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Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 20 Der Israelit 17. Ma! 1934 . Der Nachbar und Spion- Ein Bild aus Sowjetrußland- Ais Josef nach Hause ging, war er tief in Gedanken versunken. Das Leben war in sich so zerrissen, unerträglich oft. Sein Los hienieden war gewiß nicht beneidenswert, und drüben im Jenseits? ... Er war ja neuerdings ein Sabbatentweiher , , , Für seine Person hätte er gewiß Widerstand geleistet und den Kampf auch bestanden. Selber hungern ist keine große, besondere Sache im neuen Rußland. Aber die alten Eltern gingen ihm ans Herz. Er konnte die Greise nicht hungern sehen, und das mußten sie eine Zeit lang, als er von einer Arbeitsstätte zur anderen lief und keine Beschäftigung unter Einhaltung des Sabbat fand. Er hatte in der Jugend im Cheder gelernt, er wußte schon*, das war kein Grund. „Vater und Mutter ehren und dennoch und darüber hinaus Sabbat halten, denn Eltern und Kinder sind ja zusammen verpflichtet, den Sabbat und mit dem Sabbat G'tt <zu ehren." So stand geschrieben. Aber was in den ausgemergelten Gesichtern der schweigend hungernden Alten geschrieben stand,, wenn er abends mit leeren Händen heimkam, brach ihm das Herz! So saß er nun in der Redaktion einer Zeitung, wo er nicht einmal wagen durfte, nur mit leiser Andeutung des Sabbats und überhaupt der Religion zu. * erwähnen. Denn diese Zeitung sah ja ihr einziges Ziel darin, die Religion zu . bekänipfen, sie mit Stumpf und Stiel aus den Herzen der Alten und Jungen zu reißen. Zu Pessach hatte er sich Urlaub verschafft. Eine gefährliche Sache, aber er wagte es. C Er brachte sich eine Verletzung an der Hand bei, die ihn. für acht Tage arbeitsunfähig machte. Es war schmerzlich, und der Arzt der Organisation konnte es vielleicht merken und ihn anzeigen. Aber nun war es Abend und das Fest brach an, und er war frei, frei aus der Fron, bar aller Ketten, wie es die Väter in Mizrajim einmal an diesem Abend waren. Freilich war auch ihnen damals Ruhe und Freude noch nicht in vollem Maße gegönnt. Kamen nicht von hinten die Späher, die Aegypter? Er sah sich erschrocken um und dachte an die ganz dünne Bretterwand, die den Raum, welchen er mit den alten Eltern teilte, vom Nachbar trennte. Ja, dieser Nachbar schien ihm.von jeher sehr verdächtig, Ein Kommunist in ansehnlcher Regierungsstelle, ein Fanatiker des Bolschewismus, wie es schien. Schon oft hatte er und hatten seine Eltern das Gefühl, daß er am Freitag abend, wenn sie in später Nachtstunde im Flüstertone den Segen über Wein und Brot sprachen, an der Wand stand und lauschte. Der Gedanke an den bösen Nachbarn verdüsterte sein bißchen Freiheitsglück. Wie wollte er mit den Eltern Seder halten, wenn hinter der dünnen Wand der Nachbar? ... '- Er trat ins Haus, das wie umgewandelt War. Blitzsauber in allen Ecken, der Tisch mit allen Sedergegenständen versehen fast wie in früherer glücklicher Zeit. Selbst die bilderreiche; Hagadäh, die treue Begleiterin seiner Kindheit, fehlte nicht an seinem Platze, auch sein farbiges Glas mit den rot aufgedruckten Buchstaben „Pessach" war da. Stürzen wollte er sich in die Welle der Freude, die aus lieblichen Jugendgefilden hervorquoll. Aber halt! Aus den Gesichtern der Alten starrte Mahnung zur Vorsicht. Stumme Blicke wanderten nach der dünnen Wand. Der Nachbar! . :. . „Ich glaube, er ist nicht zu Hause," flüsterte die Mutter, „ich hörte die Türe nach außen flehen." Sie lauschten aufmerksam. Kein Ton w;ar drinnen zu hören. „Also beeilen wir uns, bevor er kommt," raunte der Vater. „Ich schließe die Türe von innen," flüsterte der Sohn, „und wenn es klopft, dann rasch alles vom Tische weg."' Es. ist schon wohl möglieh, dachte er, daß sie mich heute mit ihrem Besuche überraschen, wenn sie merken, daß ich beim roten Seder, den sie heute bei Brot und Bier in, ihrem Klube veranstalten, fehle. f Josef bat den Vater, die Becher einzuschenken und mit dem Hersagen der