Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1934)
- Date
- 1934-05-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 20 Der Israelit 17. Mai 1934 5. Alle diese Seitenwege führten auf dem Wege über die „Perfektibilität" in ein stark gemodel tes Judentum zurück. Fühlte sich das Zeitalter höher als der Sinai, so mußte es, meinten Jene, die Thora selbst der Perfektierung, der Veredlungr dem Tikkun unterziehen. Solche Versuche unternahmen vielleicht schon Acher und Anan, sicher Sabbatai Zebi, Jakob Frank Lebowicz und — die Reformer. Solche Lobpreisung des neuen Zeitalters klang aus sabbataianischen ,Tikkunim" nicht viel anders als aus den ersten Verlautbarungen der Reformer. Auch die Tikkunb.ücher des falschen Messias trugen ihren Namen nicht ganz aus formalem Grunde. Und über Aron Choriner führt die Brücke von den Messiasschwärmern zu den Reformern. Es versteht sich, daß wir auch in den Bestrebungen der Gegenwart, zu neuartigen Zwecken und Idealen das Land des Gesetzes zu besiedeln, Tikkun-Irrwege sehen müssen. Hinter jeder nicht ganz egoistischen und faulen Gesetzesübertretung, hinter jeder nicht rein thoragemäßen Idealbewegung jüdischer Menschen steht bewußt oder unbewußt das Dogma vom Gnaden- Stande, der das Gesetz zum Mindesten überflüssig macht, vom Menschen, der sich selber erlöst und des Gebotes G'ttes nicht mehr bedarf, von der Welt der Gleichheit und des — Tikkun, 6. Die falschen Messiasse des 17./8. Jahrhunderts unterlagen ohne Zweifel mindestens unbewußt einer solchen Fehlauslegung des.Tikkun- Gedankens, und es dürfte mit Obigem dargetan sein, daß diese Verirrung noch nicht einmal den anderen Religionen entlehnt sein muß, sondern bei gewissem Optimismus überall naheliegt. In den Bewegungen dieser falschen Messiasse mischte sich nun seltsamerweise mit der verstiegen-idealistischen Auffassung des Messiaszeitalters als einer Gnadenepoche ohne Bedarf nach G'ttes Gesetz eine nicht minder übertrieben irdische Erlösungsidee, in deren Licht alle Unterschiede zwischen Gut und Böse verblaßten: Man setzte sich gern an eine Festtafel des vermeintlichen Begnadeten und Begnaders und geriet in Räusche der Freude über die neue Aera, Räusche und Ekstasen recht handgreiflicher und oft bedenklicher Art; das bezeugten alle, die dem Treiben am Hofe der falschen Erlöser Zeugen geworden waren. Vielleicht hatte auch die Jenseitsidee des Islam oder die, welche „Tizian gemalt", als kaum bewußte Einwirkung der Umwelt das Ihrige zu diesen Exzessen beigetragen, die noch dazu dem Jahrhundert auch anderwärts nicht fremd blieben: man denke an die späteren Rosenkreuzer. Vielleicht auch war umgekehrt diese Verdiesseitigung der Messiasidee selber in grauer Vorzeit aus irrendem jüdischen Kreise in den Islam gedrungen. Das mag auf sich beruhen. Eine Heiligsprechung des Genießerlebens lag jedenfalls zugrunde, ein Tikkun der Begierde, die man nicht zähmt ... 7. Und hatte man es wirklich nötig, auf solchen Umwegen zum Tikkun der Welt zu gelangen? Ist nicht schon im 100. Psalm gesagt: „Dienet G'tt in Freude, kommet mit Jubel vor Ihn!" Diese Frage legten sich in einer Zeit, die nun einmal nach Tikkun lechzte und aus diesem Durst an giftige Quellen irrte, Männer vor, welche mit1 beiden Füßen im Gesetzesleben wurzelten, die ersten Heroen des Chassidismus. Auch sie wollten, daß man um Begnadete sich schäre. Aber diese Begnadeten sollten Männer des Wissens und Wollens im Gesetze G'ttes sein. Auch sie wünschten, daß der diesseitige Lebensgenuß als solcher Veredlung erfahre, aber nicht indem man ihn tatenlos heiligspricht, sondern indem man ihn reinhält von alledem, was G'ttes niemals widerrufenes Gebot als unedel ausscheidet, und indem man ihn auf die Zeiten einschränkt, die G'tt geheiligt hat (drittes Sabbatmahl) und durch Thoralehren veredelt, und auf den Personenkreis