Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1934)
- Date
- 1934-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 20 Der Israelit 17. MaM?34 ken könnten, so mögen sie davon überzeugt sein: das, was'die Welt'in Bezug auf die Juderifrage uns antun könnte/ das hat sie getan, das haben wir in Kauf genommen: Die Judehschaft kann davon überzeugt sein, wir lassen sie in Ruhe, wenn sie still und bescheiden sich in ihre vier Wände zurückzieht, wenn sie nicht provoziert, und wenn sie nicht vor das deutsche Volk tritt mit dem Anspruch, für vollwertig und gleichwertig angesehen zu werden. Tut die Judenschaft das nicht, so muß sie die notwendig eintretenden Folgen sich selbst zuschreiben." Es sei dazu nur bemerkt, daß die Juden Deutschlands eine ihnen in der Form von Boykott deutscher Ware ' vom Auslande zugedachte Hilfe einmütig ablehnten und heute noch jeglichen Versuch, auf diese Art von außen her die Judenfrage in Deutschland zu lösen, entschieden und mit Entrüstung zurückweisen. Gerade in Palästina, dem einzigen Lande, in dem man von einem jüdischenEinheitswillen sprechen kann, haben führende Männer der Religion und "der Wirtschaft Stellung gegen den Boykott genommen und hat sich der Boykott auch nicht d u r c h gesetzt. Was die Mahnungen des Reichsministers an die deutschen Juden anbelangt, sich „still'und bescheiden. in ihre vier Wände zurückzuziehen," so bedarf es solcher Mahnungen für diejenigen nicht, die ihre Wegweisung aus der ewigen Weisheit der Prophetie, insbesondere aus Jesajas 26, 20 empfangen. In dieser Erbschaft ihrer großen Vergangenheit werden die Juden grade heute, da geschichtliches Denken mehr als je zu Ehren kommt, auch Trost dafür finden, daß man ihnen die Anerkennung rassischer Gleichwertigkeit' versagen zu müsseh glaubt. Ihr „eigenes Ehrbewußtsein wird davon nicht berührt. Der Boykott deutscher Waren in England. Frankfurt a. M., 15. Mai. Der Londoner Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" schreibt seinem Blatte unterm 13. Mai u. a. folgendes: „Der von britischen Juden gegen den Willen ihrer Führer und ihrer deutschen Glaubensgenossen organisierte Boykott schien anfänglich einige Warengattungen empfindlich zu treffen, er hat aber, wie die Statistik zeigt, auf die Dauer nicht vermocht, dem deutschen Handel mit England wirklich zu schaden." wie auch der Handelsverruf, den die Leitung der Gewerkschaften und der Arbeiterpartei durchfühlen wollten, ein Fehlschlag war." Ebenso wie in England ist auch anderwärts die ganze Boykottbewegung gegen Deutschland ein Unternehmen, das aus unkontrollierbaren Gefühlsregungen der Volksmassen ihre Kräfte zieht und fast überall erfolgt sie gegen den Willen der von politischer Vernunft geleiteten jüdischen Führer und ganz gewiß gegen den Willen der deutschen Juden selbst, deren angeblichem Interesse die Bewegung dienen soll. Diese dafür verantwortlich zu machen ist also gewiß nicht gerechtfertigt. -- - „Anstandsunterricht für Juden". Berlin, 13. Mai. Der „Angriff" richtet eine Aufforderung „an alle Leser, Parteigenossen, SA-Männer und Arbeiter", der Schriftleitung „jeden Fall von jüdischer Unverschämtheit mitzuteilen, der sich in den letzten Monaten und Wochen ereignet hat", damit dieses Material veröffentlicht werden könne. Das nationalsozialistische Blatt begründet dies damit, daß zahlreiche Juden in letzter Zeit „glauben, wieder durch arrogantes Betragen auffallen zu dürfen", nachdem sie sich eine Zeitlang zurückhaltender benommen hätten. Das bedeute keinen Pogromgesang, sondern es handle sich um einen „Anstandsunterricht für die geschonten und geduldeten Staatsbürger jüdischen Glaubens". „Keiner rühre die Juden an! Aber jeder gebe , acht auf sie, auf der Straße, im Freien, in den Lokalen, im Beruf, überall, wo er einzeln, besonders aber wo er in Scharen auftritt." Dazu bemerkt die „Frankfurter Zeitung" vom 12. Mair „Wir bezweifeln nicht, daß es nicht wenige Leser des „Angriff" geben wird, die einer solchen Aufforderung mit Eifer nachkommen werden, aber wir bezweifeln sehr ernsthaft, daß dabei für die friedliche Zusammenarbeit alleram Wiederaufbau Deutschlands beteiligter Staatsbürger etwas Gutes werde herauskommen können!" "... .