Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1934)
- Date
- 1934-05-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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lÄon" Der Israelit NuT!;20 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L» Lewähdo , frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Ach, wir hofften auf die Ankunft des Fürsten . . . Weh uns, daß diese Hoffnung eingetroffen ist!";;Was ist denn geschehen? Sprich deutlich! Sei barrilherzig und laß uns nicht verkommen vor Schrecken!" „Schrecken sagt Ihr?! . . . Wenn wir alle sterben, bleibt es sich gleich, ob wir ja oder nicht erschrecken!" „Aber so sage doch endlich, was vorgefallen ist?";,;Und wißt Ihr denn gar nichts?" ,,Woher sollen wir es wissen, wenn Du nur heulst und jammerst, ohne zu sprechen!" „Was habe ich da zu sprechen? Die Sache ist •einfach . . . Der Fürst . . . G'tt möge seinen Nämeri auslöschen . . . Der Fürst . . . wer hätte das von ihm, der uns immer so gnädig wär, erwartet? . . . Der Fürst . . . Uebrigens ist er vielleicht gar nicht schuld daran . . . vielleicht hat man uns bei ihm angeschwärzt . - . Haben wir dehn nicht Feinde genug?" „Wirst Du jetzt sprechen oder nicht, elender Heulmeier, Du?!" schrie der bucklige Jizchak, der in seinem aufwallenden Zorne mit einem Satze bei Reb Mendel war und ihn mit seiher knöchernen Hand am Halse packte. „Räuber, Mörder!" schrie der Synagogendiener, mit Händen und Füßen ringend. „Du erwürgst mich! . . , Ich rede ja deutlich, der Fürst —" „Was ist mit dem Fürsten? Schnell, rede, "wenn Du nicht erdrosselt sein willst!" „Der Fürst hat den Befehl gegeben, uns alle 2U töten!" „Wen?" fragten die Hörör entsetzt. „Uns arme Juden, uns alle, alle Juden, die sich in der Gemeinde vorfinden!" „Wie kann das sein?" fragten alle entsetzt in wildem Aufschrei. Darauf herrschte Totenstille; der Schrecken über die entsetzliche Mitteilung lähmte ihre Glieder, und in dumpfer Betäubung, mit stieren, glanzlosen Äugen starrten die Unglücklichen auf Mendel, der sonst so geschwätzig war, aber jetzt kein Wort fand und stumm, wie zu- Stein erstarrt, auf der Treppe vor der heiligen Lade saß, die Härtde gegen das Herz pressend und das Haupt tief auf die Brust senkend . . . Dieses Schweigen, das mehr als alle Wehrufe die Verzweiflung dieser Armen ausdrückte, wurde plötzlich durch eine große Schar Weiber unterbrochen, die mit wildem Jammergeschrei in die Synagoge stürzten, um ihre Männer zu suchen. Jetzt fuhren auch diese aus ihrem stumpfen Hinbrüten auf, und ihr markerschütterndes Klagen und Jammern mischte sich iri das der Weiber, so daß schier die Wände des G'tteshauses erbebten. „Zum Rabbiner! Zu Reb Schachne!", schrieen nun mehrere Stimmen zugleich, und sofort drängte Alles nach dem Ausgange, hastend, stoßend, und drängend; als hinge Leben, Rettung und die letzte Hoffnung nur Rabbiner und Reb Schächhe ab. . Wenige Minuten später war die Synagöge leer ... Die sieghafte Morgenröte hätte mit ihren Strahlen die Reste der Nachtschatten, die sich am Himmel noch zu behaupten suchten, verscheucht. Ganz Niedczicz, Männer, Frauen und Kinder, waren bereits auf den Beinen, denn die Trauerkurtde hatte sich mit Windesschnelle von Haus zu Haus und von Mund zu Mund verpflanzt. Geträgen von einem Gefühle und einem Gedanken, strömten alle vor das Haus des