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Der Israelit · 1934-05-24 · Heft 21 (24.5.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 21 (24.5.1934)
Date
1934-05-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilletpn- Beilage Der Israelit Nummer 21 1934 H In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samucly. (Fortsetzung.) „Gleichviel! Heute Mittag werden Sie die Juden auf einem Platze im Zentrum der Stadt zusammentreiben lassen, wo sie mit dem Weihwasser meiner besten und treffsichersten Kanonen besprengt werden sollen, daß sie für alle Ewigkeit daran genug haben. Zwei drei Schüsse glaube ich werden genügen, um vier- oder fünfhundert Menschen niederzustrecken. Bist Du nicht auch der Meinung, Herr General?" fragte er seinen Brudersohn. „Das hängt von der Sicherheit der Hand und von der Zieldistanz ab," erwiderte dieser mit der Ruhe eines sachverständigen Mannes . . . „Ich betraue Dich mit Schuß und Ziel und glaube, daß Du mit Kanonen umzugehen wissen wirst, trotzdem Du seit frühester Jugend bei einem Reiterregiment gedient hast. Uebrigens wird mein Festungskommandant, der ein vorzüglicher Kanonier ist, Dir zur Seite stehen!" „Und was soll ich Kahl antworten?", fragte Reitan mit angstbebenden Lippen. „Kahl bringe meine besten Grüße, und, da Nächstenliebe jedem guten Christen geboten ist, so wünsche Kahl und überhaupt allen Juden in meinem Namen, daß sie in Frieden einziehen mögen in die andere Welt! Die zwei Stunden, die ihnen bis Mittag übrig bleiben, mögen sie dazu verwenden, sich satt zu essen, damit ihnen das Sterben nicht so leid tut!" „Heute haben die Juden großes Fasten, welches gestern vor Abend angefangen hat und bis heute Nacht andauern soll!" „Großes Fasten?", wiederholte der Fürst, von seinem Sitze aufspringend. „Und warum haben Sie mir das nicht, früher gesagt? O nein! An einem Fasttage will ich sie nicht in den Himmel schicken; sie könnten sich dort darüber beschweren, daß Leute,'die viele Generationen lang unter dem Schutze des Hauses Radczinsky gelebt haben, von dort hungrig und mit leerem Magen fortgeschickt worden sind. — 0 nein! Das schickt sich nicht für einen Radczinsky! Lieber verschiebe ich die Strafe bis morgen oder besser bis übermorgen, damit sie bis dahin Zeit haben, zu essen und zu trinken, so viel sie wollen, und satt und wohlgefüttert in den Himmel oder in die Hölle kommen. Haben Sie verstanden?" Ein Hoffnungsfunke leuchtete in dem Blicke des guten Marschalls auf, der aus diesem Zeitaufschub die Hoffnung schöpfte, daß bald das ganze Urteil aufgehoben werden wird ... „Werden Eure Durchlaucht vielleicht selbst den Juden diese Gnade mitteilen?", fragte der Marschall mit listigem Vorwande. „Wozu das?", erwiderte jener gelangweilt. „Teile ich ihnen das selber mit, dann fangen sie an zu flennen und zu heulen, und es gelingt ihnen vielleicht gar, mir das Herz weich zu machen, so daß ich mein Urteil zurücknehme . . „Und was wäre da Schlechtes? Sind doch die Juden ganz in der Hand des allergnädigsten Herrn, der sie töten und ihnen das Leben schenken kann. Und wer darf es wagen, dafür Eure Durchlaucht verantwortlich zu machen?" „Das ist schon wahr!" erwiderte der Fürst. „Aber, schauen Sie her, wie falsch Sie die Sache auffassen: Unter uns gesprochen—habe ich denn meinen Juden etwas vorzuwerfen? Sie dauern mich sogar, die armen Kerle — aber ich habe die Pflicht, mit ihnen aufzuräumen, um jenen Gesetzgebern