Hagadah zu beginnen. Er selber wagte nicht, die Flasche zu berühren und sich in seinem stillen Gebete merklich hervorzutun. Er hatte ja den Sabbat entweiht und hatte kaum noch das Recht, so glaubte er," seinen G'tt laut anzurufen. - „Alle Türen geschlossen?" erkundigte sich der Alte noch einmal. „Eine wahre Inquisition' in; allen Einzelheiten, mit Häschern und Spähern, ganz wie dazumal; fehlen nur die Scheiterhaufen, dafür aber gibt es die stille Aushungerung." „Wäre nicht der Nachbar, vertilgt sei sein Name . . ." wollte die Alte sagen. Aber der Alte fiel ihr ins Wort: „Wir wollen heute Abend kei-; nem fluchen. Es weiß keiner,'was in des Anderen Herzen vorgeht. Beeilen wir uns . . . „Schon recht," sagtje die Alte etwas pikiert. „Alle sind in deinen Augen Gerechte, auch die, de uns den Sabbat und den Pessach genommen, nachdem sie uns schon längst das Brot genommen hatten '.. , ." Was wird er anders sein, der liebe Nachbar? Hast Du schon einmal gemerkt, welche großen Augen er machte, äls er die Mesuso an unserer Türe erblickte? Als wollte er sie verschlingen mit seinen.Äugen unci uns mit." Aber der Alte hörte gär nicht mehr auf die Lamentation. Er war schon über die vier Fragen und'die eine AntwortV"[.Knechte waren wir" hin-' aus. Zwischen Stück und Stück deutete ein Seufzer das Leid des Tages, die Hagadah der Zeit an. Da wurden sie plötzlich alle stille. Draußen ging die Türe. Det Nachbar, war es, man kannte seine Schritte.' Eilig . ging ':«r in sein Zimmer. ,',Pscht! ... ." mahnte der Alte und setzte, die Gebete der Hagadah im leisen Flüstertone fort, man. hauchte gleichsam nur die Worte dahin, las sie aus dem alten Buche, wie man eine Zeifungslektüre liest. „G'tt hört unsere Stimme," meinte der Alte, als erklärte er was aus alten Schriften, „aber er s i e h t auch unsere Pein — da wo wir kein lautes Wort reden dürfen . . ." Aber die Alte hatte keine Ruhe. Ihre Augen wanderten nach der Wand, denn s i'e war es, die dem Nachbar am wenigsten traute und hatte Gründe und Beweise übergenug für dieses Mißfrauen. „Hier eine kleine Spalte," flüsterte sie, „sielji nach Josef, ob man nicht da hereinschauen kann.' Ich höre verdächtige Geräusche drüben." Josef stand auf, ging bedächtig an die Türe und schaute durch den Spalt, schaute und schaute wie gebannt, und man konnte sehen, wie ein leichtes Beben seine Gestalt bewegte. Als er sich umdrehte, winkte er den Vater an die Wand herbei. Lange Minuten schauten Vater und Sohn durch den Spalt, dann wandten sie sich um und saßen eine Weile sprachlos, ohne gleich den Faden der Hagadah wieder aufnehmen zu können. „Sagte ich es nicht," fing die Alte, nichts Gutes ahnend, an, „er steht drinnen und späht und lauscht und wird uns bald das ganze Komitee, ins Haus schicken."; „Nein," sagte derÄlte5,^ ersitzt drinnen bei einem J e,ljje^:4;mi tdrei Mazzaus und hält S £,d:ejr', urid.späht mit ängstlichen Augen nach der WäncT, dälrw i r ihn nicht belauschen und verraten ... Die Vollendung der Grabungen von Ur. Die sorgfältige Durchforschung der Stätte des alten Ur der Chaldäer, die nach zwölf Jahren nunmehr vollendet;[ist,' bedeutet die längste fortgesetzte archäologische' Atjbeit an einer einzigen Fundstätte, die'bisher unternommen wurde. Zwei in ihrer Art ganz verschiedene wissenschaftliche Institute, das B r i t i s c h e -M u s e u m und die Universität von Pennsylvanien, haben hier zusammen .gewirkt und Außerordentliches geleistet!; Man will sich jetzt auf die Durchsicht,. Beschreibung [ und5Veröffentlichung der überaus umfangreichen Entdeckungen konzenW trieren. Die Grabungen haben neues Licht in die Dämmerung der Geschichte geworfen .und sind bis in die Anfänge menschlicher Kultur vorgedrungen}; sie führen von der ersten Besiedlung des Eüphrat- . Tales, als Ur als „Flecken" in einem Sumpf entstand, bis in die Tage der ] persischen Großkönige»-' Die Grenzen geschichtlichen Geschehens sind dadurch um viele Jahrhunderte hinaufgerückt worden, und