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Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 20 Der Israelit 17. Mai 1934 stellt werden. Die Entwicklung erlitt eine schwere Hemmung und einen Rückschlag durch die neueren türkischen Gesetze, die einem Ausländer den Ankauf von Grund und Boden verwehrten. Die Unbeugsamkeit der ersten Pioniere konnte auch diese Schwierigkeiten überwinden. Es wird Tag und Nacht gearbeitet, dabei muß alles unauffällig, fast im Geheimen geschehen, damit die Araber nicht zu Preissteigerungen und die Behörden nicht zu neuen Erlassen gereizt werden. Endlich findet sich ein geeigneter Boden nördlich von Jaffa. Kerem Schebali heißt der Boden, Eigentum des Scheichs Ali. Etwas zu weit entfernt von der Stadt, aber gut gelegen und nicht weit vom Meere. Viele tragen größte Bedenken gegen diese Sandwüste. Unter dem Schutz von zwei Gendarmen und anderen Beamten des russischen Konsulates (Weiß war russischer Bürger) sieht man sich den Boden an. Der Zugang Verkaufsstelle für Palästinawein im Pariser Judenviertel von der Stadt Jaffa aus ist mit größten Schwierigkeiten verbunden, ein Wagen kommt nicht durch, man muß zum Teil auf Eseln reiten, zum Teil zu Fuß gehen, Sand, Sand, Berge und Gruben und wieder Sand, nichts wie Sand. Man muß sich stellenweise auf allen Vieren den Weg vorwärts bahnen. Aber in der Nähe leuchtet das Meer und wilder Wein zwischen den einzelnen Sandflächen zeigt, daß der Boden weniger von G'tt als von den Menschen mißhandelt und bis zu diesem Grade herabgewirtschaftet wurde. Zwei Tage vor Rosch Haschono 1907 war der Kauf abgeschlossen. Zunächst nur 100 Dunam, vier Piaster die Elle. Heute breitet sich Tel Awiw auf einem Areal von 7000 Dunam aus und eine Elle Boden im Zentrum kommt auf 5 bis 6 Pfund. Jene ersten 100 Dunam bilden heute das Herz der Großstadt Tel Awiw. Schwer ist zunächst, die Gelder aufzubringen. Die Privatbanken glauben nicht an die Zukunft des Unternehmens und die nationalen Instanzen stehen kühl bis ans Herz hinan den phantastischen Plänen der kleinen Bürger entgegen. Aber endlich gelingt es doch, eine größere Anleihe zu erhalten und es kann an den Bau der Häuser herangegangen werden, von 60 Häusern auf einmal. Auf einem Hügel, der wie eine kleine Insel mitten im weißen Sandmeere anmutet, wird der erste Grundstein gelegt. Der Traum wird in Stein umgesetzt und bekommt harte Gestalt. Herr Akiba Weiß ist heute ein rüstiger Sechziger, und sein Stolz auf seine Stadt ist unermeßlich. Nicht in allem ging die Entwicklung in seinem Sinne, in der Richtung, wie er sie sich vor 30 Jahre geträumt hatte. Auch das geistige Leben, was für ihn gleichbedeutend mit dem religiösen Leben ist, befriedigt ihn nicht ganz. Aber es ist keine Kleinigkeit, erleben zu dürfen, wie eine Stadt, die man einmal im Herzen sozusagen nur als Phantom getragen hat, sich rapid zu einer Metropole von bald 100.000 jüdischen Menschen entwickelt. Judenviertel in Weststädten, Drei Bilder unserer Nummer sind Ausschnitte aus dem jüdischen Leben in Paris. Paris zählt heute etwa 100.000 Juden, darunter etwa 20.000 Emigranten aus den Ostländern und aus Deutschland. Wenn man auch nicht von einem speziellen Judenviertel sprechen kann, so gibt es dort ausgesprochene Judenbezirke, wie in der R u e des Rossiers und den umliegenden Straßen, wo sich das Leben ganz ähnlich abspielt, wie in den Hauptstraßen von Warschau und Wilna. So zeigt uns das erste Bild auf der zweiten Seite eine W e i n v e r k a u f s s t e 11 e mitten auf der Straße, wo man alle Palästinaweine im Ausschank und in Flaschen billig erhalten kann. Wir sehen dann eine Mazzefabrik, die fast den ganzen Winter im Betrieb ist und wo es besonders in den letzten Wochen voi; dem Peßachfeste recht lebhaft zugeht. Die fertiggebackenen Mazzot werden in Wagen und Handkarren vor dem Tor