Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1934)
- Date
- 1934-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 19 Der Israelit 9. Mai 1934 Jüdische Krankenhäuser in Palästina. In Nr. 10 und 11 der „C.-V.-Zeitung" vom 8. und 15. März 1934 finden sich zwei Aufsätze über die ,,Aerztliche Versorgung Palästinas" von Herrn Dr. Kurt Scheyer (Breslau). Die Verbreitung der „C.-V.- Zeitung" und das allgemeine Interesse an Palästinafragen haben gewiß diesen Aufsätzen eifrige Lektüre in weitesten Kreisen der deutschen Juden innerhalb und außerhalb des Reiches verschafft. Um so wichtiger erscheint mir die Aufgabe, Fehler richtigzustellen, die leicht ein falsches Bild von der Lage im Lande erzeugen können. Herr Dr. Scheyer meint, von öffentlichen jüdischen Krankenhäusern kämen „nur die Krankenhäuser der Hadassah in Betracht". Diese apodiktsche Feststellung kann nur Kopfschütteln hervorrufen und hat hier im Lande befremdlich gewirkt. Sie ist grundfalsch und ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um eine Dankesschuld des deutschen Judentums an einen der hervorragendsten Pioniere der Gesundheitspflege im Lande, wenn auch nicht abzutragen, so doch ins allgemeine Gedächtnis zu rufen: Vor 44 Jahren kam der damals gerade approbierte junge Arzt Dr. Moritz Wallach aus Köln im Auftrage eines Ausschusses deutscher und niederländischer Juden ins Land, um die Gesundheitspflege der jüdischen Bevölkerung zu studieren und zu organisieren, also eine Aufgabe zu erfüllen, die später für Osteuropa von „Ose" in Angriff genommen wurde. Mehrere Jahre arbeitete Dr. Wallach in der Altstadt Jerusalems, richtete poliklinsche Sprechstunden ein, gab unentgeltlich Medikamente, Nahrungszusatz, Verbandstoff und dergl. mehr ab und wirkte vor allem pädagogisch auf die ärmere Bevölkerung ein, zugleich die Juden in Europa ständig über die Lage der Juden im vorderen Orient und die sanitären Erfordernisse aufklärend. In wenigen Jahren erwarb er sich die Liebe und unbegrenztes Vertrauen aller Kreise, zumal er nicht wie viele andere wohlmeinende Kräfte gleichsam als fremder Vormund, sondern als Berater und Freund der armen Klassen des Heiligen Landes auftrat. Hierzu befähigte ihn nicht nur sein ärztliches und soziales Pflichtbewußtsein, sondern auch seine eigenartige Stellung als tiefreligiöser Mensch, orthodoxer Jude und wahrer Freund des alten und des werdenden neuen Palästina. Binnen kurzem zeigten sich die segensreichen Folgen seines Wirkens im ganzen Lande. Nach wenigen Jahren gelang es Dr. Wallach, seine europäischen Freunde von der Notwendigkeit einer Krankenhausgründung nach europäischer Art zu überzeugen, und 10 Jahre nach seiner Einwanderung wurde das „Schaare-Zedek-Krankenhaus" in der Jerusaleraer Neustadt eröffnet. Unbekümmert um Spötter und Eiferer wurde das Haus weit, weit vor den Toren erbaut. Dr. Wallach hatte erkannt, daß die Entwicklung aus der Altstadt hinausdränge und war darauf bedacht, einen möglichst freien Platz inmitten der Natur, hoch gelegen, mit dem Blick auf die Berge Juda zu erlangen. Damals war die gewählte Gegend noch ein Teil der Wüste, fast unzugänglich und vom eigentlichen Judenviertel aus wohl nur auf Umwegen und beschwerlich, zu erreichen. Heute liegt das Haus an der Jaffa-Jerusalem-Straße, der Hauptverkehrsader des Landes, die meisten Kraftomnibuslinien haben Haltestellen vqr dem Hause, das ein bauliches Wahrzeichen der Neustadt ist. Dabei hat es von seiner gesundheitlich ausgezeichneten Lage und Beschaffenheit nichts eingebüßt. Eingerichtet wurde es seinerzeit nach dem Muster deutscher Staats- und Stadtkrankenhäuser, und es gelang dem unermüdlichen Gründer und Leiter, es bis heute auf seiner Höhe zu halten. Schon die technische