- .. Verlängerung der Legislatur-Periode, .der.;Ge-. - meindekorpei^ Jüdischen. Gerneinde. " '"""Berlin, 9, Mai. Gemeindeoffiziell wird mitgeteilt; Um die Fortsetzung der aufbauenden Arbeit der Gemeinde zu ermöglichen und um entbehrliche Auseinandersetzungen in einem Wahlkampf zu vermeiden, hat die Repräsentantenversammlung in ihrer Sitzung vom 8. Mai dem Antrag des Gemeindevorstandes zugestimmt, die Mandatsdauer der Repräsentantenversammlung und des Vorstandes um zwei Jahre, demnach bis Ende 1936, zu verlängern. Der Beschluß ist mit der überwältigenden Mehrheit von 34 gegen 3 Stimmen gefaßt, worden. Nach diesem Beschlüsse werden Gemeindevorstand wie Repräsentanz, weitere zwei Jahre in ihren Aemtern verbleiben. Man hat sich dazu entschlossen, um Wahlkämpfe in dieser Zeit zu vermeiden, freilich nicht ohne den Forderungen der Zionieten nach einer „Erneuerung" in ihrem Sinne in .wesentlichen Punkten entgegenzukommen. Diese Forderungen erstreckten sich auf folgende, drei Gebiete: die grundsätzliche Anerkennung der Gleichberechtigung der von der „Jüdischen Volkspartei" vertretenen Richtung, die jüdische Schule und die Fragen der Jugendarbeit. Zu ersterem Punkte wurde der Volkspartei die Zusicherung gegeben, daß im Gemeindeblatte dem Palästinaprobleme fortan mehr Raum gewährt und die zionistische Jugend in größerem Maße als bisher zu den Gemeindeabenden herangezogen wird.. Zu Punkt 2 wurde erzielt, daß in den Gemeindeschulen ein fakultativer, neuhebräischer Sprachunterricht eingeführt wird. Die Zugeständnisse, die man den Zionisten auf dem Gebiete der Jugendpflege gemacht hat,, beziehen sich vornehmlich auf die Unterstützung der Sportorganisationen. Die Volkspartei trat auch dafi r ein, daß den konservativen Privatsynagogen, entsprechende Subventionen gewährt werden. Herr Dr. Alfred Klee gibt zu, daß die zionistischen Erfolge eine noch nicht in allen Teilen befriedigende Kompromißlösung darstellen. Alle Parteien waren aber, von der Notwendigkeit durch-, drun£-?n, Wahlkämpfe zu vermeiden, zur Nachgiebigkeit und zu gegenseitigen kleinen Konzessionen bereit. Gauleiter Julius Streicher über die Judenfrage. Nürnberg, 15. Mai, Gelegentlich des Besuches englischer Journalisten in Nürnberg sprach der Gauleiter Julius Streicher über die Judenfrage. Er führte u. a. aus: „Erst vor kurzem ist wieder in einem ausländischen Blatt behauptet worden, es wären hier Tausende von Juden ermordet worden. Meine Herren! Ich erkläre Ihnen mit allem Nachdruck, es ist kein einziger Jude ermordet worden und auch kein Marxist getötet worden. Der Nationalsozialismus hat in Deutschland eine deutsche. Revolution gemacht. Wir haben nur die Vorherrschaft der Juden gebrochen. Wir glauben auch gar nicht daran, daß die Judenfrage damit gelöst wird, daß man die Juden totschlägt. Wir sind vielmehr der Ueberzeugung, daß dieses Problem auf internationalem Wege gelöst werden muß." Streicher glaubt, daß sich nun in allen Ländern eine Bewegung gegen die jüdischer Vorherrschaft entwickeln wird, auch in England, wo die Ansätze hierzu schon vorhanden seien. „Wir freuen uns, daß sich jetzt schon in England ein Umschwung vollzieht, mit dem man uns gerecht' werden will und der zu einer Zusammenarbeit führen kann, die das schafft, was unsere Sehnsucht verlangt: den wahren Völkerfriede n." Mannheimer Brief, Mannheim, 13. Mai. Die kurzen Notizen, die Wesentliches aus Mannheim berichten sollen, beginnen mit einer Feststellung vollen Bedauerns: der verdiente Vorsitzende der Is-; raelitischen Gemeinde, Prof. Dr. Moses, hat sich das Väterland zur neuen Heimat erwählt und ist kurz nach Peßach dorthin übergesiedelt. Eines Tages wird die Zeitspanne seines hiesigen Wirkens in der Geschichte der Gemeinde von-berufener Seite fetsgehalten werden müssen. Im' S y n a g o g e,n r a t waren Ergänzungswahlen notwendig. Wir freuen uns, unter seinen Mitgliedern unmehr