Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1934)
- Date
- 1934-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9. Mai 1934 Der Israelit Nr. 19 Seite 3 Frieden bedeutet nii (Fortsetzung von Seite 1.) Vor 15 Jahren tauchte die Frage der Gern e i n d e o rganisationen in Erez Jisroel auf. Die Agudas Jisroel schickte sich sofort an, aktiven Anteil an der Lösung der Frage zu nehmen, und zwar im Bestreben, Frieden und Einigkeit zu wahren. Sie wünschte, daß die Gemeinde auf solche Grundlagen gestellt werde, daß sie auch dem gläubigen Juden eine geistige Heimat bieten könnte. Die Aguda dachte gar nicht daran, einen Zwang auf die Gegenseite auszuüben, daß sie sich samt und sonders zum religiösen Judentum bekenne, aber sie wollte einen Rahmen für die Gemeinde schaffen, der weit genug wäre, auch den thoratreuen Juden aufzunehmen. Sie war von dem Wunsche geleitet, Frieden und Einigkeit zu wahren. Da kamen aber die Freigesinnten und nötigten ihr den Kampf auf, sie wollten justament eine Gemeinde haben, in der die religiösen Juden, wenn sie ihr angehörten, sich in permanentem Kampf befinden müßten. So oft man von unserer Seite an sie die Frage stellte, warum sie mit unjüdischen Maßnahmen die Religion und ihre Anhänger verletzten, bekam man die stereotype Antwort: „Tretet ein und kämpfet für eure Sache, vielleicht werdet ihr dann siegen." Mit einem Worte, die Kehilla sollte zum ewigen Schlachtfelde zwischen den Religiösen und Religionslosen sein. Aber damit nicht genug. Durch die radikalen Forderungen des Frauenwahlrechtes und anderes mehr nahm man der Orthodoxie die Möglichkeit zum Frieden und zur Einigkeit. Denn man ließ es ruhig darauf ankommen, daß die orthodoxen Elemente austraten, man ließ sie ruhig gehen, statt ihnen nur die kleinste Konzession, die sie im Namen der Thora verlangten, zu machen. Einzig gestützt auf die Autorität des Staatsgesetzes, vollzog man leichten Herzens den Schnitt und teilte die palästinensische Judenheit in zwei Lager. Die Agudas Jisroel nahm das Los der Trennung, da es ihr einmal aufgezwungen wurde, auf sich, aber es muß betont werden, daß sie gerade mittels des Auseinandergehens den Frieden gewahrt hat. Gab es keine gemeinsame Plattform mehr, so war auch keine Fläche mehr für Reibungen und Kämpfe. Gab es noch Verdächtigungen und Anfeindungen, so kamen sie stets von der linken Seite gegen die Orthodoxie. Die in der Agudas Jisroel organisierte Orthodoxie blieb aber nach wie vor auf der Linie des Friedens, auch nachdem ihr die Möglichkeit zur Einheit und Einigung genommen war. Sie ließ sich von dieser Linie durch mancherlei Versuche, ihre primitiven Rechte immer mehr zu schmälern,, nicht abdrängen. Und nun die Vorgänge der letzten Tage. Die Regierung zeigte Verständnis für die geistige Not der orthodoxen Judenheit, der es verwehrt blieb, ihr Gemeindeleben zu entfalten, aber die Regierung blieb auf halbem Wege, sie wollte die Einheit des Judentums nach außen partout aufrechterhalten. In dieser Absicht arbeitete sie einen Vermittlungsvorschlag in dem Sinne aus, daß die Agudas Jisroel ihr Recht bezüglich der Anerkennung ihres Rabbinates erhalte, daß aber diese Anerkennung aus der gleichen Quelle komme, aus der das nationale Judentum ihre Rechte schöpft. Die Agudas Jisroel, allezeit bereit, den Frieden zu wahren, solange es nicht um den Kostenpreis der Thora geht, schlug zunächst in die Friedenshand ein und erklärte sich bereit, Verhandlungen zu führen und das Projekt zu prüfen. Was macht nun die nationale Presse und was machen andere Agitatoren von rechts und links? Sie verbinden die Begriffe „Frieden" und „Einigung" und richten ihre Angriffe von zwei verschiedenen Punkten aus. Von der linken Seite wird der A. J. vorgeworfen, daß sie zur gleichen Zeit, da sie Verhandlungen mit dem Waad leumi führe, auch für den Austritt aus dem Waad leumi und für die Bildung einer eigenen orthodoxen Gemeinde in T <e 1 A w i w agitiere. Zugleich wird ihr von rechts vorgehalten, daß sie sich nun mit den Freigesinnten zu verbinden suche. Man darf nicht im Willen zum Frieden gleich einen Vereinigungsversuch erblicken. Würde man wenigstens auf der linken Seite sagen: „Wir wollen die Einheit und da wir euch nicht zumuten können, in eine Gemeinde mit Frauenwahlrecht einzutreten, so schaffen wir eben das Frauenwahlrecht . ab und erkennen zumindest im Prinzipe die Autorität der Thora an," dann ließen wir gewiß mit uns reden; es wäre dann für. uns immer noch die entscheidungsschwere Frage, ob es sich lohne, in eine Organisation einzutreten, wo ewiger Kampf unserer harre, aber die Anderen hätten wenigstens das Recht, von der Einheit zu sprechen. Wenn aber drüben «alles bleibt wie es war, kein Finger bewegt wird, um die Uebel abzustellen und die Wünsche, nicht allein der Aguda, sondern auch des Misrachi, zu erfüllen, und dabei dort immer noch von Einheit und Einigung gesprochen wird, und davon, daß wir mit dem Austritt aus Waad leumi die Einheit