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Der Israelit · 1934-05-24 · Heft 21 (24.5.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 21 (24.5.1934)
Date
1934-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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24. Mai 1934 Der Israelit Nr. 21 Seite 3 Das judenoofß afs Präger dcv Ofenßarung. Männliche Worte im neuen Deutschland. (Fortsetzung von Seite 1.) kes der Offenbarung? Lassen wir das jüdische Volk, aus dem die größten religiösen Heroen der Menschheit, Moses/die Propheten und der Herr selbst hervorgegangen sind, als eine verächtliche, und verworfene Rasse schelten, wie lange wird dann'die Kirche noch Glauben finden für die Tatsache, daß solch einem; minderwertigen Volke die Heilsschätze der Offenbarung anvertraut worden sind? Verachtung des T r ä g e r s der Offenbarung führt notwendig auch zur Verwerfung der Offenbarung selbst.'.' i ' f' . 0 ■ ' , | - Das zweite Fundament der Stellungnahme zur Judehfrage, meint der Verfasser, sei die Liebe. Es( müsse Widerspruch dagegen erhoben werden, daß man das Gebot, ,yDu;: sollst den Nächsten lieben wie Dich selbst" auffasse als bedeute es: „Du sollst den Volksgenossen,- den Menschen arischer Abstammung, lieben wie Dich selbst" — Die Botschaft des blinden Hasses gegen die Juden' sei bis ~weit in christlich: denkende Kreise hineingedrungen, Für einen katholisch und evangelisch; denkenden Christen sei es aber unverständlich, daß die Kirche; nicht angesichts dieses Hasses mit vermehrter Wucht und Kraft das Evangelium der allumfassenden Bruderliebe verkünde, die auch die Juden einschließt. Durch ein solches Schweigen gegenüber der Verletzung des Hauptgebotes gefährde die Kirche nicht nur die christliche Religion, sondern auch eines der höchsten Kulturgüter. „Denn der Anfang jedweder menschlichen Kulturj" ruft der Verfasser aus, „ist die Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben, den Gaben und Vorzügen der anderen Menschen und Völker, kurz, die allumfassende Menschenliebe. Wenn die Kirche diesen kostbaren Kulturschatz nicht sorgsam hütet, wer soll es dann tun? Gehen dann nicht Kultur und Kirche dem Verfall entgegen?" Zum dritten Faktor, der. G erechtigke i t, bemerkt der Verfasser folgendes: „Man braucht nicht blind zu sein gegen offenbare Fehler des Judentums, die. sich verhängnisvoll am Volksganzen auswirkten. Es fand sich innerhalb des Judentums viel hemmungsloser Materialismus, schnöder Mammonismus, viel Unglaube und sittliche Frivolität. Niemand kann es als Unrecht empfinden, wenn solch schädliche Einflüsse hintangehalten und solche Elemente nach Recht und Gesetz bestraft werden. Aber. nur die Schuldigen. Gegen die Gerechtigkeit ist es, wenn kein Unterschied zwischen schuldig und unschuldig gemacht wird und wenn Menschen bloß deshalb, weil sie jüdischer Abstammung sind, mit den Schuldigen, e nt re c h t e t, verfemt und der Verachtung und bisweilen auch der wirtschaftlichen Not p r e i s g e g e.b e n w e r d e n." „Wo war die Kirche, als solches geschah? — Das Schweigen der Kirche gegenüber dem Leiden schuldloser Menschen steht im Widerspruch mit dem Wesen des Christentums und mit den besten Traditionen der Kirchengeschichte. Es war eine Ruhmestat der römischen Päpste des Mittelalters, daß sie nicht bloß die Christen gegen gewisse Gefahren, die ihnen vom Zusammenleben mit den Juden drohten, durch ihre Gesetzgebung schützten, sondern daß sie umgekehrt wiederholt die Juden vor den Gewalttaten der aufgeregten Vplksmassen in Schutz nahmen, ihnen Sicherheit des Lebens, Eigentums und Rechtsstandes garantierten, sie gegen idie Verleumdung des Ritual mordes verteidigten, ja