Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1934)
- Date
- 1934-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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17; Mai 1934 Der Israelit Nr. 20 Seite 9 diejenigen, die nach Erez Isroel gehen, — sich hier zur vor noch sättigen und laben an wahren jüdischen Bil-* dungswerten (im Sinne, wie Ernst Simon es ihnen so prachtvoll, gezeigt hat), dann ist ja die Arbeit hier nicht ohne bedeutenden Sinn und Zweck. Es ist' die Arbeit der Aelteren für die Jungen, für ihre geistige . Hachschara. kad. Oesterreich. Von der ^Einheit der Wiener Ktiltusgemeinde". ' W i e n , 13. Ma. Gewissermaßen als Antwort auf die nur allzubegreiflichen Forderungen der legitimen Wiener Orthodoxie, die in ihrer Jugend zum explosiven Dürchbruch kamen, gelang es den Drahtziehern um die Kultusgemeinde herum, eine Anzahl von Bethäusern mobil zu machen, um für die „Einheit der Kultusgemeinde in bisheriger Weise" Zeugnis abzulegen. Die große Versammlung fand im Hotel Continental statt, wo Rabbiner Jakob Friedmann, Kultusrat Dr. Rosenberg, der vielgenannte Vizepräsident Dr. Löwenherz und viele andere, der Kultusgemeinde, der sie allerdings nahe genug stehen, um sie zu kennen, ein Attest ausstellten, daß sie die religiösen Bedürfnisse der Gemeinde voll befriedige, ihren Einheits- und Friedenswillen in hohen Tönen lobten und gegen die „orthodoxen Störenfriede" protestierten. Der Herr Kultuspräsident, Dr. Desider Friedmann, entrüstete sich darüber, daß man die Anrufung nichtjüdischer und antijüdischer Kreise für die orthodoxen Zwecke nicht verschmähe. Zur gleichen Zeit, da die Herren selbst keine Gelegenheit unversucht lassen, mittels der hohen und höchsten Behörden ihre Position zu stärken und die jüdische Vertretung im „Kulturrate" so zu gestalten, daß sie alles andere eher denn jüdische Belange vertritt. Selbstverständlich gelang es, auch „führende Männer" der aus einem rechten und linken Flügel bestehenden Union österreichischer Juden für die Weitererhaltung der „Einheit um jeden Preis" zu gewinnen. Holland. Gesetz gegen antisemitische Propaganda in Holland. Amsterdam, 11. Mai. Die zweite Kammer des holländischen Parlaments hat mit großer Stimmenmehrheit einem vom Justizminister Dr. van S c h a i k vorgelegten Gesetzentwurf zugestimmt, der verhetzende Propaganda und Handlungen, die Haß gegen bestimmte Bevölkerungsteile erzeugen könnten, unter Strafsanktion stellt. In Begründung seiner Vorlage hatte der Minister auf die Notwendigkeit hingewiesen, strengere Maßnahmen gegen die Verbreitung antisemitischer Flugschriften und sonstige antisemitische Propaganda, wie sie im letzten Jahr in Holland aufgetreten sei, zu treffen. Die öffentliche Meinung in Holland hatte seit langem die Schaffung eines derartigen Schutzgesetzes gefordert. Polen. Die antisemitische Propaganda der Nationalradikalen in Polen. — Memorandum der Aguda-Abgeordneten an den Innenminister. Warschau, 11. Mai. In der Warschauer Vorstadt Molotow ist es zu wiederholten Angriffen nationalradikaler Exzedenten gegen jüdische Einwohner gekommen. Die Schaufensterscheiben vieler jüdischer Geschäfte wurden zertrümmert, zahlreiche Juden schwer mißhandelt, der 17jährige Chaim Weber ernst verletzt. Die jüdischen Einwohner der Vorstadt wagen es nicht, die Straßen zu betreten. Auch in Warschauer Parkanlagen werden jüdische Passanten durch Nationalradikale belästigt; die Nätionalradikalen schlugen an den Parkeingängen Plakate mit der Inschrift: „Juden ist der Eintritt verboten" an. In W i 1 n a wurde das erste Urteil gegen Nationalradikale, die an den jüngsten Ausschreitungen beteiligt waren, gefällt. 