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Der Israelit · 1934-05-31 · Heft 22 (31.5.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 22 (31.5.1934)
Date
1934-05-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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31. Mai 1934 Oer Israelit Nr. 22 Seite 3 Die Juden als nationale Minderheit '(Fortsetzung von Seite 1.) In diesem Falle würde dann die Forderung des internationalen Schutzes dieser jüdisch-nationalen Minderheit zweifellos auftauchen, allerdings — wie keinem Zweifel unterliegt — von deutscher Seite, insbesondere, solange dieser Minderheitenschutz den odiosen Charakter einer von den Großmächten den neugebildeten Jung-Staaten Europas auferlegten Bindung trägt, entschieden abgelehnt werden. Und in diesem Zusammenhang erscheint nun ein in jüngster Zeit von Polen beim Völkerbund unternommener Schritt bedeutungsvoll, der die Einberufung einer internationalen Konferenz zur gleichmäßigen Ausdehnung des Minderheitenschutzes auf alle Völkerbund-Staaten, also auch auf Frankreich, England, Italien usw. mit ihren nationalen Minderheiten im Auge hat. Man darf jedoch mit Sicherheit voraussetzen, daß die polnische Regierung bei diesem diplomatischen Vorgehen nicht etwa von heißer Liebe zu dem Gedanken des Minderheitenschutzes getrieben wird, vielmehr lediglich dieg leichmäßige Behandlung aller Völkerbundstaaten in der Minderheitenfrage erreichen will. Diese Parität kann nun entweder dadurch Zustandekommen, daß man sämtliche Mächte dem Minderheitenschutz unterwirft, oder daß man sie — wenn sich die Großmächte dessen weigern — ausnahmslos von dieser Einschränkung ihrer Souveränität beireit. Da das erstere wohl nicht so bald erreichbar ist, bleibt dann nach den Gesetzen der Logik nur der letztere Weg, die Abschaffung der Minderheitenschutzklausel überhaupt übrig — und dies ist wohl das eigentlich gewollte Endziel des polnischen Antrages. Wie soll sich die orthodote Judenheit hierzu stellen? In Nathan Birnbaums Zeitschrift „Der Ruf" entwickelt Dr. Maximilian Landau zur Beantwortung dieser Frage Gedanken, die in ihrem grundsätzlichen Charakter vollkommen dem entsprechen, was wir an dieser Stelle schon vor mehr als einem Jahrzehnt in der Diskussion über das damals aktuelle Thema der „nationalen Autonomie" entwickelten. So wenig wie das Schema der reinenKonf e s s i o n paßt dasjenige der „nationalen Minderheit" in seiner marktgängigen politischen Bedeutung auf die jüdischen Gemeinschaften in den Ländern der Diaspora; in keine dieser Konstruktionen läßt sich das jüdische Volk seinem historischen Wesen nach einfangen. „Es sind nicht nur objektive Kennzeichen," schreibt Dr. Landau, „wie der Mangel an einer territorialen Konzentrierung der jüdischen';Bevölkerung in den einzelnen Ländern, das.'Fehlen einer Irredenta,! eines selbständigen Mutterstaates, nicht nur die eigenartige berufliche und soziale Schichtung, was die Juden von der. Mehrzahl der anderen, nationalen Minderheiten unterscheidet, Es ist auch ©in besonderes geistig-seelisches Verhalten' Zurri''Wirtsstaat und zum1' staatsbildenden Mehrheitsvolk, was der jüdischen Minderheit eine eigene Note gibt. Das Fehlen von Ressentiment und Haßaffekten gegenüber einem; etwaigen Siegervolk erklärt sich schon ■> aus den verschieden gearteten objektiven Voraussetzungen. Darüber hinaus lebt aber in den jüdischen Volksgruppen ein' gewisses inneres Verbundenheitsgefühl zu Ländschaft, Volk und Staat, die ihnen Heimat geben, ein unausgesprochenes