Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1934)
- Date
- 1934-05-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 19 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Neuntes Kapitel. Um diese Zeit lag der zukünftige „Gewir" der Gemeinde, Reb Mendel, der Synagogendiener, in seinem Bette ausgestreckt, das ihm sein Weib Ziwje auf dem Hofe bereitet hatte. Mit beiden Händen seine Kappe festhaltend und das Gesicht nach oben gerichtet, so schaute er mit immer trüber werdenden Augen in den leuchtenten Himmel hinein, harrend und wartend, bis dessen Pforten sich öffnen und den Segen auf ihn niederströmen werden. Trotzdem er von dem vielen Herumlaufen in dieser Nacht zu Tode erschöpft war, zwang er sich mit übermenschlicher Kraft, wach zu bleiben, damit er nur ja nicht den rechten Augenblick verpasse. Um den Schlaf zu verscheuchen, begann er die Sterne zu zählen und war nicht wenig erstaunt, daß ihre Menge, je mehr er zählte, wuchs, so daß ihm der ganze Himmel wie ein Gewebe aus lauter Sternen vorkam, welche wie Diamanten funkelten, oder mit ihrem blassen Schimmer wie Milchtropfen über den weiten Himmelsraum versprengt waren . . . „O, hätte ich nur soviel Dukaten, oder zum mindesten so viel polnische Gulden!" dachte er sich, überlegte aber bald, daß wenn sich seine Kappe mit Dukaten füllen sollte, diese ihm vollkommen ausreichen würden. Indessen quälte er sein Gehirn nicht lange mit Rechnen und Zählen, denn die müden Augen fielen zu und folgten jetzt im Traume einer neuen Erscheinung, die am Osthimmer sichtbar wurde. Dorther kam eine kleine Wolke herangeschwebt, kaum so groß, wie eine menschliche Hand, die aber bei ihrem Herannahen immer größer wurde, so daß sie jetzt ganz so aussah, wie das alte Federbett, auf welchem Reb Mendel ausgestreckt lag. Und nun schwebte von der entgegengesetzten Seite eine zweite Wolke heran, die sich ganz so ansah, wie das alte Brusttuch seines Weibes Ziwje, Beide Wolken schmolzen alsdann in Eins zusammen und nahmen jetzt die Gestalt des Trauervorhanges an, der heute vor der heiligen Lade in der Synagoge zu sehen war. Von Minute zu Minute wuchsen und dehnten sich diese in Eins zusammengeschmolzenen Wolken, so daß sie mit Windesschnelle sich über den ganzen Himmelsraum ausbreiteten und alle Sterne verschlängen. Von ferne her ertönte dumpfes Donnerrollen, und aus dem schwarzen Gewölke zuckten wie Flammenschlangen Blitze hervor, daß den Träumenden bleiches Entsetzen erfaßte. Sollte es möglich seih, daß jetzt ein Regen herniedergehl, der verhindern wird, daß die Himmelspforte sich auftut?, dachte Reb Mendel, tief bekümmert über den Regen,* der ihm jetzt so ungelegen kommen könnte. Plötzlich erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das Firmament, und im gleichen Augenblicke tauchte der Riesenkopf eines greisen Mannes auf, dessen Bart- und Lockenhaar wie glitzender Schnee auf Brust und Schultern herniederquoll. Eine innere Stimme sagte Reb Mendel, daß dies kein anderer sein könne, als der Engel Michael. Und nun wurde diesem gegenüber ein zweiter Riesenkopf sichtbar, ebenfalls ein Greisenantlitz mit herabwallendem Schneebarte, in welchem Reb Mendel auf den ersten Blick den Engel Gabriel erkannte. In den Anblick dieser Engelserscheinungen versunken, glaubte er plötzlich mitten aus den sich spaltenden Wolken eine mächtige Stimme zu vernehmen, die von einem Ende der Welt bis zum anderen drang: ,,Ebnet! Ebnet, bahnet