12 Nationalradikale wurden zu 10 bis 30tägigen Gefängnisstrafen ohne Zubilligung einer Bewährungsfrist verurteilt. Der dem Regierungslager angehörende Club der agudistischen Sejmabgeordneten hat dem Minister des Innern ein Memorandum überreicht, das sich ausführlich mit der neuen antisemitischen Welle, die vieler- „c,n ^»^j Die Woche. Berlin. In einem 'ini Namen des Gesamtmihisteriüms veröffentlichten Runder-; laß des Preußischen Finanzministers werden die reichsrechtlichen Bestimmungen für verheiratete weibliche Beamte auch auf die Beamtinnen und Lehrerinnen in den Ländern, Gemeinden und sonstigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts ausgedehnt. Weibliche Beamte, die nach dem I. Juli 1933 mit einem Nichtarier die Ehe eingegangen sind oder künftig eingehen, werden entlassen. Eine Abfindung wird nicht gewährt. — Vom Preußischen Justizministerium wurde verfügt, daß jüdische Strafgefangene in den Strafanstalten inbezug auf die Verpflegung genau so gehalten werden, wie die anderen Gefangenen. Nur in Fällen, wo eine Selbstverköstigung des Verhafteten gestattet wurde, kann diese auch rituell sein. — Der Preußische Ministerpräsident hat dem praktischen Arzt Dr. med. Carl Blumenthal-Barby aus Berlin- Treptow, Hoffmannstr. 12 die Rettungsmedaille am Band verliehen. Am 22. Januar vorigen Jahres hat Dr. Blumenthal- Barby unter erschwerten Umständen zwei Personen aus dem Sakrower See vor dem Tode des Ertrinkens gerettet. — Die Geschäftsstelle des „Elternhilfswerks für die jüdsche Jugend e. V." befindet sich in Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158 Gth, II. Beiträge werden auf Postscheckkonto Berlin Nr. 79068, Hugo Midas Elternhilfswerk, Berlin, S. O. 36, erbeten. — Die vor einigen Wochen unter dem Titel „Wirtschaftsförderung" angekündigte Gesellschaft hat nunmehr ihre Tätigkeit aufgenommen. Die Firma lautet: „F. W. I. Gesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher Interessen von in Deutschland wohnhaften oder wohnhaft gewesenen Juden, m. b. H." Sie beschäftigt sich in erster Linie mit der Verwaltung und Verwertung von Vermögen nebst allen dazu gehörigen Geschäften. Die Gesellschaft befindet sich in Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158. Breslau. Vor dem hiesigen Schöffengericht wurde der aus Polen stammende 65 Jahre alte Geflügelhändler Kurzbach wegen Vergehens gegen das Schächtverbot zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Es wird ihm vorgeworfen, Geflügel geschächtet zu haben. Dessau. In G r ö b z i g , wo kaum noch eine jüdische Gemeinde besteht, wurde die leerstehende Synagoge auf 30 Jahre kostenlos dem Heimat mu s e u m zur Erweiterung ihrer Räume zur Verfügung gestellt. Nach Ablauf dieser Frist fallen Synagoge und Friedhof der Stadt zu. Wuppertal. In der Nacht vom 25. zum 26. März 1934 waren, wie aus Wuppertal gemeldet wird, auf dem jüdischen Friedhof in Heiligenhaus 28 Grabsteine umgeworfen worden. Der Täter wurde jetzt zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt. Warschau. In der Vorstadt G r o c h o w wurde eine Chaluzfarm von Nationalradikalen überfallen. Die Chaluzim setzten sich zur Wehr, wiesen den Angriff ab und hielten drei der Angreifer solange fest, bis sie sie der eingetroffenen Polizei übergeben konnten. — Ernstliche Exzesse fanden in letzterer Zeit in Warschau, Bialystok, Lodz und Czenstochau statt. In Bialystok, wo sich die Juden einige Tage nicht auf die Straße trauten und wo man 20 Verwundete zählte, herrscht jetzt völlige Ruhe. In W i 1 n a konnte die Polizei nationaldemokratische Ausschreitungen im Keime ersticken. London. Die Londoner Presse teilt mit, daß Führer der jüdischen Gemeinde in Kenya dem britischen Mandatsland in Ostafrika, nach London den Plan einer Ansiedlung von 1000 Juden in diesem Gebiet übersandten. Jerusalem. Die Zentralbank Kooperativen hat 10 000 Pfund für Anleihen an deutsch-jüdische Flüchtlinge in Palästina für Ankauf von 'Werkzeugen und Inventar zur Verfügung gestellt. Die Einzeldarlehen dürfen hundert Pfund nicht überschreiten und müssen in fünf Jahren zurückgezahlt werden. — In Jerusalem sind die sterblichen Ueberreste des 1891 in Odessa verstorbenen Verfassers der „Autoemanzipation" und ersten Präsidenten des Odessaer Palästina-Komitees, Dr. Leo P i n s k e r , eingetroffen. orts