Rabbiners, um bei ihrem Berater und Tröster auch diesmal Rät, Trost und Hilfe zu finden. Mit sehnsuchtsvollen Blicken sahen sie dem Erscheinen des Greises entgegen, ihres guten, treuen Hirten, der zu jeder Zeit sein Herzblut für sie hingegeben hätte. Und in der Tat waren sie auch jetzt sein einziges Fühlen und Denken, denn seit Mitternacht saß er mit Reb Schachne und deri Vorstehern in seinem Zimmer eingeschlossen, um zu beraten, wie das drohende Unheil gebannt werden könnte . , . Endlich erschien der Erwartete; rechts und links auf den Arm zweier Vorsteher gestützt; denn sein greiser Körper war von'der durchwachten Nacht und der Schreckensbotschaft schwer angegriffen. Kopf und Hände zitterten, ühd die geröteten, überwachten Augen schwammen in Tränen, welche ihm in den milchweißen Bart hinäbti-öpfteri. „In die Synagoge, meine Kinder!" stieß er mit schwacher, kaum hörbarer Stimme hervor. „In die Synagoge! . . . Dort will ich Euch alles sagen, was ich zu sagen habe!" ... Von Mund zu Mund pflanzte sich die Aufforderung des Rabbi fort, und alle drängten mit atemloser Hast in die Synaögge, wohin auch der Rabbi mit Reb Schachne und den Angesehenen der Gemeinde ihren Weg nähmen. Auf den Arm des Synagogendieners gestützt, bestieg 6r Unter schweren Seufzern langsam die Stufen zur heiligen Lade, wo er mit schwacher, gebrochener und tränenerstickter Stimme begann: „Rabosay! Unserer großen Sünden wegen hat G'tt ein schreckliches Unglück über uns verhängt. Wir schweben in großer Not und Gefahr . . . G'tt aber ist die Wahrheit und die Quelle alles Rechtes ... Er hat unser Gebet erhört und unseren Wunsch erfüllt. Wir haben um die Rückkehr dfes Fürsten gebetet, Er hat unsere Bitte erfüllt ... Aber wer weiß, ob unser Gebet Ihm zu Willen war? Ob Er nicht eben durch die Erfüllung unserer Bitte uns schwer und hart bestraft hat . . . Einen ganz ähnlichen Fall finden wir in der heiligen Thora. Als den Söhnen Israels die Himmelskost des Manna überdrüssig wurde und sie gegen Moses; ihren treuen Hirten, murrten mit den Worten: „Wer gibt uns Fleisch zu essen!", da erfüllte G'tt ihren Willen und ließ ihnen Wachteln vom Meere kommen, die sie in vollen Haufen sammelten. Aber wie heißt es da weiter: „Noch war das Fleisch zwischen ihren Zähnen, bevor es verdauet war, da stiftete G'tt unter ihnen eine große und schwere Niederlage." Aus diesem Falle ersehen wir, daß G'tt zuweilen unseren Willen erfüllt, uns aber nicht immer damit eine Gnade erweist. Rabosay! Wir haben zu G'tt gefleht, daß der Fürst zurückkomme — jetzt ist er da und hat Todesgefahr über uns verhängt. Das ist immer das Ende, wenn man auf Erdensöhne vertraut, auf Geschöpfe von Fleisch und Blut!" ,-,Wehe über uns! Wehe! Wehe!" jammerten die Hörer lind schlugen mit den Fäusten gegen die Brust. Oer Rabbi holte tief Atem und führ fort: „Rabosay! Es ist nicht unmöglich, daß unser Ende nahe ist, daß diese Stünden die letzten sind, die wir noch zu leben haben, daß wir bereits morgen um diese Zeit vor dem allerhöchsten Richter stehen! Aber unsere Weisen lehren, daß „wenn Dir das Messer am Halse liegt, so verzweifle nicht an der Barmherzigkeit G'ttes!", denn der Heilige, gelobt sei Sein Name, kann alles und Seine Gnade hat keine Grenze. