Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450828--80456-2538289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31. Mai 1934 Der Israelit Nr. 22 Seite 5 und an den Toren rühmen sie ihre eigenen Werke. Wenn die jüdische Frau aber zu allen Zeiten in iihrem Volke so gewürdigt wurde, geschah dies aus der Erkenntnis einer niemals und durch nichts zu erschütternden Wahrheit, die Familie als die Urzlele allen Gemeinwesens zu werten, deren Reinheit, Unantastbarkeit und Heiligkeit den Bestand und den Aufstieg, deren Auflösung den unabwendbaren Nieder- und die völlige Auflösung jeglichen Staatswesens bedeuten muß. In. der Familie aber ist es die Frau und besonders als Mutter, deren Einstellung als. Bürgerin, als Gattin, •als Erzieherin eines künftigen Geschlechtes ihr nach der einen oder anderen Seite hin das Schwingen des Pendels bestimmt. Ihr muß es bewußt sein, daß ihr Geist den Atem des Hauses, ihre Harmonie, ihre Selbstsucht den Frieden bedeutet, daß ihr durchdachtes Wesen beispielhaft wirken soll. Wenn nun die jüdische Frau ihrem Schöpfer bewußt dankt, daß er sie zum Weibe erschaffen hat, so verpflichtet sie sich damit, nach Seinem Willen zu leben. Und weil die fromme Frau in Israel mit ihrem ganzen Sein in der Familie aufging, war sie in Zeiten der Blüte, in Zeiten der Not und Verzweiflung, der schwersten Bedrängnis und Verfolgung, ja selbst in der härtesten Fron Trost und Stütze des Gatten, nimmer verzweifelnd, immer bereit zum Dulden, stark im Glauben, stark im Hoffen. Diese Heilighaltung der Familie, dieses feste Zusammenhalten der Sippe gibt Vielleicht einen Hinweis zur Erklärung des Unbegreiflichen, des Unfaßbaren, daß das Judentum sich erhalten hat trotz aller Verfolgungen durch Jahrtausende bis auf den heutigen Tag. Was hat aber nun der jüdischen Frau die Kraft gegeben, allezeit durchzuhalten, wer hat ihr den Zauberstab in die Hand gedrückt, daß sie Lichtbringerin sein durfte und konnte selbst in tiefster Finsternis, was hat diese Frauen gestärkt und gestählt und hat sie reifen lassen für ihre hohe Mission? Es war von Beginn an das strenge mosaische Gesetz, das ihr in ihren ureigensten Aufgabenkreis Bindungen auferlegte, die als religiöse Pflichten eingehalten werden mußten, und es lag nicht in ihrem Ermessen, ob sie sie halten oder umgehen sollte, denn ihre Befolgung war heiligstes Gebot und ihre Verletzung schwerste Sünde. So mußte diese Treue, die in allen kleinen Dingen des täglichen Lebens befolgt werden mußte, naturgemäß und folgerichtig einen starken Einfluß auf sie ausüben. Sie handelte immer wie unter einem g'ttlichen Auftrag, und diese innige Verbundenheit mit dem Höchsten bedingte eine tiefe Frömmigkeit, gläubige Hingebung und Freudigkeit und Güte in ihrem ganzen Wesen. Von Generation zu Generation vererbte sich diese Einstellung der jüdischen Frau und gab in ihre Hand die ganze Struktur des jüdischen Hauses. An Sabbat und Feiertagen wurde das Heim, sei es das eines Hausierers, eines großen Kaufmannes, eines Gelehrten, zu einem Festraum umgestaltet, einem Festraum, in dem Zusammengehörigkeit und Heiligung lebendig zum Ausdruck kamen. Wenn sie. am Freitag abend nach einer Woche angestrengtester Tätigkeit die Sabbatlichter anzündete, dann war ihr Gehen ein feierliches Schreiten. Dankbar verklärt schweifte ihr Blick über den sabbatlich hergerichteten Tisch, um dann zu ruhen auf dem Gatten, der seihe Kinder in dieser feierlichen Stunde segnete mit denselben Worten, mit denen einst Jakob seine Kinder segnete. In dieser Stunde wuchs die Kraft des Glaubens zu einer ethischen Höhe und kein Mitglied der Familie wäre diesem Abend ferngeblieben; jeder war Gast, der dieser Segnung als Alleinstehender sonst nicht teilhaftig werden konnte. In vielen Tausenden gesetzestreüer Familien ist es noch heute so in der ganzen Welt. Aber noch viel größer ist die Anzahl