Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 31. Mai 1934 breit macht und dunkle Elemente gute Gelegenheit finden, ihre eigenen alten Rechnungen auszutragen, um so einer an sich nutzlosen Demonstration das blutige Siegel schädlicher und beschämender Ausschreitungen aufzudrücken. Besonnene Männer wie Dizengoff und Smilianski wüßten es, aber ihre Stimme verhallte. Noch besser wußte es die Agudas Jisroel, die immer und immer wieder, ohne sich aus der Protest- Stimmung auszuschließen, ihre warnende Stimme erhob und darauf hinwies, daß der Streik das schlechteste Mittel sei, die erklärliche Entrüstung gegen die Einwanderungspolitik zum Ausdruck zu bringen. Und die Warner und Mahner haben doch recht behalten. Der Generalstreik wurde am Mittwoch von 12 bis 7 Uhr. abends genau nach dem Programme durchgeführt. Außer Programme, gewissermaßen als Zwischenspiel, gab es mehrere blutige Köpfe, die schließlich jüdischen Menschen gehörten. Ueber fünfzig Verwundete, darunter sechs Polizisten in Tel Awiw, melden die Blätter. Warum diese jungen Menschen ihre Knochen auf den Tel Awiwer Markt getragen haben, ist kaum begreiflich. Wollen sie mit ihren Wunden der Palästinaregierung Blutzeugen für ihre Politik liefern? Diese wird in den Ausschreitungen einen billigen Beleg für ihre Sperre sehen, und die Herren im Unterhause zu London werden in Beantwortung der wahrscheinlich unausbleiblichen Interpellation mit selbstgefälliger Geste nach Tel Awiw deuten und sagen: „Seht ihr, wie unbedingt nötig es sei, das Land vor unerwünschten Elementen abzuriegeln." Sie werden es leicht haben, die Einwanderungspolitik durch diejenigen, die gegen sie protestierten, zu rechtfertigen. Daß eine solche Deduktion falsch ist, brauchen wir nicht erst zu sagen. Aber müssen blutige jüdische Köpfe erst den Vorwand zu einer solchen Ausrede geben? Die offiziellen jüdischen Stellen in Palästina wollten es nicht, und eine ruhige Demonstration nach ihrem Programm hätte wohl auch ihren Eindruck nicht verfehlt. Fasten, verbunden mit HDKbö blül als Waffe im stillen Abwehrkampf gegen allzu große Zumutungen war dem jüdischen Volke in alter Zeit nicht unbekannt. Aber diese Offiziellen rechneten nicht mit den Dingen, die als Begleiterscheinungen kommen mußten und auch gekommen sind. In irgend einer Form muß die jüdische Gesamtheit ihren Protest gegen die Sperrung der Tore des Heiligen Landes vor jüdischen Heimkehrern zum Ausdruck bringen. Aber hüten wir uns davor, Geister auf die Straße zu rufen, die wir nicht mehr bannen können. Midraschim um Sinai. Das ganze „Vierte Buch" steht, unter dem Titel 'j'o -37M, im Zeichen des Sinaierlebnisses, das auch unsere Sidra mit der Bundeslade im Zentrum des Lagers wach erhält. Darum sind die folgenden Midraschim und ihre Deutung nicht allein für das Fest der Gesetzgebung bestimmt: „Es sprach Rabbi Josua ben Lewi: Als Moses in die Höhe stieg, da sagten die Engel des Dienstes: Herr der Welt, was soll der Weibgeborene zwischen uns? Da sagte Er: die Thora zu empfangen ist er ger kommen. Da sagten sie vor Ihm? Dieses geheime Kleinod, das seit hunderten von Generationen vor der Schöpfung der Welt bei Dir aufbewahrt ist, willst Du einem Menschen von Fleisch und Blut geben? Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst, der Erdensohn, daß Du ihm eine Bestimmung gibst? Laß Deine Herrlichkeit besser in den Himmeln thronen! Da sagt G'tt zu Mosche: Gib du ihnen eine Antwort! Er aber spricht: ich fürchte mich, sie würden mich mit dem Hauch ihres Mundes verbrennen. Da sagt ihm G'tt: Halte dich fest an dem Thron Meiner Herrlichkeit und gib eine Antwort! Da beginnt Mosche und sagt: Herr der Welt, die Thora, die Du mir gibst, was steht in ihr? — Ich bin der Ewige, Dein G'tt, der Dich aus Aegypten geführt. Darauf er zu ihnen: seid ihr nach Thomas Masaryk wieder Präsident der tschechoslovakischen Republik. Daß Thomas