in Warschau, die mir mit ihren Reformen ein Greuel sind, zu zeigen, daß sie mir über meine Juden gar nichts zu sagen haben, daß nur ich ihr Herr bin und kein anderer! — Jetzt verstehen Sie, wo der Haken steckt?" „Ich verstehe, allergnädigster Herr! Aber sind die'armen Juden daran schuld, daß Leuten in einer anderen Stadt ihr trauriges Los zu Herzen geht und sie dasselbe besser gestalten wollen?" „Na, einiger elenden Juden wegen verlohnt es sich mir nicht, darüber nachzudenken, ob sie ja oder nicht schuldig sind. Meine Pflicht ist, mit ihnen so zu verfahren, wie meine Ehre es verlangt, die Ehre eines Fürsten Radczinsky!" „Also Durchlaucht wollen das Sprüchwort wahr machen: Wenn die Herren miteinander ringen, werden den Sklaven die, Köpfe zertreten!" „Ja, so war es und so wird es immer sein!" Der Marschall schüttelte das Haupt und schwieg. „Und was wird mit unserem Juden Schachne geschehen?" fragte er nach einer kleinen Pause. „Soll auch er den Kanonen als Zielscheibe dienen? ..." „Selbstverständlich, was ist er denn besser, als alle anderen Juden?" „Und mit wem werden Eure Durchlaucht dann Schach spielen?" „Schach? Schach?" . . . sprach der Fürst nachdenklich vor sich hin. „Richtig! Mit wem werde ich spielen? So bald findet man keinen so merkwürdigen Schachspieler, wie er einer ist. Welche merkwürdigen Züge dieser Jude hat! Welche Pläne und Einfälle!" „Und dennoch hat der Onkel ihm die Sabbatmütze abgewonnen!" schmeichelte ihm sein Brudersohn. „Was zählt das gegen die Tausende von Partien, die ich verloren habe? . . . Nun denn wir machen es so," fuhr der Fürst, zum Marschall gewendet, fort. „Schachne, die Schachnowe und alle die kleinen Schachneichen lassen wir am Leben, und damit die Zahl voll sei, lassen wir bewaffnete Heiducken in der Umgebung drei oder vier andere Juden für sie einfangen. Hier in der Gegend wird es an solchen nicht fehlen. Der Ausfall muß unbedingt durch andere Juden ergänzt werden!" t „Und wenn die Juden einem anderen Herrn angehören werden?" „Dann lassen wir diesem Herrn sagen, daß ich ihm für die drei oder vier Juden zehn andere schenke, die ich aus meinen anderen Besitzungen nachliefern werde. Er wird nicht zu Schaden kommen. Im Uebrigen nimmt es niemand mit einem so guten Nachbar, wie ich bin, von dem man zu jeder Zeit Gefälligkeiten hat, so genau." Der Marschall schüttelte abermals traurig das Haupt. Die leichthin gesprochenen Worte, welche zynisch über das Schicksal unschuldiger Menschen entschied, ließen ihren Urheber in seinen Augen als ein Scheusal erscheinen, in dessen Nähe er ängstlich wurde und nicht zu widersprechen wagte, aus Furcht, den Wahnsinnigen noch mehr zu reizen. Aber er war fest entschlossen, seinen Posten, der ihm jetzt ein Greuel war, so schnell als möglich zu verlassen ... „Undwenn Du mir Deinen Palast voll Gold und Silber dafür bietest, beibe ich keinen Augenblick länger bei Dir, denn Du bist ein blutdürstiger Tyrann, grausamer als ein reißendes Tier, und wirst Du versuchen, mich gewaltsam zurückzuhalten, so werde ich das unschuldige Blut, das Du vergossen hast, blutig an Dir rächen. Ich werde Dich wie' eine giftige Schlange zertreten, mit diesen - meinen Händen Dich erdrosseln, oder Dir Gift in den Wein schütten, damit die Menschheit endlich von einem tollen Wüstling, von einem bluttriefenden Wüterich befreit wird!" Zwölftes Kapitel. Die Juden von Niedczwidcz, durch langjährige Drangsal daran gewöhnt, nur