Verwaltung ist musterhaft, und man glaubt sich bei der Beobachtung dieses Tag und Nacht laufenden Räderwerkes in eine deutsche Musteranstalt versetzt. Die Krankensäle — große für leichte Fälle, kleinere und Einzelzimmer für Schwerkranke und Sonderpatienten — sind luftig und vor allem peinlich sauber, und die Versorgung der Kranken ist schon darum ausgezeichnet, weil Dr. Wallach im Hause wohnt, nichts außer acht läßt und regelmäßig nachts persönlich die Betreuung der Kranken und die Befolgung der ärztlichen Anordnungen kontrolliert. So kann es auch nie vorkommen, daß bei nächtlichen Aufnahmen oder an Sabbat und Feiertagen Schwierigkeiten entstehen. Heute wie am ersten Tage liegt die ärztliche und technische Leitung in den Händen des greisen Gründers, der kein Ausruhen kennt, heute noch eine bedeutende Klientel in der Stadt hat, als Mohel wirkt und die bedeutenden gesetzestreuen Einrichtungen des Landes betreut. Das Krankenhaus hat mehr als 80 Betten und als einziges jüdisches Krankenhaus einen streng geschiedenen Infektionspavillon. Ein Internist und ein Chirurg stehen dem Chefarzt zur Seite, und neuerdings hat Dr. Wallach in Erkenntnis der Notwendigkeit der allgemeinen Poliklinik eine besondere für Kinder angegliedert. Täglich werden in jener mehr als 100 Patienten, in dieser — unter Leitung eines aus Süddeutschland eingewanderten bekannten Kinderarztes — etwa 40 Kinder ärztlich und fürsorgerisch betreut. Das Haus hat eigene Apotheke unter Leitung eines einheimischen approbierten Apothekers, und arme Pa* tienten und Poliklinikbesucher erhalten unentgeltlich alles Erforderliche aus dieser Apotheke auch für die häusliche Nachbehandlung. Ein eigenes Röntgenlabo ratorium ermöglicht jede moderne Heilbehandlung und Diagnose. Bis zum Kriege war die Behandlung völlig unentgeltlich, Angesichts der Wirtschaftskrise in den für die Spenden entscheidenden Ländern kann dieser Grundsatz bei der klinischen Behandlung nur noch in dringendsten Fällen beobachtet werden Neuerdings hat das Haus „freie Arztwahl" eingeführt und damit die Lage der einwandernden Aerzte wesentlich erleichtert, Dr. Wallach selbst hat damit seine Arbeitslast verdoppelt; denn er läßt sich auch über jeden fremden Fall berichten, um nachts oder beim Ausbleiben des behandelnden Arztes auch diese Patienten beireuen zu können. Um trotz des Klimas seine Patienten einwandfrei verpflegen zu können, hat Dr. Wallach schon vor längerer Zeit eigene Milchwirtschaft eingerichtet, die das Haus und auch andere Bewohner der Stadt mit Milch, Butter und Käse versorgt. Das zum Krankenhausareal gehörig© Freiland dient als Weide. Der sorgfältig behütete Baum- und Wiesenbestand vor dem Hause — eine Seltenheit in dieser Stadt, die jahrhundertelange Raubbau- und Mißwirtschaft ihres Naturschmuckes beraubt hat — gewährt Kühle und Erholung für Patienten und Personal. Die Anstalt versorgt sich selbst mit elektrischem Strom. Die kleine Haussynagoge vereinigt täglich und besonders an Sabbat und Feiertagen eine große Beterschar, seit Jahresfrist vor allem deutsche Juden, die hier eine kleine geistige Heimat finden, zumal noch heute Sprache, Geist und Einrichtungen des Hauses deutsch im besten, alten Sinne sind. Bis in die letzte Zeit hat dies die deutsche Auslandsvertretung anerkannt und Dr. Wallach als deutschen Kulturträger edelster Prägung geehrt. Daß in religionsgesetzlicher Beziehung das ganze Haus nicht nur einwandfrei geführt, sondern geradezu vorbildlich ist, bedarf keines Wortes. Mit peinlicher Sorgfalt wacht Dr. Wallach persönlich über diese Dinge. In jahrelanger Erziehungsarbeit hat Dr. Wallach einen Stab von Mitarbeitern jüdisch und fürsorgerisch herangebildet. Wer die Verhältnisse des Landes kennt, weiß, was das