Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1934)
- Date
- 1934-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 1934 24. Mi Tiberias *) ... Und ein Sabbat kam, früh und unvermittelt wie sich die Nächte Palästinas über die Erde senken nach einem heißen Tage, ein Sabbat, wie wir keinen zweiten Sabbat erlebt haben. Wie sich die Läden und Lädchen alle auf einmal mit fast panischer Eile schlössen, wie sich die Träger, Schuhputzer und Bett ler auf der Straße plötzlich in Fürsten und Prinzen verwandelten, wie die hundert Lichtlein hinter den gardinenlosen Fenstern der Häuser und Hütten auf flammten, wie sich die Straßen bald belebten, von Menschen, Menschen, wie wir sie in dieser Gewan dung und Aufmachung, mit diesem königlichen Schritte noch nie gesehen! Gewaltige Zobelmützen' mit vielen wehenden Schwänzen auf dem Kopf, wie Königs krönen auf alten Bildern, und Mäntel über den Schul tem aus heller, blauer und grüner Seide, aus schimmerndem Atlas, scharlachrot oder schneeweiß, gestreift und gemustert. Eilig, als fürchtete sie, zu spät zum Sabbat zu kommn, senkt1'sich die Sonne hinter den Bergen, violett schillert der See und spiegelt die Färben der Bäume und Mäntel wider. In Ruhe und Heiligkeit ist die Luft gebettet, die Winde halten den Atem an, die Mücken schweigen. Auch die schlam mig gelb brütenden Sümpfe an den Straßenrändern sind vergoldet; „Komm, Geliebter, der Braut entgegen!" ruft Alkabaz von oben ins Tal hinunter . . . Ich kann seitdem keine Sabbatankunft erleben, ohne an den von geheimnisvollen Höhen und aus rätselhaften Tiefen, von den Bergen oben und aus dem '' Wasser unten kommenden Sabbat in Tiberias zu den ' ken. Wir sind in einer der ältesten Synagogen. Brü' , chige Mauer außen, schlechtbekalkte Wände im Innern, daß wir mit geweißtem Rücken das Haus verlassen. Aermlich ohne Schmuck und nicht allzugroß der Raum, denn das Bethaus ist eines der vielen. Kol Nidre-Stimmung. Alle Beter haben Tallith an — am Freitagabend — und die Inbrunst fließt in einer Welle, die Jung und Alt, auch die kleinsten Kinder, mit hinreißt. Asketische Greise, den Gebetmantel tief über den Köpf gezogen, schreien auf und-klatschen in die Hände, 'dazwischen schrillen' helle Kinderstimmen. Ein Gesang kommt nicht auf. Für eine Chassidimge meinde eigentlich zu schwermütig, aber so sind die Chassidim von Tiberias, genannt die Aschkena s i m. Die Sephardim, aus allen Ländern und Erdteilen des Orientes, haben ihre eigenen Synagogen mit einer Hauptsynagoge an der Spitze. Sie sind schöner, schmuckvoller, auch sauberer und besser gehalten, der G'ttesdienst darin etwas geordneter und trockener. , Was die beiden Observanzen verbindet, ist Rabbi Jizchak Luria. Er wandelt von der einen in die andere Synagoge und beherrscht sie alle . . . Die 6000 Juden, die, bei einer Gesamtbevölkerung von 8000, Tiberias zählt, scheiden sich fast zu gleichen Teilen in Sephardim und Aschkenasim. Das Verhältnis zwischen beiden Gemeinden ist nicht das beste, aber es bessert sich. Es fehlt nicht an gemeinsamen einigenden Punkten. Der Rabbiner der Aschkenasim-Gemeinde, Rabbi K1 i e r s (inzwischen heimgegangen), gehörte zu den populärsten und markantesten Persönlichkeiten des heiligen Landes und wurde von den Sephardim als talmudische Kapazität und Führer gleich hochgeschätzt. Die beste Verbindungsbrücke bildet aber die von der Agudas Jisroel unterhaltene M ä de h enschule, die mit ihren 400 Schülerinnen (mitsamt Kindergarten) und ihrem Lehrerinnenstabe aus einheimischen, sephardischen Mädchen von einer zielbewußten Lehrerin geleitet wird. Wir besuchen die Schule am Sonntag früh, nachdem wir einige Minuten vorher auf dem Grabe von Rabbi