die Straße! Schaffet alle Hindernisse aus dem Wege meines Volkes!" Kaum waV dieser Ruf verhallt, als die beiden Engel mit gewaltigen Feuerbesen die Wolkenmassen bis zu beiden Himmelsenden hin auseinanderzufegen begannen, wo sie sich zu Riesenbergen auftürmten. Nun lachte wieder ein saphirklarer Himmel zur Erde nieder, in dessen blauen Wellen Miriaden Sterne wie Lichtinseln umherschwammen. Bei diesem Anblicke war Reb Mendel wieder wie neubelebt und gaffte in die lichten Räume hinauf. Da ertönte jene Stimme von Neuem; ,,Oeffnet die Tore, auf daß einziehe das Volk der Gerechten, das den Glauben treu bewahrt!" Eine noch nie empfundene Angst überkam Reb Mendel, seine Kniee schlotterten und die Zähne schlugen gegeneinander. „G'tt!" so flehte er mti bebenden Lippen. „Da kommt der heilige, furchtbare Augenblick, in welchem der Himmel sich auftun soll. Wer weiß, ob ich es überstehe, ob mir nicht die Sinne schwinden werden, noch bevor ich jene beiden Worte, die alle meine Wünsche in sich fassen, in einem Atemzuge ausgesprochen habe. Stehe mir bei, G'tt meiner Eltern, G'tt Abrahams, Jizchaks und Jakobs! Verlaß' mich nicht im Augenblicke der Entscheidung!" Und wieder tönte es vom Himmel hernieder: „Oeffnet die Tore!" worauf die beiden Engel rasch die Feuerbesen bei Seite warfen und einen Riesenschlüssel hervorzogen. ,,Wir haben gesündigt! Wir haben untreu gehandelt! Wir haben geraubt!" stammelte Reb Mendel das Bußgebet, in dem Glauben, daß seine letzte Stunde geschlagen habe. Und zum dritten Male tönte es vom Himmel hernieder: „Oeffnet die Tore!" Rasch fingen die beiden Engel an, mit ihren Schlüsseln an einer Stelle des Himmels zu drehen, plötzlich tat sich die Himmelspforte weit auf, und die Augen Reb Mendels waren geblendet von einem strahlenden Lichte, das vor ihm aufging. „K .... K ... . Kappe!" vermochte der Synagogendiener hervorzustottern und — öffnete die Augen, aber er mußte sie sofort wieder schließen, geblendet von dem grellen Licht einer Laterne, die sich zu ihm herabsenkte. ,,Was haben Sie aber für einen festen Schlaf, Reb Mendel!" rief der Mann mit der Laterne. „Da stehe ich und wecke und wecke, daß ich beinahe glaubte, Sie wären tot! . . ." „Was? . . . Wie? . . . Wer?" fuhr Mendel auf. „Wer da? Wo bin ich? Wo ist meine Kappe? . . ." „Das bin ja ich, Ihr Freund Jekel, der Diener Reb Schachnes. Was reden Sie? Da haben Sie ja die Kappe auf dem Kopfe!" „Jekel? Jekel?", rief der Synagogendiener, der seinen Augen nicht traute. „Was tun Sie hier? Ist's wahr, daß Sie mich geweckt? Und ich, habe ich geschlafen? Weh mir!" jammerte er und rang die Hände. „Ich habe die Zeit verschlafen! ..." „Jammern Sie doch nicht!" tröstete ihn Jekel. „Sie haben die Zeit nicht verschlafen; noch ist bis Chäzos eine Stunde Zeit; nur ist es nötig, daß sofort alle Vorsteher aus dem Schlafe ge-* weckt werden, und zu dem Zwecke bin ich zu Ihnen gekommen. Machen Sie schnell, Reb Mendel, es scheint sehr wichtig. Reb Schachne ist die ganze Nacht nicht zu Bette gegangen!" „Reb Schachne? Wo ist er? Was hat er vor? Und warum ist er nicht zu Bette gegangen?" „Ich habe ihn bis hierher begleitet, von wo er zum Rabbiner gegangen ist, der ebenfalls die ganze Nacht nicht geschlafen hat . . ." „Was ist denn vorgefallen?" „Das weiß ich nicht, aber Reb Schachne ist sehr niedergeschlagen; er hat sogar zweimal geweint. Das ist ein böses Zeichen. Deshalb gehen Sie nur schnell und wecken Sie die Vorsteher! Ich