obwohl die Daten der vorgeschichtlichen Zeit hoch strittig sind, kann doch die gesamte Entwicklung der alt-babylonischen-Kultur jetzt in ihren wesentlichen Abschnitten als geklärt gelten, Eine erstaunliche Fülle von Einzelheiten wird aus Perioden, bekannt, die bisher nur in ungefähren Umrissen hervorgetreten ist. Das häusliche Leben der Bevölkerung von Ur zwei Jahrtausende vor d. übl, Ztr. wird uns,menschlich nahe gebracht. Eine Menge von Dokumenten, königliche Erlasse und Gesetze lassen die ersten Anfänge der Keilschrift und die Fortentwicklung der Schrift erkennen. Besonderes Interesse haben allgemein zwei Entdeckungen; erregt. Man fand in dem Grabeines frühsuimerischen', Königs deutliche Beweise dafür, daß in ei^er Epoche höher künstlerischer Kultur der primitive Brauch der mensch- 1 i c Ji e n G r:ä bu O p f e r noch bestand, und daß' Fräueii'und 7Skläyen ihrem toten Herrn ins Jen-,' 'sei'ts? folgen -mußten.'. 'Man "hatte bis dahin nicht.' gewußt, daß dieser Brauch in der mesopotamischen Kultur bestand. Von noch größerer Bedeutung aber war die Bestätigung der biblischen Ueberlieferung von der, S i n t f I u t. Die Unterbrechung ■■ efe^r Kulturs^ Auftreten von Flutschlamm, der an. einer Steife, in der Nähe: von Ur 3 Meter dick ist, bringen die — für uns überflüssige Bestätigung, daß eine' Ueberschwemmung,;.wie sie in der Bibel geschildert wird, die Welt zerstörte. Die ganze Unternehmung, die einen Markstein in der Geschichte der Archäologie darstellt. Wird für' immer mit dem Namen des Leiters C. L. W ö ö 11 e y verknüpft bleiben. Zum Andenken an Lehrer Kaiman Rothschild Vxt. Zu seinem ersten Jahrzeitstage am 25. Ijar. Vor etwa 50 Jahren kam Kaiman Rothschild f'xr als junger Lehrer an unsere Talmud .Thora-Realschule nach Hamburg. Aus seinem frommen Elternhause hatte er eine schwärmerische Liebe und Begeisterung für unsere heilige Lehre mitgebracht, die im Verlauf ^seiner Ausbildung und Studien am Kölner Lehrer-Semi-;-, nar durch seinen bis an sein Lebensende heißgeliebten - großen Lehrer, Seminardirektor Hirsch Plato ^"*t> wissenschaftlich fundiert wurde. Wie gern erzählte er, daß dieser ihm in jeder Beziehung Vorbild für seine gesamte Weltanschauung und Thoraforschung gewesen sei. Lehrer Rothschild war. während seines ganzen Lebens ein genügsamer und iänspruchsloser , Mensch, der in Gemeinschaft mit seiner hochgebildeten, ihm vor Jahren in die Ewigkeit vorangegangenen edlen Gattin mitgeringen materiellen:. Mitteln sein; Haus .gründete und seine Kinder^ Söhne und Töch- ' ter, zü Süchtigen Manschen und; begeisterten Juden, erzog;'Nür 'in einem-'Punkte kannte er keine. Genüg- '. samkeit. {und -•Zufriedenheit: in dem Streben nach weiterer Ausbildung und Vertiefung seines Thprawissens und seiner ihm angeborenen pädagogischen Fähigkeiten.' Rastlös arbeitete er an sich-.weiter und empfand wie selten einer die;, Größe des allmächtigen G'tt es in jedem Wort seiner offenbarten Thora, der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferung und zugleich in der Schönheit und Wahrheit des menschlichen Geistes, wie sie in der Literatur aller Kulturvölker und vornehmlich in unserer deutschen Geisteswelt enthalten ist. Thora im Derech Erez war sein, Ideal.;L'ehrer f Rothschild s..A. war ein deutscher Jude, von deutschem Geistesleben war auch seine jüdische Weltanschauung beeinflußt, deutsche Dichter und Denker waren die Lehrer seiner Jugend. Die Grundlage seiner Weltanschauung gab ihm jedoch das Judentum, dessen Wesener; sich durch eifriges Thorastudium, dem er buchstäblich Tag und Nacht oblag, in mühevoller und nie ermüdender Weise zu seinem ureigensten Besitz erwarb, und so wurde er ein Meisier der „Synthese von Thora und 2eitbildung". Lehrer Rothschild lernte, lehrte und, betätigte seinen köstlichsten Besitz, sein Judentum, bis in die letzten .Tage" sjeines | Hj. reich gesegneten Lebens. Ihm waren die Lehrendes;;' •!!■ - -

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