Meiir baal Hanes und in der Jeschiwa daneben geweilt hatten. Und wir erleben das 'Wunder der Wunder: ein deutsches Mädchen aus der neuen orthodoxen Bewegung leitet eine Schule für sephardische: und askenasische Mädchen am Kinerethsee! Wie wundersam die Kanäle, durch die der ewige Strom der jüdischen Kraft fließt! Hier, in seinem engen Bereiche, hat Rabbi Meiir, der Wundermann, eines der größten: Wunder der -jüdischen Geschichte vollbracht. ' , « Solche Wunder könnten wir übrigens überall in Land und Stadt vollbringen. Der Boden dafür ist da, die Menschen auch. Sammeln müssen wir nur die Kräfte. Noch nirgendwo ist es uns so sehr zum klaren Bewußtsein gekommen, was das Palästinaschulwerk der Agudas Jisroel in Erez Israel bedeutet und, bei weiteren Opfern der gesetzestreuen Palästinafreunde, bedeuten könnte, wie in der Schule von Tiberias! *) Die Katastrophe, die einen Teil von Tiberias verwüstet hat, hat überall das Interesse für die alte heilige Stadt im Galil, ihre Straßen und jüdischen Menschen wachgerufen. Wir geben hier eine Schilderung der Stadt aus Schachnowitz's: „Zwischen Ruinen und Aufbau in Erez Jisroel" (herausgegeben von der P. Z. der A. J„ Frankfurt a. M„ 1932) im Auszuge wieder. Auf dem Gelände, wo die Mischnalehrer ruhen, erheben sich die Gräber von MA i m o n i d e s und „ S c h e 1 o h ". Das Maimonides-Grab, ummauert und bestens gepflegt, steht auf dem sanften Hang. Man erzählt: Maimons letzter Wunsch war, in der heiligen Erde vor Tiberias begraben zu sein. Liebe volle Hände trugen die Bahre über Land und Meer Man kannte den Platz nicht, da ihn der Meister nicht beschrieben hatte. Wie sie an dieser Stelle anlangten ohne zu ahnen, welche heiligen Gebeine der Boden barg, konnten sie mit der Last .'nicht weiter. Blei-* schwer senkte sie sich zu;Boden und alle-Kraft reichte, nicht aus,' sie in die Höhe zu bringen.'Eine andere Mär berichtet von Räubern, die die Träger überfielen so-daß diese die Bahre im Stich"ließen und davonliefen.1 Als sie aber zurückkamen lind die Bahre wie festgenagelt am Boden fanden, wußten sie: hier war der Ruheplatz für den großen Toten . . . Tausend Jahre liegen zwischen ihm und den Mischnalehrern um ihn herum. Aber die Kette ward nicht unter brochen. Er hat die Mischna kommentiert und den Talmud kodifiziert.:' Er 'gehörte . hierher wie s: der, Mischnalehre^ einer;; :': '<; '.. "', Etwa hundert Schritte gehen wir' nach/ links .und wir sind 500 Jahre durch die jüdische Geschichte geschritten. Hier ruht der;,;S ch'ejl'o h jener Rabbi Jesaja H u r w i t z , der 1614 vör 'den Fettmilch'schen Verfolgungen in Frankfurt nach; Prag mitten in die Wirren des 30jährigeii Krieges: floh'.' Aus diesen wand er sich mit Mühe, los, um ' über Konstantinopel das heilige Land zu erreichen und dort in die Gefängnisse von Safed und Akka zu gelangen. Hier; auf' diesem heiligen Gelände, hat der müde Wanderer seine letzt? Ruhe gefunden.;Wer ,',Schelöh" kennt, weiß, daß die Heimat des Rabbi Jizchak Lurja ' stets auch seine geistige Heimat war, daß sein ganzes Leben, Lehren und Ringen vielleicht nur,, ein; Ringen nach dieser Ruhestatt war,, ein Zittern .des Lichtes; zu dem große ren Lichte, dessen ein Teil es ist . . . Wir besuchen noch die heißen Quellen am Südende der Stadt. Sie liegen unten am See fast zu Füßen von Rabbi Meir baal Haneß. Ein armseliger Bretterverschlag, eine Holzbaracke , mit einigen primir tiven Kabinen, das ist alles. Mari denkt wehmütig, was ein hochentwickelter Kulturstaat aus diesen fünf Mineralquellen von Schwefel-, Salz- und Eisengehalt mit 62 Grad natürlicher Wärme machen würde, ein Wiesbaden und ein Lugano in einem. Denn nirgendwo sollen die Thermen, so kraftig und heilbringend sein, wie hier, kein Schweizer See — ich kenne sie alle — fließt so herrlich und lieblich, wie dieser Kinereth. Das wußten schon die alten Römer und-aus Talmud erfahren wir, daß der leidende Rabbi Jehuda Hahassi in diesen Quellen Genesung gefunden. (Daß die verabreichten Bade- und Handtücher noch aus jenen Zeiten stammen, ist natürlich stark übertrieben .'