derer, in denen dieses Festhalten am Alten nicht mehr zu finden ist. Die Neuzeit hat vieles verschüttet und versinken lassen, was einst heilig war. Der moderne Mensch, rastlos vorwärtsstrebend, hat die Zäune niedergerissen, die ihn einzuengen schienen. Gedrängt, getrieben, mitgerissen von dem heftig pulsierenden Leben, mit der ganzen Intensivität, die das. Wesen so vieler Juden durchströmt, sprengten sie alle Fesseln, entfremdeten sich ihren Glaubensgenossen, ja, verneinten jede Bindung, weil sie fürchteten, dadurch des ersehnten Zieles, völlig in ihrer Umwelt aufzugehen, beraubt zu werden. Und hier war es oft die Frau, die in ihrer intuitiven Erfassung, ihrer schnellen Anpassung und ihrem lebhaften Geist, mit ihrer Freude an allem Neuartigen, zuerst bewußt diese ihr nun lästig erscheinenden Gebote übertrat und sehr schnell völlig vergaß. Das Haus, die Familie verlor das Gepräge, das ihre Eltern und Voreltern ihnen gegeben, die Frau wurde wieder einmal in bewußtem Aufwärtsstreben Wegbahnerin. Aber wohin führte der Weg? Jetzt ist ein Unwetter über die deutschen Juden dahingebraust, entwurzelt fühlen sich Tausende, mit Schmerz und tiefer Verzweiflung stehen sie überall — außerhalb — besonders die, die zur völligen Assimilation ihre Religion wechselten. Aber da, wo Tränen, Leiden, Schmerzen und Verzweiflung sind, da ist auch Gnade und Erlösung. Der ethische Mensch erinnert sich an das Wort, das einst Hiob zu seinem Freunde sprach, als dieser seine Ergebung in sein hartes Schicksal nicht begriff: „Das Gute nehmen wir von G'tt und sollten das Böse nicht nehmen?" Nehmen wir es als aufrechte Menschen, die ohne Schuld leiden. In dem heftigen Sturm, der so vieles niedergerissen hat, hören wir fernes Glockenläuten. Wir hören es, weil wir es hörn wollen und die Töne rufen uns auf zum Sammeln und zum Besinnen. Du, echte jüdische Frau, horche auf! Ueber Dich hinaus sollst Du wachsen, denn jetzt gilt es wirklich, Stütze und Stab dem Gatten wie einst zu sein mit der ganzen Kraft Deiner Person. Setze Dich dafür ein, das Gegebene ruhig, verständig und verständnisvoll hinzunehmen. Es hat keinen Sinn, über Verlorenes zu trauern, zerrissene Freundschaften zu beklagen, den Mut zu verlieren, weil Geschaffenes dahingeschwunden ist, es handelt sich darum, innerhalb des enggewordenen Kreises vorbildlich zu wirken. An der Größe ihres vermeintlichen Unglücks soll sie die ganze Größe ihres Pflichtenkreises erkennen. Den Gatten, der um seine Existenz ringt, aufrichten, trösten, mit freundlichen Worten empfangen und all ihre persönlichen Entsagungen wie ein Nichts empfinden; denn Mann und Kinder haben viel mehr Freude im Hause notwendig, als jemals. Die Jugend, die so vielem völlig verständnislos ge-. genübersteht, besonders die dem Judentum entfremdete Jugend, und die in ihrer Ausbildung gehemmte, die ihre Zukunft so hoffnungsvoll sich ausgemalt glaubt, aus ihrem Kranz seien nun alle Blüten verdorrt und das Wetter, das den Himmel ihrer Träume mit schwarzen undurchdringbaren Wolken verfinstert, stürzt sie in Resignation und Verzweiflung. Jetzt muß die Mutter die Kraft finden, wenn auch niedergebeugt von den Sorgen für ihre Kinder, aufrecht ihr Schicksal tragend, mit aller Eindringlichkeit ihnen die Furcht vor der Zukunft nehmend, das heiße Begehren nach dem Verlorenen dämpfen und das Gefühl, daß dem rechtlichen, fleißigen, tapferen Menschen noch viele Wege offenstehen, überzeugend zum Bewußtsein bringen. Der sittlich hochstehende Mensch wird mit dem Problem sich umzustellen fertig werden, wenn er die eiserne Notwendigkeit dazu erkennt, und der Jugend soll die Mutter das machtvollste Beispiel dafür sein. Welch ein reiches Feld aber für die mütterliche Frau, und jede echte Frau ist mütterlich, auch wenn ihr Ehe und eigene Kinder versagt sind, hier helfend einzugreifen? Diese Frauen, denen der Beruf die