auch unseren Gesinnungsgenossen, Fabr.' Jul. L ö f f 1 e r , als rührigen Mitarbeiter zu-sehen. An'sorgenschweren Beratungen und schwerwiegenden Entschlüssen .wird es den heuen und den alten Synagogenräteri (und den Gemeindevertretern, soweit sie noch etwas zu sagen haben) in einer Zeit nicht " fehlen, in der die Leistungsfähigkeit der Gemeinde durch Abnahme ihrer Mitglieder schrumpft, ohne daß die Verpflichtungen kleiner zu werden' scheinen. Eine neue Verpflichtung dürfte für den Augenblick noch nicht zu materieller Belastung führen: die jüdische Sc'hulgründuhg. Die Mannheimer Lösung ist von besonderer' ArL Das Unterrichtsministerium hat. das jüdische ' Schulwerk (für Mannheim zunächst!) genehmigt. Aber es ist eingegliedert mit seiner vorläufig einzigen 1. Klasse in eine allgemeine staatliche Volksschule. Diese „jüdische Klasse" wird in zwei Abteilungen von dem staatlichen und zu diesem besonderen Zwecke an die betr. Schule versetzten Hauptlehrer Stahl betreut. Der jüdische Unterricht liegt in den Händen eines gesetzestreuen Lehrers, des Herrn Kälbermann. Ueber 60 Kinder besuchen die Klasse, die ja nur einen Anfang darstellen kann. Da aber die Weiterführung schließlich finanzielle Opfer anderer Art als bisher verlangt, wurde die Gründung eines Schulvereins in die Wege geleitet, der Wege praktischer Arbeit und Mit- ' telbeschaffung (für künftige Beanspruchungen) aufzeigen soll. Der Wegbereiter des jüdischen Schulwerks in Mannheim ist Rabb. Dr. Grünewald, der in einer Elternversammlung eingehend die badische bezw. die Mannheimer Lösung der Frage erörterte. Es traf sich gut, daß in der gleichen Versammlung Herrn Rabb. Dr. Unna Gelegenheit gegeben war, einen starken Appell an die Eltern zu richten: dem jüdischen Kinde, das die nichtjüdischen Schulen besucht, wieder den Schabbos zu geben! Aber die Ohren vieler Menschen bleiben auch in dieser Zeit taub. Erfreulich ist nur, daß Jugend, oft genug mit größerem Wollen als die Eltern, hin zum Jüdischen strebt. Das zeigt sich nicht nur im modemäßigen Großbesuch hebräischer Sprachkurse (Mannheim hat gute Lehrkräfte dafür!); sondern im bündischen Leben, wie wir es gutheißen. Lehrer Arthur Kohn hat hier den E s r a geschaffen. Das war eine Tat für die Jugend. Der Esra hat heute 80 Mitglieder, die in 9 Gruppen von den verschiedenen Führern und Führerinnen zu jüdischem Leben und. Erleben erzogen werden; eine wirkungsvolle Veranstaltung kurz vor Pesach zeigte Willen und Können. Der hiesige Esra unterscheidet sich von anderen Ortsgruppen. Er arbeitet im Sinne der alten Neutralität. Dadurch ist ihm die Verbindung gewährleistet sowohl zum Noar Agudati, wie auch zum Brith Ch'aluzim Datiim, der übrigens jetzt auch durch Schaffung einer Gruppe und aus dieser Gruppe heraus tätig sein wird. Das geistige Leben der Großen zeigt Frische und Bewegtheit. Keine Woche nahezu ohne beachtenswerte Veranstaltungen und Vorträge, bei denen der Geist der Tradition und die lebendigen Kräfte der Thora auch — inmitten anderer Veranstaltungen, die für uns nur peripher sind — zu ihrem Rechte kommen. Im regsamen und erfolgreich arbeitenden Jüdischen Lehrhaus sprach jüngst Ernst Simon (Haifa-London) über „Jüdische Bildungsziele". Ein zum Abschluß der Omerzeit vom „Verein zur Wahrung" vorgesehener Vortrag von Herrn Rabb. Dr. Hoffmann (Frankfurt) über „Die Stimme der Thora in der Gemeinschaft" mußte bedauerlicherweise wegen Erkrankung des Redners ausfallen. Am 15. Mai hörten wir Dr. Michael T r a u b (Berlin) über „Aktuelle jüdische Wander- und Wirtschaftsfragen" und am 31. Mai als Mitglied der Reichsvertretung, Herr Ministerialrat Dr. Hirsch über „Jüdische Schulfragen" sprechen. Man müßte sich nach alldem über die Aufgeschlossenheit und Lebendigkeit des geistig-jüdischen Lebens freuen, wenn nicht ein Blick * auf die Veränderung der Seelenzahl; die Abnahme der Eheschließungen und den katastrophalen Geburtenrückgang dem Nachdenklichen ernste Erwägungen aufzwingen würde. Trotzdem: wenn, die jungen Menschenkinder, die von hier weggehen; — vor allem