beschränkt, die aus der Pflicht und Leistung selber ihre Begeisterung schöpfen; — es ist also kein Zufall, daß ein „Beseht" kommen mußte, um einen Verführer wie J. Frank Lebowicz unschädlich zu machen, — daß die Hofhaltungen derer, j die nichts als Zaddik-,.gerecht" durch G'ttesge- I horsam sein wollten, den Messiaswahn der Anderen verscheuchte, welche sich berufen fühlten, G'ttes Worten einen unverlangten, alles aufhebenden, jenseitsb.erauschten, zu nichts verpflichteten „Tikkun" zu geben. Und nicht umsonst hat im seither aufgeblühten Chässidimkreise das Wort Tikkun seine Bedeutung ganz erheblich verharmlosen müssen; aus dem weltenstürzenden Prometheustrotzworte wurde ein freundschaftlicher Zutrunk, mit dem man sich zu neuer Pflichterfüllung aneiferte oder die bittere Not vergessen machte, um Pflichtgeboten und Gebetworten der alten Thoraweisen,. mit ungestörtem Mute sich hinzugeben. 8. Und war es nötig, Thorawissen und Thoragehorsam zu verlassen, wenn man am zweifellos machtvoll himmelanstürmenderi Geistesleben des Humanitätszeitalters teilnehmen wollte? Im Osten hatten darauf schön einige der ersten Chassidim geantwortet; durch die Tat, indem sie ihren Anhängerkreis zu einer großen Volksfamilie aufs Neue einigten, dessen gegenseitige Hilfsvermittlung es wohl mit der der Baumeister des westlichen Menschentums aufnehmen konnte, — und durch das Wort, indem sie lehrten, aus dem Wissensschatz esoterischer Ueberliefefung manches wiederzuerkennen, was die moderne Welt- und Seelenlehre erst in unseren heutigen Tagen mit dämmernder Klarheit zu ahnen beginnt. Im Westen glaubte sich die thoratreue Judenheit vom neuen Menschentum ausgeschlossen, bis der Meister ihr1 die innewohnende Lebensverschönerung des Thoragesetzes im Waldesdom seiner Symbolik wies und aus ihr allein die neue jüdische Menschlichkeit herleitete, Zeitenheil fürs Judentum,!' aber mehr noch Judentumsheil für die Zeiten, Tikkun durch die Thora für die Welt. 9. Unserem Zeitalter sind noch zwei Aufgaben geblieben, Tikkunim zu verjüdischen. Der eine Tikkun ist die Wiederherstellung der jüdischen: Nation als solcher, die sich ab.er nicht erträumen oder erfeiern, — und ebenso nicht ersiedeln und erpolitisieren läßt. Die Vorarbeit, die wir hierin dem Erlöser zu leisten haben, ist nur erreichbar, solange wir sie unter Anleitung des G'ttesgebotes selber vollführen, denn nur aus diesem Gebote und für dieses Gebot leiten sich die Eigenschaften her, durch die wir ein Volk sind. Endlich aber werden wir auch dem Tikkun, dem sozialen Ausgleich der Menschheit nur dann einen wahren Dienst leisten, wenn wir dessen eingedenk bleiben, daß auch der Mensch in seiner edelsten Gestalt und Charakterbildung eines Tikkun bedarf, einer Ergänzung, — daß dieser Tikkun ihm nur aus dem G'ttesworte von außen kommen kann, durch das G'tt die Menschheit immer wieder aus Zeiten tiefsten Verfalls zu sich hinanzieht. Die Gegenwart drängt auf eine Entwicklung, '.. welche diese Unentbehrlichkeit g'ttlichen Tikkuns auch für die soziale Weltbeglückung unleugbar deutlich macht. Es ist in der Welt wie im Tikkunbüchlein: Anfang und Ende sind uns klar; Herkunft und Endziel der Menschheit; sind einem Jeden in jedem Volk und Bekenntnis (und Nichtbekenntnis) offenbar; den dazwischenliegenden Inhalt aber, der das ganze festigt, müssen wir uns durch eifriges Thorastreben im ganzen . Jahre aneignen. Vielleicht zerstreuen, wirtfainif Ch. D. Asulais Bedenken gegen unser Tikkunbüchlein. , ,, 10. Ein lehrreiches Gleichnis enthält Pirke Rabbi Elieser.; Dieses Büchlein . fragt:; Weshalb hat der Schöpfer die Nordseite der Welt so unvollständig erschaffen? Und antwortet: Damit Jeder, der eine Welt zu schaffen sich vermäße, zuerst diesem Norden der heutigen Welt Tikkun zu verleihen sich bemühen und dann einsehen möge, daß es nur einen Schöpfer