Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450826--80420-2538251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

17. Mäi 1934 Der Israelit Nr. 20 Seite 7 letztere aber erblickt das Gute darin, erst nach Maßgabe der rechten Inhalte. Diese liegen teils schon in Welt und Leben drin und müssen nur in der rechten Weise herausgeholt werden, teils müssen sie erst in Welt und Leben hineingetragsn werden. Dabei ist unter Inhalt — das sei gleich gesagt —-t nicht das Banale zu verstehen, v/ie etwa nur essen und trinken und sich vergnügen, sondern, wenn es auch das Genannte nicht ausschließt, die Inhaltlichkeit der menschlichen Idealität, die in das Geistige, Seelische und Tätige führt, Solche Inhalte sind in einigem bereits erwähnt worden, sie betrafen die Begriffe, Schönheitssinn, Liebe, Ehre, Charakter, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Anderes. Aber das sind noch immer Inhalte von mehr egozentrischer und subjektiver Natur, darüber hinaus gehen die noch höheren Inhalte geistiger und seelischer, also objektiver Natur, z. B. gehört dazu die Betrachtung der Dinge des Lebens vom Ewigkeitssinn und Entwicklungsstandpunkte aus, der sich über das Gute und Böse der Welt weit erhebt. Max Scheler hat in dieser Hinsicht ein gutes Wort gesprochen, es betrifft die tiefe optimistische Beruhigung, die in uns einkehrt, wenn wir die Entwicklung und das Wachstum der Vernunft in der Geschichte des; Menschengeschlechtes betrachten. Alle Lamentationen über etwaige Augenblicksmiseren Einzelner oder Gesamtheiten erscheinen danach kleinlich und verlieren jeden Schrecken, denn die Gewißheit besteht, daß der Geist und die Vernunft nicht untergehen,' sich schließlich durchsetzen und am Ende obsiegen. Schon Hegel hat auf diesen Optimismus der Entwicklungsidee des ewigen Geistes in der Welt hingewiesen. Noch mehr aber kann der Gedanke, in allem Geschehen, ob gut oder böse, einen, wenn auch, nicht immer klar zu Tage tretenden weisen Plan nach bestimmten, letzten Zielen zu vermuten, als hoher Inhalt einer optimistischen Weltwertung angesehen werden. Alles wirkt sich danach schließlich in irgend einem Maße zum Heile aus. So kann uns z. B. heute schon eine Ahnung aufgehen, daß auch das Betrübliche, das rüber uns Juden in der letzten Zeit hereingebrochen, ge? eignet ist, sich am Ende als ein weiser Plan der Vorsehung mit uns zu erzeigen, der sich zum Heile für uns auswirkt. Die Festigung im Judentum^, in dem wir in den letzten Jahrzehnten in nur mehr ganz lockerer Weise standen, kann schon eines der Ziele im großen Plane sein. Ein Geschlecht von wurzelechten Jüdenj gediehen auf der Scholle eigener Arbeit, Treugesinnung und Würde, kann vielleicht wieder erstehen und dem Namen Jude neuerlich den uralten, ursprünglichen Klang verleihen, der ihm Existenz und Achtung in der Welt sichert. — Und geschieht es nicht für den Einzelnen, den die Erfahrung zunächst betrifft, so vielleicht für andere oder die Gesamtheit. Alles in allem in Welt und Leben ist ja letzten Endes ohnedies eine Gesamtheit und Einheit. Der Einzelne ist nur ein Körnchen, ein Atom davon. Wie sollte sich das Atom beklagen, sich zu Gunsten des .Ganzen, wenn auch manchmal schmerzlich, einordnen zu müssen. Dieser Inhalt .eines wahren Optimismus, der schon ins Philosophische mündet, führt in erster Reihe zu einer der stärksten Seiten des Inhaltsoptimismus hin, zum Optimismus des Religiösen. „Alles, was G'tt tut, ist wohlgetan", und „Gam su letowa", „auch dieses ist zum Güten", pflegt der religiöse jüdische Mensch bei Zukömmnissen jeder Art auszurufen. „Der Mensch ist verpflichtet," heißt es in der Mischna, „G'tt ebenso beim Erlebnis des Bösen, wie bei dem des Guten zu preisen", denn beides ist zum Guten, obwohl du er, manchmal nicht erkennst. Der religiöse Optimismus schärft überhaupt ein, nicht