sogar Glaubens- und Kulturfreiheit zusicherten." j. Der Verfasser klagt dann darüber, daß Rom bis jetzt geschwiegen habe, vielleicht aus klugen; diplomatischen Erwägungen. Die Gerechtigkeit gebietet jedoch, so möchten wir meinen, hierbei darauf hinzuweisen, daß die Stimme des Papstes sich möglicherweise geltend gemacht hat, ohne daß die Oeffentlichkeit etwas davon erfuhr. Zum Schluß führt der Verfasser „gegenüber der unchristlichen Judengegnerschaft" die christliche, Pflicht demütiger Seelenhaltung ins Feld, ■ die nicht zuerst an die Sünden der anderen denkt un-d/ über diese lieblos und selbstgerecht zu Gericht<sitzt,;sondern die sich; der eigenen Schwächen, und Fehler bewußt wird und diese zu '■, überwindend jsucht. vHeute aber sehe mäh; an der jüdischen ftasse nur Schlechtes, bei sich und der Edelrasse, der man sich zuzählt, nur Gutes. „Was der nordische Mensch d$£kt und fühlt und tut, ist gut, am Vertreter der semitischen Rasse 'istä: altes;: verwerflich."' i Auf!;1 solcher. Grundlage kölw'e:''>nu^;i]^e^rhebUclik'eit'', gezüchtet werden. Mai mtiiß deni; Mut des Verfassers dankbare Anerkennung zollen, daßlier es wagt, den Juden gegenüber/ Worte(izü finden^ wie sie seit langer vZeit nicht'|^eli6^t/iw^fäeh''',sind. ' 1i<:;;- . '; In äehi gleichen Hefte der Zeitschrift bespricht der Herausgeber, Prof. H e i 1 e r , die im „Israelit" früher eingehend gewürdigte Schrift von Prof. Gerhard;K i t t el über die „Judenfrage", die jetzt in dritter^ Auflage erschienen ist. Auch in dieser Besprechung finden wir eine bemerkenswerte Unabhängigkeit und Gerechtigkeit des Denkens, Prof. Heiler gibt in der Besprechung dem Schmerze darüber Ausdruck, daß Kittel nicht nur einzelne offensichtlich ungerechte Urteile fälle, zum Beispiel über die jüdischen A e r z t e , und'Ugelegentlich auch demagogische Schlagworte der Straße nicht verschmähe, und schreibt dann weiter: „Wenn Kittel behauptet, es sei eine krankhafte Sentimentalität und nicht christliche Liebe, auf das Schicksal des einzelnen Juden zu sehen, wenn Kittel immer wieder mit größtem Nachdruck zu rücksichtsloser Härte gegenüber dem Einzelneri mahnt, weil alles darauf ankomme, daß das ganze Volk die ihm gewiesene Stellung als eines Fremdlings unter den Völkern einnehme, so ist darauf zu erwidern, daß das zentrale Liebesgebot des Herrn rein individuell gefaßt ist: „Du sollst deinen Nächsten (also den Einzelnen!) lieben \yie dich selbst", ja, daß nach dem Gleich-1 ,nis der gute; Hirte — und jeder Christ hat diese Hirtenpflicht am Nächsten — um des einen verlorenen Schafes willen 99 in der Wüste zu-' rückläßt. Wir geben Kittel darin recht, daß die Golut (Fremdlingschaft) Israels g'ttgewollt ist und daß dieses ihm auferlegte Leiden zu seinem und der «Christenheit Besten dienen wird. Israel ist ein Gastvolk unter den Völkern, aber gerade für dieses Gastvolk gelten die Worte des Herrn: „Ich bin ein Gast (griechisch xenos, d. h. Fremdling) gewesen und ihr habt mich beherbergt . . . ,Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.". „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet: das Reich, das euch bereitet ist . . ." „Ich bin ein, Gast gewesen und ihr habt mich nicht beherbergt . . . Was ihr n i c h t getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir auch nicht getan." „Gehet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln." (Mt. 25, 31 ff.) „Die Judenfrage ist nur vom Neuen Testament her zu lösen, aber vom ganzen Neuen Testament." Es ist immerhin ein Trost und , gereicht dem neuen Deutschland zur Ehre, daß solche Worte auch heute noch unangefochten in aller Oeffentlichkeit gesprochen werden dürfen. Wochenrundschau, Streikposten