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Der Israelit · 1934-05-24 · Heft 21 (24.5.1934) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 21 (24.5.1934)
Date
1934-05-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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« Seite 6 Nr. 21 Die religiösen E'in'flüsse. Bei den aus dem Osten Europas Eingewanderten, die ja auch aus religiösen und religiös freidenkenden Elementen bestehen, tritt der Unterschied nach außen nicht so sehr in Erscheinung, als wie bei den aus dem Westen, insbesondere aus Deutschlnad kommenden Juden. Der östliche Jude lebt hier sein religiöses Leben für sich allein, kümmert sich meist nicht um die religiöse Erziehung seiner Kinder, noch viel weniger um den Klall. Er lebt mit seinen meist ganz unjüdisch eingestellten Kindern im besten Einvernehmen unter einem Dach. Jedoch ist anzuerkennen, daß diese sonst nicht religiös lebenden Menschen, auch die unreligiösen Chaluzfm, doch meist soviel Taktgefühl besitzen, nach außen hin wenigstens keinen Anstoß zu erregen und den Sabbat nicht zu verletzen. Erst unseren deutschen Freidenkern blieb es vorbehalten, auch hier eine andere Note ins Land zu bringen. Wir müssen die aus Deutschland Eingewanderten auch hier in drei Kategorien einteilen, es sind dieses 1. Die gänzlich Indifferenten, hier Kurfürstendammjuden genannt. 2. Die religiös Liberalen. 3. Die Religiösen, Charedim genannt. Beschäftigen wir uns zunächst mit der ersten Gruppe, den „Indifferenten", den ausgesprochenen Sabbatschändern. Diese Menschen kennen keinerlei Rücksicht auf die Gefühle religiös denkender Brüder. Sie lassen es selbst in der hundertprozentig jüdischen Stadt Tel Awiw, wo doch alle Möglichkeiten gegeben sind, ein jüdisches Leben führen zu können, an jedem Takt und Anstand fehlen. Man fragt sich nur, warum diese Menschen nach Erez Israel kommen? Selbst das geringste Empfinden, daß sie sich nunmehr im heiligen Lande befinden, geht ihnen ab. Sie würden genau so gut nach Alaska, Klondyke oder sonst wohin gegangen sein, wenn sie glaubten, Gold 'graben zu können. Ihnen war es vorbehalten, selbst in der rein jüdischen Stadt Tel Awiw, Geschäfte zu errichten, um den ersten Schinken, 3aviar sowie Aale nach Erez Israel zu bringen, sie sind es, die durch ihr freches Auftreten heute die Sabbatruhe empfindlich stören. Selbst die nicht religiösen ostjüdischen Elemente sind hierüber sehr erbittert. Leider kümmert sich das hiesige Rabbinat sehr wenig um diese Dinge. Erst nach wiederholten Vorstellungen von selten religiöser Kreise, hat dieses mit einem dieser Geschäfte verhandelt, mit dem geringen Erfolg, daß der Schinken wenigstens aus dem Schaufenster entfernt wurde, aber im Inneren des Lokals weiter flott verkauft wird. Weitere Schirtte seitens des Rabbinats, diesem b^bu abzuhelfen, sind nicht unternommen worden. In den Vergnügungsstätten herrscht jetzt ein Treiben wie nie zuvor. Die Besucher dieser Lokale sind fast ausschließlich Deutsche. Einen besonderen „Oneg Schabbath" bereiten sie sich damit, daß sie sich am Sabbatnachmittag gruppenweise am Strande hinlagern und dort ihre Zigarren paffen. Die Konditoreien, die früher am Sabbat fast sämtlich geschlossen hielten, haben heute — zumal sie sich jetzt vielfach in deutschem Besitz befinden — ihre Pforten den ganzen Tag geöffnet. Die jüdischen Kellner laufen mit gezücktem Bleistift hinter dem Ohr, genau, so wie ihre nichtjüdischen Kollegen in Europa herum, Auch hier geschieht nichts von Seiten des Rabbinats, kein ermahnendes Wort an diese Sabbatentweiher. Es fällt rjar wahrlich nicht leicht, über diese furchtbaren Mißstände in unserem uns heiligen Erez Israel zu sprechen, aber weiteres Schweigen wäre hier nicht mehr am Platze. Die jüdische Welt muß diese Geschehnisse erfahren und die jüdische Welt muß ihre Stimme erheben, damit endlich Abhilfe gegen diese Schändung erfolgt. Wenn man in dieser Zeit schweigt, Tiay n^m nn hdt snnn qk *d nnm mpaiQ dann dürfen wir nicht erwarten, daß uns Hilfe von anderer Seite kommt. Möge sich '"pn dieser freventlich Irrenden erbarmen und ihnen die Der Israelit Augen öffnen, damit sie selber sehen, welchen Schaden sie dem heiligen Lande zufügen. * *. Wir kommen jetzt zur zweiten Kategorie, zu den „religiös Liberalen". Auch diese „Olim" können es nicht begreifen, daß sie jetzt auf geheiligtem Boden leben, Sie haben trotz der bitteren Erfahrungen des letzten Jahres, auf religiösem Gebiet nichts , hinzugelernt, Sie haben in Erfahrung gebracht, es gibt heute wieder ein Land, das Palästina heißt, ein einziges Land nur auf dem weiten Erdenrund, wo es keine Krise gibt, dessen Wirtschaft sich zusehends bessert, wo es dauernd bergauf geht, also gehen wir auch dahin und versuchen dort unser Glück. Daß dieses Land zufällig „Palästina" ist, stört sie „heute" nicht mehr. Man muß aber auch ihnen zugestehen, daß sie niemals die Gefühle religiös anders Denkender verletzen. Sie vermeiden auch alles, was in der Oeffentlichkeit Aerger erregen könnte. (Im Gegensatz zu Kategorie 1.) Sie glauben jedoch eine gute Tat zu vollbringen, wenn sie ihr liberal religiöses Judentum nach Erez Israel verpflanzen. Schon schließen sie sich zu liberalen Gemeinden zusammen. Jerusalem soll mit Hilfe der englischen „Liberalen" die erste liberale Synagoge erhalten. Ganz merkwürdige Judenr diese Engländer. Keiner von ihnen (auch die Konservativen nicht) kann sich entschließen, nach „Erez Israel" zu übersiedeln. Noch ist England ihr „Erez". Selbst als Touristen kommen englische Juden nur selten hierher, (um so mehr jedoch englische Nichtjuden!), aber ihren Liberalismus exportieren sie sehr gern nach hier, auch darin wollen sie es den waschechten Engländern gleichtun, lassen es sich sogar auch etwas kosten, wenn sie hier Mission treiben können. Auch gegen diesen groben Verstoß gegen unsere nwnpn rhlfi hat noch keine Instanz, auch noch kein Rabbinat seine warnende Stimme erhoben. * t' * Wir beschäftigen uns nunmehr mit der letzten, uns nahestehenden dritten Kategorie, den religiösen Olim. Obwohl in den letzten zwölf Monaten rv'3 sehr viele konservative Elemente ins Land gekommen sind, ist leider ein sichtbares Einwirken auf das religiöse Leben noch nicht zu verzeichnen. Als Grund hierfür ließe sich angeben, daß gerade diese Kreise weniger mit irdischen Gütern gesegnet sind, als unsere ersten beiden Kategorien. Teilweise haben sie auch noch Nahrungssorgen oder wie man hierzulande sagt, sie haben sich noch nicht einordnen können. Aber schon glüht der heilige Funke, der sich gar schnell zur lodernden Flamme entwickeln kann. Die aus Deutschland und teilweise auch aus anderen Westländern eingewanderten Orthodoxen fühlen sich, was die „Jüdischkeit" betrifft, zum Teil sehr enttäuscht. Vom Sabbat ganz abgesehen, läßt selbst das Kaschruth sehr vieles zu wünschen übrig. Ich kann natürlich nicht in diesem kurzen Bericht aufalle Einzelheiten eingehen, aber über einige Mängel muß einmal an dieser Stelle gesprochen werden. Die Lebensmittelgeschäfte entbehren jeder Aufsicht,. Es ist den Rabbinaten wohl bewußt, daß alle diese Geschäfte (Ausnahmen sind mir bisher nicht bekannt) neben koscheren Lebensmitteln auch trefene wie Käse u. v. a. führen. Sie verkaufen alle Sorten Käse, ohne das Publikum darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Käse trefe ist. Die größte Irreführung des Publikums besteht jedoch darin, daß die Rabbinate sogenannte Koscherzettel oder Zeugnisse herausgeben, die sich allerdings nur auf einen bestimmten unter Aufsicht stehenden Artikel beziehen. Diese Zettel hängen in den Schaufenstern als Kaschrusausweis. Da diese Zettel in „Iwrith" gehalten sind, so können nur wenige — am allerwenigsten die einkaufenden Frauen — den Inhalt enträtseln. Sie glauben natürlich, daß dieser Hechscher sich auf alle im Laden befindlichen Waren bezieht und so passiert es leider den frömmsten Frauen, daß sie aus