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben! Unser „Gewir" — er soll leben — und noch einige Vornehmen der Gemeinde haben beschlossen, sich dem Fürsten zu Füßen zu werfen, um für unsre Leben und das unserer Brüder zu bitten. Ihr wisset ja alle, was die heilige Schrift sagt; „Das Herz der Könige und der Fürsten ist in der Hand G'ttes." Wenn Er es will, wird der Fürst uns gnädig sein und dessen Zorn in Gnade und Huld sich wandeln!" „Amen! Amen! Mög' es so werden," stimmten alle ein und schon fühlten sie belebende Hoffnung in ihr Herz einziehen . . . „Aber Rabosay!" fuhr der Rabbi fort. „Unsere Weisen lehrten auch: „Nicht jeden Tag treffen Wunder ein." Ihr wisset, was ich damit sagen will. Wenn G'tt es über uns beschlossen hat, daß wir sterben, dann mögen uns jene heiligen Märtyrer, derer wir bald in den Klageliedern gedenken werden, vor Augen stehen und als Vorbild diehen, wie der Jude zu sterben weiß, wie er für die Sache G'ttes sein Leben hingibt, für Ihn und Seine heilige Lehre, die uns kostbarer sind; als alle irdischen Schätze. Rabbi Akiba, Rabbi Jehuda, Rabbi Elieser und alle die anderen heiligen Märtyrer sind mit dem Worte G'ttes auf den Lippen aus dem Leben geschieden, und glecih ihnen wollen auch wir sterben, G'tt im Herzen, Seinen heiligen Namen auf den Lippen, und unser Teil wird das ewige Leben sein. Aber Rabosay, bevor unser Los zum Leben oder zum Tode entschieden wird, wollen wir das Morgengebet verrichten, dessen Zeit schon lange angebrochen ist!" Sd sprach er und stieg mit Hilfe des Synagogendieners die Stufen vor der heiligen Lade herunter. Seine Ansprache verfehlte ihre Wirkung nicht. Alle fühlten sich ruhiger, denn in ihre Herzen zog mit der Hoffnung auch Mut und Stärke ein, alles zü ertragen, uhd die Angst und Verzweiflung war dem Gefühl der Demut und G'ttergebenheit gewichen . . . Nach althergebrachter Sitte begäben sich die Juden, als das Gebet vorüber war, auf den Friedhof, um die Gräber ihrer Eltern und Verwandten zu besücheti. Uni dieselbe Zeit stieg Reb Schachne mit den Vorstehern den Hügel zum Palast empor, um die Gnäde ihrrs Heren und Gebieters zu erflehen. Fürst Radczhski saß auf seinem Ruhebette und schlürfte nachlässig den Kaffee, während er von Zeit zu Zeit aus der mit Perlen und Edelsteinen besetzten Pfeife einen Zug tat. Ihm gegenüber saß sein Brudersöhn, der General Marowski, der ebenfalls seinen Kaffee einnahm und in den Zwischenpausen dem Onkel ein Witzblatt vorlas, das ihn immer am meisten erheiterte und seine böse Laune zerstreute. Im Vorgemache, dem Ruhebette gegenüber, stand der Marschall, der Befehle wartend, die ihm sein Herr erteilen würde. Der Zorn des Fürsten hatte seit gestern bedeutend nachgelassen, urid ein Zug von Milde und Wohlwollen lag auf seinem Antlitze, so daß der gute Märschall den Zeitpunkt als den günstigsten erachtete, sein Mitleid für die armen Juden anzurufen, die Zurücknahme des schrecklichen Befehls zu erbitten. Deshalb meldete er jetzt die Kahls-Deputation, die schon seit einer Stunde wartete , . , „Kahl?", fragte der Fürst und seine Gesichtszüge verfinsterten sich wieder. „Wo war Kahl, als sein Herr und Fürst, der sich zwei Jahre unstet in der Welt herumgetrieben, endlich in sein Heim zurückkehrte? Wo war Kahl damals?" „Gestern war großer Traüertag der Juden, zum Andenken an die Verwüstung ihres Tempels, sie befanden sich in der Synagoge, wo sie weinten uhd betetefi \ ..." (Fortsetzung folgt.)