gibt. — Das heißt: Wollet? Ihr wissen, was Ihr tun könnt, um eine neue Welt heraufzuführen?' Dann gleichet die nördlichen, d. h. verborgenen (psx heißt ja: „nördlich" und „verborgen"). .Unvollständig« keiten des Diesseits aus, indem Ihr den Worten des Schöpfers gehorchet. Optimismus von heute* Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. (Schluß.) Allerdings, eines muß gesagt werden. Es muß der echte und rechte Optimismus sein, dem man sich verschreibt. Alles, was an schalen und fadenscheinigen Formeln unter dem Decknamen des Optimismus durch die Welt segelt, kann und darf nicht schon als die wahre Wesenheit dieser Anschauung angesehen werden. Nicht jedes Kurpfuschers Pflästerchen auf die Wunde, kann als das probate Mittel, als das es sich ausgibt, angesehen werden. Da hat denn doch schon der gegenoptimistische Standpunkt Recht, daß es nur zu oft geradezu einem Hohne gleicht, was an falschen Beruhigungen und nichtssagenden Vertröstungen an die gequälte Menschheit herangebracht wird und sich Optimismus nennt. Hiob hat nicht so Unrecht gehabtrden lästigen Trostfreun- 'den dieser Art, die sein Leid beleidigten, statt es zu mildern, zuzurufen: „Leidige Tröster seid ihr alle!" Wie könnte man denn auch darüber hinweggehen und es sich, wie Vogel Strauß nicht sehen machen, was es alles, trotz aller Beschwichtigungen an Leid und Elend in der Welt gibt! Wenn man auch nicht gleich mit Hiob ganz kraß zu sagen braucht: „Der Mensch ist zum Leide geboren", oder mit einem ähnlichen talmudischen Wort: „Alle Körper sind Lastträger des Leids", oder gar mit dem bekannten Stoßseufzer in Goethe's Faust „Ach an der Erde Brust, sind wir alle zum Leiden da!", so ist es doch zumindest nicht zu leugnen, daß wir auch zum Leiden da sind. Selbst der fromme Psalmist klagt öfter darüber und ergeht sich in höchst eindringlicher Weise über das viele in Erscheinung tretende Verkehrte und unsagbar Traurige in der Welt. Steht doch selbst der scheinbar so glückliche König Salomon nicht an, alles auf dieser Erde „nichtig, nichts als nichtig und einem verwehenden Hauche gleich" zu nennen. Nicht zu reden vom Pessimismus überhaupt, z. B. bei Schopenhauer und Eduard von Hartmann, oder gar im Schwärzesten vom Schwarzen, im Buddhismus, wo alles Geschehen in Welt und Leben als ein stumpfes, blindes Walten, ein sinnloses Fatum hingestellt und das ganze Dasein als verneinungswürdig, bezeichnet wird. Wenn auch darin sehr vieles arg übertrieben und einseitig überspannt erscheint, so bleibt doch noch auch darin genug, i des Nachdenkens Werten und zur Besinnung Anregenden, das nicht selten den Nagel auf den . Kopf trifft, übrig. Denn die Tatsachen und Rea- : litäten des Lebens sprechen in vielem für de,n Pessimismus* sie sind nun einmal, pft;.in stark überwiegender Weise, von der Tragik des Leids, beschwert. Darum, wie gesagt, nur keinen Optimismus der Schaumschlägerei und, des erkünstelten Schöntuns. 'Ein solcher gibt dem mit dem Schicksal Ringenden, nichts an Halt und Stütze,. fordert ihn im Gegenteil, nur zum Kontrast und Widerstreit heraus. Nur ein rechter und echter Optimismus kann und darf Anspruch machenf gehört zu werden. Nur einen solchen kann man gutheißen. Der ist auch der Optimismus, den wir brauchen, der Optimismus von heute, den wir im Auge haben, der Optimismus, auf den man sich begierig stürzen müßte, nach ihm zu leben. Welcher ist das denn nun aber, wie nennt er sichr woran kann man ihn erkennen? Nun denn, wenn es ein Name sein muß, es ist der Optimismus der Inhalte, wie wir ihn nennen wollen, seines Zeichens eine Bejahung des Lebens aus seinen wirklichen Werten heraus. Der leere inhaltslose Optimismus ist zu verwerfen, der Optimismus der Inhalte und der Werte aber ist zu akzeptieren. Der erstere sieht die Welt und das Leben kritiklos, als das schon an und für sich Gute an, der