Masaryk, das 84jährige Oberhaupt der von ihm gegründeten Republik, zum vierten Male als Präsident seines Landes gewählt wurde, ist eine Sache, die in erster Reihe die Tschechoslowakei angeht, ist aber auch nicht ohne Bedeutung für die große Weltpolitik und hat zuletzt auch für uns Juden ein ganz eminentes Interesse. In der Tschechoslowakei hat sich in den 16 Jahren seit Bestehen der Republik manches gewandelt, es gab im öffentlichen und Parteileben auch manche Verschiebung, aber Masaryk blieb wie ein ruhender Pol in all der Ereignisse Flucht und damit blieben auch die Grundlinien seiner Politik unverwischt. Die große Welt kann in dem Siege Masaryks den Sieg des Menschengedankens sehen. Thomas Masaryk ist von Haus aus ein Gelehrter, Historiker und Ethiker von großem Ausmaß, und aus dem Geiste der Geschichte und des schönen Menschentums geholt sind auch die ewigen Maßstäbe seiner Politik. So leuchtet der Name Masaryk doch noch wie ein kleiner Stern an einem Himmel, der heute düster genug über Europa hängt. Er leuchtet von neuem auf, dieser Stern und weckt neue Hoffnungen. HnHnBBBSBBBlBERHSBSHBHMBHBBHMHnnHBnflMUHMMnCl Von Eugenie Wertheim in Kassel.*) Einst sagte eine junge Frau zu ihrem Gatten: „Erkläre mir, warum sind wir Frauen eigentlich doch so viel weniger vor G'tt, als der Mann?" Ganz erstaunt ob dieser sonderbaren Frage erwiderte er: „Was bringt Dich auf solch wunderliche Gedanken?" Sie aber antwortete: „Du dankst im Morgengebet Deinem Schöpfer, daß er Dich nicht zum Weibe geschaffen habe, also bist Du glücklich und froh darüber und auch sehr stolz, ich aber muß demütig die Worte sägen: „Gelobt seist Du Ewiger, Herr der Welt, der mich nach Seinem Willen geschaffen." Leise lächelnd etngegnete der Mann: „Wohl bin ich stolz, ein Mann zu sein, stark zum Schaffen und Arbeiten für die Familie, bereit, dem Vaterland *) Verfasserin dieses Artikels, eine in der jüdischen Wohlfahrtsarbeit hochverdiente Dame, spricht hier manches aus, was von allen jüdischen Frauen und Müttern gehört werden soll. Aegypten hinabgestiegen, seid dem Pharao ihr dienstbar gewesen, was soll euch die Thora? — Was steht ferner darin? Es sollen Dir nicht andere Götter sein! Wohnt ihr unter Heiden, die Götzentum treiben? — Was steht ferner in ihr? Vom Sabbat. Müßt ihr etwa Arbeit verrichten, daß ihr des Ruhetags bedürft? — Was steht ferner darin? Du sollst nicht morden, ehebrechen, stehlen. Kennt ihr die Eifersucht, seid ihr vom bösen Triebe gequält? Sogleich gaben die Engel G'tt Recht und sprachen: Ja, Ewiger, unser Herr, wie gewaltig ist Dein Name auf der ganzen Erde! Und jeglicher der Engel ward dem Mosche ein Freund und flüsterte ihm ein Geheimnis zu. Und so heißt es: Du, der Du in die Höhe stiegst, Du hast dort Deine Eroberungen gemacht und für Deine schlichte Menschlichkeit Geschenke empfangen. Auch der Todesengel überlieferte ihm das Geheimnis, durch das Mosche bei dem Aufstand des Korach der Seuche Einhalt tut. Hätte es ihm der Todesengel nicht erzählt, woher hätte er das Geheimnis vom Räucherwerk gekannt?" Nicht für Weltabgeschiedenheit und Weltflucht ist eine Thora erforderlich; sie ist vielmehr für das Leben um so unentbehrlicher, je weniger Spuren des G'ttlichen in ihm verwirklicht sind. Gerade weil wir nicht in den Wolken, sondern unter den ewigen Anfechtungen unserer Sinnlichkeit und eines brutalen Alltagslebens leben, gerade deshalb bedürfen wir des großen Geheimnisses, das uns freimacht, das unsere Triebe und Leidenschaften zum Guten lenkt. Gerade in der Gestaltung eines an sich g'ttfremden Lebens zeigt sich, wie gewaltig G'ttes Macht auf Erden ist. Diese Täuschung, als ob die Thora nur für die Guten ist, für die, die schon von innen heraus religiös veranlagt sind, durch diesen Irrtum haben schon so Viele voreilig den Weg sich verschlossen, sich Unser jüdisches Interesse an Masaryk erwächst aus einem