schon im diesseitigen Leben, ob gut oder böse, das ganze lTm und Auf der Menschenexistenz zu erblicken. Fs gibt auch noch ein Leben in einer anderen Ordnung der Dinge. Dort erst münden die wahren und letzten Schicksale ein, und erst wie e3 dort ausgeht, ist von Belang und kann den Wert oder Unwert des Lebens bestimmen. Aber noch ist dieses alles nicht die höchste Stufe des wahren Optimismus der Inhalte. Auch der religiöse, aber nur in religiöser Passivität verharrende lebensbejahende Mensch hat noch nicht den letzten Sinn der optimistischen Lebensaufgabe, um derentwillen sich das Leben1 lohnt, erfaßt. Das ist erst vollauf beim lebensbejahenden Menschen der Aktivität der Fall. Die Krone des Optimismus gehört wohl dem Optimismus der frommen, aber zugleich tätigen Lebensfreude, der Bejahung der Welt aus der eigenen aktiven Rührigkeit heraus. Du selbst, Mensch, trägst in dein Leben und in die Welt deines Lebens, die Werte und Inhalte hinein. Die gute Tat ist es vor allem, die es ausmacht. Fülle deine Weltdamit aus, dann wirst du nie auch nur auf den Gedanken kommen, daß es verfehlt sei auf der Erde und daß alles mir ein Jammertal darstelle. Das Leben verpflichtet und aus diesen Wurzeln wächst die heilsame Pflanze der Verantwortung heraus. Die werktätige Liebe schafft die ganze Welt für dich und alle in ein Eden um. „G'tt sah alles, was er geschaffen, und sietie, es war sehr gut." Der schöpferische, im Guttun regsame Mensch, sieht darin einenAnsporn, es in seiner kleinen Menschenweise G'tt nachzutun. „Schaffe und leiste, darin ist alles sehr gut", will das heißen. „G'tt hat die Welt schön gemacht, der Mensch soll sie gut machen,"sagt ein sinnvolles Dichterwort. Der alte, bereits erwähnte jüdische Qptimistenspruch: „Gam su letowa", „Auch dieses ist zum Guten", hat danach auch den Sinn, sich von allem wie es kommt, auch vom Bösen, zum Guten, d. h. zum Guttun anregen zu lassen. Geht es dir gut, dann tue gewiß Gutes, geht es dir oder anderen, .schlecht, dann tue erst recht Gutes. Auf alle, Fälle tue Gutes. Diesen Optimismus der Aktivität und Tat meint Jesaja, wenn er spricht: „Fürwahr, dem Hungrigen brich dein Brot, bedrängte Arme nimm in deinem Hause auf, wenn du einen Nackten siehst, so bekleide ihn, und dem, der deines menschlichen Fleisches ist, entziehe dich nicht.' Dann wird wie der Morgen dein Licht anbrechen und deine Heilung rasch aufsprießen. Wenn du aus deiner Mitte die Bedrückung fortschaffst . . . dem Hungrigen dein Wohlwollen erweisest, die bedrängte Seele erquickst, dann wird im Dunkeln dein Licht erstrahlen, und deine Finsternis gleich dem hellen Mittag werden." (Jesaja 57). Wir fassen: zusammen. Es gibt mehrere Arten von Optimismus. Der satte Optimismus. Alles ist ja so schön und gut, wie läßt es sich so herrlich leben. Das ist der Optimismus des Philisters, der Sorglosigkeit, der blinden Oberflächlichkeit, der sträflichen Unbekümmertheit. Dieser Optimismus muß verneint und abgelehnt werden. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Mahnungen. * Berlin, 13. Mai. Im Rahmen des vom Gau Großberlin der NSDAP, geführten „Feldzuges gegen Miesmacher und Kritikaster" sprach Reichsminister Dr. Goebbels am Freitag, den 11. Mai. In seiner großangelegten, kräftigen Rede äußerte er sich, nach Berichten der politischen Presse, dahin, daß es „auf die jüdischen Mitbürger zurückzuführen sei, wenn noch ein Teil des Auslandes Deutschland mit dem anonymen Boykott begegne." Er sagte weiter; „Ich kann aber nicht, weil die Juden im Ausland uns boykottieren, im Innern die Judengesetzgebung zurückziehen, sondern wir müssen diese Krise eben durchstehen. Die Juden meinen vielleicht, ihren jüdischen Mitbürgern in Deutschland damit einen Dienst zu tun, das Schlimmste, was , Der träge Optimismus. Es ist wohl schlecht und leidvoll in der Welt, aber was