Treueverhältnis zu dem Volk, mit dem sie gemeinsam Geschichte erlebt haben, das ebeil mehr ist als die bloß sachliche, loyale Eingliederung in den Staatsverband. Es ist ein natürliches,;elementares Gefühl, das in '■ seiner ursprünglichen, Form durchaus legitim ist und mit selbstverständlichem Jüdischsein, mit hingebender Pflege der jüdischen Volkskultur durchaus nicht zu kollidieren braucht. Erst die innere Unsicherheit des Assimilanten in seinem Drang nach Ueberbetonung und Kompensation depraviert dieses ursprünglich schöne menschliche Gefühl zu einem verzerrten, die eigene Kultur und Gemeinschaft zerstörenden Ueberpatriotismus. Ungeachtet alles Schweren und Bitteren, das die Juden in manchem ihrer Wohnländer erlitten haben, bewahren sie diesen Ländern eine innige Anhänglichkeit und Treue oft über Jahrhunderte hin.--— Die Subsumierung der besonders gearteten jüdischen Volksgruppen unter den allgemeinen Begriff der nationalen Minorität hat aber auch ferner unerwünschte Rückwirkungen auf das Programm und ' die Politik der Volksgruppe selber zur Folge. Die Postulate der jüdischen Volksgruppen passen sich dann unwillkürlich den Forderungen an, die üblicherweise von den anderen nationalen Minderheiten erhoben werden, ohne auf die Sönderart und die speziellen Bedürfnisse des jüdischen Volkes Rücksicht zu nehmen. Es entsteht dadurch eine sonderbare Akzentverschiebung und Wertverlagerung im gesamten Aufbau der jüdischen Autonomiebestrebungen. So ist es möglich, daß zum Beispiel unter Aufbietung aller Kräfte erbittert um die Zulassung jiddischer Radioansprachen oder um jüdische Schriftzeichen auf Briefmarken gekämpft wird, während ein so wesentlicher und integraler Teil jüdischer Volkskultur wie der Schutz der Sabbatruhe in keinem Lande (Palästina nicht ausgenommen) eine befriedigende gesetzliche Regelung erfahren hat. So erklärt sich auch die weit verbreitete, häufig selbst' von überzeugten Nationaljuden vertretene Anschauung, daß in Ländern, wo die Juden nicht eine eigene Sprache sprechen, Volksgruppenrechte nicht gefordert werden können und auch gar nicht notwendig sind. Der allgemeine Rahmen der nationalen Minorität ist somit aus den verschiedensten Gründen für eine wirklich erschöpfende und sachgerechte Behandlung des jüdischen Minderheitsproblems untauglich. Er ist für die jüdischen Volksgruppen einerseits zu weit, andererseits zu eng, und erfaßt nicht ihre besonders gelagerten Interessen. Durch die undifferenzierte Anwendung dieses Begriffs auf die jüdischen Dinge entstehen nur neue Schiefheiten, neue Mißverständnisse, neue Unwahrhaftigkeiten. Hindrängend zur immer stärkeren Konkretisierung unseres Lebens, sind wir der ewigen juristischen Abstraktionen satt, die, von der Wirklichkeit immer Lügen gestraft, unser Leben so widerspruchsvoll und so gespenstisch machen. Wir wollen nicht mehr „als" Staatsbürger, „als" nationale Minderheit durch die Welt gehen, sondern als die volle geschichtliche Individualität, die wir sind, und die alles d i es ins i c h s c hl i e ß t: als Juden. W i r w p;l I en keine neuen Universale t i k e 11 s!,':>; kj;e i n e n e uj e n Tarnungen mehr. Wir sind Juden, nichts als Juden und wollen ausschließlich als solche, unserer Eigenart entsprechend, auch unseren rechtlichen status geordnet wissen. Das jüdische Volk ist eine einmalige, mit nichts vergleichbare Erscheinung, es ist in jedem Bezug eine Kategorie für sich: aus dieser Tatsache haben wir die entsprechende historischen, soziologischen und schließlich auch rechtlichen Konsequenzen zu ziehen." Soweit Landau. Die Konsequenz, die er aus seinen zweifellos richtigen Feststellungen ziehen zu sollen glaubt, ist nun die Forderung, daß für die Juden aus Gründen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ein international garantierter Schatz geschaffen werde, aber weder als konfessionelle, noch als nationale Minderheit, sondern als selbständige öffentlich-rechtliche Kategorie — sagen wir deutlicher als „Religionsnation", als rrtuo DJ?