Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450826--80423-2538254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 Nr. 20 Der Israelit 17. Mai 1934 blick bedeute. Unter Aufnahmefähigkeit verstehe man nicht, daß in einem bestimmten Augenblick eine gewisse Zahl von Menschen Beschäftigung finden kann. Man müsse auch die allgemeine Zukunft des Landes mit in Betracht ziehen. Jeder Jude, der nach Palästina kommt,, will dort sein dauerndes Heim fin den. Die einzigen Männer, die sich ein richtiges Urteil über die Aufnahmefähigkeit des Landes bilden können und die Verantwortung tragen, seien die an Ort und Stelle in der Verwaltung tätigen Männer, die dort Tag aus, Tag ein arbeiten und ihre einzigartige Kenntnis Palästinas ausschließlich im Interesse des wirtschaftlichen Vorteils und der allgemeinen Wohlfahrt des Landes verwerten. Er werde niemals versuchen, Beurteilung und Entscheidung darüber, wieviel Menschen der einen oder der andern Kategorie in einem bestimmten Zeitpunkt einwandern können, diesen Männern aus der Hand zu nehmen. Palästina, Dementi, Jerusalem, 8, Mai. In der letzten Nummer des „Kol Jisroel" dementiert Oberrabbiner Duschinsky die Nachricht, wonach er den von ihm bestätigten Issur gegen moderne Schulen auf das „Beth Jakob"-Schul- und Kindergartenwerk angewendet wissen wolle. Anschläge, die solches fälschlicherweise behaupteten, waren in der Woche zuvor in der Stadt angebracht worden. Es wäre zu wünschen, daß die Männer, die unter fälschlicher Ausnützung der rabbinischen Autorität Verwirrung stiften, zur Verantwortung gezogen würden. Plan der Einführung der Einkommensteuer in Palästina fallen gelassen? Jerusalem, 8. Mai. Der vom British Board of Inland Revenue der Kommission, die von der Palästinaregierung zu Erhebungen über die Möglichheit der Einführung einer Einkommensteuer eingesetzt worden war, zugeteilte Berater J. F. Huntington hat die Rückreise nach London angetreten. Wie der ITA. aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, ist Herr Huntington zu der Ueberzeugung gelangt, daß Palästina für die Einführung der Einkommensteuer noch nicht reif ist. Man hofft, daß auf Grund des Berichtes J. F. Huntingtons der Einkommensteuerplan, der in jüdischen Wirtschaftskreisen starke Beunruhigung ausgelöst hatte, fallen gelassen werden wird. Die palästinensische Judenheit lehnt den Plan ab, weil die Steuer den Zustrom von neuem Kapital hemmen und vorwiegend von der jüdischen Bevölkerung getragen werden würde. Anläßlich der Prüfung des Planes der Palästinaregierung durch die Regierungskommission und den Delegierten Huntington sind von jüdischer und arabischer Seite Gutachten in dieser Sache eingeholt worden. Verfassungsfeier der polnischen Juden in Jerusalem. Jerusalem, 5. Mai. Am 3. Mai, dem Jahrestage der ersten freiheitlichen Verfassung. Polens, die zwar zur Zeit ihrer Entstehung die ihr zugedachte Rolle als Sturmbock . im Kampfe gegen das zaristische Rußland nicht spielen konnte, aber geistig fortwirkte und im neuen Polen als Sinnbild von Einheit und Freiheit verehrt wird, versammelten sich die in Jerusalem ansässigen polnischen Juden und polnisch-jüdischen Touristen zu vielen hunderten in der zentralen ostjüdischen Synagoge der Jerusalemer Neustadt, „Sichron Möschen", um ihrer Verbundenheit mit dem Geburtslande so vieler jüdischer Generationen Ausdruck zu geben. Diese Verbundenheit gewinnt in jüngster Zeit besondere Bedeutung durch die Ausgestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Palästina und die starke polnische Alijah. In Erkenntnis dieser Verflochtenheit hat die polnische Regierung ihren Außenhandelsspezialisten, Ministerialdirektor Dr. Sokolowski vom Handelsministerium, zur Ausstellung nach Tel Awiw entsandt und ihn sowie den Generalkonsul Kornikowski mit ihrer Vertretung bei der Feierlichkeit in Jerusalem betraut. Die beiden hohen Würdenträger hielten mit dem nur bei besonderen Anlässen üblichen diplomatischen Gepränge ihren Einzug