Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450826--80432-2538263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

17. Mai 1934 Der Israelit Nr. 20 Seite 3 die Bibliothek des Hausherrn benützt, wenn sie nicht gerade im mathematischen oder im chemischen Seminar der Universität studiert, wird vielleicht schon bekannt sein, denn diese Hausgehilfin hat ja die Reifeprüfung des Gymnasiums und ist nächstens vielleicht, wenn sie einen Professor oder einen Kolonisten geheiratet haben wird, selbst Brotgeber, wie auch der junge Mann, der auf der Straße Zeitungen verkauft, demnächst, nachdem er seine letzte Prüfung in Bakteriologie abgelegt haben wird, dich wohlwollend behandeln wird, falls du mit einem tollen Hund etwas zu tun gehabt haben solltest. Daß die Kellner in den Hotels niemals anders als Ahmed, Mohammed oder Mahmud heißen, weiß gekleidet und insgesamt Sudanneger sind, wird vielleicht auch auffallen, doch ist die Erklärung, daß. dies daher kommt, weil es im Sudan eine Kellnerfabrik gibt, die eben nur diese drei Sorten Ahmed, Mohammed und Mahmud erzeugt, nicht stichhaltig. Besuchst du aber, o Tourist, ein Privathaus, dann wirst du baß erstaunt sein, daß die palästinensische Hausfrau den Begriff eines Ofens nur vom Hörensagen kennt, einfach, weil es hier keine Oefen gibt. Man kocht und brät nur auf der Primusmaschine, einem kleinen Petroleumbrenner von großer Wärmeintensität, mit dem eine schwedische Fabrik den Orient in ganz fantastischer Weise überschwemmt. Gibt es in einem Haus aber eine arabische Hausgehilfin, dann1 ist es selbstverständlich, daß sie frühmorgens nicht allein, sondern in Begleitung sämtlicher Kinder ihrer Familie erscheint, die das Haus tagsüber in eine Schlachtstätte fröhlich tobsüchtiger Indianer verwandeln. Ihre Funktionen werden in seltsam fesselnder Weise von dem Krächzen einer größeren Anzahl Grammophone begleitet, die in allen Höfen der Umgebung ihr Wesen treiben, denn der Orient ist die Landschaft der Grammophone. Die arabische Hausfrau, die ja wochen- und monateland den Hof ihres Hauses nicht verläßt, pflegt um 7 Uhr früh die Heulmaschine in Betrieb zu setzen und sie — mit der gleichen Nadel natürlich — zumeist „Valencia" oder Aehnliches, und zwar immer die gleiche Platte exekutieren zu lassen. Würde irgend ein Nachbar, der, sagen wir Zeitungskorrespondent ist, dagegen Einspruch erheben, dann würde er sicherlich im ganzen Quartier als ein Mann verschrien werden, der im Anfang einer schweren Krankheit steht oder aber von einem unbekannten bösen Geist besessen ist. Man wird die Kinder vor seinem Anblick schützen durch Talismane, blaue Perlen oder am besten durch Alaunstücke. Daß man im Kino raucht und dabei gebratene Kürbiskerne ist, ist ebenso selbstverständlich wie etwa das Bild größter finanzieller Harmonie, das die Banken bieten, die, ob sie christlich, jüdisch oder mohammedanisch sind, alle die vielen Feiertage der drei Religionen mitfeiern. Bankbeamter zu sein in Jerusalem ist eine feine Sache! Steigst du, o Fremdling, aber in die Eisenbahn ein und bist guter Dinge, weil neben dir ein Platz freigeblieben ist und dir gegenüber gleichfalls zwei — dann kann es sein, daß deine Freude plötzlich zerrinnt, da eine höchst merkwürdig aussehende Gesellschaft einsteigt und diese Plätze besetzt. Ein Gentleman sitzt dir nun gegenüber, etwas auffällig in blutrotem Anzug. Er trägt an seinem Handgelenk eine schwere Eisenkette und befindet sich in Gesellschaft zweier Polizeisoldaten, die, das Gewehr zwischen den Beinen, brüderlich mit ihm Brot, Zwiebel und Zigaretten teilen. Du wirst zwar ein wenig erstaunt sein, wenn du erfährst, daß der rote Gentleman ein zum Tod verurteilter Mörder auf der Fahrt zur Hinrichtung ist, aber du wirst verstehen lernen, daß man in diesem Land stärkere Nerven braucht als in Europa, denn Palästina ist ein schönes, aber in mancher Hinsicht merkwürdiges Land, das aber auf dem Weg zur Besserung ist, denn man hängt heute die Leute nicht mehr, wie vor ein paar Jahren zur Türkenzeit, an die Stadttore. Die Merkwürdigkeiten des Landes wirst du aber auch bestätigt finden, zum Beispiel, wenn du in ein jüdisches Dorf im Emek kommst und einen Feldarbeiter triffst, der, das Gewehr auf dem Rücken, — er kommt gerade vom Wachdienst —, in einer Hand ein Stück von einer Dreschmaschine und in der andern Schopenhauers „Parerga und Paralipomene" trägt. Dies alles und tausend andere merkwürdige