stören, so ist das schlechthin unverständlich. Die Situation ist vollkommen klar, auch für den Waad leumi und nicht zuletzt für die Regie- Wochenrundschau, Ein liberaler Übergriff. Durch eine Vorankündigung in den Berichten der „Jüdischen Telegraphen-Agentur" unterstrichen, haben die führenden Herren der „Vereinigung für das religiös-liberale Judentum" in ihrem Vereinsorgan letzte Woche einen Vorstoß gegen die orthodoxen Rabbiner Deutschlands in der Schächtfrage unternommen, der im Namen der Wahrhaftigkeit sowohl wie in demjenigen der jüdischen Religion aufs schärfste zurückgewiesen werden muß. Schon die Ueberschrift des einen der beiden Aufsätze: „Zum Leben und.nicht - zum Tode", der die bekannte religiöse Vorschrift Bm DW K^l nnn TP paraphrasieren soll, ist ein Verstoß gegen die Wahrhaftigkeit. Daß die Einschränkung des Fleischgenusses, wie sie das Schächtverbot mit sich bringt, normaler Weise eine unmittelbare Lebensgefahr für die deutschen Juden bedeutet, ist — wie jeder Arzt und Hygieniker bezeugen wird — einfach nicht wahr, insbesondere nicht, solange die Fleisch-Einfuhr im bisherigen Umfange möglich ist. Also bedeutet es eine unzulässige Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn man versucht, durch ein derartiges Schlagwort zunächst einmal Stimmung gegen die orthodoxen Rabbiner zu machen und sie außerdem auf diesem Wege unter Druck zu setzen, um ihnen Entscheidungen abzupressen, gegen die sich ihr religiöses Gewissen aufbäumt. Wir halten es aber grundsätzlich für einen sittlich nicht zu rechtfertigenden Uebergriff, daß führende Männer des ausgesprochen nicht orthodoxen Judentums sich in eine Angelegenheit einmengen, die nur vom Standpunkte rung: Solange Erez Jisroel keine Einheitsgemeinde hat, in der allein die Thora souverän herrscht und ihre Vertreter das entscheidende Wort in allen Fragen haben, wird Agudas Jisroel, aus dem Zwange des Gewissens heraus, für den Austritt aus dem Waad leumi agitieren und, im eigenen Lebensinteresse', für die Bildung eigener orthodoxer Gemeinden in allen Städten Palästinas mit aller Kraft eintreten, um auf diese Weise das wiederzubekommen, was uns die Freigesinnten mit Gewalt genommen haben. Die Agudas Jisroel wird nicht müde werden, bei der Regierung und der gesamten zivilisierten Welt offizielle Anerkennung für ihre Gemeinden zu verlangen. Die A. J. wird diese Bemühungen auch dann fortsetzen, wenn in Sachen des Oberrabbinates ein Abkommen zustande kommen sollte. Auch während der Verhandlungen läßt sie dieses Ziel nicht aus dem Auge und sie wird auch nach Abschluß der Verhandlungen nicht aufhören, den Austritt zu fördern und die Organisierung eigener Gemeinden in die Wege zu leiten. Allein, auch was' das Abkommen selbst betrifft, wird Agudas Jisroel nicht um ein Jota von ihren elementaren Forderungen abgehen. Sie wird ein Abkommen nur dann schließen, wenn sie die volle Gewähr hat für die absolute Handlungsfreiheit ihres Rabbinates und für die restlose Unabhängigkeit ihrer Gemeinden vom Waad leumi. Dieses zur Klarstellung gegenüber allen Mißverständnissen und Mißdeutungen auf der rechten wie linken Seite. überzeugter Gläubigkeit gerecht beurteilt werden kann. Wer mit dem Liberalismus in den Speisegesetzen Menschenwerk, in den Vorschriften über die Schechita mehr oder minder wandlungsfähige altorientalische Traditionen erblickt und nicht das Wort des ewiglebendigen G't t e s, an dessen getreulicher Erfüllung jeder Atemzug unsres Daseins hängt — der hat es leicht, sich ohne elektrische Betäubung unter jeder guten oder schlechten Ausrede billiges „rituelles" Fleisch vorsetzen zu lassen, weil vielleicht eine im Haushalt noch lebende alte Großmutter dieser rituellen Spitzmarke zu ihrer Gewissensberuhigung bedarf. Aber diese liberale Einstellung zur Schächtfrage nun — ob man es ausspricht oder nicht — zum Aüsgangspunkt von aufreizenden Proklamationen zu machen, die den orthodoxen Rabbinern das Leben erschweren sollen, finden wir unerhört. Schweigen wäre edler und taktvoller gewesen. Die Orthodoxie jedenfalls lehnt es ab, sich von den Herren Dr. Stern und Dr. Dienemann belehren zu lassen. Vorerst kann nur wissenschaftlicher Leichtsinn behaupten, die elektrische Betäubung sei technisch genügend entwickelt, um in der Hand der täglichen Schlachthof-Praxis die Integrität des tierischen Organismus- bis" zum Schächtschnitt als verbürgt erscheinen zu lassen, selbst wenn, was noch nicht einmal der Fall scheint, hie und da ein paar Versuche — gewissermaßen unter Laboratoriums-Bedingungen — ein ausreichendes Ergebnis gezeitigt haben sollten. Das gesetzestreue Publikum erwartet aber vonseinen Rabbinen nicht Leichtsinn, sondern Festigkeit, Ehrlichkeit und äußerste Gewissenhaftigkeit, denn es geht gerade in dieser schicksalsschweren Zeit um das Höchste und Letzte: um die Treue des jüdischen Volkes zu seinem G ' 11 e. „Jede Mizwa, für die die jüdische Nation ihr Leben hingegeben hat, wird ihr zum ewigen Besitz."