verstaut und fortgeschafft, was oft viele Neugierige anlockt. Dieses Bild echten Ghettolebens spielt sich dicht vor dem Rathause ab. Buchladen im Judenviertel von Paris Ein anderes Bild zeigt uns eine jüdische Buchhandlung im Pariser Judenviertel, die sich schon durch die großen hebräischen Aufschriften an den Türen den Passanten als solche kenntlich macht. Daß das geistige jüdische Leben etwa in den letzten Jahren durch die verstärkte Einwanderung sehr in Schwung gekommen wäre, läßt sich, nach einem neulich bei uns veröffentlichten Bericht von Mathieu Müller, leider nicht behaupten. Unter den Städten Westeuropas hat sich wohl noch Amsterdam ein eigenes Judenviertel mit echt jüdischem Gesichte bewahrt. In der Jodenbreestraat ist von morgens bis in die späte Nachtstunde reges Leben, Das Straßenleben spiegelt je die Zeit nach dem jüdischen Kalender wider. Fast alle. Geschäfte sind hier in jüdischen Händen, alle Händler an den Ständen und Obstwagen, aber auch die Bettler, sind Juden. Am Freitag und an einem Rüstetag zu einem Feste sind hier die Fisch- und Lebensmittelgeschäfte, die Fleisch- und Geflügelhandlungen, die in hebräischen Lettern ankündigen, daß sie unter rabbinischer Aufsicht stehen, immer vollgefüllt. Wie ungestört und unbekümmert um die Außenwelt sich hier die jüdische Religion ausleben kann, zeigt das Bild einer öffentlichen Chomezverbrennüng am Rüstetage zu Peßach mitten auf der Straße. (Seite 3.) Die Flammen lodern auf und Jungen schreien mit lauter Stimme aus, wer noch Chomez zu verbrennen hätte! Ein Bild, das man heute auch im Osten nur noch selten sieht, Jerusalem neben dem Baedeker, Von M. Y. Ben-gävriel.*) Noch immer, und vielleicht sogar mehr als früher ist Palästina ein beliebtes Reiseziel für Touristen aus allen Ländern der Welt. In großen Herden ziehen sie geduldig durch die Hitze der Stadt Jerusalem und fühlen sich romantisch und aufgeklärt zugleich. Oft habe ich versucht, mich in die Situation eines solchen Fremden zü versetzen und habe mich gefragt, was mir in Jerusalem auffallen würde, wäre ich ein Fremder in dieser Stadt. Abgesehen natürlich von alle dem. Mazzoiabrik im Pariser Judenviertel Exotischen, das nun schon einmal mit der Anwesenheit von Vertretern von rund vierzig Völkern zusammenhängt — von den kurdischen Juden bis zu den schwarzen Abessinierpriestern, bei denen man 'nie weiß, ob man es mit einem Mann oder einer Frau zu tun hat — sind es ganz kleine Alltäglichkeiten, die in Europa oder in Amerika eben anders sind. Daß man, wenn man jemanden herbeiruft, eine nach europäischen Begriffen abwehrende Handbewegung macht oder bei Verneinung den Kopf in nach europäischem Sinne bejahender Bewegung hebt, ist uns ebenso selbstverständlich wie etwa der Umstand, daß es hier einer Frau nur in den seltensten Fällen einfallen wird, einen Kinderwagen zu schieben, weil dies ebenso Aufgabe des Mannes ist, wie — besonders bei den Mohammedanern — der Einkauf des Gemüses und des Fleisches, der täglichen Nahrung. Es wird den Fremden vielleicht auch wundernehmen, daß auf jedem Brotlaib eine Briefmarke klebt, die Marke des Bäckers, die man zumeist mitißt, weil man zu faul ist, sie herunterzukratzen, und daß die Schuhputzer in Tel Awiw am Freitag das Doppelte verlangen wie an allen andern Tagen. Daß es Bettler gibt, ist eine orientalische Selbstverständlichkeit, aber daß Bettlerinnen in die Häuser kommen und mitunter weit zufriedener sind mit dem Geschenk einer Blume als mit dem einer Geldmünze, wird dem Europäer um so mehr auffallen, als diese Bettlerin wahrscheinlich bald wieder zurückkehren wird, um eine Blume auch für ihr Kind zu verlangen. Daß die Hausgehilfin an den Gesellschaftsabenden ihrer Brotgeber zumeist teilnimmt und in ihrer freien Zeit *) Aus der „Neuen Züricher Zeitung",

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