in die überfüllte Synagoge. Zu Beginn des Festaktes wurde bei geöffneter Lade das Gebet „hanoten teschuah" für König Georg V. als'Souverän der Mandatarmacht so wie für, den polnischen Staatspräsidenten Prof. Moc zitzki und den Vorkämpfer für Polens Einheit und Freiheit, Marschall Pilsudski, sowie ein besonderer „Mi scheberach" für die Regierungsvertreter vorgetragen. Oberrabbiner Kuk begrüßte die Vertreter Polens als des Landes der bedeutendsten jüdischen Siedlung und würdigte den entscheidenden Anteil der polnischen Juden an der Bevölkerung, an dem religiösen Leben und am wirtschaftlichen Aufbau Palästinas. Raw Sienkiewicz, Rektor der vom „Gerer Rabbi" begründeten Jeschiwa „Sefat Emet" in Jerusalem, des geistigen Sammelpunktes weiter polnisch-jüdischer Kreise, gedachte in seiner Festrede der opferreichen Mitarbeit der Juden im Kampfe um Polens Erhaltung und Wiederaufrichtung und beim Ausbau der jungen polnischen Nationalwirtschaft. Er rühmte die freiheitlichen Grundlagen des polnischen Verfassungslebens und Marschall Pilsudski als Baumeister des neuen Po; len auf dieser erprobten Grundlage in der Zusammenfassung aller Kräfte zum nationalen Aufschwung im Innern, in der Ausgleichung der Gegensätze mit allen Nachbarn und in der friedlichen Steigerung des polnischen Ansehens in der Welt. Gerade die polnische Judenheit begrüßt den neuen Friedenspakt mit Deutschland, der die Stärke Polens zeige, das Gegensätze der Anschauung nicht zum Hemmschuh für den Frieden werden lasse, aber andererseits sich dem Eindringen judenfeindlicher Prinzipien verschließe. Raw Senkiewicz entrollte aber zugleich das Bild jüdischen Massenelends und mitleidloser Pauperisierung des polnischen Judentums und appellierte an die polnische Regierung, diesem Elend durch ihre Wirtschaftspolitik abzuhelfen; denn ein am Staatsaufbau mitarbeitendes Judentum ist das Rückgrat Polens, ein ausweglos versinkendes, dessen einzige Rettung der Wanderstab -wäre, eine offene Wunde des großen Ganzen. Der Redner Zeigte, wie der Aufstieg Großpoleris durch die weitschauende Judenpolitik Kasimirs des Großen gefördert wurde und jetzt'der polnische Außenhandel durch die auslandspolnischen Juden gefördert wird. Im einzelnen bittet Redner die Regierungsvertreter, sich für Zollermäßigungen auf Palästinawaren einzusetzen entsprechend der sich täglich verstärkenden Einfuhr polnischer Industrieerzeugnisse nach Erez Jisrael. Mit Worten jüdischer Brüderlichkeit für das deutsche Judentum und dem Aufruf an die polnischen Juden im Lande der Väter, harmonisch die Liebe zu dem altneuen Vaterlande Erez Jisrael mit der Anhänglichkeit an die polnische Heimat, die Pflanzstätte echten jüdischen Lebens, zu verbinden und dem Ausdruck der Hoffnung auf die Festigung der Existenzbasis der Millionen Juden in Polen schließt Raw Senkiewicz. — Die Feier war umrahmt von Gesängen des als Gast im Lande weilenden berühmten Oberkantors Kusbitzki aus Warschau und des Riwlin'schen Kinderchors aus Jerusalem. Der Arlosoroffprozeß. Jerusalem, 13. Mai. Auch die dritte Woche des Arlosoroffprpzesses treibt die Verhandlungen nicht recht vorwärts. Das Hauptinteresse wendet sich dem arabischen Häftling Abdul Medschid zu, der wegen einer anderen Mordsache seiner Verurteilung entgegensieht und sich vorübergehend zur Mordtat an Arlosoroff bekannt hatte, um nachher sein Geständnis zurückzunehmen. Die Sache ist noch keineswegs in allen Teilen geklärt und der Verteidiger Horace Samuel scheint immer noch seine größte Hoffnung auf dieses Moment zu setzen, während die an der Sache beteiligten Polizeiorgane daran festhalten, daß Medschid und sein Freund von Stavsky und Rosenblatt bestochen wurden, die Schuld auf sich zu nehmen. Als Zeuge für die letztere Annahme belastet ein Polizeiagent Cohen, der als Häftling (wahrscheinlich als Spitzel) die Zelle Rosenblatts teilte, die Angeklagten sehr. Nun beginnt unter größter Spannung die Vernehmung von Abdul Medschid. Er sagt aus, daß er Mechaniker