Gefühle tiefster Dankbarkeit, Nicht allein gegen den Masaryk von heute und gestern, der nicht zuläßt, daß die Juden seines Landes nur irgendwie außerhalb der Linie des; Rechtes gestellt werden, unsere Dankbarkeit greift zurück auf viele Jahrzehnte vor dem Kriege, lange bevor noch die neue Welle ihn an die höchste Spitze seines aus den Kriegsgeschehnissen zur Selbständigkeit emporgewachsenen Landes hinauf getragen hat. Man vergißt Masaryk seine vielbändigen Bücher gegen die Judenpolitik im Zarenrußland nicht, die wie ein Lichtpunkt aus düsterer Zeit in der Kulturgeschichte erhalten bleiben. Unvergessen bleibt sein energisches Eingreifen mit der Autorität der Wissenschaft, als anläßlich des Polnaer Mordes eine Ritualmordhetze durch das Land ging. Masaryk, von konservativer Gesinnung und glühender Freund "der Bibel, kennt auch das Volk und das Land der Bibel, ist auch Freund des Palästinaaufbaus und hat es vor kurzem bei Anlaß einer Palästinareise bewiesen. Er weiß, welche Verpflichtungen den Töchterreligionen gegen die Quelle der Offenbarung und ihre Träger erwachsen. Er lebt und handelt und regiert danach und sucht sein Volk in diesem Sinne zu erziehen. Möge es ihm beschieden sein, eine glückliche Tschechoslowakei zu sehen, die ihre Strahlen auch in die Welt ausschickt. zu dienen und zu seinem Schutz die Waffen zu führen; aber wessen Weg ist wohl der schwerere, wessen Verantwortung größer, wessen Geduld,. Arbeitsfreudigkeit, Arbeitsbereitschaft, nie erlahmend, die meine oder die Deine?" Staunend sah sie ihn an, da nahm er sie an der Hand und führte sie an das Bett ihres Knaben, der jauchzend mit seinen Füßchen spielte. Ohne viel Worte hatte der kluge Mann seiner Frau ihre hohe Mission vor Augen geführt; die Mission und die Gnade, Mutter zu sein. Als Erbin einer uralten Kultur hat die jüdische Frau niemals, selbst nicht in den Zeiten, da die Juden noch zelteten, eine untergeordnete Stellung eingenommen, immer ist sie gewürdigt, und tiefgehends ist man ihrer ganzen Bedeutung gerecht geworden. Wie wird in den Sprüchen der Väter immer wieder das Weib als die Krone des Mannes gepriesen, die das Haus bauet, in ihrer poetischen Sprache schreibt die heilige Schrift, ein braves Weib ist höher im Werte als Perlen, selbst zu überwinden, um in die arme Welt ihres Daseins das Höhere zu verflechten. So klingt es daher aus dieser Agada heraus: nicht den Engelsnaturen, nein umgekehrt: dem vom bösen Triebe, von Leidenschaft und Eifersucht Erfüllten, gerade ihm ist die Thora die ihm auf den Leib zugeschnittene Form des Lebens. Und wer es wagt, in Selbstüberwindung das eigene Ich zum Höheren umzuformen, dem erwachsen daraus ungeahnte und ihm ungekannte Kräfte. Die Engel flüstern ihm ein Geheimnis zu, und in Zeiten, wo alle den Wegweiser verlieren, wo der Geist des Korach umgeht und alle mit sich in den Abgrund reißen will, da sind es gerade diejenigen, die sich selbst überwunden, die dem Unglück steuern, die den Schwungf und den Duft der Seele besitzen, daß sie sich zwischen die Toten und Lebenden stellen können. „Warum hat Israel die Thora nicht in den Dämmerstunden erhalten? Darauf sagte Rabbi Jizchakr Heißt es doch: nicht in der Verborgenheit habe Ich geredet, nicht dort, wo alles in Finsternis liegt." So sehr immer der Begriff der Offenbarung vom Geheimnis des Uebersinnlichen umflort sein wird, so gewiß niemals der Verstand der Verständigen es ergründen mag, wie G'tt zum Propheten gesprochen hat, dennoch die Tatsache, das geschichtliche Ereignis der Offenbarung ist jedem Dunkel entzogen, ist schlechterdings unleugbar. Rabbi sagte: Als Mosche Israel auf den Empfang der Thora vorbereitete, da ließ er es zuerst von den Strafen wissen, wie es heißt: wajaschew Mosche, er setzte sie in Verwirrung und Erregung mit Worten, die den Sinn des Menschen empören. Dann erst erklärte er ihnen den reichen Aucb Du bist berufen.