gehe schlafen, denn ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten . . ." Zehntes Kapitel. Es ist Mitternacht. Bei dem spärlichen Lichtschein, den die Ueberreste kleiner Kerzen um sich verbreiten, wird in der Synagoge Chazos abgehalten. Asche auf dem Haupte, sitzt die kleine Schar von Betern barfüßig auf dem Boden, das Gebetbuch in der einen, ein dünnes Wachslichtchen in der anderen Hand. Anfangs hörte man nur ein leises Summen, still und verschlafen. Manche gähnten, Andere nickten,- vom Schlafe überwältigt, über dem Gebetbuch ein; aber nach, und nach hoben sich die Stimmen, drangen die Töne wärmer vom Herzen, Tränen, Seufzer steigen aus der geprGßten Brust, und lauter, immer lauter wird es in der Synagoge, bis die Stimmen zu einem Jammerschrei anschwollen, zu einem markerschütternden Weinen und Klagen: „Eine Stimme läßt sich vernehmen mit Geheul, es ist die unserer Königsstadt, unseres heiligen Zion. Ich erinnere mich noch der Tage, da ich der Städte Fürstin war, die Krone in der Hand G'ttes, jetzt bin ich von Kummer geschwärzt, tief in des Elends Grube gesunken. Einer Braut glich ich einst, einer Braut am Ehrentag, jetzt bin ich einem Bettler gleich auf die Gasse geworfen, meiner Prachtgewänder beraubt. Ach, wie bin ich elend! Wie lange, o G'tt, ach wie lange wird in Klage sich verzehren Deine Gemeinde? Wie lange, o G'tt, ach, wie lange wirst das Jauchzen Deiner Feinde Du anhören, die Verwüstung Deines Tempels schauen, das meerestiefe Elend Deines Volkes? Wie lange, o G'tt, werden die Frevler jauchzen, wird Deine treue Gemeinde im Gefängnis schmachten, wie lange, o G'tt, ach wie lange? . . ." Das Mitternachtsgebet war vorüber. Bereits fing der Himmel an mit dem flammenden Rot des aufgehenden Morgengestirns sich zu färben. Es ist bereits lange Zeit zum Morgengebet, doch es konnte nicht beginnen, weil der Rabbiner, der „Gewir" Reb Schachne und alle Gemeindevorsteher noch fehlten. Ihr Ausbleiben war etwas so Ungewöhnliches, daß man sich besorgt fragte, was vorgefallen sein mochte? Der fromme Rabbi hatte noch keinen Tag versäumt, in die Synagoge zu kommen, geschweige denn an einem Tage wie heute, am Tisch'o Boaw! „Reb Mendel, Reb Mendel, wo ist Reb Mendel?" riefen jetzt mehrere Stimmen zugleich, aus welchen die steigende Ungeduld herausklang; „er soll eiligst zum Rabbiner und zu den Gemeindevorstehern laufen, um die Ursache ihrer Verspätung zu erfahren." Aber auch Reb Mendel war in der Synagoge nicht zu sehen. Das befremdete noch mehr, denn der Synagogendiener wußte, daß er jeden Tag vorzubeten hatte und versäumte diese Pflicht niemals. Auch sein Ausbleiben hatte jedenfalls nichts Gutes zu bedeuten. Das Erstaunen und die Angst wuchsen, und schon schickten sich Einige an, selbst zum Rabbi und zu den Vorstehern zu eilen — da stürzte plötzlich Reb Mendel in die Synagoge, und verstört, mit kreideweißem Gesichte, die Hände aneinanderschlagend, keuchte er mit heiserer Stimme, wie wenn er dem Ersticken nahe wäre: „Juden, Brüder, Freunde, fliehet, rettet Euch geschwind!" Mit diesen Worten brach er auf der Treppe vor der heiligen Lade ächzend, weinend und sich das Haar raufend zusammen. „Was ist? Um G'ttes Willen, was ist geschehen?" fragten Alle und drängten sich um den Weinenden. „Weh uns, Brüder! Es ist aus, es ist alles aus. G'tt soll sich unser erbarmen!" „Was ist aus? . . . Sag', was? Um G'ttes Willen, quäle uns nicht länger!" (Fortsetzung folgt.)