von Beruf sei und zur Zeit zusammen mit seinem Freunde Issa el Derwisch wegen Ermordung eines arabischen Barbiers im Gefängnis sitze. Dort habe er die Angeklagten kennengelernt und mit Stavsky und Rosenblatt des öfteren gesprochen. Die Unterhaltungen bezogen sich auf den Grün,d ihrer Verhaftung. Bei der zweiten Unterredung habe ihm Stavsky 1000 Pfund unddie Stellung ausländischer Verteidiger versprochen für den Fall, daß er auch die Schuld an dem Ariosoroffmord auf sich nehme. Darauf habe Stavsky ihn zur besseren Orientierung genau geschildert, wie sie, Stavsky und Rosenblatt, den Mord an Arlosoroff begangen hätten. Der Araber erzählt nun den Hergang in allen Einzelheiten, wie er aus den Zeitungen bekannt ist. Die Tatsache, daß andere Mitgefangene nichts von den Verhandlungen gehört und gemerkt haben, erklärt der Zeuge damit, daß sie immer nur. durch Tür und Fenster leise gesprochen hätten. Verhandelt wurde in Hebräisch, das. er, Medschid, ein wenig verstehe. Die Vernehmung Abdul Medschids zog sich auch noch am Dienstag hin. Es wird das Protokoll seines ersten Geständnisses verlesen. Er hatte damals sogar genau die Kugel bezeichnet, mit der er, A". getötet hätte. Medschid hatte das erste Geständnis tags darauf noch einmal vor dem Inspektor Schitreet wiederholt und das Protokoll unterzeichnet. Sein Freund Issa el Derwisch hatte aber entschieden bestritten, am Morde beteiligt gewesen zu sein. Als der Verteidiger die näheren Umstände prüft, unter denen Medschid seine Selbtbezichtigung zurückgenommen hatte, ob er dazu von irgend einer Seite verleitet wurde und wer auf ihn in dieser Richtung einwirkte, kommt der Zeuge sichtlich in Verwirrung und bleibt zumeist die Antwort, schuldig, so daß. der Vorsitzende ihn erregt ermahnen muß, Rede und Antwort zu stehen. Es wird festgestellt, daß Medschid den Tatort und dessen Umgegend genau kennt und daß er gelegentlich auch im Dienste der Polizei gegen Bezahlung arbeitete. Er gibt jetzt zu, am Mordtage mit seinem, Freunde Issa in Tel Awiw gewesen zu sein, sie hätten aber nur den Ringkämpfen beigewohnt. Warum er dem Barbier Lufthi zugegebenermaßen den Kopf abgeschnitten hatte, fragte der Verteidiger. „Eine Familienangelegenheit," antwortete der Zeuge in aller Seelenruhe, Arlosoroff zu töten, hätte er aber keinen Grund gehabt. Er beteuert noch einmal, daß er sein Geständnis ohne Zwang und aus freien Stücken zurückgenommen hätte, und zwar als er merkte, daß der Fall politische Hintergründe habe. Der Verteidiger Samuel zog das Fazit der Vernehmung dahin, daß nunmehr seine Ueberzeugung von der Schuld Medschids noch stärker sei als zuvor und er nicht eher ruhen würde, als bis er diese Schuld nachgewiesen hätte. Spaltungen im Jerusalemer Misrachi. Jerusalem, 8. Mai. Die Unstimmigkeiten auf der letzten Sitzung des zionistischen Aktionskomitees kamen auch in einer öffentlichen Misrachi Versammlung zum Ausdruck. Es zeigte sich dabei, daß sich Misrachi in einen rechten und in ,einen linken Flügel spaltet, und zwar steht der erste unter Führung von Rabbiner Fischmann und H. Farbstein in starker Oppo- :. sition gegen Histadruth, während der .andere jinter., Führung von Rabbi Ostrowski und M. Berlin zum Frieden mahnt. Die letzteren Herren erstatteten einen Bericht über Sitzung des A. C. unter Betonung der religiösen Erfolge des Misrachi. Indes führten Fischmann und Farbstein eine ganz andere Sprache. Fischmann fordert einen Kampf gegen Keren Hajessod bis zum Letzten. Farbstein greift scharf den P o e 1 Hamisrachi an, der sich als Schattenbild der. Histadruth nachschleppe. Als Rabbi Ostrowski in «einer Antwort den Keren Hajessod in Schutz nahm, wurde er von den Revisionisten wiederholt unterbrochen und am Reden verhindert. Zuletzt wurde eine Erklärung abgegeben, daß diese Dinge in einer internen Beratung des Misrachi behandelt werden müssen und nicht vor das Forum einer öffentlichen Versammlung gehören.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.