Familie ersetzte oder ersetzen mußte, die sich durch ihre Intelligenz ein reiches inhaltsvolles Leben gestalteten, die aus eigener Kraft Gewordenen, mußten ja auch so vieles aufgeben, schwer aufgeben, denn ihre Arbeit war Lohn der Erfüllung, wajaged Mosche, er kündete ihnen Worte, die das Herz des Menschen ergreifen wie Agada. Einige sagen umgekehrt: zuerst habe er ihnen von Lohn und Glück der Thora gesprochen, wajaschew, habe ihnen Worte gesagt, die die Seele des Menschen beruhigen, und erst dann ihnen von Gefahr und der Schwere ihrer Verantwortung gesprochen, wajaged, ihnen Worte gesagt, die bitter für den Menschen wie Gift sind."*) Sicher ist, daß Israel im vollen Bewußtsein der Größe seiner Aufgabe, der ganzen Tragweite seiner geistigen Sonderstellung die Thora empfangen hat. Es fragt sich nur, auf welchem Wege der große Führer sein Volk zu solcher einzigartigen Bestimmung stark und bereit gemacht hat. Rabbi meint: Mosche habe, um den Willen des Volkes zu ergründen, ihm eingangs nur das gesagt, was sie hätte abspenstig machen, was sie vor dem Schritt in die Einsamkeit der Aus erwählung hätte zurückbeben lassen müssen. Er mußte wohl auch den Charakter des jüdischen Volkes dahin gekannt haben, daß seine große Seele nach dem Verwegenen dürstete, nach einem hohen Einsatz, nicht nach dem billig Erkauften, nach einer durch geringe Leistung ermöglichten Befriedigung eines Durchschnittsberufes. Die andern aber wollen die pädagogische Weisheit Möschens darin bewundern, daß er aus der Beseligung und Herrlichkeit ihrer Bestimmung heraus ihnen den Mut gab, das Außerordentliche zu ergreifen mit all seinem Wagnis und all seiner Fährlichkeit. *) „Kaschin kegidin" Gidin erklärt Aruch als das Aramäische von laana-Wermut und Gift. „Ein Galiläer deutete vor Raw Chisda: gesegnet sei G'tt, der die dreifache Thora dem dreifach geteilten Volk durch die drei Amramskinder nach drei Tagen der Selbstweihe im dritten Monat gegeben hat." Wesen der Thora, ihrer Empfänger und Mittler sowie der Vorbereitung zum Empfang werden hier durch die Dreizahl schlagartig beleuchtet. Ueberall gilt in ihr ein Stufenprinzip, ein Prinzip der Differenzierung. Die Offenbarung ist in den dreierlei Gliedern des Volkes. Das Gesetz hat in Mosche, Aron und Mirjam die drei Mittler und höchsten Repräsentanten gefunden: der erste als der Meister und- Führer in Lehre und Recht, der zweite als der Inbegriff von Liebe und Verbrüderung, und die letzte als Erzieherin und Vorbild der Frauenwelt. Und wie wir noch heute durch die Zählung des Omer uns unsere allmähliche Entwicklung zur Reife der Thora ins Bewußtsein bringen, so hat auch damals vom ersten bis zum dritten Monat sich unser Volk allmählich in Erfahrung und Erkenntnis von den Spuren der Vergangenheit freigemacht, um noch zuletzt an den drei Tagen der Hagbalah die stärkste Konzentration und innere Sammlung für den hohen Moment ihres geschichtlichen Daseins zu gewinnen. Kleines Feuilleton. Gute Worte aus chassidischen Quellen. d"ik bv ina twrm mwn „Das Thoralernen schwächt die menschliche Kraft". Kann auch bedeuten: Durch Thorastudium wird die Irrmeinung widerlegt, daß 'na 'mn b^m nn ••b mv •»t nxjn daß wir unsere Erfolge der eigenen Kraft zu danken hätten. oyn Vaa mrm nn»v Man kann jedem im Volke etwas absehen, von jedem etwas lernen. Weise ist dir^aainiVn» der von jedem etwas lernt. b^sp n'aaa- G'tt erhöht die Niedrigen. Warum aber erst erniedrigen, um sie dann zu erhöhen? Er erhöht diejenigen, die auch in der Erhöhung noch a'batfr. bescheiden und demutsvoll bleiben. Wochenkalender. Vom bis 2 — 9. Juni 1934 / Vom 19. — 26. Siwan 5694 'BT «p 19 nttio Samstag 2 na Sonntag 3 20 in Montag 4 21 T» Dienstag Juni 5 IVO 22 na Mittwoch 6 23 OB Donnerstag 7 24 pi^a a Freitag 8 25 5 Samstag 9 26 i '1 '2 pna inbvm 'i 'n p-iD "\b-nbv w-mn panaa Mauled: Dienstag vorm. II2/:, Uhr Min.