kann man tun, wozu sich Gedanken machen? Es wird schon wieder besser werden. Das ist der Optimismus der Stumpfsinnigkeit, des Sichgehenlassens, der Optimismus, der zum Verfall des Lebens und zur Steigerung der Uebel führt. Auch der muß selbstverständlich verworfen werden. Der Optimismus der Inhalte und der Aktivität. Es ist neben dem vielen Schönen und Guten auch sehr viel Leidvolles und Uebles in der Welt, aber das stellt nicht immer ein unabwendbares Fatum dar und bedeutet nicht durchaus ein Verzweiflung gebietendes Faktum. Es ist nicht selten zu ändern. Du mußt nur deine Pflicht gegen dich und andere tun, Verantwortung in dir fühlen und vieles umzuschaffen suchen. Und wo du es nicht vermagst, denn alles menschliche Können hat seine Grenze, da überlasse es einem höheren Walten und füge dich ins Ganze. Das ist der Optimismus der rechten Art, dem wir beipflichten, das ist der jüdische Optimismus, den wir brauchen, der dem Leben Sinn und dem Dasein Inhalt verleiht, das ist auch der Optimismus von heute. Heute können nur Taten sprechen, keine Tiraden und Vertröstungen. Weder kopfhängerisch sich den Sorgen ergeben, muß es heute heißen, noch sich leichtsinnig über sie hinwegsetzen, sondern ihnen durch Werktätigkeit imd Rührigkeit an den Leib rücken und sie überwindem' Liebe und Tatkraft ist es, was uns mehr denn je nottut. Unsere Gemeinschaft ist seit jeher eine Gemeinschaff der Not gewesen, aber auch eine solche der Zuversicht und der Tat. „Und alles nach Maßgabe der Tät", hat schon Rabbi Aleiba gesägt (Spr: d.' -V. 3, 19). Die Prüfungen' und Heimsuchungen, die uns nie erspart geblieben sind, haben stets unsere Kraft nur gestärkt und gestählt, statt sie zu zermürben und zu verbrauchen. Was immer uns auch widerfährt, wir bleiben Optimisten, wir geben uns nicht auf» wir verlieren uns nicht in Pessimismus, wir glauben an die Macht des Guten, wir vertrauen auf die immerwährende Entwicklung zum Besseren in der Welt, wir halten uns an eine Vorsehung, an ein höheres Walten und wir sind vor allem bereit, uns in den Dienst von Hilfe und Tat, in den Dienst der Aktivität zu stellen. Wir bekennen uns damit nicht zu einem Optimismus der leeren, seichten und überlebten Formeln, sondern zu einem Optimismus der Werte und Inhalte, zu einem Optimismus von Herz und Seele, von Kopf und Hand, zu einem Optimismus des ewig alten und immer neuem, zu einem Optimismus des Aktuellsten vom Aktuellen, zu einem Optimismus von heute. sie überhaupt tun können, denn sie sollen nicht glauben, wenn sie in der Tat den Boykott so weittrieben, daß er wirklich eine ernstliche Bedrohung unserer wirtschaftlichen Situation darstellen würde, daß wir deshalb die J u d en frei aus.gehen ließen. (Stürmischer Beifall.) Haß;und Wut und Verzweiflung des deutschen Volkes würden sich dann zuerst an die halten, die im Lande greifbar sind." Eine weitere Stelle der Goebbels^schen Rede lautet: „Wenn beispielsweise die Juden glauben, daß der unblutige Verlauf der deutschen Revolution ihnen das Recht gebe, in altgewohnter Frechheit und Arroganz wieder das deutsche Volk zu reizen und zu provozieren, so sollen sie unsere Geduld nicht allzusehr auf die Probe stellen. Wir haben die Juden geschont. Wenn sie aber meinen, sie. könnten deshalb wieder auf deutsche Bühnen treten, um dem deutschen Volke Kunst darzubieten, wenn sie meinen, sie könnten wieder in den Redaktionsstuben auftauchen, um deutsche Zeitungen zu schreiben, wenn sie wieder über den Kurfürstendamm flanieren, als wenn gar nichts geschehen wäre, so mögen ihnen diese Worte als letzte Warnung dienen. (Neuer stürmischer Beifall.) Sie haben sich in Deutschland so aufzuführen, wie sich das für Gäste gehört. Wenn sie meinen, daß ihre jüdischen: Glaubens- und Rassegenossen In der Welt sie herauspau-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.