Unwissenheit, oder besser gesagt, durch Irreführung, die trefensten Gegenstände 24. Mai'1934'. mit nach Hause bringen. m Trotzdem das hiesige Rabbinat oft genug auf diesen Mißbrauch hingewiesen hat, ist keinerlei Abhilfe geschehen. Dieselben Mißstände sind in den Restaurants und Wurstgeschäften anzutreffen. Auch dort besteht - keinerlei Aufsicht. Ist der, Koscherstempel von einer angeschnittenen Wurst entfernt, dann ist keinerlei Garantie gegeben, daß diese Wurst nicht aus arabischen oder anderen Fabriken stammt. Ein persönliches Vertrauen kann man nur den Allerwenigsten entgegenbringen? denn den meisten kommt es gar nicht darauf an, am Freitag abend eine halbe Stunde zu spät zu schließen, oder am Sabbatausgang eine halbe Stunde zu früh ihr Geschäft aufzumachen, aber den ,,Kaschruthzetter' des Rabbinats besitzen sie. Auch dieses Treiber* ist dem Rabbinat sehr wohLbekannt. Meldet einmal irgend jemand aus dem Publikum dem Rabbinat einert solchen Fall, so kann dieses natürlich nicht umhin, sich den Missetäter kommen zu lassen, er schließt dann den nächsten Sabbat e'twas früher, aber sonst bleibt es wieder wie bisher. Es ist jetzt vom' Rabbinat ein Plakat herausgegeben worden, auf dem die koscheren Hotels — etwa fünfzig —1 verzeichnet sind. Nach Ansicht des Rabbinats darf man in diesen Hotels- und Restaurants essen, eine spezielle Aufsicht haben sie nicht. Ich weiß nicht, ob es clem Rabbinat bekannt ist, daß ein Teil dieser Hotelbesitzer das elektrische Liebt am Sabbat entweder selbst, oder durch ihre jüdischen Angestellten än- und ausmachen läßt, auch sonst ließen sich hier noch sehr viele Vergehen aufzählen. Ich will aber ausdrücklich bemerken, daß es eine ganze Anzahl streng koschere Hotels gibt, aber für Touristen ist. hier größte Vorsicht geboten. Aber auch auf anderen, als den Käschruth- Gebieten, herrschen gar arge Mißstände. Tel Awiw, eine Stadt von fast 100.000 Einwohnern, besitzt nur e i n e Mikwa. Daß da nicht die musterhaftesten Zustände herrschen, braucht wohl erst nicht gesagt zu werden, daß dieftnStPttJin'liltJselbst bei frommen Familien sehr leidet, ist hierbei nicht verwunderlich. Auch bei den Beerdigungen sind der Mißstände gar viele. Eine Chewra Kadischa in unserem Sinne ist nicht vorhanden. Ich bemerke immer wieder,; daß den Rabbonim alles bekannt ist, sie rühren jedoch keinen Finger zur Abhilfe, nicht aus Mangel an Einfluß, sondern aus Mangel am Wollen. Wie ich schon oben erwähnt habe: „Der Funke glüht schon". Die Wünsche der deutschen Frommen werden immer lauter. Schon hat sich ein Komitee prominenter Persönlichkeiten gebildet, die Unterschriften sammeln, um beim Waad Hakhila der jüdischen Gemeinde die Berufung eines bekannten deutschen Rabbiners, zunächst für den „Chinnuch" durchzusetzen. Dieses ist natürlich nur ein kleiner Anfang. Um gründliche Abänderungen all dieser Uebelstände zu erreichen, ist erforderlich: . 1. Die Berufung eines westlich ausgebildeten Raw, der natürlich ein großer Thoragelehrter mit viel Energie sein muß, zur Beaufsichtigung des Kaschruth. 2. Eine Synagoge, in der man auch von der Kanzel herab Belehrung erfährt. 3. Abänderung des bisherigen Beerdigungswesens, wenigstens für die aus dem Westen eingewanderten Juden, 4. Errichtung einer Chewra Kadischa, in der Form und auf der Höhe, wie sie alle jüdischen Kehiloth besitzen. 5. Errichtung von weiteren Mikwaoth. 6. Weitere Errichtung moderner, streng religiöser Schulen. 7. Die Schaffung eines echt jüdischen Kehillalebens, das man hier gänzlich entbehrt, A Die Rabbonim kümmern sich nicht um die Gemeindemitglieder, diese nicht um die Rabbonim.; Es besteht keinerlei Zusammenhang zwsichen den,; Rabbonim und der Jugend; sie kennen sich gegenseitig nicht. Es muß ferner für die aus dem Westen stammenden Frauen und Mädchen für \. geistige Anregung gesorgt , werden, die man hier gänzlich vermißt. Wenn schon einmal : ein be-;; - .:;r.; "

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