■ . .) Aber unantastbar liegt der ehrwürdige Staub der Jahrhunderte um die und in der sogenannten Badehalle. Der Türke liebte es nicht, das. Auge der Welt auf die Schätze und Schönheiten Palästinas zu lenken, und die Engländer sind fürs erste damit beschäftigt, die Wege zu ebnen, auch die Esel der Araber und die Stühle der alten Juden von der Westmauer fern zu' halten ... So fließt das wunderwirkende Wasser zum allergrößten Teile ungenutzt zum See ab. Es wird zur Zeit mit einer Gesellschaft wegen der Konzessionen für die volle Ausbeutung der heißen Quellen verhandelt. Wir beschließen, so gern wir in das Bad, das schon Rabbi Jehuda Hanassi Gesundung brachte, steigen möchten, doch die Konzession abzuwarten, wenigstens die Konzession, den Staub und das Gerumpel abzutragen. (Das ist inzwischen auch geschehen.) Daß Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten dem tiefen Erlebnis von Tiberias keinen Abtrag tun, muß nicht erst gesagt werden. Bei dem Großen und Tiefen, das wir dem Sabbat von Tiberias verdankten, durfte man ruhig auch einige Unbequemlichkeiten mit: in den Kauf nehmen; sie gehörten dazu. Was will das , alles bedeuten im Vergleiche zu dem, was uns der liberianische Sabbat an Schönheit' und Herzensweihe gab! Die Räumlichkeiten sind da, der gute W^lle in höchstem Maße, aber der Sinn für das, was /vyir als Minimum von Komfort,/Ordnung; Schönheit und Lebensform ansehen; hätte;'hier in den Städten, die heute eine ganz beträchtliche Fremdenindustrie haben, noch sehr weiten Spielraum. Vom 26. M ai bis 2. Juni 1934 /" Vom 12. — 19. Siwan 5694 •>av ep ncno Samstag 26 12 n> 'a '8 p-is R»3 Sonntag 27 13 dV Montag Mai 28 14 n Dienstag 29 IVO; 15 Kn .. ■!•• Mittwoch 30 16 an Donnerstag 31 17 5» Freitag Juni 1 18 TO Samstag 2 19 na '•t/j pns ■jrtona Vermischtes. Berlin, 14. Mai, Ueber „Erez Jisroel" sprechen im Rahmen der Agudas Jisroel-Gruppen, und des Noar Agudati die Herren Rabbiner Dr. Moses Auerbach, Berlin und Rechtsanwalt Dr. Isaak Breuer, Frankfurt a. M. Sonntag, den 27. Mai, abends 7.30 Uhr präzise im großen Saal des Logenhauses', Kleiststraße 10. Gäste willkommen; Uhkostenbeitrag 25 Pfg. , Berlin, 18. Mai; Wie [bereits berichtet,, hat der Vorstand . der. Mensa A c.a d e m i c.a , Judaica;E., V. gemeinsam, mit, dem; Vorstand der J ü d: i, sr ,c; h e n Gemeinde anläßlich, des 70. _Geb(urtstagesi des Herrn Rabbiner Dr. Meier H i 1 d e s h e'.i m e r seinem Gastraüm die Bezeichnung „Akademikerheim Meier Hildesheimer" gegeben. Hierdurch soll die enge Verbundenheit dieses gemeinnützigen Hilfswerks mit allen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft zum Ausdruck kommen. Es dürfte nicht allgemein bekannt .sein, daß -die Mensa täglich, auch. an Sonnabenden und; Sonntagen^ wie an jüdischen, .und anderen-Feiertagen, geöffnet ist, nicht nur Akademikern,'. (sonderdI\auch ■;,a 11 e n m ä n n 1 i c h e n ,ü n d w e i b 1 i c h e ij','\7!e r k- .' t ä .t i g e n; die ja gerade; in dieser Gegend besonders zahlreich sind, sowie jüdischen Familien, in denen der Wunsch. .besteht, die Hausfrau einmal von: derKücheriarbeit zu entlästen, zum gleichen geringen Preise •öffen- 'stehen. Hierbei werden auf .Wunsch für., Kinder^ kleinere P^ ermäßigtem Preise1 .ausge-; geben.". '—/:''. Berlin, 22. Mai. Das Schulwerk der Adaß