« Wir müssen sagen, daß diese Folgerung zwar logisch konsequent ist, aber leider im höchsten Grade wirklichkeitsfremd anmutet.. Wäre die sittliche Entwicklung der Menschheit bereits soweit gediehen, daß eine solche Forderung auch nur die leiseste Aussicht auf Realisation im Rate der Nationen hätte, dann — wäre sie fast überflüssig, denn dann müßte die Achtung vor der weltgeschichtlichen Einzigkeit des jüdischen Volkes dessen Stellung innerhalb der Staaten auch ohne Polizeiaufsicht des Völkerbundes ausreichend sichern. Bis wir soweit sind, wird wohl immer nur die Möglichkeit bleiben, als äußeren Rahmen für die Konstituierung der in der Tat unvergleichbaren jüdischen Gemeinschaft' entweder die Konfession oder die Nation zu akzeptieren, dabei aber dafür zu sorgen, daß im ersteren Falle die Bezirke des außerkonfessionellen Lebens (Wirtschaftliches, Soziales, Kulturelles) in den konfessionellen Rahmen einbezogen oder im zweiten Falle die „nationale Minderheit" konfessionell eindeutig bestimmt und so von den Wald- und Wiesen-Nationen der Geschichte geschieden wird. Beide Formen können in der Praxis den Bedürfnissen der Wirklichkeit halbwegs adäquat gestaltet werden. Ob es aber dann im wohlverstandenen Interesse der Juden liegt, ihr Schicksal an eine übernationale, der Gefahr härtester Zusammenstöße mit den einzelnen Nationalismen jederzeit ausgesetzte Instanz zu knüpfen, möchten wir aufs stärkste bezweifeln. Landau fordert Gerechtigkeit und Menschlichkeit für die Juden. Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegenüber den Schwachen und Wehrlosen sind messianische Ideale, die in dieser Zeitlichkeit — sobald sie keine bloße Rhetorik bleiben — sehr leicht den Charakter politischer Instrumente annehmen und dann denen am meisten Schaden zufügen, in deren scheinbarem Interesse sie auf dem Schachbrett der internationalen Politik eingesetzt werden. Wir glauben, daß es vielmehr zu den Bedingungen des Golus gehört, überall den Weg der autonomen Verständigung zwischen Wirtsvolk und jüdischen Exilierten zu suchen und an diesem Wege trotz aller Widrigkeiten und Enttäuschungen festzuhalten. Selbst — in einem arabischen Erez Jisroel. Wbehenrundschau- Untaugliche Abwehrmittel. GleichJ,ri^(ih;;Bekanntwerq1en der Einwand e r u n s.s p h e d u 1 e für Palästina, die für die gesamte ' Judenheit eine Enttäuschung in Ziffern war, warnten wir an dieser Stelle vor Gegenmaßnahmen, die nach dem Grundsatze „Gewalt gegen Gewalt" von mancher Seite so gerne empfohlen werden. Es gehörte gerade keine prophetische Gabe dazu, um solche Versuche samt ihren Folgen vorauszusehen., Weniger vorauszusehen war es, daß die Parole zu einem Proteststreik nicht allein von irgend jemand,, sondern von einer hochoffiziellen Stelle, als welche sich die Assefath Haniwcharim (Nationalversammlung) empfindet, ausgehen würde. Wußten die Herren nicht, daß bei solchen ° Demonstrationen neben ehrlicher Entrüstung und berechtigtem Zorn auch Radaulust sich

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