zü schwersten Ausschreitungen geführt habe, beschäftigt. In dem Memorandum werden die juden- . feindlichen Ausschreitungen in Bialystok, Wilna, Lodz, Czenstochau, Pruszkos, Klobuck und anderen Orten geschildert. Die Regierung wird darauf aufmerksam gemacht, daß diese Ausschreitungen auf die antisemitische Propaganda der nationäldemokratischen Presse zurückzuführen sind, und aufgefordert, gegen die antisemitische Hetze energisch Stellung zu nehmen. England. Palästinadebatte im Unterhaus. — Annahme der Palästinaanleihe. London, 11. Mai. In der am 11. Mai abgehaltenen Sitzung des Unterhauses wurde das Ermächtigungsgesetz zur Ausgabe einer Zwei Millionen Pfund- Palästina-Anleihe einmütig angenommen. Der Abstimmung ging eine lebhafte Debatte voraus, in der außer den für die Ausgabe der Anleihe maßgebenden Gründen auch Fragen der allgemeinen englischen Palästinapolitik und des Jüdischen Nationalheims zur Sprache kamen. Der Minister für die Kolonien, Sir Philip Cun- 1 i f f e - L i s t e r , sagte in der Begründüng u. a., er sei dahin informiert, daß die Ausgaben aus der An-: leihe zu zwei Drittel den Arabern, zu einem Drittel den Juden zugute kommen würden. Golonel Josia Wedgwood kritisierte die englische Palästinapolitik, die nicht mehr bemüht sei, das Land durch Bevölkerungsvermehrung zu entwikkeln und den Gedanken des Jüdischen Natiorialheims zu fördern. Statt dessen sei sie zu der ausgesprochen antisemitischsten Regierung im ganzen britischen Reich geworden. (Zwischenruf Lord Wintertons: „Gefasel!") Die Haltung der Regierung gegenüber der Einwanderung von Juden aus Deutschland könne nur damit erklärt werden, daß die Beamtenhierarchie der Palästinaregierung die deutschen Juden nicht mag. Diese Beamten beriefen sich darauf, daß den palästinensischen Juden die Juden aus Deutschland nicht willkommen seien und daß sie vollkommen damit zufrieden seien, daß man die Einwanderer aus Deutschland nicht zuläßt. Colonel Wedgwood erklärte, im letzten Jahre seien 10.000 Juden aus Deutschland nach Palästina gekommen. Das seien die letzten Auswanderer aus Deutschland gewesen. Nach der neuen Schedule sei nun die Einwanderung von Juden aus der ganzen Welt auf 5600 beschränkt worden. Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister: „Das ist eine vollständig unrichtige Darstellung der Tatsachen, Die Arbeiter-Schedule bildete nur einen Teil. Im vorigen Jahr betrug die Arbeiter-Schedule 19,000 von einer Gesamtzahl von 30.000." Colonel Wedgwood erwiderte, er freue sich sehr über diese Richtigstellung. 11.000 Personen, die außerhalb der Arbeiter-Schedule zur Einwanderung zugelassen wurden, seien somit Kapitalisten gewesen. Dies sei besser als er gedacht habe. In Palästina brauche man den arbeitenden Juden und nicht den Juden mit einem Kapital von 1000 Pfund. Der Konservative Lord Winterton, früherer Unterstaatssekretär für Indien, wandte sich gegen die Auffassung Colonel Wedgwoods, daß die Palästinaregierung proarabisch sei. Dies sei ein sehr ernster Vorwurf gegen die Verwaltung Palästinas durch einen Mann, der in Südafrika erfolgreich eine Verwaltung geführt habe. Es sei nicht richtig, daß Geld, wie Colonel Wedgwood gesagt habe, nur für arabische und nicht für jüdische Dörfer verwendet werde. Ebenso unrichtig sei es, daß die Juden im Erziehungswesen zurückgesetzt würden. Wenn die Entwicklung und Prosperität Palästinas anhalten sollen, dann müsse diese Entwicklung auf der Grundlage guter Beziehungen und gemeinsamer Arbeit beider Volksstämme vor sich gehen. Diese Entwicklung könne durch nichts aufgehalten werden, außer durch Reden, in denen die Lage sowohl von Zionisten als auch solchen, die den arabischen Standpunkt vertreten, in übertriebener Weise dargestellt werde. In seinem Schlußwort sagte der Kolonienminister u. a.: Die Entscheidung über die Zahl der Einwanderer, die zugelassen werden können, müsse von der Aufnahmefähigkeit des Landes abhängen, was nicht >die Aufnahmefähigkeit in einem bestimmten Augen-