Dinge stehen nicht im Baedeker, aber im Leben des Laneds, das du sehen mußt, wenn du das Wundern wieder lernen willst. Oeffentliches Chomezverbrennen am Erew Pessach Morgen in der Jon Dan Meyerplein zu Amsterdam Heilige Gräber. S a f e d im Norden Palästinas ist die Stadt der Kabbalisten. Heute noch spricht dort jeder Stein von der großen Zeit, da die Stadt (16. Jahrhundert) Sammelpunkt jener Meister war. So wie T i b e r i a s die Stadt der Tanaaim und des bauen. Die Bilder zeigen die Gräber von Rabbi Jossef Karo und Rabbi Jizchok Lurja. In der Mitte befindet sich das Grab von Sa- 1 o mo a 1 K a b e z , dem Verfasser des Lecho daudi-Liedes. Die Grabstätten von Rabbi Jossei Karo« Rabbi Salomo Alkabaz und Rabbi Jzchak Lurja bei Safed jerusalemitischen Talmud, so wie Jerusalem die Stadt der Propheten ist, so war und ist heute noch Safed die Residenz für die Schule der Kabbala. In Safed hatte auch Rabbi B i r a b seinen Sitz, der die S m i c h o wiedereinzuführen sich mühte und von R. Lewi ben Chabiw bekämpft wurde. 25 Rabbiner aus Safed standen auf der Seite R. Birabs, Hier lebte Rabbi Jossef Karo, der Verfasser des Schulchan Aruch, hier auch der große Rabbi Jizchok Lurja mit seinem Kreise. Von den weiteren Kabbalisten nennen wir Rabbi Mosche Kordewera und Rabbi Mosche Alschich, der auch ein flammender Redner war und dessen große Werke heute noch viel gelernt werden. Kriegswirren, Seuchen und Erdbeben verwüsteten oft die Stadt. Dem großen Erdbeben 1837 fielen mehrere hundert Juden zum Opfer. Damals schrieb Chatam Sofer seinen bekannten Aufruf. Immer und immer erhob sich Safed wieder aus dem Staube und blieb neben Jerusalem, Hebron und Tiberias Kern des alten Jischuw, mit starker frommer jüdischer Bevölkerung und zahlreichen ausgezeichneten Institutionen. In letzterer Zeit mehren sich die Versuche, die Stadt und Umgebung als Luftkurplatz auszu- Kmderecke. Seled zieht durch das Schilfmeer. Von Heinrich Einstädter. Als Seled mit seinen Eltern und Großeltern Aegypten verließ, war er erst zwölf Jahre alt. Aber was hatte er schon erlebt! Die Knechtung seines Volkes hatte die ersten trüben Bilder seiner Kindheit geliefert. In Stumpfheit und Hoffnungslosigkeit sah er seine Angehörigen dahinleben, und die einzigen Lichtpunkte bildeten die Erzählungen der Großmütter und einiger Greise, die zu den Arbeiten nicht mehr herangezogen werden konnten, von den Erzvätern und dem Bunde, den der Ewige mit ihnen geschlossen hatte. Das ging so weiter, bis Mosche, des Amram Sohn, aus Midjan kam und die Erlösung ankündigte. Da begann eine neue Zeit; bewegte Tage und Wochen lösten die Einförmigkeit ab, als Mosche und Aaron vor Pharao traten und zehn schwere Plagen über die Bedrücker brachten. Da entschwand nach und nach die Mutlosigkeit, und in heller Begeisterung zog endlich das Volk Israel aus dem Lande Aegypten. Jetzt befand sich Seled mit den Seinen schon seit sechs Tagen auf dem Wege nach dem verheißenen Lande, „das von Milch und Honig fließt." Der Weg wurde dem Volke bei Tage durch eine Wolkensäule, bei Nacht durch eine Feuersäule gezeigt. Ein freudiger Stolz hob des Knaben Brust bei dem Gedanken, daß G'tt selbst sein Volk führte, und wenn auch der gewohnte Marsch ihn ermüdete, so fand er wieder während der mehrtätigen Pause, in der das Volk in der Nähe des Meeres umkehrte und lagerte, Gelegenheit zum Ausruhen. G'tt selbst hatte diese Ruhepause befohlen, in der seine Wolke, die sonst Israel vorauszog, nicht von der Stelle wich. In schnell errichteten Zelten wohnten die Familien, und auf heißen Steinen buken sie den Teig, den sie in ungesäuertem Zustande aus Mizrajim getragen hatten. Wenn auch Seled aus ganzem Herzen den Ewigen verehrte, hob er doch seinen Blick mit einer gewissen Scheu zu dem hohen Felsen, den die Aegypter Baal Zefaun nannten und als einen mächtigen Götzen anbeteten. Selbst die Männer und Frauen konnten ihr Grauen nicht ganz verbergen, trotzdem ihnen Mosche verkündet hatte, daß der Ewige mit Absicht bei Pharao den Eindruck erwecken wollte, daß sich Israel in der Wüste verirrt hätte, um ihn zu prüfen, ob er endlich G'tt als den Einzigen und Allmächtigen anerkennen würde. Hatten sie doch gar zu lang den Götzendienst ihres Wirtsvolkes beobachtet! Gar zu lang hatten sie unter dem Einfluß der Erzählungen von der Macht und Stärke der verschiedenen Götzen gelebt, um nicht zu zagen, als sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.