und Poale Agudas Jisroel. Vor kurzem gaben wir einen Bericht aus K f a r S a b*a wieder, in dem zu lesen war, daß am Postenstehen vor jüdischen Pflanzungen, die arabische Arbeiter beschäftigen, sich auch orthod o xe Arbeiter aus dem „Verband Poale Agudas Jisroel" beteiligt hätten. Wir bemerkten dazu, daß diese Beteiligung, träfe sie zu, gegen den glätten Beschluß der Agudazentralen verstoßen würde. Die Mitteilung hat auch in weiteren orthodoxen Kreisen, besonders in Polen, einiges Befremden erregt, und im polnischen Organ der Agudas Jisroel,.!-; dem ^Jiddischen Togblatt", wandte sich der; bekannte; Rabbiner von Baränowicz, Rabbi Elchonon Wassermann, ein Mann, dessen Stimme in thoratreuen Kreisen von Gewicht ist, mit einem 0 f f e n e h Brief an die Poale Agudas Jisroel, hü dem ,er den jüdischen Standpunkt über Streik und Boykott klarlegt und die jungen Gesinnungsgenossen dringend davor warnt, sich vom Parteigeiste in der Arbeiterschaft mit hinreißen zu lassen. Diese väterliche Mahnung und Weisung führte zu einer dankenswerten Klärung der Angelegenheit. Im Antwortschreiben des Sekretariats der P. A. J. in Erez Jisroel wird zunächst auf die Prinzipien; der Mandatarmacht hingewiesen, die Einwanderung der Aufnahmefähigkeit und dem Arbeitsmarkte des Landes anzupassen. Der Mangel an Arbeitern ist bekanntlich groß, wird aber durch das Eindringen arabischer Arbeiter in die jüdische Wirtschaft künstlich vertuscht, was nicht ohne Einfluß auf die Zertifikatenziffer bleibt. Ein Ausgleich ist hier undenkbar, weil der jüdische Arbeiter in der arabischen Landwirtschaft unter gar keinen Umständen Unterkunft findet; erstens weil die Araber gar keine Juden beschäftigen und dann, weil auf den arabischen Feldern zu Löhnen gearbeitet wird, mit denen der Jude, der für seine Familie zu sorgen und seine Kinder zu erziehen hat, nicht im entferntesten auskommen kann. Strömten aber die billigen arabischen Arbeitskräfte in die jüdische Wirtschaft ein, so würde dies alle Grundlagen des jüdischen Arbeiter- und Mittelstandes in Palästina aufs Tiefste erschüttern. Eine Scheidung zwischen religiöser und areligiöser Wirtschaft zu machen, ist weder möglich noch denkbar. Es arbeiten viele fromme Arbeiter bei unreligiösen Arbeitgebern und umgekehrt stehen viele freigesinnte Arbeiter im Dienste religiöser Besitzer, so daß von jeder Benachteiligung des nichtreligiösen Arbeiters der religiöse Arbeiter in gleichem Maße mitbetroffen wird. Zumeist sind es religiös desinteressierte Besitzer, die sich weder religiösen noch politischen Autoritäten fügen, welche Araber zur Arbeit heranziehen, in Kfar Saba war dies durchwegs der Fall. ' Die Mitglieder der P. A. J. gingen in keinem Punkte ihit den Arbeitern yon der linken Seite und hielten sich grundsätzlich wie tat sächlich vor jeder, Gewalttat und vor jedem V e r s u c h ,; d e r n u r einer solchen ähnlich käme,' fern. Es trifft auch nicht zu, daß auch nür ein orthodoxer Arbeiter verhaftet worden wäre. Die Mitglieder der P. A. J. in Kfar Saba beteiligten sich ausschließlich nur an ruhigen Protesten und bezogen stille Posten. Durch das stille ruhige Stehen vor den Pardessim, deren Besitzer die Bruderpflicht verletzten, wollte man nur zum Ausdruck bringen, daß auch vom religiösen Standpunkte aus nicht gebilligt werden kann, wenn jüdische Arbeiter durch Araber, die bei ihren minimalen Ansprüchen überalt bei ihren Stämmesgenossen Arbeit und Verdienst finden können, verdrängt werden und damit das Bild vertuscht und die ganze Alijah gefährdet wird. ' Allein auch diese stille Demonstration vollzogen die religiösen Arbeiter nicht aus eigener

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