylinderhut" des Oberkommissars, keine einzige dieser europäischen „Behauptungen" zu sehen war. Diesesmal jedoch konnte man hunderte geladener Ehrengäste in Smoking und Zylinder schwitzen sehen, ganz wie in Europa bei solchen Gelegenheiten. Besonders schöne Bauten.^iaben England, Frankreich, Italien und Polen errichtet. Es> wird ihnen aber schwer fallen, Aufträge in Fertigfabrikaten einzuheimsen, da heute schon fast alles .im Lande hergestellt wird und für „Tozereth -haarez" die größte Propaganda gemacht wird. Wenn es ganz, nach dem Willen der hiesigen Chauvinisten gehen würde, so würde überhaupt kein Stück ausländische Ware gekauft werden. Was nun allesim Lande hergestellt wird, kann man sehen, wenn man einen Spaziergang durch die große „Tozer reth-haarez"-Halle unternimmt, ein langgestrecktes Prachtgebäude mit drei Stockwerken. Ich will hier nur einige Branchen nennen, wenn auch in einem bunten Durcheinander. Es sind da zu sehen Erzeugnisse in: Schuhwaren, Trikotagen, seidene Unterwäsche, Herren - Konfektion, Korsettfabriken, Strumpfwaren, Lederwaren aller Art,. Hosenträger, Bindfaden, Leder, Talessim, Nähseide, Garne, Wolle, Möbel, Stühle, Marmor und deren Erzeugnisse, Scheuertücher, Zinkwaren, Polsterwaren, Mineralwasser, Keramik, Keksfabriken, Schokolade, Zigarren, Honig, Marmelade, Parfüme, Zigaretten, Oele, Seifen, Badeöfen und Wannen, Lampen, Gartenmöbel, Spiegel, Aluminiumgeschirr, Nägel, elektrische Kochherde, medizinische Stühle und Instrumente, Eismaschinen, Eisschränke, Geldschränke,. Schmuckgegenstände, Stahlmöbel, Damenkleiderfabriken, Metallwaren, Seide, Schmuckgegenstände nach Gablonzer Art, Frotte-Erzeugnisse, Kravatten, Farben zum Anstrich von Bauten, , künstliche Zähne, Schuhputz, Tinte, Kinder-Konfektion, Spielwaren, Albums, Korbwaren, Puppen, Toilettepapier, Streichhölzer, eiserne Scharnierbänder, Grammophone, Schreibmaschinenbänder. Es sind dieses eine stattliche Anzahl Landeserzeugnisse, aber bei weitem noch nicht alle.. Es wird nicht mehr lange dauern und Palästina wird sich, vollständig unabhängig vom Auslande gemacht haben. Noch vor zwei Jahren gab es kein einziges Spezial-Modengeschäft für Damenkleider. Heute zählt Tel Awiw allein etwa 15 solcher Geschäfte und mehrere Fabriken dieser Branche, so daß Palästina in näher Zeit als Lieferant *aü£ dem Weltmarkt auftreten wird. Dasselbe gilt für die Herren-Konfektion und vielen anderen Branchen. Auch sehr viel interessantes statistisches Material ist. auf der Messe anzutreffen. Jedenfalls kann die Messeleitung sich als Erfolg buchen, daß tausende Arbeiter monatelang Beschäftigung hatten. Auch hunderte der deutschen Olim haben hier längere Zeit Beschäftigung. Man sollte nun glauben, daß es jetzt nach Fertigstellung der Messe nunmehr einen Ueberschuß an Arbeitskräften geben müßte, aber weit gefehlt. Es fehlt auch jetzt an allen Ecken und Enden an arbeitenden Händen. Einen Handwerker etwa für Privatarbeit zu bekommen, ist ganz unmöglich. Jeder, der nur ein paar kräftige Arme mitbringt, einerlei ob er ein Handwerk gelernt hat oder nicht, bekommt sofort, kaum daß er vom Schiff herunter kommt, lohnende Beschäftigung, sei es auf dem Lande, dem Bau, oder in den Fabriken. Große Nachfrage herrscht nach Hausgehilfinnen, hier „Osereth" genannt. Es könnten eine größere Anzahl sofort Stellungen bekommen. Leider stehen überall die schweren Einwanderungsbedingungen im Wege, Während die Menschen in fast allen anderen Ländern keine Beschäftigung finden können, fehlt es hier an tausenden von Händen, Aber nicht nur für Menschen, die arbeiten können, ist ViOEP "pH das gesegnete Land, auch für solche, die sich nach einem arbeitsreichen Leben ausruhen wollen, z,.B. Rentiers, Pensionäre, alleinstehende Ehepaare kann es heute nur ein Land geben: Erez Israel. Für diese Art Menschen soll jetzt ein Heim, mit allen modernen Errungenschaften versehen, errichtet werden. Dieses Haus wird außer modernen Wohnräumen, Speisezimmer, auch Lese-, Musik-, Spiel- und Rauchsalon, sowie einen schönen Garten in der Nähe des Meeresstrandes, erhalten. Auch eine Haussynagöge ist vorgesehen. Es wird ferner freie ärztliche Behandlung gewährt, sowie ein- bis zweimal wöchentlich Spazierfahrten mit dem Hausaut.6. Selbstverständlich wird für strengstes Kaschruth < Sorge getragen werden. Es wird ruhebedürftigen Menschen ein Heini geboten werden, wie es in dieser angenehmen Weise bisher weder in Palästina noch anderswo geboten wird. Der Pen-