angesichts einer bunt zusammengesetzten, in ihren Teilen einander noch fremden Bevölkerung mit so weltenfernen und verschiedenen Kulturstufen bedeutet, und dem europäischen Krankenhausleiter selbstverständliche Voraussetzungen der Arbeit mußten hier erst mühsam geschaffen werden unter größten Schwierigkeiten und Anfeindungen. — Im letzten Jahre hat Dr. Wallach alle Kräfte eingesetzt zur Unterstützung jüdischer Einwanderer aus Deutschland und seinen Infektionspavillon für längere Zeit als unentgeltlichen, behaglichen Aufenthalt für junge deutsche Juden, vor allem Mitglieder der gesetzestreuen Jugend- und Studentenbünde, hergerichtet und damit freudig die Hilfe quittiert, die ihm jahrzehntelang das deutsche Judentum bei seiner Aufbauarbeit geleistet hat. Neue Arbeit ist jetzt zu leisten bei der wirtschaftlichen Fundierung der Anstalt in den Kräften des Landes selbst, nachdem die anderen Hilfsquellen versiegt sind. —'■ Wenn man fragt, wie diese Arbeit und dieser Erfolg zustandegekommen, so ist die Antwort: Unberufene Einflüsse fernhaltend, außenstehenden Helfern nicht mehr als den notwendigsten Einfluß einräumend, nur die Sache sehend und freudig Verantwortung übernehmend und weiter tragend, hat e i n Mann uneigennützig sein Leben und seine ganze Kraft für ein als richtig Erkanntes eingesetzt, und darum ist diese Arbeit eine gesegnete und der ideelle Erfolg der Arbeit entsprechend. Auf materielle Bequemlichkeit und öffentliche Erfolge hat dieser Mann, der sein Zimmer neben den Krankensälan hat, nie Wert gelegt, und doch ist sein Ansehen bei Juden, Christen und Moslemim, bei Unternehmern und Arbeitern, in Stadt und Land, bei Behörden und Kollegen sprichwörtlich, und seine Fürsprache hat noch nie ihren Zweck verfehlt, weil jeder weiß, daß Dr. Wallach sich nie für Fälle einsetzt, die des Einsatzes nicht würdig sind. Berücksichtigt man all dies, so erscheint es unmöglich, daß ein. Experte für medizinische Fragen dies übersehen sollte. Aber vielleicht erging es ihm ebenso, wie vor nicht langer Zeit anderen deutschjüdischen Studienreisenden und Experten: Er sah nur das, was zionistische Instanzen und ihre Mitarbeiter ^hm zu zeigen für richtig befanden. Denn nicht zu leugnen ist, daß Dr. Wallach und sein Spital ein Kristallisationspunkt vor- und nichtzionistischer Aufbaukräfte im Lande sind oder doch von zionistischer Seite als Gegenpol eigener Politik und Arbeit gemeinhin dargestellt werden. Hätte sich aber der Verfasser bei dem von ihm mit Recht gerühmten Herrn Dr. Treu informiert, der sich sein Urteil durch seine zionistische Parteistellung nicht trüben läßt, so wäre ihm alles Vorstehende erzählt oder bestätigt worden, und er hätte erfahren, daß Herr Dr. Treu selbst als Orthopäde und Spezialchirurg sowohl in der „Hadassah" wie im „Schaare-Zedek-Spital" tätig ist, und noch gestern bezechnete mir einer der hervorragendsten jüdischen Aerzte des Landes, seit Jahren hier ansässig, dieses Krankenhaus — im Lande stets nur „Wallach-Spital" genannt — als das bestgeleitete und besteingerichtete des Landes. Dies alles einmal auszusprechen, erscheint mir von hier aus als Forderung historischer Gerechtigkeit, dem Raum zu geben, scheint mir- Ehrenpflicht dieser Blätter für das orthodoxe Judentum. SprechsaaL Vorbereitung der Neschomoh für Erez Jisroel, Von einem Oleh. wen» ra 'p\bA 'fl «i» höa ,nti« tmii 'p\b* 'h \m •rrjBM nnmc 77i mvn <» Gerade dieser Posuk weist uns auf eine Hachscharah hin, an die wir bis jetzt noch wenig gedacht haben, oder vielmehr auf die wir noch nicht aufmerksam gemacht worden sind. Wenn wir uns fragen: waren sich alle orthodoxen Olim bewußt, wohin sie gehen? Waren sie sich bewußt, daß sie in ein Land gehen, von dem es heißt: na 'pi^K 'n T»n? So