Jisroel- Gemeinde Berlin. teilt mit, , daß die staatlich konzessionierte private HandeLsschule so stark frequentiert ist, daß die Klasse* falls sich noch einige , Teilnehmer; oder; Teilnehmerinnen melden, - zum 1. Juni •■ geteilt werden kann und zwar so, daß ein Kursus für Fortgeschrittene gebildet wird. — Der einjährige Besuch der Handelsschule befreit von der Berufsschulpflicht. Näheres: Büro Siegmundshof 11. Berlin, 22, Mai, Die Hamburger und Berliner Gruppen des Esra beabsichtigen, einer Einladung aus Schweden Folge leistend, in der Nähe von Malmö ein;,; Ferienheim zu errichten. DaS iHeim wird Anfang Juli. eröffnet und schließt Anfang August. Der voraussichtliche Preis beträgt pro Tag Mk. 1,35, zuzügl. Fahrgeld, ca. Mk. 20.—. Aufnahme finden Esräerinnen vom 12. und Esräer vöm: 13. Lebensjahre an. Zwecks Erlangung, der Genehmigung des Reichsjugendführers; zur Errichtung des Heimes sind umgehende Anmeldungen erforderlich. Nach dem 3. Juni 1934 eingehende Anmeldungen können nicht mehr berücksichtigt werden/ Falls mehr; Interessenten als Plätze vornan- . den sind, behalten wir uns eine Auswahl vor, Anmeldungen, nur schriftlich, sind zu richten für Hamburg: Toni Kleve, Hamburg 30, Heidestr, 12 pt,, für Berlin: Hermann Rosemann, Berlin NW 87, Solingerstr. 5pt. Karlsruhe, 18. Mai. Am Sonntag abend, den 13. Mai lud der Karlsruher Esra zu einem 'Vortrag des Leiters des Noar Agudati, Fredi Lustig, über die „Aufbauarbeit gesetzestreuer Chaluzim in Palästina" ein. Nach einigen einleitenden Worten von A. Kirchheimer ergriff der Redner das Wfort zu seinen etwa Inständigen Ausführungen, denen das zahlreich erschienene Publikum mit sichtlichem Interesse folgte. Ausgehend von der Zeit nach der Emanzipation, in der sich immer größere Teile des jüdischen Volkes vom jüdischen Leben entfernten, schilderte er, wie auch die Orthodoxie, die Trägerin des geschichtlichen Judentums*' sich immer mehr auch innerlich damit abfand, eine Richtung im Judentum zu sein, wie auch ihr die Thora, die doch eigentlich das ganze Leben, auch Wirtschaft und Kunst des jüdischen Volkes beherrschen sollte, zur Religion für Haus und Synagoge geworden war. Aus der Spannung zwischen unserem Sein , und der Forderung der Thora entsteht unser Wille, in Erez Israel Jüdisches zu '.leisten., Nach der abgrenzenden Stellungnahme zum ersten Jischuwy des'- : seh starke jüdische Substanz es zu ,aktivieren, und mit. dem .Leben; in Verbindung zu, bringen gilt', und zum zweiten,' dem zionistischen; ,Jischuw, : in dessen Leben die Thora;nicht der beherrschende Mittelpunkt bildet, kommt der Redner zur Forderung des dritten Jischuws, in dem die Thora, zum. Unterschied zur,; Diaspora, wieder allbeherrschender, Faktor desjgari,-, zen jüdischen Lebens werden soll und er ruft die Eltern auf, ihre Kinder in diesem schweren, aber so notwendigen .Kampf nicht allein zu lassen, sondern geistig und finanziell mitzuhelfen, damit dieses große Werk mit G'ttes Hilfe gelingen möge. — Herzlicher Beifall dankte dem jugendlichen Redner ( für seine grundlegenden. Ausführungen. Unter der (tatkräftigen Mitarbeit unseres Herrn Rabbiners Dr. Michalski zeigte sich der Erfolg dieses Abends in der Gründung eines Chug Oha weh Jischuw Haschlischi, dessen Mitglieder sich für diese Aufgabe stark interessieren und sich ZU einem monatlichen Beitrag verpflichten] Wir hoffen, daß, nicht nur in Karlsruhe, sondern auch , in anderen Städten diese Erez Isroel-Arbeit mit durchgeführt .wird. . Bocholt, 23, Mai, Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer am Niederrhein tagt am 3, Juni in Mülheim (Ruhr) um 16 Uhr im Israelitischen, Gemeinder hause, Löhstraße 53, Gelernt wird 'X 's niaia 'ö5-