für den Tag zu leben, ohne sich über die Zukunft viel Sorgen zu machen, waren hocherfreut, daß der Fürst die Vollziehung der Strafe um drei Tage verschoben hat. „G'tt sei Preis und Dank für jeden Tag!" riefen sie einander zu. „In drei Tagen kann sich alles ändern!" Wäre nicht Tischo Beaw gewesen, sie hätten einen Fest- und Freudentag gefeiert, und dem Chasan von Kowno wäre es vergönnt gewesen, seine Bravour in dem Segensgebet für den „gnadenreichen Fürsten" zu bewähren. Seit Jahrhunderten niedergedrückt, lernten die armen Juden das Gebet verstehen: „Was hat der sündige Mensch zu klagen? Genug, daß er lebt!", so sprachen sie vor hundert Jahren, und so hört man sie noch heute sprechen. Was Wunder daher, daß die Juden von Niedczwicz, als sie von der „Gnade" hörten, die ihnen der Fürst erwiesen hatte, sich so beruhigt fühlten, als wären diese drei Tage wenigstens drei Menschenalter . , . Nicht so leichtfertig nahmen diese „Gnade" diejenigen auf, denen das Los der Juden weniger zu Herzen gehen sollte, nämlich die Edelleute, die um jene Zeit bei den Juden Absteigequartier genommen hatten. Sie fühltensich empört über die Grausamkeit des Fürsten, als beträfe die Sache sie selber . . . „Was ficht den Fürsten an? Was ist das wieder für ein wahnsinniges Beginnen?", riefen sie voll Entrüstung. „Ist das je gesehen oder gehört worden? Nein, wir dulden es nicht, daß Hunderte unschuldiger Menschen hingeschlachtet werden! Was haben die armen Juden denn verbrochen? Mögen sie sich auch eines kleinen Vergehens schuldig gemacht haben, dann soll er ihnen Geldstrafen auferlegen, oder ihre Vorsteher mit Ruten züchtigen lassen, aber nicht mit Kanonen. Indessen, was tun, um den wahnsinnigen Beschluß zu vereiteln?" „Ich wüßte einen Auwseg?", begann der Pan Studlinski, nach gewohnter Art Pfeife und Feuerzeug aus der Tasche holend. „Noch heute — doch nein, lieber morgen, nach der Frühmesse begeben wir uns zum Dompfarrer und bitten ihn, daß er dem Fürsten zu Herzen spricht, sein grausames Vorhaben aufzugeben. Dieser treue, fromme Hirt wird unserer Bitte sein Ohr nicht verschließen, denn er ist ein wahrer Menschenfreund, ein Heiliger könnte man sagen, der überdies den Anhängern des Alten Testaments gewogen ist, besonders ihrem greisen Rabbiner, mit dem er sehr oft gelehrte Dispute in Glaubenssachen führt. Der Fürst ehrt ihn, denn er ist sein Beichtiger und geistlicher Berater; einige Worte von ihm werden genügen, um die Sinnesart des Fürsten zu ändern . . . Wie finden Sie diesen Ausweg, Panowie?" „Pan Studlinski hat Recht, bei G'tt er hat Recht!" riefen alle in freudiger Zustimmung. „Fürwahr, bei den alten Herren ist noch Weisheit zu finden. Wir erklären uns mit allem einverstanden, aber nur unter der Bedingung, daß sie, Pane Dobrozinju, beim Dompfarrer das Wort führen, denn Sie werden alles, was Sie vorzubringen haben, in schöne, rührende Worte zu kleiden wissen." „Ich nehme es an!" erwiderte der Alte, der sich über diese Auszeichnung sehr geschmeichelt fühlte. „Es geschieht nicht das erste Mal, daß ich die Ehre habe, den Herrn Dompfarrer zu sprechen; so oft ich hier bin, besuche ich ihn, um ein Stündchen bei ihm zuzubringen. Die Worte eines so weisen Priesters richten den Geist auf und sind erbaulich für die Seele; so oft ich sein Haus verlasse, fühle ich mein Herz immer um ein Bedeutendes erleichtert!" — — — (Fortsetzung folgt.)

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