müssen wir die Frage verneinen. Ich gebe zu, einige waren sich klar, welch vielseitigen Ansprüchen sie gerecht werden müssen, wenn sie in das Erez Hakdoschah kommen. Nur eine von den vielen Antworten, die man bekommt, wenn man sich nach der Vorbereitung für Erez Israel erkundigt. „Erstens war ich ein und einhalb Jahr auf einer landwirtschaftlichen Hachscharah und zweitens habe ich sogar ein halbes Jahr eine Jeschiwah besucht." Auf das Letztere möchte ich etwas näher eingehen, obwohl dies nicht der Hauptteil des Themas ist. <• Jeschiwah. Leider finden wir sehr häufig, daß die Aguda Leute nach Erez Israel schickt, die zum Teil nicht oder nur ein halbes Jahr auf eine Jeschiwah gewesen sind. Bestimmungsgemäß sollten nur d i e Leute Zertifikate bekommen, die ein Jahr Thora gelernt haben. Lassen sich die Zustände mit unserem Gewissen vereinigen? Was ist es denn, was wir Agudisten den Zionisten voraushaben wollen und müssen? Unser Thorawissen. Ja, das wenige Wissen, welches wir von zu Hause mitbringen, reicht nicht aus, um „das Erez-Hakoscha" als „ein . Land für die Juden" (Nationalheim) aufzubauen. Gewiß, wir freuen uns, wenn wir ohne besondere Thorakenntnisse doch Zertifikate bekommen. Wessen Schaden ist es? Nicht nur der Orthodoxie in Erez Israel, sondern auch unser eigener. Mindestens muß jeder, der genügend Verantwortungsgefühl dem gegenüber besitzt, in Erez Israel noch eine Zeitlang Thora lernen. Denn Thora geht vor Landwirtschaft. Es gibt aber noch eine Vorbereitung für Erez Israel, außer Jeschiwoh und Landwirtschaft. Man kann außer einer körperlichen und geistigen Hachscharah auch eine seelische Hachscharah durchmachen. Und hier erinnere ich an den zuerst genannten Posuk. 'n 1tPK f)K- Diese Vorbereitung, man kann fast sagen diese dritte Hachscharah, ist die Vorbereitung unserer Neschomoh, unserer Jüdischkeit für Erez Israel. Jedoch ist diese Vorbereitung des jüdischen Menschen keine Quantitäts-; sondern eine Qualitätssache. Sie wird weder von der Zeit noch von dem Ort bestimmt, sondern einzig und allein von dem Thoragehalt, von dem Pflichtbewußtsein des orthodoxen Menschen. Es lassen sich hier im allgemeinen keine Theorien aufstellen. Die folgende Tatsache jedoch dürfte keine Ausnahme finden: „Jeder Jude hat in der Golah eine mehr oder weniger starke Assimilation durchgemacht, und verpflanzt diese durch sein Oleh-sein in das Erez Hakdoschah." Zwar ist dort schon von anderer Seite ausreichend für Assimilation gesorgt worden. Doch ist ein Schiff leck, so gießen wir nicht mehr Wasser hinzu, sondern versuchen das bereits eingedrungene Wasser herauszupumpen. Nicht, daß es im jetzigen Moment Sinn hätte, sich mit dem Gedanken abzuquälen: wir sind nicht die geeigneten Menschen,, wir sind nicht würdig, nach Erez Israel zu gehen. Nein, absolut nicht. Denn gewiß sind es die Zionisten oder sonstige Reformjuden noch viel weniger. Aber-jeder von uns muß sich prüfen, versuchen, schlechte Angewohnheiten in Bezug auf Jüdischkeit abzulegen und sich vornehmen, in Erez Israel mehr tnp"n auf unsere Mizwoth zu sein, auch auf die, welche man hier, vielleicht wegen zu großer Assimilation, nicht ausüben will, oder kann. Um nochmals auf die Jeschiwa zurückzukommen. Es ist an sich schon traurig, wenn orthodoxe junge Menschen gezwungen (durch Satzungen usw.) werden müssen, Thora zu lernen. Doch nnw? m nryob mbmi> Und gerade deshalb ist das Jeschiwalernen die Vorstufe für die seelische Vorbereitung. Oder anders ausgedrückt, diese sogenannte dritte Hachscharah muß eine. Folge des Thoralernens sein. Nur dann bat das Jeschiwalernen für den Oleh seinen Zweck in jeder Hinsicht erfüllt, wenn er dann , von selbst mit einer Vorbereitung seiner Neschomoh für Erez Israel beginnt. G. T.